Die Russische Orthodoxe Kirche in der internationalen Politik der UdSSR vor dem Zweiten Weltkrieg
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Die Russische Orthodoxe Kirche in der internationalen Politik der UdSSR vor dem Zweiten Weltkrieg
Der vorliegende Artikel von Dr. hist. Sergey Bolotov behandelt die Instrumentalisierung des orthodoxen Glaubens durch die sowjetische Außenpolitik.
Die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) als Faktor der internationalen Politik wurde für die sowjetische Regierung bedeutsam, als man im Westen von antikirchlichen Repressalien erfuhr und begann, sie für antisowjetische Agitation und diplomatischen Druck auf die UdSSR zu nutzen.
An der internationalen Diskreditierung der Bolschewiki waren russische Emigranten maßgeblich beteiligt, insbesondere Geistliche der Organisation „Russische Orthodoxe Kirche im Ausland“ (ROKA), die vom Moskauer Patriarchat unabhängig war. Nach der bekannten Deklaration des Metropoliten Sergius (Stragorodski) von 1927 brach die ROKA alle Beziehungen mit Moskau ab und nahm gegenüber der UdSSR eine unversöhnliche Position ein, ebenso wie die viel einflussreichere Römisch-Katholische Kirche. Die Meinung der ROKA und der Katholischen Kirche bekam in der internationalen Arena umso mehr Gewicht, desto mehr Staaten gegenüber der UdSSR offen oder versteckt feindselig agierten. Die Russische Kirche wurde so für die sowjetischen Machthaber nicht nur in innerpolitischer, sondern auch in außerpolitischer Hinsicht zu einer Belastung.[1]
Ein wichtiger Faktor der internationalen Politik der 1920er Jahre war die antisowjetische Position der Emigranten, die Mitglieder der Weißen Armee gewesen waren, die sich in Europa in russischen Gotteshäusern trafen, die in die Zuständigkeit von Metropolit Eulogius (Georgievsky) übergegangen waren. Die sowjetische Regierung verlautbarte, dass die es für notwendig hielt, die „ganzen Böcke der Weißen Armee hinauszujagen, die ausländischen Gemeinden zu übernehmen und dort eigene Leute zu installieren“[2]. Als wichtige außenpolitische Aufgabe sah sie die Neutralisierung der antisowjetischen Agitation in der geistlichen Umgebung der Aussiedler. Diese Probleme mithilfe loyaler orthodoxer Geistlicher anzugehen, war naheliegend.
Erste Versuche, in der Außenpolitik die ROK – genauer gesagt, die ihr zugehörigenErneuerer-Gruppen, die von der GPU des NKWD (seit 1923 GPU beim Sowjet der Volkskommissare der UdSSR) kontrolliert wurden – fanden bereits Anfang der 1920er statt. Die außenpolitische Tätigkeit der Erneuerer, die von der sowjetischen Regierung geleitet wurde, reduzierte sich auf die Behauptung völliger Religionsfreiheit in Sowjetrussland[3], die Entsendung von durch die GPU angeworbenen Erneuerungs-Aktivisten ins Ausland zwecks Übernahme ausländischer Gemeinden[4], Versuchen, die Anerkennung seitens der Ökumenischen Orthodoxie zu erreichen[5] sowie Kritik an den Hierarchen der ROKA, wobei die sowjetischen diplomatischen Vertretungen stets aktiv Hilfe leisteten.[6]
Auf einigen dieser Gebiete errangen die Erneuerer gewisse Erfolge, was durch die Schaffung des „Außenamtes“ beim Erneuerer-Synod gefördert wurde. Beispielsweise befand sich die St.-Nicolas-Kathedrale in New-York in ihrer Zuständigkeit, während die Anzahl von russischen Gotteshäusern im Ausland, die von aktiven Schismatikern wie dem „Erneuerer-Bischof“ John Kedrovsky und Erzpriester Sergiy Sokolovsky erobert wurden, bald über hundert zählte. Nichtsdestotrotz hing der Erfolg der Erneuerer voll und ganz vom Wohlwollen der sowjetischen Regierung ab und war obendrein nur vorübergehend, verschwand also in den späteren Jahren des „Großen Vaterländischen Krieges“ völlig. Hauptursache der Unzufriedenheit im Kreml war wohl, dass die Unterstützung der Erneuerer durch die sowjetische Regierung weder zur Vernichtung der antisowjetisch eingestellten ROKA noch zur Beendigung der Kritik an der Sowjetunion durch russische Aussiedler führte.
Ähnliches hatte die sowjetische Regierung in den 1920er Jahren bei der Patriarchenkirche versucht. Unter anderem hatte die Regierung von Patriarch Tichon für sie vorteilhafte außenpolitische Deklarationen und Schritte erzwungen – etwa die Verurteilung der „konterrevolutionären“ Tätigkeit der Geistlichen der ROKA (wie in dem berüchtigten „Sendschreiben“ des Patriarchen vom 1. Juli 1923 und dem „Prämortalen Testament“ dokumentiert[7]), die Amtsenthebung des antisowjetisch eingestellten Metropoliten Platon (Roschdestvensky), vormals Leiter der Nordamerikanischen Diözese, usw.
Mit einer Verordnung des Politbüros vom 3. Juli 1923 wurde Jemeljan Jaroslawski, in Abstimmung mit Karl Radek, beauftragt, ein Interview von Patriarch Tichon mit ausländischen Korrespondenten zu organisieren[8]. Der Patriarch, eben erst aus dem Haft entlassen, gab dieses Interview dem Sekretär des englischen nationalen Ausschusses „Hands off Russia",William (Bill) Peyton Coates, dem er verkündete: „die Sowjetische Regierung darf nicht der Verfolgung einer Religion beschuldigt werden; in Russland verfügt jeder über die volle Freiheit, seinen religiösen Überzeugungen zu folgen“[9].
Nach dem Dahinscheiden des Patriarchen zielte die Deklaration des Metropoliten Sergius von 1927 eigentlich auch auf eine für den Staat vorteilhafte internationale Resonanz. Dennoch waren einige Maßnahmen im Rahmen des alten Kurses der Kirchen- und Religionsbekämpfung kontraproduktiv und konnten die Weltöffentlichkeit nicht ernsthaft vom Wohlergehen der religiösen Kreise in der UdSSR überzeugen, und der internationale Druck auf die sowjetische Regierung hielt an.[10]
Als Beispiel dafür, wie der Konflikt der sowjetischen Regierung mit der ROK die Arbeit der sowjetischen Diplomaten erschwerte, kann man eine Reihe antisowjetischer Artikel in der internationalen Presse zur Verfolgung der Gläubigen in der UdSSR anführen, die Anfang der 1930er Jahre erschienen. Zu diesem Zeitpunkt war die religiöse Lage innerhalb der UdSSR kritisch geworden, da die Zwangskollektivierung zu massenhaften Unruhen in ländlichen Regionen führte, bis hin zu bewaffneten Konflikten mit der Regierung.[11]
In dieser Lage erregte die Publikation eines emotionalen Sendschreibens[12] des Römischen Papstes Pius XI. an den Generalvikar von Rom, Kardinal Basilio Pompilj, vom 2. Februar 1930 („die wachsende Brutalität und Gottlosigkeit, die von der Regierung gefördert wird, verlangt nach einer allgemeinen und scharfen Entgegnung“), in dem Protestaktionen und Andachten für die verfolgte Russische Kirche gefordert wurden, große Aufmerksamkeit unter den Gläubigen der ganzen Welt und fügte der internationalen Reputation der Sowjetunion, die sich auf den Eintritt in den Völkerbund vorbereitete, spürbaren Schaden zu. Einige Tage später, am 8. Februar 1930, verurteilte Pius XI. in einem weiteren Brief die Verfolgung der Christen in der UdSSR erneut, was in den Ländern des Westens große Resonanz fand. In seiner Antwort nannte Stalin den Papst einen „Hauptfeind des Kommunismus“ und gab ihm die Schuld an einem „Kreuzzug“ gegen die UdSSR.[13]
Inzwischen organisierte Erzbischof William Temple von Canterbury in Großbritannien eine internationale „Andacht für die leidende Russische Kirche“, an der auch der Leiter der russischen orthodoxen Gemeinden des Moskauer Patriarchats im Westeuropa, Metropolit Eulogius (Georgievsky), mitwirkte.[14] Die sowjetische Führung musste wieder reagieren, und sie traf eine ungewöhnliche Entscheidung: neben der in solchen Fälle üblichen Kampagnen in der sowjetischen Presse sollte die ROK selbst bzw. ihre unmittelbare Leitung dienstbar gemacht werden.
Am 15. Februar 1930 veröffentlichten die Zeitungen „Iswestija“ und „Bednota“ein Interview mit Metropolit Sergius (Stragorodski) und Mitgliedern des Synods, um die im Ausland tobende Kampagne zur Diskreditierung der sowjetischen Regierung zu desavouieren. Nach den in der Presse publizierten Materialien kündigte der Statthalter des Patriarchen und faktische Leiter der Russischen Kirche, Metropolit Sergius, anlässlich der Verlautbarungen des Heiligen Stuhls an: „Wir halten diese Auftritte des Römischen Papstes für überflüssig und entbehrlich, da wir Orthodoxen so etwas gar nicht nötig haben. Wir können unsere Orthodoxe Kirche selbst schützen.“ Anlässlich des Auftrittes des Erzbischofs von Canterbury wurde gesagt, dass es „nach neuen Intervention riecht, an denen Russland so sehr gelitten hat“. Am 18. Februar 1930 gab Metropolit Sergius westlichen Journalisten ein Interview, in dem er behauptete: „Religiöse Verfolgungen gab es in der Sowjetunion nie und gibt es auch heute nicht.“[15]
Metropolit Eulogius wurde nach Beschluss des Synods der ROK vom 10. Juni 1930 von der Verwaltung der westeuropäischen Gemeinden entbunden, doch fügte er sich dieser Entscheidung nicht und trat mit seinen Gemeinden in die Jurisdiktion des Patriarchats von Konstantinopel über[16], wobei ihm diese Entscheidung nach Meinung einiger Forscher sehr schwer fiel.[17]
Insgesamt lösten die Maßnahmen der Moskauer Patriarchie Empörung im Westen aus, was die Russische Kirche in der UdSSR von der ROKA, der Römisch-Katholischen und der Anglikanischen Kirche noch weiter entzweite. Gründe für die Zusammenarbeit von Metropolit Sergius mit dem Synod der ROK nennt der Mitarbeiter des Instituts der Russischen Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften Igor Kurljandskij; er stellte fest, dass am 14. Februar 1930 das Politbüro des ZK KPdSUbeschlossen hatte, die „Kameraden Jaroslawski, Stalin und Molotow zu beauftragen, das Problem mit dem Interview zu lösen“. Am 16. Februar wurde in den Zeitungen „Prawda“ und„Iswestija“ ein Interview mit Metropolit Sergius publiziert. Die graphologische Studie eines Manuskripts des Interviews, das im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation aufgefunden wurde, zeigt, dass die darin enthaltenen Fragen und Antworten im Voraus von Jaroslawski zusammengefasst und von Stalin und Molotow redigiert wurden. Danach zwangen die GPU-Mitarbeiter die Bischöfe der Russischen Kirche, zu leugnen, dass der in den Zeitungen publizierte Text kein echtes Interview gewesen war.[18]
Dabei sollte hinzugefügt werden, dass die ROK auch objektive Gründe hatte, auf Verkündungen aus dem Vatikan negativ zu reagieren – denn in den 1930er Jahren nahmen viele Katholiken in Polen an der brutalen Unterdrückung der orthodoxen Bevölkerung (ca. 5 Millionen Menschen) durch die RegierungPiłsudski aktiv teil.[19]
Auch wurde erklärt, dass das prachtvolle orthodoxe Alexander-Newski-Gotteshaus von Warschau, das während des Ersten Weltkriegs beschädigt worden war, keinen besonderen kunsthistorischen Wert hätte. Die Regierung der Republik Polen ließ es kurzerhand abreißen, wie fast alle orthodoxen Gotteshäuser in der polnischen Hauptstadt. Auf dem ganzen polnischen Territorium wurden in der Zeit zwischen den Kriegen, laut Verordnungen der Regierung über die „Revindikation“ (Rückforderung), über eintausend orthodoxe Gotteshäuser und Kapellen, insbesondere in den westlichen Gebieten der Ukraine und Weißrusslands, entweder an Katholiken und Unierte übergeben oder geplündert und zerstört; die orthodoxen Geistlichen wurden verhaftet.[20]
Zugleich organisierten die russischen Aussiedler am 2. Februar 1930, dem Tag der Publikation des obenerwähnten Sendschreibens von Papst Pius XI., in New-York eine Protestveranstaltung gegen die Politik der Römisch-Katholischen Kirche in Polen und die Beschlagnahmung orthodoxer Gotteshäuser und Klöster. Auch wenn die Aussiedler die ganze zivilisierte Welt dazu aufriefen, gegen die Unterdrückung der Orthodoxie in Polen zu protestieren, äußerte der Heilige Stuhl lediglich seine Sorge um die Lage der Orthodoxen in der Sowjetunion.[21]
Das waren die Ursachen dafür, dass Metropolit Sergius während einer Tagung, die am Abend 18. Februar 1930 stattfand, nochmals gegenüber ausländischen Korrespondenten seine negative Einstellung zur Initiative des Papstes bestätigte. Unter anderem verkündete er: „Sie fragen, weshalb wir den Papst als Feind der Orthodoxie ansehen. Wie sollen wir denn anders denken, wenn die Römisch-Katholische Kirche, deren Oberhaupt der Papst ist, sich in Polen allein 1929 ca. 500 orthodoxe Kirchen mit Gewalt aneignete und in katholische Kirchenumwandelte? Uns ist nicht bekannt, dass die Bischöfe in England, den USA oder irgend einem anderen Land gegen diese Gewalthandlungen der römisch-katholischen Kirche aufgetreten wären.”[22] Die Materialien dieser Tagung wurden in der sowjetischen Presse veröffentlicht.[23]
Die bolschwistische Leitung gestattete und veranlasste fortan nicht nur kirchliche Veröffentlichungen, sondern trat den zuvor verfolgten Kirchen gegenüber deutlich milder auf. Am 14. März 1930 verabschiedete das ZK der KPdSU den Beschluss „Über Verzerrungen der Parteilinie in der Kolchos-Bewegung“ (« Оборьбе сискривлениямипартлинии вколхозномдвижении »), der extreme Positionen in der antireligiösen Arbeit verurteilte. Unter anderem, sei es erforderlich, „die administrative Praxis der Kirchenschließungen unverzüglich zu beenden“ und „Schikanen“ gegen Gläubige und deren religiösen Gefühle „ streng zur Verantwortung zu ziehen“[24]. Außerdem wurde ab 1931 das Journal der Moskauer Patriarchie (Журнал Московской Патриархии ) herausgegeben.
Im Ergebnis wurde der Leiter der 6. Geheimabteilung der GPU (u.a. für den Kampf gegen religiöse Organisationen in der UdSSR zuständig), Jewgenij Tutschkow, für die Abwehr antisowjetischer Angriffe im Ausland mit einer Auszeichnung belohnt: „Die Verhinderung des vom Papst angekündigten Kreuzzuges gegen die UdSSR wurde glänzend durchgeführt.“[25] Solche im Großen und Ganzen ungewöhnliche Reaktionen seitens der sowjetischen Regierung auf außenpolitischen Druck sollten sich für die weitere Entwicklung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat in der sowjetischen internationalen Politik als beiderseitig fruchtbar erweisen. Dass sie auch von der sowjetischen Regierung als erfolgreich angesehen wurden, war dabei entscheidend.
Diese Abweichung vom antireligiösen Kurs der UdSSR währte jedoch nur kurz. Seit Mitte 1931 verhärtete sich die Politik gegenüber der Kirche wieder. Im Jahre 1939, nach antikirchlichen Repressionen in nie dagewesenen Ausmaßen, ergab sich für die sowjetische Regierung das Problem der Verwaltung ehemaliger russischer Territorien, die durch die Rote Armee 1939 zurückerobert worden waren.
Zu dieser Zeit war die ROK strukturell praktisch zerstört. Diözesen als administrative Einheiten existierten so gut wie gar nicht mehr. Im Sommer 1939 hatte die Kirche nur vier Diözesanbischöfe – Metropolit Sergius (Stragorodski) von Moskau, Metropolit Alexius (Simanski) von Leningrad, Erzbischof Nikolai (Jaruschewitsch) von Peterhof, der auch die Diözesen von Nowgorod und Pskow verwaltete, und Erzbischof Sergij (Woskresenskij) von Dmitrow, der seit 1937 die Stelle des Amtsvorstehers der Moskauer Patriarchie innehatte. Sie alle verfügten über hervorragende organisatorische und diplomatische Fähigkeiten, und jeder von ihnen kann als große kirchliche Persönlichkeit angesehen werden. Außerdem gab es etwa zehn Bischöfe der ROK, welche die Jahre der Repression überlebt hatten und emeritiert waren oder auch als Kirchenvorsteher weiterhin Gottesdienste verrichteten.[26]
In der Russischen Föderation war die Kirche wegen der weitverbreiteten Furcht vor dem öffentlichen Besuch von Gotteshäusern (welcher als Merkmal politischer Illoyalität angesehen wurde) in der Gesellschaft faktisch isoliert. Ganz anders war die Lage der Religion in den von der UdSSR annektierten Regionen im Westen der Ukraine, von Weißrussland, im Baltikum, in Bessarabien und der Nordbukowina, wo das normale kirchliche Leben aufrechterhalten wurde und zahlreiche Gläubige in Gemeinden und Diözesen organisiert waren. In kurzer Zeit bestanden in der UdSSR wieder mehrere Dutzende funktionierender Klöster mit Tausenden von Konventmitgliedern, mehreren Tausenden funktionierender Gemeinden, kirchlichem und klösterlichen Eigentum, geistlichen Ausbildungseinrichtungen, Verlagen und Presseorgane[27].
Für die sowjetische Leitung war es unmöglich, unter diesen Bedingungen ihre vormalige antikirchliche Politik weiterzuführen – aus Angst vor Massenkrawallen, die in diesem angespannten Augenblick äußerst unerwünscht waren. Der sowjetische Staat bemühte sich, die neuen Staatsbürger politisch zu neutralisieren und wenn möglich für sich zu gewinnen. Da die meisten von ihnen orthodox waren, wurde die Diskriminierung durch die polnische Regierung stark thematisiert. Wie beschrieben hatte die polnische Regierung vor dem Zweiten Weltkrieg mehrere hundert orthodoxe Gotteshäusern beschlagnahmt, mit dem Argument, dass die zaristische Regierung im 19. Jahrhundert diese mit Gewalt für die Orthodoxie okkupiert hätte. So ist es auch nicht erstaunlich, dass im September 1939 viele orthodoxe Priester zusammen mit der Bevölkerung die Einheiten der Roten Armee begrüßten, indem sie an den Glockentürmern rote Flaggen hissten.[28]
Unter Berücksichtigung der Aktualität und der Schärfe dieses Problem für die örtliche Bevölkerung wurde in den neubesetzten Territorien fand weder eine Einschränkung des religiösen Lebens im Rahmen der Gesetze der UdSSR noch die Nationalisierung des kirchlichen Eigentums statt. Besonders wichtig wurde die Position der ROK, deren Hierarchen, angefangen von Patriarch Tichon, die 1925 verkündete Autokephalie der Polnischen Orthodoxen Kirche zu keiner Zeit anerkannten.
Im Gegenteil: mit einem Memorandum Berijas vom 20. September 1940 entschied die sowjetische Regierung, mit Hilfe der russischen Erzbischöfe, welche die Jahre der Repressionen überstanden hatten, die Kontrolle über die Tätigkeit der Diözesen in den westlichen Gebieten der Ukraine und Weißrusslands zu errichten, „feindliche Handlungen“ zu unterbinden und die autokephalistischen Stimmungen in ihrer Umgebung nicht zu einem Vorteil für die Deutschen werden zu lassen. Daher wurde geplant, „durch die Agentur der NKWD in der Moskauer Patriarchie der Anhänger der Alten Kirche[29] den Beschluss der Patriarchie über die Ordination eines eigenen Exarchen (Vertreters) für die westlichen Gebieten der Ukraine und Weißrusslands durchzusetzen, damit sich ihm die Diözesen von Grodno und Nowogrudok, von Polesien und Wolyn administrativ unterordnen. Als solcher kann NKWD-Agent Jaruschewitsch, Erzbischof der Diözese von Leningrad, ordiniert werden, wodurch ein Auslandsgeheimdienststützpunkt gebildet werden könnte, und zwar zur Organisation der Agenturarbeit unter den Geistlichen, sowohl in den westlichen Gebieten als auch auf dem Territorium des deutschen Generalgouvernements.“[30]
Nach den Memoiren von Anatoly Krasnov-Lewitin[31] war Metropolit Nikolai, den Berija für einen NKWD-Agenten hielt, über seine Ordination alles andere als erfreut, auch wenn er in Peterhof unter den beengten Bedingungen litt. Er reichte beim Patriarchenstatthalter Metropolit Sergius (Stragorodski) ein Bittgesuch ein, in dem er Metropolit Alexius (Simanski) als Ersatz vorschlug, aber vergeblich.[32] Dies führte zu dem Gerücht, Erzbischof Nikolai und der künftige Patriarch Alexius gegeneinander feindlich gesinnt waren. Jedenfalls währte seine Tätigkeit als Exarch der westlichen Gebiete der Ukraine und Weißrusslands wegen der deutschen Invasion im Sommer 1941 nur kurz. Zum selben Zweck und auf gleichem Weg wurde „KGB-Agent“[33] Erzbischof Sergij (Woskresenskij) als Exarch der Baltischen Republiken (Lettland, Estland und Litauern) eingesetzt.
So bemühte sich die Regierung in den Jahren vor dem Krieg erstmals von selbst, und nicht auf internationalen Druck, sich den orthodoxen Glauben als außenpolitisches Instrument nutzbar zu machen. Westukrainer und Weißrussen, die sich mit ihren östlichen Landsleuten wiedervereinigten, sowie auch im Baltikum wohnende Russen, orthodoxe Moldauer, Esten, Letten und Karelier, die in ihrer Kultur den Russen nahestanden, ordneten sich orthodoxen Hierarchen der Moskauer Patriarchie unter.[34]
Die Nutzung loyaler kirchlicher Strukturen zur Verbreitung der sowjetischen Lebensart in wiedergewonnenen oder neubesetzten Territorien erwies sich als erfolgreich und wurde konsequent weiterentwickelt.
[1] Болотов С.В. Русская Православная Церковь и международная политика СССР в 1930-е – 1950-е годы. М., 2011. С. 36.
[2] ГАРФ. Ф. А353. Оп. 4. Д. 382. С. 127. Цит. по: Соловьев Илья, иерей. Раскольническая деятельность «обновленцев» в русском зарубежье // XVIII Ежегодная богословская конференция Православного СвятоТихоновского гуманитарного университета: Материалы. Т. 1. М., 2008. С. 273.
[3] РГАСПИ. Ф. 89. Оп. 4. Д. 177. Л. 29.
[4] ГАРФ. Ф. А353. Оп. 6. Д. 20. Л. 8.
[5] Митрофан (Шкурин), игумен. Русская Православная Церковь и советская внешняя политика в 1922–1929 гг. (По материалам Антирелигиозной комиссии) // Вестник церковной истории. М. 2006. № 1. С. 168.
[6] Соловьев Илья, иерей. Указ. соч. С. 274–275.
[7] Акты Святейшего Тихона, Патриарха Московского и всея России, позднейшие документы и переписка о каноническом преемстве высшей церковной власти. 1917–1943 гг. М., 1994. С. 286, 361–363.
[8] Петров С. Г. Документы делопроизводства Политбюро ЦК РКП(б) как источник по истории Русской церкви (1921–1925 гг.). М., 2004. С. 319.
[9] Безбожник. 1923. № 31 от 22 июля.
[10] Болотов С.В. Указ. соч. С. 39.
[11] Шкаровский М.В. Русская Православная Церковь при Сталине и Хрущеве. М., 2005. С. 89.
[12] https://www.vatican.va/holy_father/pius_xi/letters/documents/hf_p-xi_lett_19300202_ci-commuovono_it.html
[13] Карлов Ю.Е. Миссия в Ватикан. М., 2004. С. 16.
[14] Общественная мысль Русского зарубежья: энциклопедия / Инт общественной мысли; редкол.: В. В. Журавлев (отв. ред.) и др. М., 2009. С. 289–291.
[15] Акты Святейшего Тихона. М., 1994. С. 682–689.
[16] История РПЦ от восстановления патриаршества до наших дней. / Под общ. ред. М.Б. Данилушкина. СПб., 1997. Т. 1: 1917–1970. С. 303.
[17] Савва (Тутунов), иеромонах. Путь митрополита Евлогия в последние два года жизни // Церковь и время. 2007. № 38. С. 137.
[18] Курляндский И.А. Наш ответ Римскому папе: Как тт. Сталин, Ярославский и Молотов в 1930 году писали «интервью митрополита Сергия и его Синода» // Политический журнал. 2008. № 6–7. С. 183–184.
[19]Болотов С.В. Указ. соч. С. 41.
[20] S. Свитич А. Православная церковь в Польше и ее автокефалия // Православная церковь на Украине и в Польше в XX столетии, 1917–1950 гг.: Сборник. М., 1997.
[21] Васильева О.Ю. Февральская прессконференция митрополита Сергия иностранным корреспондентам: историческое наследие и материал для исторического осмысления // Альфа и Омега. 2002. № 3 (33). С. 131–132.
[22] Ebenda. С. 136.
[23] Известия ЦИК СССР и ВЦИК Советов рабочих, крестьянских, красноармейских и казачьих депутатов. 1930. 19 февраля.
[24] КПСС в резолюциях и решениях съездов, конференций и пленумов ЦК. М., 1984. Т. 5. С. 104.
[25] Русская Православная Церковь и коммунистическое государство: 1917–1941: Документы и фотоматериалы / Сост. О.Ю. Васильева. М., 1996. С. 290.
[26] Болотов С.В. Указ. соч. С. 43-44.
[27] Шкаровский М.В. Указ. соч. С. 102; Одинцов М.И. Религиозные организации в СССР накануне и в первые годы Великой Отечественной войны (1938–1943 гг.) // Отечественные архивы. 1995. № 2. С. 45.
[28] РГАСПИ. Ф. 17. Оп. 125. Д. 44. Л. 31.
[29] Im Gegenteil zu den Erneuerern (Anm. d. Ü.).
[30] Записка наркома внутренних дел СССР Л.П. Берии И.В. Сталину и В.М. Молотову «О церковных епархиях в западных областях УССР и БССР» 20 сентября 1940 г. Цит. по: Курляндский И.А. Сталин, власть, религия. М., 2011. С. 542.
[31] Anatoly Krasnov-Lewitin (russ. Анато́лий Эммануи́лович Леви́тин, 1915-1991) war kirchlicher Schriftsteller und Dissident, Aktivist der Erneuerer-Bewegung.
[32] Краснов-Левитин, А. Лихие годы: 1925–1941. Воспоминания. Париж, 1977. С. 323.
[33] Информационная записка наркома государственной безопасности В.Н. Меркулова И.В. Сталину и В.М. Молотову об автокефалистах в Прибалтике 29 апреля 1941 г. Цит. по: Курляндский И.А. Указ. соч. С. 543.
[34] Шин Д.Х. Деятельность Совета по делам Русской православной церкви при Совете Министров СССР в первое десятилетие его существования. 1943–1953 гг.: дис. ... канд. истор. наук. М., 2002. С. 38.
Bolotov, Sergey