Mission in der Orthodoxen Kirche – Mythen und Realität
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Mission in der Orthodoxen Kirche – Mythen und Realität
Die orthodoxe Mission ist einzig und allein die Liturgie
vs.
Prediget das Evangelium der ganzen Schöpfung
Die erste Behauptung (Zitat aus einem Internetforum) habe ich schon oft gehört – nicht nur in Deutschland, in Russland gibt es auch genug Gemeindevorsteher, die eine solche Position beziehen. Natürlich, der Mensch ist ein gemütliches Wesen. Ich komme am Sonntag in die Kirche, zelebriere die Göttliche Liturgie. Nach maximal vier Stunden ist die Arbeit getan und mehr muss ich auch nicht tun, denn Gott ist ja allmächtig. Wenn er möchte, führt er die Menschen in den Gottesdienst. Und wenn die Zeit reif ist, führt er sogar sehr viele Menschen in die Kirche, ganz Deutschland ist dann Orthodox, weil Gott es gemanagt hat. Wir müssen jedoch warten, bis die Zeit reif ist, bis Gott es will. Dann wird es mit Sicherheit passieren. Jedoch stellen sich an dieser Stelle einige Fragen: worauf wartet Gott immer noch? Waren 2000 Jahre für ihn nicht genug, um die Menschheit Orthodox zu machen? Oder wird er saumselig sein?
Vor einigen Jahren hat mich eine Überlegung aus dem Buch „Auferstehung“ von Metropolit Michael (Staikos) besonders beeindruck. Es ging um die Erzählung von Zachäus.
„Und siehe, da war ein Mann, mit Namen Zachäus, und selbiger war ein Oberzöllner, und er war reich. Und er suchte Jesum zu sehen, wer er wäre; und er vermochte es nicht vor der Volksmenge, denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, auf dass er ihn sähe; denn er sollte daselbst durchkommen. Und als er an den Ort kam, sah Jesus auf und erblickte ihn und sprach zu ihm: Zachäus, steige eilends hernieder, denn heute muss ich in deinem Hause bleiben.“ (Lk 19, 2-5)
Der Metropolit schreibt dazu:
Obwohl er ein angesehener Bürger war—ein zufriedener Mensch dürfte er nicht gewesen sein. Denn er rannte hin zu Jesus, von dem er etwas erhoffte und erwartete. Klein war er auch, trotzdem war ihm gleichgültig, was die Leute dachten - ein „Steuerboss", der auf einen Baum klettert, ist wohl mehr als nur verwunderlich. Zachäus aber war das völlig egal, eine innere Stimme rief ihn, er wollte sehen. Doch die Menschenmenge versperrte dem kleinen Mann die Sicht. …
In Jericho beginnt das öffentliche Auftreten und Wirken Jesu Christi. Es beginnt nicht irgendwie, es beginnt mit einer Leitlinie - er zeigt erst einmal, wie jene Kirche agieren soll, die er nach seinem Leiden und Sterben durch den Geist des Auferstandenen zu seinem Tempel machen wird. Jesus selbst ergreift die Initiative, eine Initiative, die immer schon den Dialog einschließt. Er selbst wird aktiv. Blicke kreuzen sich, Jesus ruft den Zöllner, nicht umgekehrt. …
Der nächste Schritt seiner Initiative: Ich komme zu dir…
Eine Begegnung der Gnade und der Freude. Sie ist deshalb Vorbild für die Kirche, weil diese Begegnung zeigt, wie die Kirche sich jenen gegenüber zu verhalten hat, die am Baum sitzen und die Kirche sehen, aber von der Kirche nicht gesehen werden. …
„Ich muss ..." zu dir kommen, sagt er, und zwar heute. Er sagt nicht „ich komme" oder „ich sehe dich dann später, irgendwann". Das bedeutet zweierlei. Erstens die Geste des Hingehens und zweitens den Faktor Dringlichkeit. „Ich muss", heute.
Metropolit Meliton meint, dass die Empörung jener Menschen in Jericho auch in unserer Zeit zu beobachten ist, wenn die Kirche einen sehnsüchtig wartenden Zachäus endlich sieht und den Dialog mit ihm aufnimmt. Denn fast jeder ״Zachäus unserer Tage" ist eine irgendwie belastete Person, die einen Ausweg sucht, eine Last ablegen will, eine Lösung braucht. Heute, nicht irgendwann - jeder Tag verschärft den ungelösten Zustand, mit jedem Tag wird die Last schwerer. Jesus weiß das. Er besucht ihn auch sofort, er verschiebt seinen Besuch nicht, Zachäus bekommt seinen „Termin" nicht in fünf Wochen - und das alles, obwohl der Zöllner nicht einmal gebeten hat, mit Jesus reden, geschweige denn, ihn empfangen zu dürfen. …
Einer der schönsten und deutlichsten Belege für diesen Kirchenauftrag ist die Begegnung Christi mit Zachäus. Hier finden wir den Dialog auf Initiative Gottes in einer knapp geschilderten Begebenheit: Der Zöllner will sehen. Und Christus nimmt wahr, nennt seinen Namen, geht hin zu ihm. „Dafür hat Christus seine Kirche gestiftet, inmitten der Menschheit, um durch die Kirche zu Zachäus zu gehen und bei ihm zu bleiben. Wir haben dies aber missverstanden. Wir haben geglaubt, dass wir als Kirche existieren, damit Zachäus zu uns kommt. Daher warten wir mit allen Mitteln auf Zachäus und, wenn er zur Kirche kommt, dann kann passieren, dass er ignoriert wird. Aber es kann auch vorkommen, dass, wenn die Kirche zu Zachäus hingeht, wir uns empören - wie damals die Bewohner von Jericho“, stellt Metropolit Meliton fest.[1]
Ja, tatsächlich, Gott macht den ersten Schritt. Er feierte keinen Gottesdienst, er hatte zu dem Zeitpunkt keine Besuchszeit. Er sieht einen Menschen, der ihn ansieht und geht auf ihn zu.
Christus ist in der gesamten Zeit seiner Verkündigung unterwegs, um den Menschen das Reich Gottes näher zu bringen. Nach ihm tun dies die Apostel, sie folgen seinem Auftrag: „Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in die ganze Welt und prediget das Evangelium der ganzen Schöpfung“ (Mk 16, 15). Interessant, wie unsere Kirche heute aussehen würde, wenn die Apostel sich in den nächstliegenden Städten niedergelassen und dort Gottesdienste mit einer 20-Minuten Predigt gefeiert hätten.
Oft distanzieren wir uns von der Handlungsweise bestimmter Sekten, die auf den Straßen ihre Bootschaft verkündigen, die von Haus zu Haus gehen. „Das ist nicht die orthodoxe Weise“ – habe ich nur zu oft gehört. Für mich bleibt es aber fraglich, ob das wirklich so unorthodox ist. Was mich aber noch mehr wundert ist, dass sogar das Bekennen zum orthodoxen Christentum oft nicht mehr als „orthodox“ gilt. Ein Vorfall aus meiner Jugend hat sich bei mir besonders eingeprägt. Ich fuhr mit einem Freund im Bus zur Kirche, als ein Bekannter von ihm uns begrüßte. „Wohin seid ihr unterwegs?“ fragte dieser. „In unser Gartenhäuschen“ kam prompt als Antwort von meinem Freund. Und leider ist das eine Einstellung zum Bekenntnis zur Kirche, die nicht nur Jugendliche haben. Auch meine Oma hat mir immer wieder gesagt: Das Kirchliche muss du immer bei dir behalten, nach außen darf nicht sichtbar werden, dass du zur Kirche gehst. Es ist deine Privatangelegenheit.
Die Liturgie hat eine zentrale Stellung in der Orthodoxen Kirche. Die Kirche existiert, um den Menschen mit Gott zu verbinden. Und diese Verbindung erlangt ein Mensch durch das Gebet, und in erster Linie in der Göttlichen Liturgie durch die Kommunion. Ohne das kirchliche Gebet und die Eucharistie kann es keine Orthodoxe Kirche geben. Selbstverständlich erfüllt der Gottesdienst auch einen missionarischen Zweck. Der Mensch lernt durch diesen einen wesentlichen Bestandteil der Orthodoxie kennen, was ihm verdeutlich, warum er ein orthodoxer Christ werden sollte.
Niemand von den Menschen, die eine Zeit lang unter den griechischen Christen gelebt hatten, konnte der gewaltigen Wirkungskraft entfliehn, die auf die menschliche Frömmigkeit durch den sich wiederholenden Zyklus des kirchlichen Gottesdienstes einwirkte. Niemand von denen, die mit der Griechischen Kirche die Große Fastenzeit verbracht haben, die mit dem ganzen Volk vierzig Tage lang sich in der Tugend des Fastens geübt haben; die viele Stunden unter dem Volk standen und sich als einen Tropfen in einem unüberschaubaren Meer von Menschen fühlten, welche die kleinen byzantinischen Kirchen überfüllten und sogar draußen standen, und währenddessen wurden bekannte Bilder der göttlichen Heilsordnung wieder und abermals in Psalmen und Prophezeiungen, in Lesungen des Evangeliums und in der unübertroffenen Poesie der Kanons dargestellt; wer die Trauer des Karfreitags kennenlernte, wenn jede Glocke in Griechenland erbittert weint und der Körper des Erretters überdeckt von Blumen in den im gesamten Land zerstreuten Dorfkirchen daliegt; wer bei der Entflammung des neuen Feuers war[2] und die Freude der weltweiten Erlösung von der Sünde und dem Tod kostete, - jeder von den Menschen, die das erlebt haben, hat verstanden, dass für einen orthodoxen Christen das Evangelium untrennbar ist von der Liturgie. Nicht nur bei den Griechen, sondern in der gesamten orthodoxen Welt bleibt die Liturgie das Herz des christlichen Lebens.[3]
Diese Gefühle beschreibt Elisabeth Haselauer in ihrem Vorwort zum bereits erwähnten Buch von Metropolit Michael (Staikos):
Metropolit Michael hat mich zum Karfreitagsgottesdienst eingeladen. Das danke ich ihm bis heute, weil man selbst die brennenden Fußsohlen - man steht runde vier Stunden lang - nicht spürt. Das Geschehen ist noch viel brennender, es erfasst einen ganz und gar, vom Scheitel bis zu den Fußsohlen. Ich habe die Auferstehung noch nie so unmittelbar erlebt, obwohl ich, abgesehen von ein paar Fachausdrücken, kein Wort griechisch kann. Denn die Auferstehung beginnt am Karfreitag...[4]
Doch können wir uns deshalb zurücklehnen und das Geschehen der Missionierung durch unseren Gottesdienst genießen? Sogar die Liturgie der Katechumenen (nicht die Liturgie der Gläubigen – dieser dürfen nur getaufte Christen beiwohnen) dient der Katechese. Die Psalmen, die von der Liebe und Gnade Gottes berichten, die Troparien aus dem Wochen- und Jahreszyklus, die Epistel- und Evangeliumlesung und die anschließende Predigt sollen dem Katechumenen den Glauben näherbringen.
Aber an dieser Stelle lohnt es sich, genauer auf den Namen zu schauen. Die Katechumenen, für die der erste Teil des Liturigieritus vorgesehen war, mussten nicht mehr missioniert werden, denn sie waren bereits in der Kirche. Damit der Gottesdienst aber auch missionarisch wirkt, müssen einige Faktoren stimmen.
Der Erste – der Mensch muss in den orthodoxen Gottesdienst kommen. Es muss etwas geben, warum er die Kirche während des Gottesdienstes betritt. Ein Bekannter von mir erzählte, er sei auf einer Exkursion in Polen gewesen. Dort ging er in eine orthodoxe Kirche, verspürte eine unglaubliche Anziehung zum Altar hin und verstand, dass er gefunden hatte, wonach er sein ganzes Leben lang suchte. Eine wundersame Bekehrung wie die von Saulus. Doch bleibt ein solcher direkter und wundersamer Weg nur wenigen vorbehalten – wie in den Erzählung der Heiligen Schrift, so auch heute.
In der Regel kommt es kaum vor, dass ein Mensch von selbst, aus Neugier, ohne zu wissen, was die Orthodoxe Kirche ist, in einen Gottesdienst kommt. In den äußerst seltenen Fällen, in denen das doch passierte, ist das Szenario immer dasselbe: der Mensch kommt herein, guckt sich etwas ängstlich um, drei – vier Minuten vergehen und er geht für immer hinaus. Man hat sofort gemerkt, dass er sich fehl am Platz vorkam. Ebenso selten passiert es, dass ein Kirchengänger jemanden zum Gottesdienst mitnimmt. Und wenn, dann ebenfalls mit dem gleichen Ergebnis. Nach dem die Führung abgeschlossen ist, weiß der Mitgenommene zwar, wie sein Freund oder Bekannter die Sonntage verbringt, schließt sich jedoch kaum an.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Der Apostel schreibt: „Wie werden sie nun den anrufen, an welchen sie nicht geglaubt haben? Wie aber werden sie an den glauben, von welchem sie nicht gehört haben? Wie aber werden sie hören ohne einen Prediger?“ (Röm 10, 14) Oft versteht ein Besucher nicht, worum es geht, selbst wenn der Gottesdienst in deutscher Sprache stattfindet. Er mag die alltagsgebräuchlichen Wörter verstanden haben, aber es fehlt ihm, wie den meisten Menschen unserer Zeit, an Verständnis der grundlegendsten kirchlichen Begriffe und Werte. Was ist diese Gnade Gottes, die ewig währet? Warum sind Demut und Gehorsam gut? Wozu brauche ich überhaupt Gott, wenn ich alles selbst erreichen kann? Ich bin krank, aber an Wunder glaubt doch niemand mehr. Ich muss ins Krankenhaus, und nicht in die Kirche! Und warum sollte ich an das Leben nach dem Tod denken, wenn ich heute Spaß haben kann? Und, um auf die Begriffe zurückzukommen, was bedeutet segnen, heilig sein, von irgendwelchem Verderben erlösen, Verherrlichung emporsenden? Und wie funktioniert das mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist überhaupt? Das sind alles Fragen, auf die ein normaler (!) Mensch unserer Zeit keine Antwort weiß und vielleicht sogar nicht wissen will.
Der Zweite Faktor ist also das Verstehen. Es reicht nicht, den Menschen in den Gottesdienst zu zerren und hören zu lassen. Der traditionelle orthodoxe Kirchengesang, die kirchliche Architektur und die vergoldeten Gewänder sind zwar beindruckend und haben auch einen hohen ästhetischen Wert, jedoch sind sie im besten Fall eine Hilfe für den Menschen, und nicht der Grund, in der Kirche zu bleiben. Wie reagiere ich nämlich auf das ganze Ambiente, wenn ich schwarze Klamotten trage und Heavy Metal höre?
Damit jemand durch den Gottesdienst missioniert werden kann, muss ich ihm diesen Gottesdienst zuerst erklären. Und dabei beim Wort „Gott“ anfangen und beim „Amen“ aufhören. Und ich kann mich nicht auf Gott und seine Allmächtigkeit berufen, dass er das Herz und den Verstand des Menschen auf wundersame Weise erleuchtet. Denn Gott hat mir in erster Linie geboten, das Evangelium der ganzen Schöpfung zu predigen (Mk 16, 15), und nicht diese in den Gottesdienst zu rufen.
… und wenn Gott will, kommen die Menschen
vs.
… und nötige sie hereinzukommen
Und wieder eine Stelle im Evangelium, an die unser Verständnis von „christlicher Freiheit“ anstößt: das Gleichnis von dem Abendmal.
Ein gewisser Mensch machte ein großes Abendmahl und lud viele. Und er sandte seinen Knecht zur Stunde des Abendmahls, um den Geladenen zu sagen: Kommet, denn schon ist alles bereit. Und sie fingen alle ohne Ausnahme an, sich zu entschuldigen. … Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knechte: Geh eilends hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt, und bringe hier herein die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, wie du befohlen hast, und es ist noch Raum. Und der Herr sprach zu dem Knechte: Geh hinaus auf die Wege und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf dass mein Haus voll werde. (Lk 14, 16-23)
Die Menschen sollen also nicht eingeladen werden, nicht höflich gebeten, sondern genötigt, zum Herren zu kommen!
Dürfen wir orthodoxe Christen eigentlich über die schlechten Dinge sprechen, in der Kirche passieren und passiert sind? Oft lautet die Antwort nein. Man möchte nur über das Gute sprechen, und alles, was nicht zum orthodoxen Frömmigkeitsideal passt, mit Schweigen überdecken. Doch führt eine solche Taktik, so verlockend diese auch sein mag, nicht zum Erfolg. Die Menschen fühlen eine Diskrepanz zwischen der Behauptung, dass in der Kirche alles stimmt und immer gestimmt hat, und der Sünde, die jedem orthodoxen Christen eigen ist. Wie kann diese Kirche perfekt sein, wenn orthodoxe Christen miteinander streiten, sich übermäßig um das materielle Wohl sorgen und – schlicht und einfach – sogar unfreundlich sein können? Wie kann eine Kirche, die aus sündigen Mitgliedern besteht, immer alles richtig machen? Und dann gibt es noch die Geschichte. Wir können diese mit Schweigen überdecken, doch schaden wir damit nur uns selbst.
Erzdiakon Andrej Kurajew spricht über seinen Werdegang:
Es ist nämlich so, dass ich durch mein Studium auf der Fakultät für Atheismus[5] allen Dreck kannte, den man über die Geschichte der Kirche und das kirchliche Leben wissen kann. Wenn ich daraufhin angefangen hätte, kirchliche Bücher zu lesen, in denen steht, dass es bei uns einzig und alleine Heiligkeit gibt, keinerlei Sünden und Krankheiten, hätte ich gesagt: „Diese Menschen wollen keine Wahrheit über sich selbst kennen, über ihre Geschichte, über ihren Alltag, sie wollen nicht darüber nachdenken. Das ist kein Christentum, weil es für Christen natürlich ist zu bereuen.“[6]
Damit wir keinen Menschen von der Kirche abstoßen, müssen wir die Wahrheit über uns wissen und diese zugeben! Denn, wie es erst vor kurzem die Katholische Kirche in Deutschland erlebt hat, wenn wir es nicht von vornherein selbst tun, machen es für uns die zeitgenössischen Medien. Schon heute wird die Kirche in Russland, Griechenland und anderen orthodoxen Ländern massiver Kritik ausgesetzt. Und auch wenn wir wissen, dass diese meistens übertrieben ist und nicht die ganze Wahrheit darstellt, ist es nicht der richtige Weg, über die Realität und die Geschichte zu schweigen.
Ja, es gab Christen, die gefallen sind. Das müssen wir als allererstes uns selbst eingestehen – nur weil wir orthodox sind, sind wir weder heilig noch unfehlbar. „Wir bewahren nicht die Gebote des Evangeliums“, schreibt M. Barsow bei seiner Auslegung des zitierten Gleichnisses, „doch beziehen wir die Verheißungen des Evangeliums ohne zu zögern auf uns, weil wir fälschlicherweise auf den Namen ‚Christen‘ hoffen.“[7] Die Vergöttlichung ist ein weit entferntes Ziel, das wir unser ganzes Leben lang anstreben werden. Ob Kleriker oder Laie, Bischof oder Priester, in ihrem Leben sündigen die Menschen. Und wenn diese Menschen einen Bezug zur Kirche haben, fällt auf diese ein negatives Licht. Aber an dem Punkt tun wir das, was Erzdiakon Andrej für so essenziell christlich hält – wir bereuen! Wir bereuen sowohl unsere Fehler, wie auch die Fehler unserer Brüder und Schwestern in Christo. Und dadurch kommen sowohl wir einen Schritt näher zu unserem göttlichen Ziel, wie auch die anderen Menschen, die in uns ein lebendiges christliches Ideal erkennen. Und erst ab dem Zeitpunkt bin ich kein Frömmler mehr, jetzt kann ich von all den Heiligen und kostbaren Schätzen unserer Religion erzählen, die sie zu der Wahrheit machen. Denn ich habe Akzente gesetzt: weder bin ich Heilig, noch sind die anderen böse. Vielmehr lade ich mein Gegenüber ein, den Weg der Reue mit mir zu gehen.
Jedoch gibt es beim Thema Fehler in der Kirche auch eine andere Versuchung. Oft sind es grade die Fehler der Kirche, Dinge, die schief laufen, die uns von dem Gottesdienstbesuch und vom Vertrauen zu einem Priester abhalten. Doch meistens ist das lediglich eine Rechtfertigung. Wir kommen in die Kirche, um dort Gott zu treffen. Auch, wenn in der Kirche etwas schief läuft, sollte es uns vom Gottesdienst, von der Beichte und vom Empfang der Kommunion nicht abhalten. In der Kirche sind nicht die Heiligen versammelt: „Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten“. Und bis ein Mensch die Umkehr vollendet hat, kann es eine Zeit lang dauern.
Was nicht weniger wichtig ist, ist die Quelle, aus der man seine Informationen bezieht. Bekannter Weiße wird die Kirche in den Medien größten Teils negativ dargestellt, und es kursieren teilweise absurde Gerüchte. Kürzlich wurde ich ernsthaft gefragt, ob es war sei, dass auf dem Ambo der Christus-Erlöser Kathedrale in Moskau Bomben geweiht werden. Heute ist es sehr wichtig, solche Gerüchte und Lügen mit Fakten zu widerlegen.
Was die Mission in der Orthodoxen Kirche angeht, wurde der Aufruf „und nötige sie hereinzukommen“ des öfteren nicht richtig umgesetzt. Selbstverständlich geht es hier nicht um eine körperliche oder soziale Nötigung. Nach der 27. Apostolischen Regel[8] wird einem Priester, der jemanden geschlagen hat, seine Weihe entzogen, „denn nicht das hat uns der Herr beigebracht.“[9]
Auch die soziale Nötigung ist kein christlicher Weg. Das zeigt uns unser Herr selbst, in dem er bekannterweise nicht als König geboren wird und auch nicht als politischer Agitator stirbt.
Und obwohl die Väter der Kirche es nicht gutgeheißen haben, sind beide Wege in der Kirchengeschichte zu finden. Ein Beispiel ist die Taufe Russlands durch den heiligen Wladimir. Er sagte: Wer sich nicht im Dnepr taufen lässt, ist dem Fürsten kein Freund. In der Realität bedeutete das für die Bekenner des Heidentums ein Leben in den ukrainischen Wäldern. Die Missionare in den anderen Städten wurden ebenfalls immer von fürstlichen Truppen begleitet. Es ist ein Volkssprichwort erhalten geblieben: „Putjata taufte sie mit dem Schwert, und Dobrynja mit dem Feuer.“[10] Auch im Byzantinischen Reich gab es Verfolgungen von nicht-orthodoxen: bereits im Jahr 385 wurde der Gnostiker Priskillianus hingerichtet.[11] Als das Imperium orthodox wurde, wurden die Feinde der Christen automatisch zu Feinden des Imperiums, was auch bei der Mission entsprechend eingesetzt wurde.
Auf der einen Seite ist es heute unser Glück, dass wir nicht der Versuchung erliegen können, Gewalt bei der Mission anzuwenden. Wir leben in einem säkularen Staat, der uns keine Möglichkeit gibt, zu irgendeiner Art von Gewalt zu greifen. Auf der anderen Seite stehen wir vor einer Herausforderung, weil in unserer Kirche fast nie gezielt und systematisch missioniert wurde. Wir können nur auf wenig Erfahrung auf diesem Gebiet zugreifen.
Der selige Theophylakt von Bulgarien sieht in dem Wort „nötigen“ einen Hinweis auf die Kraft Gottes, welche die Menschen bekehrt.
Dafür sagte er nötige, damit wir verstehen, dass der Glaube der Heiden, die sich in einer tiefen Unwissenheit befanden, ein Zeichen der großen Kraft Gottes ist. Denn wenn der Gepredigte Gott wenig Kraft hätte, und die Wahrheit der Lehre gering wäre, wie könnten dann Menschen, die Götzen dienen und Schändliches tun, überzeugt werden? Wie könnten sie sofort den wahren Gott erkennen und ein geistliches Leben führen? Es war gewollt auf diese wunderliche Bekehrung hinzuweisen und deshalb ist diese Nötigung genannt. Als ob gesagt wäre, dass die Heiden die Götzen und die Vergnügen nicht lassen wollten, jedoch durch die Wahrheit der Predigt gezwungen wurden, diese zu lassen.[12]
Es liegt nicht in unserer Macht, jemanden zum Glauben zu bekehren, nur Gott kann den Verstand des Menschen erleuchten und ihm Glauben schenken. Darüber spricht Erzdiakon Kurajew, der an der Moskauer Geistlichen Akademie Professor für Missiologie ist, zu jedem neuen Kurs:
Ich habe noch keinen Menschen zum Glauben geführt. Und das werdet ihr auch nicht schaffen. Nur der Schöpfer hat die Möglichkeit, das Herz des Menschen in einer solchen Tiefe zu berühren. Ohne die Gnade, die dem Prediger hilft, wird unser Wort diese Tiefe nicht erreichen… So, das war’s. Mehr werdet ihr von mir über Gnade nicht zu hören bekommen. … Man kann nur das beibringen, was innerhalb der menschlichen Möglichkeiten liegt. Darüber werden wir die nächsten Jahre sprechen. Wie man selbst nicht zu einem Hindernis für den Erleuchter wird. Wie man die Hindernisse, die von anderen Menschen oder durch den Ungläubigen selbst geschaffen wurden, auflöst. Einen praktischen Kurs der Wundertätigkeit werden wir nicht haben.[13]
Doch geht es hier ohne Zweifel um eine moralische Nötigung, und um keine andere. Tatsächlich, könnte ein einziger Knecht die Gäste mit Gewalt zwingen, selbst wenn er es wollte? Nein, diese Nötigung hatte eher den Charakter einer verstärkten Belehrung.[14]
Zur Mission sind wir nicht berufen, sie ist das Anliegen von Auserwählten
Im Westen Deutschlands gibt es eine kleine Stadt, die nichts Besonderes war und einfach zu wenige Einwohner hatte, als dass ein orthodoxer Priester sich dorthin begeben würde. Dort lebte eine Frau, die sonntags 50 Kilometer zur nächsten russischen Kirchengemeinde pendelte. Diese Frau besuchte einen Sprachkurs, um Deutsch zu erlernen. Hier sprach Sie mit den anderen Teilnehmern über den orthodoxen Glauben. In Kürze bildete sich ein Bibelkreis, an dem zwanzig und mehr Menschen teilnahmen. Und nach zwei Jahren wurde in dieser Stadt ebenfalls durch die Organisation dieser Frau eine Gemeinde gegründet, die heute etwa hundert Mitglieder zählt und weiter wächst.
Nun, diese Frau, die ich persönlich kenne, hat weder Theologie studiert, noch wurde sie anderweitig für diese Mission ausgebildet. Kein Priester hat sie in diese Stadt mit dem Auftrag geschickt, eine Gemeinde zu gründen. Sie folgte nur dem Ruf des Herrn und erzählte den Menschen von ihrem Glauben.
Nur allzu oft wurde mir gesagt, dass die Mission etwas für Auserwählte sei, eine Berufung. Wir sollten uns nur um uns selbst kümmern. Nun, - dem kann ich nicht ganz zustimmen. Ohne Zweifel muss man für die Mission im großen Maßstab ein Talent von Gott erhalten. Nicht jeder kann die Massen beindrucken, nicht jeder kann seinen Glauben interessant rüberbringen oder das Interesse von Menschen wecken. Es gibt Menschen, die auf eine besondere Weise von Gott berufen werden. Der Erleuchter Innokentij (Weniamonow) beschreibt seine Berufung wie folgt:
Am deutlichsten wirkte auf mir der Wille Gottes bei meiner Verlegung aus Irkutsk nach Unalaska (Amerika). … Ivan Krjukov, der mit den Aleuten vierzig Jahre lang lebte, … erzählte mir einiges sowohl über Amerika im Allgemeinen, wie auch über die Aleuten im Besonderen. Er versuchte mich auf verschiedene Weisen zu überzeugen, nach Unalaska zu ziehen, jedoch hat mich keine seiner Zureden beeindruckt. Ernsthaft: was für einen Sinn hatte es für mich, wenn ich, nach menschlicher Überlegung, Gott weiß wohin fahren, wenn ich doch in einer der besten Gemeinden der Stadt war, geehrt und geliebt von meinen Gemeindemitgliedern, geschätzt von meinen Vorgesetzten, mit einem besseren Verdienst, als der, den ich in Unalaska bekommen sollte? …
Ich erinnere mich gut, wie sich derselbe Mensch bei seiner Abreise von mir verabschiedete und auch dabei mir zuredete, nach Unalaska zu fahren. Am selben Tag verabschiedete er sich vom Metropoliten und erzählte ihm vom Eifer der Aleuten beim Gebet und beim Hören des Wortes Gottes (was ich zweifellos bereits oft von ihm gehört hatte), so – es sei gesegnet der Name des Herren! – entflammte ich sozusagen mit dem Wunsch, zu solchen Menschen zu reisen.[15]
Jedoch ist die Existenz von berufenen Missionaren (und wie wir beim Erleuchter Innokentij sehen, ist diese Berufung keine sprechende Stimme vom Himmel, sondern eine Inspiration) kein Grund sich zurückzulehnen und die Arbeit den anderen überlassen. Zum einen kann jeder Mensch aufhören, sich für seinen Glauben zu schämen und von diesem im Alltag sprechen. Warum ist es uns so oft unangenehm, von Gott zu sprechen? Jeder von uns hat Familie, Freunde und Arbeitskollegen, die man in ein Gespräch über Gott verwickeln kann. Dabei ist es gar nicht nötig, mit der „großen Keule“ zuzuschlagen. In unserer Zeit ist der erste Schritt - den Menschen überhaupt dazu zu bewegen, über den Sinn des Lebens und das Leben nach dem Tod nachzudenken. Den Menschen aus seinem Alltag herauszulocken und zu sagen, dass es mehr gibt im Leben, als den Spaß.
Zum anderen hat jeder von uns ein Talent von Gott erhalten. Der eine kann gut mit Kindern umgehen, der andere kann gut schreiben, übersetzen, kochen, Holz bearbeiten, programmieren oder Gedichte schreiben. Und das alles sind Fähigkeiten, die wir für die Kirche einsetzen müssen. Es ist natürlich bequem, am Sonntag in die Kirche zu gehen und sich ansonsten nur um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Aber jeder Mensch muss auch etwas für die Kirche tun, ihr helfen, ihren Auftrag zu erfüllen. Denn die Kirche besteht nicht nur aus dem Klerus und den Mönchen. Sie besteht in erster Linie aus den Laien, ohne welche sie weder existieren, noch wachsen kann.
Das Missionskonzept der Russischen Orthodoxen Kirche unterstreicht für Laien folgende Bereiche der Mission:
- Teilnahme der Laien am Gottesdienst (Chorrampen- und Altardienst), Organisation von Patroziniumsfesten, Kreuzprozessionen und anderen kirchlichen Festen), sowie auch Einrichtung eines ständigen Dienstes von Laien im Gotteshaus zwecks Kommunikation (auch gemeinsam mit Geistlichen) mit Menschen, die ins Kirchenleben nicht integriert sind;
- Einbeziehung der Laien in die Teilnahme an der sozialen Diakonie;
- breit angelegte Organisation von missionarischen Gemeindearbeitskreisen;
- Teilnahme der Laien an kirchlichen Tagungen, Disputen, Internetforen, Fernseh- und Radiosendungen, Wohlfahrtaktionen und anderen Formen gesellschaftlicher Aktivitäten;
- Zu besonderen Missionsaufträgen kann die Einbeziehung der Laien in die Teilnahme an missionarischen Expeditionen, katechetischer Arbeit (Vorkatechese und Katechese) und anderen Arten der Tätigkeit der Kirche zur Belehrung in den Glaubensgrundlagen, zugezählt werden.
Aus meiner eigenen Erfahrung in der Kinder- und Jugendarbeit kann ich sagen, dass diese in erster Linie die Mitarbeit verschiedenster Gemeindemitglieder benötigt. Für eine orthodoxe Freizeit mit 40 Kindern und Jugendlichen braucht man den Einsatz von etwa 8 Erwachsenen. Es sind 3 ehrenamtliche Köche, ohne die eine solche Gruppe Vollverpflegung bedürfe, was die regelmäßige Teilnahme an der Freizeit für viele sozial schwache Familien aus finanziellen Gründen unmöglich machen würde. Es sind Lehrer für den Katechese-Unterricht, der ebenfalls in keiner Freizeit fehlen darf. Und da der Unterricht in mindestens vier Altersgruppen stattfinden muss, braucht man außer dem Priester noch mindestens drei Katecheten. Es ist ein Regent, der den Teilnehmern das Singen und das Beten beibringt. Ebenfalls darf ein Verantwortlicher für den Sport nicht fehlen. Diese Betreuer müssen sich außerdem während der gesamten Freizeit um die Teilnehmer kümmern, also höchst sensible pädagogische Arbeit leisten. Nur durch die ehrenamtliche Mitarbeit von all diesen Menschen, die ihre freie Zeit und oft sogar ihren Urlaub opfern, ist es möglich, eine orthodoxe Freizeit durchzuführen, das alles wäre für einen Priester unmöglich alleine zu schaffen.
Es ist doch kein Deutscher da, warum sollte man den Gottesdienst auf Deutsch halten?
Die Frage nach der liturgischen Sprache des Gottesdienstes ist eine, die wie nichts anderes die Herzen der Menschen höher schlagen lässt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Sprache ein Teil des Menschen ist, sie ist nicht bloß ein Instrument, welches man zur Kommunikation benutzt. Sie bestimmt die Denkweise des Menschen, seine Wahrnehmung von Inhalten. Nicht umsonst sagt man, dass man die Sprache eines Volkes erlernen muss, um seine Seele zu verstehen.
Selbstverständlich gibt es melodische und weniger melodische Sprachen, welche, die zum Ausdrücken orthodoxer geistlicher Realien mehr oder minder geeignet sind. Die kirchenslawische Sprache hat zum Zeitpunkt der Taufe der Rus‘ bereits viele Wörter und Wortbildungen aus dem Altgriechischen übernommen, und wurde Tausend Jahre lang von der Orthodoxie und der frommen russischen Lebensweiße geprägt. Natürlich kann das heutige Deutsch die Inhalte der Gebete nicht in einer solchen schönen und unmittelbaren Weiße überbringen. Trotzdem ist auch der russische Gottesdienst eine Übersetzung, die sich mit der Zeit entwickelt hat.
Viele Pfarrer und Gemeindemitglieder wünschen, dass die Gemeinden sich auf die Erhaltung der eigenen nationalen Sprache konzentrieren. Auf der einen Seite ist es ein lobenswertes Vorhaben, denn die nationalen orthodoxen Sprachen, wie das Serbische oder Georgische, geben dem Menschen einen unmittelbaren Zugang zur orthodoxen Frömmigkeit. Ein Mensch, der eine orthodoxe Sprache kennt, hat die Möglichkeit, unzählige Bücher zu verschiedensten kirchlichen Themen zu lesen, sich Filme anzusehen. Also an all dem teilzunehmen, was auf Deutsch so schwer zu findet ist. Außerdem ermöglich eine orthodoxe Sprache einem Menschen einen viel direkteren, einfacheren Zugang zur Orthodoxie.
Aber auf der anderen Seite muss der Nutzen realistisch eingeschätzt werden. Die schönste Sprache und der schönste Klang nutzen einem Gottesdienstbesucher nichts, wenn er das Gebet dahinter nicht versteht. Einmal habe ich einem Teenager aus einer russischen Familie das „Orthodoxe Gebetsbuch“ in deutscher Sprache geschenkt. Die Reaktion bei unserem nächsten Treffen hat mich schockiert: „Vielen, vielen Dank. Ich habe das erste Mal verstanden, was ich bete.“ Auch wenn es bedauerlich ist, gibt es viele junge Menschen, die ihre nationale Sprache nicht mehr gut genug kennen, um in dieser beten oder lesen zu können. Und auch bei größten Anstrengungen wird sich diese Tatsache langfristig nicht ändern lassen. Eine meines Erachtens gute Lösung ist es, den Sprachgebrauch zu kombinieren, also die Sprache im Gottesdienst abzuwechseln. Das erlaubt allen Gläubigen gleichviel am Gottesdienst teilzunehmen und hilft auch, den Gottesdienst in verschiedenen Sprachen besser zu verstehen, besonders wenn von Gottesdienst zu Gottesdienst verschiedene Teile abwechselnd in verschiedenen Sprache zelebriert werden.
Wenn jemand die Wahrheit intensiv sucht, wird für ihn die Sprachbarriere kein Hindernis sein. In jeder Gemeinde gibt es 2-3 deutsche Mitglieder, die entweder Russisch gelernt haben, oder mit einem Büchlein dem Gottesdienst folgen. Auch in Griechenland und Russland lassen sich deutsche Mönche und Nonnen finden. Aber diese Menschen müssen wir nicht missionieren, sie kommen selbst. Jedoch zielt die Mission, wie wir weiter oben gesehen haben, in erster Linie auf die Menschen, die nicht suchen. Und das ist die überwältigende Mehrheit.
Für diese Menschen ist es wichtig, ein Gebetsbuch in deutscher Sprache zu haben, eine Katechese in Deutsch. Auch ein Buch über den Glauben, und natürlich einen deutschsprachigen Gottesdienst. Die Schlussfolgerung, dass, wenn nur zwei-drei Deutsche im Gottesdienst sind, es sich nicht lohnt, diesen auf Deutsch zu zelebrieren, lässt sich kaum halten. Diese müsste eigentlich anders ausfallen – wenn der Gottesdienst nicht auf Deutsch ist, wird auch kein Deutscher kommen. Wenn es keine Katechese oder missionarische Arbeit gibt, wird ebenfalls kein Deutscher in unsere Gemeinde kommen. Doch die Praxis zeigt, dass das deutsche Volk bis jetzt nur wenig Interesse gezeigt hat, den orthodoxen Glauben anzunehmen. Selbst in Gemeinden, die seit Jahrzehnten in deutscher Sprache zelebrieren, gibt es höchstens 10-20 deutsche Mitglieder. Auch in der Skite des hl. Spyridon, die mittlerweile etwa 20 Jahre existiert, gibt es außer den beiden Begründern keine deutschen Mönche oder Novizen. Warum das so ist, ist für mich persönlich eine Frage, auf die ich keine Antwort geben kann. Vielleicht liegt es am Fehlen einer Idee, oder einer kulturellen Grundlage unsererseits, die den orthodoxen Glauben für einen Deutschen attraktiv machen würde. Die Orthodoxie hat zwar einen universellen Glaubenscharakter, jedoch kann sie nicht ohne eine orthodoxe Kultur bzw. eine ideelle missionarische Grundlage an eine breitere Bevölkerungsschicht weitergegeben werden. Ich denke, dass wenn sich jemand zum Ziel setzt, den orthodoxen Glauben unter dem deutschen Volk zu verbreiten, sollte er sich in erster Linie überlegen, welche nationale Idee er vermitteln möchte, damit sein Vorhaben von einem Erfolg gekrönt wird. Eines der größten Probleme könnte das Fehlen des Patriotismus sein, an dem Deutschland seit dem Ende der nationalsozialistischen Zeit erkrankt ist.
Der universelle Charakter der Orthodoxie
vs.
Patriotismus?
Immer wieder hört man sowohl von nicht orthodoxen, wie auch von orthodoxen Christen, die nicht aus einem orthodoxen Land stammen, Anschuldigungen an die einzelnen autokephalen Kirchen. Diese beziehen sich meistens auf den nationalen Charakter der Orthodoxie, die enge Bindung zwischen dem orthodoxen Glauben bzw. der jeweiligen autokephalen Kirche mit einem bestimmten Volk und seiner Kultur. Diese Anschuldigung findet leicht Zustimmung, denn das Argument ist einleuchtend – Christus ist für alle gekommen. Somit ist auch der orthodoxe Glaube universell für alle Menschen und dürfe nicht an ein bestimmtes Volk gebunden werden. Manche orthodoxe Eifere gehen soweit, dass sie versuchen, den „orthodoxen Glauben“ und die „orthodoxe Tradition“ aus der Tradition einer autokephalen Kirche zu extrahieren, und alles Nationale zu verwerfen. In den Gemeinden wird das Land und das Volk, zu dem die Gemeinde gehört, nicht mehr namentlich erwähnt.
Durch die nationalsozialistische Geschichte Deutschlands im XX. Jahrhundert ist hier im Land die Gefahr bzw. die Versuchung einer „Entnationalisierung“ der Kirche besonders groß.
Bei einem Gespräch über den Patriotismus müssen wir zwischen der christlichen Tugend des Patriotismus und ihrer Verdrehung unterscheiden. Der Patriotismus kann auf verschiede Weise motiviert sein. Ist er durch Nationalität motiviert, entartet er zum Nationalismus. Durch eine Rassenzugehörigkeit – zum Rassismus. Ivan Iljin schreibt darüber:
Das geistliche Wesen des Patriotismus bleibt fast immer hinter dem Durcheinander ihres Bewusstseins. Die Liebe zur Heimat lebt in ihren Seelen in Form einer vernunftlosen, unbestimmten Neigung, die mal ganz erstarrt und ihre Kraft verliert, … mal als eine blinde und unvernünftige Leidenschaft entfacht, als ein … Instinkt, der fähig ist, in der Seele sowohl die Stimme des Gewissens, als auch das Gefühl für Maß und Gerechtigkeit zu übertönen. Dann wird der Patriotismus zu einem blinden Affekt, der das Los aller blinder und geistlich nicht erleuchteten Affekte teilt: er wird langsam zu einer bösen und raubgierigen Leidenschaft – eines verächtlichen Stolzes, eines wilden und aggressiven Hasses. Und dann stellt sich heraus, dass der „Patriot“ oder der „Nationalist“ selbst keinen kreativen Aufstieg erlebt, sondern eine zeitweilige Erbitterung, bei der er zum Tier werden kann. Es stellt sich heraus, dass im Herzen des Menschen sich nicht die Liebe zur Heimat befindet, sondern eine seltsame und gefährliche Mischung eines kriegerischen Chauvinismus und einer dumpfen nationalen Einbildung oder einer Vorliebe zu alltäglichen Kleinigkeiten und eines heuchlerischen Großmachtpathos, hinter dem oft ein persönlicher und klassenmäßiger Eigennutz lauert.[16]
Dagegen gründet ein christlicher Patriotismus immer auf Geistlichkeit und Liebe. Es ist für den Menschen natürlich, die Schöpfung zu lieben. „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde… Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (Gen 1, 1. 31) Wie könnte der Mensch etwas nicht lieben, was Gott selbst geschaffen hat und was er sogar für gut befunden hat? Die erste Heimat des Menschen war der Garten Eden, diesen sollte der Mensch bebauen und bewahren.
Später segnet Gott den Menschen auch mit einem Vaterland. „Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Und ich will dich zu einer großen Nation machen, und ich will dich segnen, und ich will deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein!“ (Gen 12, 1-2) Nach diesen Worten werden Tausende von Jahren die Juden Abraham als ihren Vater, und alle gottestreuen Menschen bis heute Abraham als den Vater der Gläubigen ansehen. Israel wird für die Juden das Vaterland, für das sie bereit sind zu kämpfen uns zu sterben. Dabei wird es so sehr auch als geistliche Heimat verstanden, dass Christen sich sogar heute noch als das neue Israel ansehen.
Zwar liebt Christus alle, und kommt, um alle Heiden zu erleuchten, jedoch kommt er zuerst zu den „Seinen“ (Joh 1, 11). Und obwohl der Apostel Paulus von denen spricht, die „Fremde und ohne Bürgerrecht auf der Erde“ (Heb 11, 13) sind, ist ihm die nationale Zugehörigkeit nicht fremd. Obwohl er zu allen Menschen gesandt ist, eifert er am meisten um sein Volk: „ich habe gewünscht, verflucht zu sein von Christus weg für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch“ (Röm 9, 3).
Oft wird bei dieser Argumentation der Brief an die Galater zitiert: „Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.“ (Gal 3, 26-28) Es gibt also weder Juden noch Griechen, deshalb spielt Nationalität und Volkszugehörigkeit keine Rolle mehr. Jedoch wird hier der Kontext oft übersehen. Es geht dem Apostel an dieser Stelle überhaupt nicht darum, Nationalität und Volk für unwichtig für einen Christen zu erklären. In diesem Satz steht ja auch, das es nicht mehr „Mann und Frau“ gibt. Trotzdem sind wir auch für die Kirche Männer und Frauen, stehen beim Gottesdienst klassischer Weiße in verschiedenen Teilen der Kirche, werden mit er oder sie und nicht mit es angesprochen. Wir haben getrennte Toilettenräume und eine Geschlechtsumwandlung wird von der Kirche als eine schwere Sünde betrachtet. Und, nicht zu vergessen, obwohl es „nicht Mann und Frau“ mehr gibt, dürfen Frauen nicht Priester werden. Der Apostel möchte an dieser Stelle vielmehr zeigen, dass vor Gott, vor dem Gericht Gottes alle gleich sein werden, und dass die Juden aufhören, das auserwählte Volk zu sein. Johannes Chrysostomus schreibt darüber: „Ein Mensch, der vordem Hellene und Jude und Sklave war, wandelt nun einher in der Gestalt nicht eines Engels, nicht eines Erzengels, nein, des Alleinherrschers selber und vergegenwärtigt Christus in seiner Person.“[17] Und obwohl, anders als im alten Testament („Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach“ (Joh 2, 27)), es bei der Vergöttlichung keine Rolle spielt, ob jemand eine Frau oder ein Grieche ist, bleibt eine Frau eine Frau und ein Grieche ein Grieche.
Auch in der neutestamentlichen Zeit hat das Vaterland also eine wichtige Rolle in der christlichen Religion. Wie Israel als das irdische Vaterland das Abbild des Himmlischen Vaterlandes darstellt, so ist auch das Vaterland eines jeden Menschen für ihn das Abbild des Himmlischen Vaterlandes. Der hl. Johannes von Kronstadt schreibt über die Grundlagen des Patriotismus: „Das irdische Vaterland mit seiner Kirche ist der Vorhof des Himmlischen Vaterlandes, liebt es deshalb mit Feuer, und seid bereit, eure Seele dafür zu opfern, damit ihr das Ewige Leben erben könnt.“
Erzpriester Georgij Wolhowskij schreibt über den Sinn des orthodoxen Patriotismus folgendes:
Eigentlich ist die gesamte Geschichte der Orthodoxen Kirche – die Geschichte eines Patriotismus des Glaubens, wo der Patriotismus nicht nur die Liebe zum eigenen Volk darstellt, die in uns auf natürliche Weise entsteht, sondern, in erster Linie, eine hochmoralisches Gefühl, eine christliche Tugend.
Der orthodoxe Patriotismus hängt nicht zusammen mit einer Nationalität oder einem Territorium. „Die Markmale der Rasse und des Blutes, schrieb Iwan Iljin, lösen nicht die Frage nach der Heimat: ein Armenier kann beispielsweise ein russischer Patriot sein.“ Daher ist auch der Patriotismus des russischen Volkes, zu dem auch das orthodoxe Volk der Ukraine gehört, nicht durch die nationale Zugehörigkeit bestimmt, sondern durch die messianische Bedeutung bei der Bewahrung und der Reinheit des orthodoxen Glaubens. Das ist der Patriotismus des Glaubens und der errettenden Lehre Christi.[18]
Bei dem inständigen Gebet für ein Land und Volk, dass die jeweilige autokephale Kirche beheimatet, geht es im Gottesdienst also nicht nur um die nationale Zugehörigkeit der anwesenden Gläubigen oder eine Verbundenheit gegenüber diesem Land dafür, dass es den orthodoxen Glauben über Jahrhunderte bewahrt und beschützt hat, sondern auch um einen kirchlichen Nutzen – nur wenn ein Land orthodox bleibt, kann es den orthodoxen Glauben wahren und in der heutigen globalisierten Welt sich für die orthodoxen moralischen Werte einsetzen. Die Statistik besagt, dass in der heutigen Welt alle 5 Minuten ein Christ wegen seines Glaubens umgebracht wird.[19] Auch im postchristlichen Europa wird Christenphobie immer mehr zum Thema.[20] Zum Schutz des orthodoxen Glaubens bedarf es also nicht nur Altväter und gläubiger Menschen, sondern auch einer konkreten politischen Macht, die sich für die orthodoxen Gläubigen und ihre Rechte einsetzt, sowohl in dem Land selbst, wie auch außerhalb.
Abgesehen von seinem praktischen Nutzen für den Erhalt des orthodoxen Glaubens ist das Fehlen des Patriotismus auch ein moralisches und somit missionarisches Problem. Der hl. Evangelist Johannes schreibt: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann nicht Gott lieben, den er nicht gesehen hat.“ (1 Joh 4, 20) Das gleiche gilt auch für die Liebe zum Vaterland. Wie kann jemand, der sein irdisches Vaterland nicht liebt, sein himmlisches Vaterland lieben? Wie wird jemand, der nicht bereit ist, sich für sein Vaterland und sein Volk zu opfern, sich für die Kirche und Gott opfern können? Der hl. Filaret von Moskau schreibt sogar: „Ein schlechter Bürger seines irdischen Vaterlandes ist des himmlischen Vaterlandes unwürdig.“
In den Grundlagen der Sozialdoktrin der Russischen Orthodoxen Kirche steht über den christlichen Patriotismus:
Der christliche Patriotismus bezieht sich in gleicher Weise auf die Nation als ethnische Gemeinschaft als auf die Gemeinschaft der Staatsbürger. Der orthodoxe Christ ist aufgerufen, sein Vaterland, im Sinne eines bestimmten Territoriums, zu lieben, desgleichen seine über die Welt verstreuten Blutsbrüder. Diese Liebe ist eine Art, das göttliche Gebot der Nächstenliebe zu befolgen, welches die Liebe zur Familie, den Volksangehörigen sowie den Mitbürgern einschließt.
Der Patriotismus des orthodoxen Christen soll tätig sein. Er äußert sich in der Verteidigung des Vaterlands gegen den Feind, in der Arbeit zum Wohle der Heimat, im Einsatz für das öffentliche Leben, einschließlich der Teilnahme an den Angelegenheiten der Staatsverwaltung. Der Christ ist dazu aufgefordert, die nationale Kultur und das nationale Selbstbewusstsein zu wahren und weiterzuentwickeln.
Wenn die Nation – bürgerlich oder ethnisch – vollständig oder überwiegend eine monokonfessionelle orthodoxe Gemeinschaft ist, kann sie in gewissem Sinne als einheitliche Glaubensgemeinschaft betrachtet werden – als orthodoxes Volk.[21]
Der nationale Charakter ist somit einer der wichtigsten Aspekte sowohl beim Erhalt, wie auch bei der Verbreitung des orthodoxen Glaubens. Der Patriotismus gibt einem Volk die notwendige Kraft und moralische Grundlage, um sich selbst vor äußeren Einflüssen zu schützen. Dabei ist der orthodoxe Glaube für die Menschen das wichtigste Gut, der Stolz eines Landes, und wird deshalb vom patriotischen Gefühl mit erfasst. Auch bei der Verbreitung der Orthodoxie wird der Patriotismus als christliche Tugend weitergegeben, und kann auch als Trägeridee bei der Mission dienen.
Heute und morgen
In der Missiologie wird zwischen der äußeren und der inneren Mission unterschieden.[22] Unter der äußeren Mission versteht man die Missionierung in nicht orthodoxen Ländern, oder die Missionierung von größeren nicht-orthodoxen Gruppen in einem orthodoxen Land. Unter der inneren Mission versteht man meistens die Evangelisierung von Menschen, die zwar formell zur Kirche gehören, jedoch nicht in diese integriert sind. Beide Arten sind sehr wichtig. Es reicht sich vor Augen zu führen, dass die beiden orthodoxen Imperien in der Geschichte untergegangen sind, weil sie es versäumt haben, zu missionieren. In Byzanz fehlte die Mission der heidnischen Völker, die außerhalb des Imperiums lebten, und in Russland fehlte die Mission der eigenen Mitglieder der Kirche, die diese später von innen zerstörten.
Da Deutschland bereits ein christliches Land ist, gibt es hier keine aktive Mission nach außen. Sicherlich gibt es Deutsche, die den orthodoxen Glauben annehmen, aber das ist nicht das Produkt eine aktiven Missionierung. Die meisten dieser Menschen haben zum orthodoxen Glauben entweder durch einen orthodoxen Ehepartner gefunden, oder durch Kontakt zu einem orthodoxen Land (z.B. durch ein Auslandsstudium oder kulturelles Interesse). Das Hauptziel der orthodoxen Kirchen in Deutschland ist die geistliche Betreuung und Evangelisierung von Menschen, die bereits orthodox sind, und dazu besteht größte Notwendigkeit. Im Jahr 2009 gibt es in Deutschland 460 orthodoxe Gemeinden. Auch wenn die Zahl im vergleich zu 1999 gestiegen ist (damals gab es nur 282 Gemeinden), haben nicht annährend alle Christen ein Gotteshaus, das sie Besuchen könnten. Bis heute befinden sich die meisten Gemeinden in Großstädten, es gibt Städte mit 200 Tausend Einwohnern, in denen es keine orthodoxe Gemeinde gibt.
Noch eindeutiger illustriert den heutigen Zustand der Orthodoxie in Deutschland eine Betrachtung der Statistik. Nehmen wir optimistisch an, dass eine Durchschnittsgemeinde regelmäßig von ca. 100 Mitgliedern besucht wird. Bei ca. 500 Gemeinden im Land erreichen die orthodoxen Kirchen somit grade mal 50.000 Menschen. Und das bei ca. 1,5 bis 2 Millionen getauften orthodoxe Christen insgesamt. Es gibt in Deutschland somit eine große pastorale Notwendigkeit bei der Integrierung in die Kirche von fast zwei Millionen orthodoxen Christen. Sollte dieses Ziel tatsächlich einmal erreicht werden, kann dann über weitere Perspektiven nachgedacht werden, falls diese sich nicht auf natürlichem Wege ergeben.
Im Orthodoxen Forum kam einmal die Frage nach der Zukunft der Orthodoxie in 20 Jahren auf. Ich denke, es ist wichtig zu verstehen, dass diese Zukunft nicht nur von Gott und einzelnen Starzen abhängt. Die Zukunft der Orthodoxie in 20 Jahren besteht aus den Menschen, die heute leben und aufwachsen. Und genau von diesen wird sie entschieden werden. Wenn sie sich hinsetzen und in einer falschen Demut sich „auf Gott verlassen“, ohne selbst etwas zu tun, sehe ich für die Orthodoxie hierzulande keine nennenswerten Perspektiven. Es gab in der Geschichte viele Länder, die von einer orthodoxen Minderheit bewohnt wurden, und mittlerweile von dieser nicht mehr bewohnt werden. Nur wenn sich die orthodoxen Christen in diesem Land mit Eifer und großer Opferbereitschaft für die Kirche angagieren, wenn Sie die Kraft finden, ihre Gemütlichkeit und ihren Egoismus zu überwinden, wenn es Männer gibt, die den Mut hervorbringen den Priesterdienst auf sich zu nehmen, kann unsere Kirche soweit wachsen, um nicht von den Gefahren des Indifferentismus, des Ökumenismus und des Islams überwältigt zu werden.
Als letztes und wichtigstes bleibt ins Gedächtnis zu rufen, dass in der Orthodoxie jegliches Vorhaben nur in Zusammenhang mit einer geistlichen Anstrengung den erwünschten Erfolg hervorbringen kann. Unser oberstes Ziel ist es, die Menschen näher an Gott zu bringen. Alle organisatorischen und ideellen Anstrengungen können hier nur als Methode, als eine Hilfestellung dienen. Jeder Mensch, der etwas für die Kirche tun möchte, muss auch ein geregeltes geistliches Leben führen. Wer den Menschen Gott näherbringen möchte, muss Gott selbst kennen, im Gegenfall kann er schnell zu einem blinden Blindenführer werden.
Veselov, Alexej, Priester