Über die Stelle des Prinzips des Gehorsams in der gegenwärtigen asketischen Praxis
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Über die Stelle des Prinzips des Gehorsams in der gegenwärtigen asketischen Praxis
Mit dem von Gott gegebenen freien Willen verfügt der Mensch über uneingeschränkte Wahlmöglichkeiten. Aber den evangelischen Geboten zu folgen und dabei mit sich selbst ehrlich zu sein, sowie auch die Stimme des Gewissens von den geheimen Wünschen der eigenen leidenschaftlichen Seele zu unterscheiden – das scheint keine einfache Aufgabe zu sein. Die geistliche Leitung ist berufen, den Christen zu helfen, diese Tugenden zu entwickeln. Aber wie viel Gehorsam bedarf es dazu? Und in welchen Formen soll dieser sich äußern? Diese Fragen beantwortet Erzpriester Prof. Maxim Kozlov.
Dieser Vortrag hat überwiegend praktischen Charakter und behandelt die heutige Realität, deshalb betrachten wir nur ganz kurz allgemein-theoretische Fragen. Gehorsam ist, laut einer zutreffenden Anmerkung eines modernen Mönches, eine Erscheinung nicht nur ethischen und auch nicht nur asketischen, sondern auch metaphysischen Charakters. Laut der Lehre der Heiligen Väter war Adam vor dem Sündenfall mit einem Lichtgewand bekleidet, und, bildhaft gesagt, näht der Gehorsam diesen zerrissenen lichttragenden Chiton auf metaphysischer Ebene zusammen[1]. Ein Christ soll Gott durch die Erfüllung der Gebote gehorsam sein, und dem Priester in Angelegenheiten des Lebens in der Kirche und der christlichen Moral; aber ihm bleibt sein freier Wille und die Wahl der Taten, nämlich aufgrund seines Gewissens und des moralischen Gefühls. Er hat zwei Orientierungspunkte: die äußere Lehre des Evangeliums und die innere Stimme des Gewissens. Dieser Weg ist für alle offen; aber dennoch stößt der Mensch hier auf Schwierigkeiten und gewisse Gefahren: wie sollen die evangelischen Gebote konkret erfüllt werden, und wie ist die Stimme des Gewissens von den geheimen Wünschen unserer leidenschaftsverfallenen Seele zu unterscheiden, wenn sich das Böse unter der Maske des Guten versteckt? Hier entsteht das Bedürfnis, einen erfahrenen Menschen unseren spirituellen Zustand und die Situation, in der wir uns befinden, bewerten zu lassen, damit er uns hilft, gegen die Leidenschaften anzukämpfen und die Probleme, die vor uns auftauchen, wenigstens von der moralischen Seite her richtig zu lösen. Deshalb ist Gehorsam eine echte Notwendigkeit. Aber dabei entstehen Fragen, Missverständnisse und Fehler bezüglich dessen, in welchen Formen dieser Gehorsam erfolgen soll.
Die Idee der geistlichen Mentorschaft ist ein wichtiges Element jeder religiös-asketischen Tradition. In der christlichen Asketik spielt sie eine durchaus wichtige Rolle, und, wie Bischof Kallistos Ware, der bedeutende moderne Patrologe, betont, „hat auch heute noch ihre Bedeutung im vollen Maße inne“[2].
„Bischof und Priester“, schrieb der Hl. Hierarch Theophan der Klausner, „sind keine stummen Zeugen der Errettung Anderer, (…) sondern Täter, die die Herde wie eine Weide anbauen. Eben dafür wurden ihnen späterhin (…) gewisse Rechte zu Eigen gegeben, damit sie die Möglichkeit in Händen halten, Andere zu retten…“[3]
Die geistliche Leitung durch einen erfahrenen Vertrauenslehrer bzw. Mentor, der über die Gnade des Heiligen Geistes verfügt, ist auch eine der Formen des in seinem Wesen christlichen Hirtentums. „Das Starzentum besteht darin, dass diejenigen, die die Rettung suchen, sich nicht dem Vorsteher anvertrauen, sondern einem Anderen, der der Erfahrenste im Kloster oder außerhalb davon ist. In Wirklichkeit ersetzen ihn heute die Beichtväter, und in manchen Klöstern die Starzen, die damit gesegnet sind, dass die Anderen ihnen ihre Gedanken öffnen, und denen die Klostergemeinschaft zugeteilt ist“.[4]
In der christlichen Tradition unterscheiden die Forscher verschiedene Formen der geistlichen Leitung. Am häufigsten unterteilen sie diese in zwei Hauptformen der geistlichen Mentorschaft – die „administrative“ und die „charismatische“[5]. In welchen Begriffen aber auch immer sie sich äußern mag: diese Unterteilung spiegelt zwei Formen der geistlichen Macht im Leben der Kirche. Die erste ist das, was wir unter dem Wort „geistlich“ verstehen – durch die ununterbrochene apostolische Sukzession erfolgt die Weihe der Kleriker im Laufe der Jahrhunderte. Die zweite Form der Macht – eben das, was in der russischen Asketik das Starzentum genannt wird – ist eine ungeschriebene geistliche Überlieferung, die von Generation zu Generation durch geistliche Lehrer (die Heiligen) überliefert wird, die ihren Schülern die geistlichen Übungen des Lebens in Gott, die jahrhundertelang gesammelt und verfeinert worden sind, nahebringen. Im Gegenteil zur fundierten geistlichen Macht beruht die Anleitung durch Starzen auf persönlichen Beziehungen zwischen Starzen und Novizen[6].
Bemerkenswert ist, dass sich in der Ostkirche die oben erwähnten zwei Formen der geistlichen Leitung - die verfassungsgebende und die prophetische – keinesfalls gegenseitig ausschließen, denn ein „administrativer Geistlicher“ kann zugleich auch ein Starez sein. Die Koexistenz dieser zwei sich gegenseitig durchdringenden Ebenen spiegelt sich im koinobitischen Mönchstum, wo der allgemein-klösterliche (administrative) Gehorsam (d.h., die Unterordnung unter die klösterliche Obrigkeit) und die Einhaltung der Regeln und der Satzung des Klosters mit dem Gehorsam gegenüber dem Starez eng verflochten sind.
Der Kiewer Theologe Wassilij Exemplarskij[7], der in seinem epochalen Artikel „Das Starzentum“ («Старчество», 1917) die alten Schriftwerke der orthodoxen Asketik ausführlich analysierte, sah im Erscheinungsbild des Starzen ein wichtiges Detail. Ein Starez sei nicht unbedingt Wundertäter und Hellseher, und um seine Pflicht gegenüber dem Novizen zu erfüllen, müsse er auch nicht unbedingt ein Mensch sein, der die Leidenschaftslosigkeit erreicht hat. Viel wichtiger sei es, dass er im Kampf gegen die Leidenschaften, in denen sein Novize gefangen ist, erfahren ist. Vor Wassilij Exemplarskij wurde das Bild des Starzen in der Literatur, die in Bezug auf das Starzentum apologetisch war, fast ausschließlich in den vortrefflichsten Wendungen gemalt, als Bild eines heiligen Gottessehers und Wundertäters. Gewiss fußte solch ein Bild auf den Aussagen der Heiligen Väter, die (nicht ohne farbige byzantinische Rhetorik) teilweise einen idealen Leiter beschrieben hatten, und teilweise auch die erhabenen Gefühle, die ein ergebener Novize zu seinen Mentor verspüre. Wassilij Exemplarskij machte auf andere Aussagen der Asketen aufmerksam, die darauf hinausliefen, dass im wahren Starzen die Erfahrung des Kampfes gegen die Leidenschaften viel wichtiger sei als die Gaben des Wunderwirkens und der Scharfsichtigkeit[8].
Hier als Beispiele einige Zitate aus den Schriftwerken der Heiligen Väter, die Wassilij Exemplarskij anführt:
„Je nach den Eigenschaften unserer Leidenschaften sollten wir urteilen, welchem Leiter wir uns in Gehorsam anvertrauen sollten. (…) Wir sollten uns nicht solche Leiter aussuchen, die die Gabe der Prophetie oder der Scharfsichtigkeit haben, sondern vor allem solche, die wahrhaft demütig sind und nach ihrem Gemüt und Aufenthaltsort unseren Gebrechen angemessen sind“ (Hl. Mönch Johannes Klimakos). „Es obliegt uns, solch einen Lehrer zu suchen und zu finden, der zunächst all das im Wort gehört und aus Worten gelernt hat, und dann vom Geist durch Taten und Erfahrung gelehrt ist“ (Hl. Mönch Symeon, der Neue Theologe).
Über dasselbe sprach Jahrhunderte später der Heilige Mönch Siluan von Athos: „Vorher haben Sie über Ihren Wunsch geschrieben, so schnell wie möglich einen Starzen zu finden. Aber wissen Sie denn, was für einen Starzen Sie brauchen? Um Ihnen gerecht zu werden, muss der Starez ein Wundertäter sein, die Gabe der Scharfsichtigkeit, der Prophetie und der Lehrschaft haben, sowie in allem vollkommen und leidenschaftslos sein wie der Heilige Seraphim [von Sarow]. Und was wäre, wenn Sie an einen Starzen geraten, der außer der Gabe des Urteilsvermögens nichts besonders, nichts übernatürliches hat? Dann werden Sie mit ihm nicht zurechtkommen, denn dazu haben Sie noch nicht die psychologische Vorbereitung und die nötige Einfachheit des Glaubens. Nicht nur Ihr Willen muss fromm, sondern auch Ihr Verstand getötet werden. Und das Vertrauen haben Sie auch noch nicht. Sie brausen auf wie junger Wein. (…) Im letzten Brief habe ich es Ihnen schon einmal gesagt und wiederhole es nun: wenn Sie etwas Bestimmtes nicht in ihrer Seele verstehen und nicht berichtigen, werden Sie für sich nicht nur keinen wahren Starzen und Vater, sondern nicht einmal einen einfachen geistlichen Führer finden; und wenn Sie doch so jemanden finden werden, so wird dieser sich von ihnen abwenden. (…) Einer, der gehorsam und vertrauensvoll ist, bereichert sich an der Erfahrung, steigt von einer Stufe der Kraft zur nächsten und lernt, aus allem einen Nutzen zu ziehen. Und einer, der skeptisch ist, der zur Anfechtung und Misstrauen neigt und besonders stolz ist, der wird weder den Propheten erkennen noch im Wundertäter etwas Gutes erblicken und sogar noch einen Vollkommenen herabwürdigen. Sich mit einem solchen zu beschäftigen, ist sowohl beschwerlich als auch nutzlos, und alle Beichtväter vermeiden es, geistliche Führer solcher Schüler zu sein.“[9] Dazu passt die Anmerkung des Hl. Siluan von Athos zur Aussage eines seiner Briefpartner, dass dieser nicht die Absicht habe, den Starzen Siluan um den Segen für bestimmte Einzelheiten seines Lebens zu bitten, da er ihn nicht „wie ein Orakel“ benutzen wolle: „Wieso vergleicht er unsere Gebete mit einem Orakel? So billig hat er uns bewertet…“[10]
Wie Alexey Beglov richtig angemerkt hat, „war die asketische Praxis der Wendung zur Anleitung durch diejenigen, die im geistlichen Leben erfahrener waren, den Christen auch vor der Entstehung des Mönchstums bekannt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie, so wie auch andere asketische Praktiken, auf die Zeiten der Apostel zurückgeht. Das Mönchstum mitsamt anderen Formen des Asketismus nutzte diese uralte christliche Praxis, indem sie diese vertiefte und ausweitete. Dieser Hinweis auf die vormonastischen, altchristlichen, eventuell neutestamentarischen Quellen des Starzentums eröffnet uns eine großartige Perspektive für seine Analyse. Das Starzentum ist keineswegs eine ‚Neuerung‘ des 4. Jahrhunderts, sondern ein essentielles Element des christlichen Asketismus. So wie auch dessen anderen Elemente zeigt es sich in der Geschichte unterschiedlich. In jeder historischen Epoche erlangt es besondere Züge; doch in seinem Wesen ändert es sich weder noch verschwindet es.“[11]
Außerdem möchten wir daran erinnern, dass die Heiligen Väter keinesfalls Utopisten waren. Gewiss enthalten ihre asketischen Werke und Belehrungen überreichlich Ratschläge darüber, wie ein Christ vorzugehen habe, wenn der von ihm erwählte Hirte sich nicht als leidenschaftslos und heilig erwiesen hat, sondern als ein Mensch mit Unvollkommenheiten, Unvermögen und Leidenschaften. Es gibt auch Anweisungen darüber, wie man sich verhalten solle, wenn der eigene Hirte direkt und unmittelbar schlecht ist.
Der Hl. Mönch Nikodemos der Hagiorit schreibt in seiner Auslegung des Sendschreibens an die Juden: „Würde jemand sagen, wir sollten uns jedem Igumen, Erzbischof und Fürst unterwerfen – auch wenn er schlecht wäre? Ich antworte dir: Was, Christ, meinst du, wenn du sagst, dass dein Archimandrit oder Igumen schlecht sei? Wenn er im Glauben schlecht ist, wenn er also häretische und blasphemische Gedanken hat, dann gehe weg von ihm - selbst wenn er ein vom Himmel herabgestiegener Engel wäre. Wenn er aber in Lebensführung und Askese [Podwig] schlecht ist, dann unterwerfe dich ihm dennoch, denn der Herr sagt über solche wie ihn: ‘Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf Moses' Stuhl gesetzt. Alles nun, was irgend sie euch sagen, tut und haltet; aber tut nicht nach ihren Werken, denn sie sagen es und tun's nicht‘ (Mt. 23:3). Aber über Bischöfe und Igumene, die Häretiker und im Glauben verkehrt sind, sagt der Apostel Paulus, dass wir uns ihrer Lehre nicht anschließen dürfen: „Laßt euch nicht fortreißen durch mancherlei und fremde Lehren“ (Hebr. 13:9). Warum sollen wir denn gegenüber Erzbischöfen und generell allen Hirten, die im Leben schlecht sind, Gehorsam üben, aber nicht den Erzbischöfen (und generell keinen Hirten) gegenüber, die im Glauben schlecht sind? Weil ein Erzbischof, der schlecht lebt, den Anderen nie empfehlen wird, auch schlecht zu leben: er selbst schämt sich ja vor ihnen, wenn er böse Taten begeht. Und wenn er alle Tricks und Kniffe einsetzte, die von ihm begangenen bösen Taten vor den Menschen zu verbergen - wie sollte er sie dann den Anderen beibringen? Aber ein Erzbischof, der im Glauben schlecht ist, wird früher oder später seine häretischen Gesinnungen, die er in seinem Herzen trägt, dem Volke predigen.“[12]
Der Hl. Hierarch Johannes Chrysostomos lehrt: „Wer eine nicht-richtige Lehre darbringt, dem höre nicht zu, auch wenn ein Engel wäre; und wenn einer eine richtige Lehre darbringt, dann schaue nicht auf sein Leben, sondern auf seine Worte… Er spricht ja nicht selbst zu dir. Wenn du nur ihm Gehorsam leistest, erhältst du keine Belohnung – denn dir gebietet ja Christus. Was sage ich? Auch Paulus hätte man nicht zuhören sollen, wenn er etwas von sich selbst, etwas Menschliches gesagt hätte; sondern man soll ihm als einem Apostel zuhören, der Christus in sich hat, DER durch ihn sprach“[13].
Wir haben es nicht vermocht, bei den Heiligen Vätern einen Nachweis dafür zu finden, dass einem Hirten, der nicht leidenschaftslos und nicht heilig ist, kein Gehorsam geleistet werden sollte oder dass ein solcher keine gute Frucht im Leben des Novizen bringen könne. Dabei sollte unter Gehorsam die (eigentlich aufopfernde) Ablösung des egoistischen Willens und der eigenen Gesinnung verstanden werden. Sicherlich muss dieser wohltuende Gehorsam für einen Menschen, der sich noch nicht bereinigt hat, mit Schmerz verbunden sein. „Gebe das Blut und erhalte den Geist“ – diese Worte beziehen sich im vollen Sinne auf diese große asketische Tugendtat [Podwig] des wohltuenden Gehorsams in Christo.
Es existiert eine große Menge an offensichtlichen Bezeugungen und Beispielen dafür, wie die Herde zu ihrem Hirten die Liebe äußerte und sein Unvermögen und seine Nachteile deckte. „Im Vater, auch wenn er eine unzählige Menge von Unvermögen hat, bedeckt der Sohn alles: ‚Such deinen Ruhm nicht darin‘, sagt der Weise, ‚den Vater herabzusetzen, denn das ist keine Ehre für dich: Wenn sein Verstand abnimmt, sieh es ihm nach‘ (Sir. 3:10,13). Wenn solches über die leiblichen Väter gesagt ist, ist es umso notweniger, so auch über die geistlichen Väter zu sprechen“, sagt der Hl. Hierarch Johannes Chrysostomos.[14]
Die Verweigerung des Gehorsams ist in manchen Fällen aber gerechtfertigt: Häresie, Übertretung der evangelischen Gebote (welche der Übertretende dabei auch lehrt) und offene Abwendung von der orthodoxen Überlieferung.
Die Studien der asketischen Werke des mittelalterlichen Russlands lassen darauf schließen, dass der Gehorsam in den damaligen Zeiten weitgehend keine große Rolle spielte. In der altrussischen asketischen Tradition wurde der Begriff „geistlicher Vater“ (russ. «духовный отец», gr. „pneumátikos patér“) nicht in Bezug auf einen Starzen verwendet, sondern für einen Priester, der die Beichte abnahm. In den frühen Denkmalen der asketischen Literatur wie dem Paterikon des Kiewer Höhlenklosters sind Beispiele für intensive geistliche Mentorschaft durch Starzen außerhalb des Beicht-Kontextes kaum zu finden. Wie S. Smirnow anmerkt, erlauben es zwar die Vitae der russischen Heiligen, über die Existenz des Starzentums in Klöstern zu sprechen; aber die Autoren hatten kaum etwas dazu geschrieben, und daraus könne geschlossen werden, dass es nicht eine so große Rolle gespielt habe wie in der byzantinischen Askese.[15]
Die Wiedergeburt des Starzentums in der russischen monastischen Tradition wird normalerweise mit dem Namen des Hl. Mönches Paisij (Welitschkowski) (1722—1794) in Verbindung gebracht.
Nachdem er mehrere Jahre auf dem Athos-Berg verbracht hatte, konnte er sehr gut Griechisch. Das ermöglichte es ihm, die griechischen Väter im Original zu lesen und ihre Schriftwerke ins Slawische zu übersetzen. So konnte der Hl. Paisij das Starzentum unter dem Einfluss der griechischen Tradition wiederbeleben und die höchste Würde der Tugend des Gehorsams erläutern. „Jeder“, schrieb er, „muss jemanden haben, der in der geistlichen Anleitung erfahren ist, dem er seinen Willen völlig hingeben und wie dem Herrn selbst Gehorsam leisten könnte.“[16] Zugleich belebte der Hl. Paisij das patristische Bild des „Starzen“, und zwar dadurch, dass er jene festen Kriterien anführte, mit denen die griechischen Väter den Dienst des wahren Starzen bestimmten: Leidenschaftslosigkeit, Reinheit der Seele, Verbleiben im Heiligen Geist und Fähigkeit zum geistlichen Urteil. Durch das steigende Interesse am patristischen Erbe, das durch die Werke des Hl. Paisij (Welitschkowski) geweckt worden war, wurde der Gehorsam als asketische Tugendtat [Podwig] gegen Anfang des 19. Jahrhunderts im russischen Mönchstum immer wichtiger. Zur Krönung des russischen Starzentums wurde der Hl. Mönch Seraphim von Sarow – Starez par excellence – der die Auffassung des Starzentums als Prophetendienst endgültig festigte. Nach dem Hl. Seraphim gründen die Antworten eines Starzen nicht auf rationaler Tätigkeit, nicht auf theologischer Kennerschaft, nicht auf der Fähigkeit zur psychologischen Analyse und nicht auf der Fähigkeit zur psychologischen Analyse, sondern auf dem Willen Gottes. Er erklärt den Weg, auf dem der Starez die Kenntnis des Willen Gottes erlangt. „Den ersten Gedanke, der in meiner Seele erscheint, halte ich für einen Hinweis Gottes und spreche ihn aus, ohne zu wissen, was mein Gesprächspartner auf dem Herzen hat; dabei glaube ich, dass so der Wille Gottes aus mir spricht, zu seinem Nutzen. Es gibt aber Fälle, in denen man mir irgendwelche Umstände erzählt und ich, ohne sie dem Willen Gottes zu übergeben, diese meiner Vernunft unterordne, da ich dann denke, dass es möglich wäre, ohne Gott zu Rate zu ziehen, diese Fälle mittels des eigenen Verstandes zu lösen. In solchen Fällen werden immer Fehler gemacht.“[17]
Die Verbreitung des Starzentums im russischen Mönchstum zog die Aufmerksamkeit der russischen intellektuellen Kreise auf sich. So wurde das Optina-Pustyn-Kloster, das Zentrum der russischen monastischen Spiritualität des 19. Jahrhunderts, zu einem Ort intellektueller und spiritueller Pilgerschaft für Gogol, Kirejewski, Dostojewski, Tolstoi und Solowjow.
Doch im Vergleich zur Überlieferung der griechischen Väter zeigte sich in der russischen Tradition der Auffassung des Gehorsams eine gewisse Disharmonie des mystischen trinitären Verhältnisses Gott – Starez - Novize. Der Akzent auf das absolute Vertrauen des Novizen zum Starzen einerseits wurde durch die Anforderung an des Starzen geistliche Erfahrenheit andererseits nicht genügend ausgewogen. Es bildete sich der Eindruck, dass Erstes Letzteres völlig unterdrücken und sogar verdrängen könnte. Mit anderen Worten: der Glaube des Lehrlings wurde nicht nur für notwendig, sondern auch für hinreichend gehalten, damit die Antworten des Starzen – wer auch dieser sein möge – ihm Nutzen brächten.
Iwan Konzewitsch beschreibt die Gefahr einer solch verzerrten Auffassung des Starzentums und weist auf die Möglichkeit der Existenz von Pseudostarzen hin. Während „der wahre Starez den Willen Gottes mitteilt, schirmt der Pseudostarez Gott durch sich ab.“[18] Der Heilige Hierarch Ignatios Brjantschaninow schlägt Alarm wegen der Verletzung der Prinzipien des Starzentums, die in der damaligen russischen Praxis zu finden waren. Er rät aber, sie als notwendiges Element des asketischen Lebens nicht zu beachten.[19] Zu Anfang des 20. Jahrhunderts „erlangte der Begriff Starzentum eine finstere Färbung… das Wort wurde nur noch mit Verachtung und Antipathie ausgesprochen“, so Erzpriester Sergius Tschetwerikow[20]. Nikolai Berdjaew lehnte die Idee des Gehorsams völlig ab: „In der früheren Auffassung der christlichen Spiritualität wurden Gehorsam und Demut weitgehend missbraucht, vielleicht sogar besonders in der Orthodoxie. Der Weg des spirituellen Aufstiegs bestand nicht in der Aufklärung und Transformation des Willens, sondern in ihrer Auszehrung und Schwächung …“[21]
Die Ablehnung des Starzentums im 20. Jahrhundert ist sogar in den monastischen Bereich eingedrungen. So schreibt Vater Seraphim Rose: „Es gibt heute keine Starzen mehr, die Paisij ähnlich wären. Und wenn wir dächten, dass es solche doch noch gäbe, so könnten wir unseren Seelen unverbesserlichen Schaden zufügen.“[22]
Nichtsdestotrotz finden wir das traditionelle Ideal des monastischen Gehorsams immerhin noch auf dem Athos, insbesondere bei dem Hl. Mönch Siluan von Athos.
Über Athos schreibt Archimandrit Lasar (Abaschidse) in seinen jüngst veröffentlichen „Zellennotizen“ («Келейные записки») eventuell mit einer gewissen polemischen Überspitzung, aber nicht ohne Grund: „Unser ganzes „Mönchstum“, welches wir dort, im Vaterland, haben, stellt sich als elend und entartet und als eine Parodie des Mönchstums heraus. Vorher kam es uns so vor, dass es in unserer Zeit in geistlicher Hinsicht nichts Erhabenes und Schönes geben könne, doch hier sieht man plötzlich einen harmonischen Chor, einen triumphal schreitenden Körper der Väter, die in einer einstimmigen strengen Ordnung, mit mutigen Gesichtern, mit tapferem Gang und munterem Schritt gen Himmel schreiten… Hier sind die Mönche ganz anders, nicht wie die, die wir in unserem Land kennengelernt haben. Es kann gesagt werden, dass wir bis jetzt von der monastischen Welt nur die monastischen Gewänder und die Bezeichnungen „Novize“, „Mönch“, „Igumen“ und „Archimandrit“ kannten; aber echten Novizen, Mönchen und Igumenen bist jetzt gar nicht begegnet sind. Es gibt noch ein seltsames Gefühl, das mich hier von Anfang an verfolgt, und zwar: jedes Mal, wenn ich einen von den Athoniten sehe, entsteht ein eindringliches Erlebnis, als ob wir uns schon lange kennen würden und schon lange Zeit irgendwo benachbart und uns mehrmals begegnet wären …“[23]
Eine ganz strenge Position in dieser Frage vertritt Prof. Alexei Osipov, der im Vorwort zu seinem Buch „Die Träger des Geistes des Hl. Hierarchen Ignatios“[24] darauf besteht, dass es in unserer Zeit keinerlei Gehorsam gegenüber dem Beichtvater geben könne. Er führt anscheinend völlig objektive Argumente an: unter den Geistlichen seien oft solche, die unwissend hinsichtlich der spirituellen Gesetze und patristischen Schriftwerke seien und denen das patristische Verständnis für spirituelles Leben und spirituelle Weisheit fehle, und die auch nichts über die Anwendung der patristischen Gesetze auf die Psychologie und Kräfte des modernen Menschen wüssten. All das führe unvermeidlich zu ernsthaften Verzerrungen und Fehltritten im spirituellen Leben, und diese bewirkten „die ernsthaftesten Folgen nicht nur für das Leben der Hirten, sondern auch für das Leben der gesamten Kirche und der Gesellschaft im Allgemeinen“[25].
Dennoch besteht die Unrichtigkeit dieser Vorgehensweise bezüglich des existierenden Problems in unseren Augen darin, dass die vereinzelten Verzerrungen des kirchlichen Lebens nicht als repräsentativ angesehen werden können. Ebenfalls darf das Prinzip des Gehorsams selbst nicht wegen seiner Missachtung abgelehnt werden. Das betrifft vor allem die Erwähnung des Pseudo-Starzentums und der Pseudo-Seelenführung. Osipov schreibt: „Ohne zu verstehen, wer Beichtvater sein kann und was das bedeutet, und ohne zu wissen, dass Amt und Mönchstum allein einem Menschen nicht die Weisheit der Seelenführung schenken, und bei falschen Vorstellungen über die Tugendtat [Podwig] des Gehorsams (der sogar im Mönchstum selten ist), beginnen solche Priester und Laien, ohne ein geistliches Leben zu führen, leider bloß ein Spiel als ‚Starez-und-Novize‘… All das bringt natürlich weder den Ersten noch den Letzteren zu christlicher Demut und spirituellem Wachstum, sondern im Gegenteil zu noch größerem Eigendünkel, Fanatismus, direktem spirituellen (und manchmal auch körperlichen) Untergang sowie zur Entstehung totalitärer „orthodoxer“ Sekten innerhalb der Kirche.“[26]
Etwas zurückhaltender wird dieses Thema von Archimandrit Raphail (Karelin) behandelt. Allerdings merkt auch er an, dass „in unserer Zeit die Meinung entstanden ist, dass es notwendig sei, den eigenen Willen völlig an einen erwählten Geistlichen zu übergeben. Gehorsam ist aber nicht dasselbe wie Übergabe des Willens. Gehorsam wird gegenüber dem Lehrer und den Eltern geleistet; doch der eigene Wille wird ihnen nicht übergeben. Um seinen Willen zu übergeben, muss der Mensch so werden wollen wie sein Vertrauenslehrer, während manche Geistliche von ihren Gemeindemitgliedern leider absoluten Gehorsam verlangen und sich von Vertrauenslehrern zu kleinen Diktatoren in ihrer Gemeinde verwandeln. Es gibt sogar solch empörende Fälle, dass Priester bei der Beichte fragen: „Wer ist dein geistlicher Vater?“ Falls der Mensch sagt, dass er ins Gotteshaus gehe, aber noch keinen geistlichen Vater gewählt habe, wird ihm geantwortet: „Suche dir einen aus, und erst dann beichte.“ Falls er den Namen eines anderen Geistlichen nennt, wird ihm noch irritierender gesagt: „Dann gehe und empfange die Kommunion bei ihm.“ Solche Hirten teilen den Körper Christi in Stücke und machen sich das, was Gott gehört, zu Eigen. Bereits Apostel Paulus tadelte die einsichtslose Anhänglichkeit der Gläubigen an die jeweiligen Hirten, bei denen die Gemeindemitglieder sagten: „Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas…“[27], als Sünde vor der Einheit der Kirche. Recht haben nur diejenigen, die sich für Christi Eigen halten. Der Hirte ist nicht der Herr der Herde. Sogar ein Apostel darf von den Gläubigen nicht die Ehre empfangen, die Christus zukommt. Der Apostel Paulus entlarvte besonders diejenigen, die sich „des Paulus“ nannten: „Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt worden?“[28], fragte er. Vor relativ kurzer Zeit bildeten einsichtslose Verehrer des Gerechten Johannes von Kronstadt innerhalb der Kirche eine eigene Gemeinde, die von dem Synod der Russischen Kirche als Sekte verurteilt wurde. Der Hl. Johannes selbst sprach über diese Menschen einen Bann für die Kommunion aus. Wir können aber auch beobachten, wie manche geistlichen Lehrer um sich herum bewusst und gezielt eine Atmosphäre der Verehrung und Exaltation erschaffen und sich bemühen, den Respekt und das Vertrauen ihnen gegenüber in eine Art Kult umzuwandeln. Am häufigsten werden sie von zwei Leidenschaften geleitet: Ehrgeiz und Eigennutz. So entstehen in einer Diözese andere, unsichtbare Diözesen, und in Gemeinden abgeschlossene Untergemeinden, die ihrem Priester besonders ergeben sind…“[29]
Allerdings erkennt selbst der Archimandrit Raphail in der modernen Praxis der Seelsorge mindestens drei Formen des Gehorsams.
Die erste und sozusagen für alle akzeptable Form ist: der Mensch spricht mit einem Priester oder einer im spirituellen Leben erfahrenen Person, zum Beispiel einem Mönch (bzw. einer Nonne) und bittet um Rat. Hier hat er wiederum die Wahlfreiheit, ob er diesen Rat annimmt oder nicht. Solch ein Gespräch kann ihm helfen, die Situation zu klären und den richtigen Weg zu finden, ist für ihn aber nicht verbindlich.
Die zweite Form: der Mensch kommt zum Priester, um einen Segen zu erhalten. Er hat zwar schon eine Wahl getroffen, bittet aber darum, dass der Priester diese Wahl durch seinen Segen bestätigt, so dass die Gnade Gottes mit ihm wirke. Hier trägt der Mensch bereits eine gewisse Verantwortung für den erhaltenen Segen und muss sich um seine Erfüllung bemühen. Wenn aber irgendwelche zusätzlichen Hindernisse entstehen, dann ist diese Erfüllung nicht obligatorisch – obligatorisch ist der Respekt gegenüber dem Segen selbst, und seine Vernachlässigung wäre eine Sünde.
Die dritte Form: der Mensch überlässt die Entscheidung, wie er in einem gegebenen Falle vorgehen müsse, dem Priester, der ihm quasi die Richtung an einer Wegkreuzung weisen soll. Solcher Segen ist für den Menschen noch verbindlicher. Hier muss er alle seine Kräfte aufbieten, um ihn zu erfüllen. Nur wenn es deutlich unmöglich ist, sollte er sich an denselben Priester wenden, von seinen Umständen erzählen und ihn bitten, sie neu zu bewerten und dann zu entscheiden, ob der Segen unverändert bleiben soll. Wenn der Mensch den freiwillig angenommenen Segen eigenwillig nicht erfüllt, dann verwandelt sich dieser Segen zukünftig in einen Stein des Anstoßes auf seinem Weg.
Hier besteht freilich ein Problem, wie Erzpriester Wladimir Worobjow zu Recht angemerkt hat:
„Es kann folgender Vergleich gezogen werden: eine Touristengruppe steigt immer höher ins Gebirge auf. Erst gibt es Waldpfädchen, dann kommen Almen, und kommt man noch höher, gerät man in die Klamm, wo es keine Vegetation, sondern nur kleinwüchsiges Gebüsch, kleine Gräser und hohe Schneegebirge gibt, von denen Gletscher abrutschen. Von diesen Gletschern fließen Flüsse herab. Dann erreicht man eine Hütte, und dann, um den Gebirgspass zu erreichen, muss man schon über den Schnee gehen und den Gletscher hochklettern. Dafür ist es aber notwendig, eine spezielle Ausrüstung zu haben, Steigeisen, Picken und Seile, und einen ganz anderen Bergführer (nicht einen Touristen, sondern einen Alpinisten). Deshalb bleiben gewöhnliche Touristen an solch einem Rubikon stehen und gehen nicht weiter, denn dort droht tödliche Gefahr und ein ganz anderer Schwierigkeitsgrad. Die Touristenspaziergänge hören auf dieser Ebene auf. Sagen wir, bis zur Höhe von zweieinhalb bis dreitausend Meter kann so ein Tourist gehen. Aber auf viertausend Meter Höhe wird er nicht hochsteigen, wenn er kein Alpinist ist. Dort wird man auch gar nicht hingelassen, und wenn man es doch wagt, wird man höchstwahrscheinlich den Tod finden.
Ähnliches sehen wir auch in unserem kirchlichen Leben. Unser kirchliches Leben bringt uns bis zu einer bestimmten Höhe. Hier können wir sicher laufen, springen, arbeiten, etwas aufbauen und einrichten - aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Und weiter? Wir wissen nicht, wie wir weiter leben sollen. Und es stellt sich heraus, dass es praktisch keine Instruktoren oder Lotsen gibt, die wissen, wie man weiter leben soll – sie sind unerreichbar. Und wenn es sie doch gibt, dann sind sie sehr schwer zu finden bzw. man kommt nicht an sie heran. Es sind solche heilige Starzen, aber nur einige wenige in ganz Russland. Normale, gute Priester und Beichtväter schaffen es wohl bis hierher, aber weiter können sie nicht. Sie können nicht das innere Gebet lehren, da sie selbst nicht innerlich beten, denn sie haben ja keine Zeit. Sie können nicht lehren, die Leidenschaften wirklich endgültig zu besiegen; sie können nicht lehren, in der Präsenz Gottes zu leben; sie können nicht lehren, nach dem Willen Gottes zu leben; denn sie können den Willen Gottes nicht hören.
Und es entsteht das traurige Gefühl der Eingeschränktheit. Ein Mensch, der sich bemüht hat oder immer noch bemüht, spirituelles Leben zu führen, kennt wahrscheinlich dieses Gefühl, dieses Verspüren des eigenen Scheiterns. In Wirklichkeit hat sich herausgestellt, dass man gar nichts kann und nichts weiß, obwohl man sich die ganze Zeit so sehr bemüht hat… Also hat man nichts wirklich geschafft.
Gibt es denn da nicht irgendeinen Ausweg? Können wir auf irgendetwas hoffen? Objektiv und ehrlich: hier haben wir wenig Hoffnung. Wir sollten gestehen, dass wir in einer Periode der Kirchengeschichte leben, in der uns vieles unmöglich und unerreichbar geworden ist; viele Arten der Askese und Tugendtaten (Podwigen) sind für uns undenkbar und unmöglich geworden. Wir erinnern uns daran, was über die letzten Zeiten geschrieben steht: dass sie so schwer sein werden, dass nur diejenigen, die den Namen des Herrn anrufen, errettet werden.[30] Man wird in diesem schrecklichen Augenblick nur den Namen des Herrn anrufen müssen, und damit wird man schon errettet werden, trotz der schrecklichen und schweren Umstände der Zeit.
Jeder Zeit entspricht ein bestimmter Schwierigkeitsgrad und bestimmte spirituelle Errungenschaften. Der Herr wird es uns nicht verübeln, wenn wir nicht die gleichen Ebenen und die gleiche Gerechtigkeit und Heiligkeit erreichen wie die Heiligen der alten Zeiten. Doch wird uns dasselbe abverlangt wie ihnen –das Voranschreiten (Podwig).“[31]
Dieser Priester bezeugt anhand seiner Erfahrung auch wie folgt:
„Menschen, die sich wünschen, auf den eigenen Willen zu verzichten, gehorsam zu werden und den Willen Gottes zu suchen, gibt es sehr wenige. Daher darf der Priester sich nicht in die Irre führen lassen. Es entfaltet sich lebhafte Tätigkeit; alles wird wiederbelebt, alles wächst, es werden Gotteshäuser gebaut, anscheinend trägt alles Früchte, und der Priester bekommt Auszeichnungen und wird befördert - alles ist vorbildlich und großartig. Er kann jedenfalls glauben, dass alles großartig sei… Jeder Priester muss aber unbedingt im Kopf behalten, dass es nur dann großartig sein wird, wenn er sich Gott annähern wird, und wenn auch seine Herde zu Gott, zum spirituellen, segensreichen Leben streben wird. Nur dann kann es großartig werden, wenn die Göttliche Liturgie immer besser zelebriert wird, wenn im Gewissen und in der Seele das segensspendende Licht erscheint, und wenn irdischer Wohlstand, irdische Errungenschaften und irdische Auszeichnungen immer mehr an Bedeutung verlieren. All das wird er geringschätzen, wenn er vom segensreichen Leben, vom Leben mit Gott gekostet haben wird. Wenn er so leben wird, werden sich um ihn allmählich geistliche Kinder sammeln, die dieselbe Veranlagung haben. Wenn er aber hauptsächlich in irdische Tätigkeiten versunken ist, dann werden seine geistliche Kinder auch so werden: irdisch und nicht spirituell.
Am meisten soll der Priester sich vor der Ablenkung fürchten, denn diese trägt in sich den Geist des Antichrists und nicht den Geist Christi.
Er muss schauen, ob er nicht irregegangen ist, ob er selbst das einzig richtige Ziel nicht vergessen hat. Geht er zu Christus, ist er bereit, alles dafür zu opfern, um mit Christus zu bleiben. Und er muss tapfer gestehen, dass er wenig kann, dass ihm wenig gelingt, und es unter denen, die ihm folgen, sehr wenige wirkliche geistliche Kinder gibt. Und während er mit allen möglichen Tätigkeiten beschäftigt ist – mit Wohlfahrt und Lehre und auch mit Organisation und Zelebrierungen und Andachten – muss der Priester „das Einzige, was man braucht“, im Kopf behalten – das, was das Wichtigste ist und was man nie opfern oder aufgeben darf, nämlich das wahre, segensspendende Leben mit Gott. Alles Restliche hat ohne das segensspendende Leben keinen Zweck und keinen Sinn und wird nur das Gegenteil bewirken“.[32]
Ist es dennoch berechtigt zu bestreiten, dass der Gehorsam gegenüber dem Hirten nicht nur ein Gebot für Mönche, sondern für alle Christen ist? Der Christ muss seinem Hirten – ob er Apostel, Bischof, Beichtvater, Igumen (Pate bei der Mönchsweihe) oder Starez, also ein segensspendender Geistlicher ist – unbedingten Gehorsam leisten. Und dieses heilige Gebot gilt nicht nur für eine Weile, sondern für immer. Wenn ein Athos-Hesychast seinem Hirten in allem Gehorsam leistet, dann ist er seinem Starzen in jedem Schritt außerhalb der Zellentür, bei jedem Schluck Wasser und bei jeder Einnahme oder Ablehnung eines Herzensgedankens fügsam. Wenn eine Studentin des Moskauer-Theaterstudios, die aufrichtig Gott sucht, ihrem Hirten in allem Gehorsam leistet, dann hört sie auf ihren Priester - auch in Bezug auf Make-up, Diskos und die Fortsetzung des Studiums.
Zwischen diesen extremen Beispielen kann es Tausende von Zwischenstufen geben, aber in allen Fällen wird das Kriterium der Reinheit des Gehorsams eben das Gewissen des Christen sein, das sich mit jedem Sieg über das eigene sündige „Ich“ verfeinert, aber in jedem Fall von Ungehorsam gegenüber dem Hirten abstumpft.
In jeder Landeskirche gibt es gute Hirten. Wenn es in der Kirche keine gute Hirten[33] gäbe, würde dies bedeuten, dass sie des Hades Pforten nicht überwältigt[34] hätte; dass es in ihr keinen Christus gäbe und sie keine Kirche mehr wäre (möge Gott uns diese Worte verzeihen). Wenn es in der Kirche aber gute Hirten gibt (und es gibt sie, wahrhaftig, und sie werden bis zur Vollendung der Zeiten bleiben), dann bleibt das Gebot über den Gehorsam ihnen gegenüber (außer in den obenerwähnten Ausnahmen) für die Kirchenmitglieder unverändert gültig.
Dieses Gebot kann durch keine außerordentliche Erfahrung irgendeines Menschen, und sei er der Heiligsten Einer, außer Kraft gesetzt werden.
Ein guter Hirte (sowohl unter den Mönchen als auch unter den Laien) muss nicht unbedingt ein großer Asket, Hellseher oder Wundertäter sein; doch kann er nicht anders sein als ein „Lamm“, das seinen eigenen Willen Christus opfert. Solche guten Hirten gab es, gibt es und wird es in der Kirche geben. Um ein guter Hirte zu sein, muss man vor allem ein gutes Schaf Christi sein.[35]
Wenn wir also einen geistlichen Führer suchen, müssen wir uns nicht nach großen Asketen, Hellsehern und Wundertätern umsehen, sondern nach guten Hirten, die in der Überlieferung der Lebensart, die wir uns erwählen, erfahren und bestärkt sind, die ihre Herde lieben und ihre Leben für sie lassen würden.[36] Wenn die Suche aufrichtig und selbstlos ist, d.h., wenn wir einen Hirten suchen, um ihm unseren sündigen Willen zu opfern (und durch dieses Opfer den heiligen Willen Gottes zu erkennen), dann wird Christus selbst dem guten Schaf einen guten Hirten nach dessen Herzen aussuchen.
„Wer aufrichtig und von ganzem Herzen nach Erlösung sucht, den wird Gott zum richtigen Lehrer führen … Macht euch keine Sorgen - gleich und gleich gesellt sich gern.“[37]
Es darf nicht vergessen werden, dass es unterschiedliche Menschen gibt – und auch Priester sind unterschiedlich. Verschiedene Menschen passen zu verschiedenen Arten der geistlichen Fürsorge. Heilige und segensreiche Starzen unterscheiden sich von den meisten Geistlichen eben dadurch, dass bei einem wahren Starzen alle geistliche Fürsorge finden - sowohl die Jungen als auch die Alten, sowohl die Ausgebildeten als auch die ganz Einfachen, sowohl die Liberalen als auch die Traditionellen; er beherbergt sie alle, und allen um ihn herum geht es gut. Das ist ein vom Ideal noch unendlich weit entferntes, aber nichtsdestotrotz aufschlussreiches Beispiel dafür, wie Gott „alles in allem“[38] sein wird. Bei einem Gerechten, der Christus dient, fühlen sich alle um ihn herum gut. Bei den meisten Priestern, obwohl sie gut, verantwortungsvoll und andächtig sind, gelingt dies aber nicht. Bei ihnen fühlen sich vielleicht diejenigen gut, die ihm nach Persönlichkeitstyp, Charakter und dem, was sie vom Geistlichen erwarten, entsprechen. Aber andere würden wohl einen anderen Priester vorziehen.
Einige brauchen Strenge, Festigkeit und genaue Anweisung des Weges; buchstäblich eine schrittweise Instruktion. Bei Anderen ist es notwendig, gemeinsam zu weinen und sie zu bemitleiden, damit sie nicht in Schwermut verfallen. Ein vernünftiger Mensch wird sich einen Menschen suchen, bei dem er keine Hindernisse bei der Beichte haben wird und dessen Ratschläge und Belehrungen ihm offensichtlich geistlichen Nutzen bringen werden. Ein weicher Mensch, der zur Schlaffheit neigt, braucht einen Priester mit entschlossenem und festem Charakter; ein Mensch, der innerlich hart und streng ist und nicht weinen kann, braucht dagegen einen, der sein Herz schmelzen und für ihn um seine Sünden weinen kann.
In Großstädten haben die Menschen die Möglichkeit zu dieser Suche; dabei sollten die Ansprüche allerdings nicht zu groß werden. Wie ein Starez unserer Zeit sagte: „Wir sollen uns nicht bezaubern, damit wir uns nicht entzaubern.“ Wir sollen aus dem Priester keinen Abgott machen, damit wir später, wenn wir bei ihm natürliche menschliche Schwächen bemerken, nicht in Enttäuschung und Schwermut – manchmal nicht nur über ihn, sondern auch über die Kirche - verfallen
Diese Suche ist für den Menschen natürlich und muss verantwortungsvoll durchgeführt werden; da sollten seltsame Motive nach dem Motto „ich gehe einfach mal hin, und der Erstbeste soll mein Beichtvater sein“ keinen Platz haben. So etwas wäre völlig unrichtig – zumindest in den meisten Fällen; es wäre ein seltsam sorgloses Glücksspiel im Hinblick auf solch einen entscheidenden Aspekt des Lebens wie Seelenbetreuung und Fürsorge um die Rettung der eigenen Seele. Daher wäre es vernünftig, in der Anfangsphase des kirchlichen Lebens, oder nach dem Dahinscheiden des Beichtvaters, oder nach einem Umzug in ein anderes Land oder eine andere Stadt, oder einfach bei einer Veränderung der Lebensumstände, mehrere Gotteshäuser zu besuchen und sich anzuschauen, wie man dort zelebriert, predigt und mit den Gemeindemitgliedern umgeht; und dann zu entscheiden, wonach die eigene Seele strebt. So kann man mal hier und mal dort beichten gehen; und da, wo die Seele sich beruhigt, wo man verspürt, dass es das eigene Haus ist – dort kann man bleiben.
In diesem Zusammenhang erlaube ich mir – als eine durchaus private Erfahrung – neun Regeln für die Suche des Beichtvaters anführen, die bei einem Internet-Blog formuliert worden sind (Originalmitschrift):
1. „Denke hundertmal darüber nach, bevor du dich einem Priester anvertraust, der Andere lustig parodieren und bildhaft Scherze erzählen kann und in Gesprächen generell eine hervorragende schauspielerische Gabe an den Tag legt; denn möglicherweise ist seine Seelenführung auch eine Art Schauspielerei. Stell dir vor, wie witzig er Auszüge deiner Beichte vor seiner Frau oder im Kreis seiner Mitpriester parodieren würde.
2. Täusche dich nicht – die erfolgreiche administrative Tätigkeit und die Seelenführung sind zwei ganz verschiedene Dinge. Der Kopf des Vorstehers ist kein Rechner, der vor dem Gespräch mit geistlichen Kindern zurückgesetzt werden kann. Während er deine Beichte hört, denkt er vielleicht an Diözesenbeiträge oder Gemeindeprobleme, und dasselbe gilt für die Liturgie – das Gebet kämpft mit den Berechnungen, und das nicht immer erfolgreich. Mir ist kein Priester begegnet, der eine administrative Karriere gemacht und dabei auf Tagungen, Sitzungen, offiziellen Treffen, feierlichen Mahlzeiten und Autofahrten, die den größten Teil seiner dienstlichen Zeit beanspruchen, Gedenkzettel gelesen oder für seine geistlichen Kinder wenigstens seine Gebetskette gelesen hätte.
3. Lass dich nicht durch Priesterauszeichnungen beeindrucken. Kirchliche Auszeichnungen, insbesondere vorzeitig erhaltene (angemessen ist: Erzpriesterrang nach über zehn Jahren des Dienstes; verziertes Kreuz nach über 20 Jahren; Mitra nach über 30; Berechtigung, die Liturgie mit den offenen Heiligen Pforten (bis zum Cherubikon oder bis „Vater unser“ nach 35-40 Jahren) sind Zeichen einer gedeihlichen Karriere, nicht der Geistlichkeit.
4. Wenn du dir über die Mönchsweihe keine Gedanken machst, sondern eine normale Familie hast oder zu haben träumst, dann ist ein Mönch im Zölibat oder insbesondere ein Priester, dessen Ehe gescheitert ist, als Beichtvater in der Regel keine kluge Wahl. Beide werden dich eventuell nicht bzw. falsch verstehen, wobei der zweite dabei noch fähig wäre, deine Seele bewusst oder unbewusst mit seinen „Weisheiten“ aus persönlicher schlechter Erfahrung, dass „alle Weiber Dreck“ seine o.s.ä., vergiften. Ein junger Priester, der seine Frau zärtlich liebt und respektiert, welche seine Liebe ihrerseits voll erwidert, kann in Fragen des Familienlebens viel kompetenter sein als ein grauhaariger Erzpriester, der an der Familienfront eine bittere Niederlage erlitten hat.
5. Schlimmer als ein Beichtvater, der in einem BMW oder Mercedes unterwegs ist, ist nur ein Beichtvater, der so ein Auto in seiner Garage hat, aber in der Öffentlichkeit mit einem kircheneigenen Lada herumfährt.
6. Meide unbedingt die Priester, die dich jedes Mal mit dem Spruch von Seraphim von Sarow empfangen: „Meine Freude, Christus ist auferstanden!“ Diese Leutseligkeit rührt eher von Liebedienerei (oder, noch schlimmer, von Heuchelei) her als von geistlichem Frieden und allumfassender Liebe zu den Nächsten. Denn sowohl der Friede als auch die Liebe müssen durch Leid verdient werden; aber zur Liebedienerei neigen wir alle, auch erfahrene Hirten. Ein strenger, aber gescheiter Beichtvater ist besser als ein freundlicher, aber dummer.
7. Achte darauf, wie viel Zeit der Priester dem Gottesdienst widmet. Der Priester soll zelebrieren; die Liturgie ist sein Leben. Wenn er der Verwaltung, der Lehre, dem Sozialdienst und anderen Tätigkeiten mehr Zeit widmet als dem Dienst am Altar, dann ist das ein Warnsignal - für ihn und für seine potentiellen geistlichen Kinder.
8. Der Beichtvater soll ein guter Mensch sein. Ein schlechter Mensch kann kein wahrer Beichtvater sein. Wenn also dem Priester schlechte Taten nicht als Einzelfall unterlaufen (so etwas geschah auch den Heiligen), sondern regelmäßig, weil er einen schlechten Charakter hat, dann ist es besser, in einer anderen Gemeinde die geistliche Führung zu suchen.
9. Überlege dir, ob du wirklich das geistliche Kind des Vorstehers eines Gotteshauses sein möchtest, dessen Klerus Hals über Kopf aus der Gemeinde weggelaufen ist und sich in alle Winde zerstreut hat. Kleriker sind in der Regel anspruchslose Wesen und höchst geduldig (auch wenn es da Ausnahmen gibt), und wenn sie den Vorsteher nicht ertragen, wirst du ihn dann ertragen können?“[39]
Zum Schluss möchte ich auf das Problem des sogenannten Knabengreisentums eingehen.
„Knabengreisentum“ (russ. „младостарчество“) ist ein Begriff, der heute sehr weit diskutiert und der außer seiner eigenen Bedeutung häufig als Etikett verwendet wird - etwa so, wie man „Faschist“ sagt, wenn man jemanden schlechtmachen will. Ebenso hat man angefangen zu sagen, dies und das sei „Knabengreisentum“. Dabei wird das schreckliche Bild eines verrückten Priesters gemalt, der Sonnenblumenkerne durch die Gegend spuckt und Bonbons verteilt; der sich an die Stirn schlägt und an Zöpfen zieht; der der Einen sagt, „Heirate diesen“, und dem Anderen, „Tritt morgen ins Kloster ein“. Ein kirchlicher dünkelhafter Wirrkopf, der, von niemandem gebremst, macht, was er will, weil er meint, Charisma zu haben, wie es die wahren Starzen haben. Vielleicht gibt es tatsächlich solche Leute; aber ich habe sie nie gesehen. Ich habe wohl von ihnen gehört und gelesen, und es gibt sogar einen bekannten Text des Metropoliten Anthony (Bloom), in dem er über das Hirtentum und über negative Beispiele geistlicher Führung berichtet, die er von Menschen hörte, die nach England umgesiedelt waren. Aber auch er hat so einen Menschen nie selbst getroffen, sondern nur von ihnen erzählt bekommen.
Häufiger ist aber etwas anderes anzutreffen: ein Priester beginnt unwillkürlich und oft unbewusst, darauf zu dringen, dass man ihm nicht nur dann Gehorsam leiste, wenn er über die Wahrheit der Kirche, des Evangeliums, der Canones, der Kirchenlehre und den Nutzen für die Seele spreche, sondern auch in allen anderen Fragen. Bekannterweise sei dies für die Menschenseele nicht schädlich und manchmal sogar nützlich. Er habe ja (zurecht) ein gewisses Ansehen, und man solle zur Lösung von Problemen aller Art, aus der kirchlichen Praxis oder auch aus Alltag oder Pädagogik, auf ihn hören.
Manchmal sagt man: „Hör mal, du weißt doch, dass unser Priester es so für richtig hält; wieso machst du es nicht so?“ Eventuell wird es nicht explizit gesagt, aber es kann so eine Atmosphäre erschaffen werden: alle gehen hin, warum gehst du denn nicht hin? Alle gehen in dieser Heilquelle baden, wieso gehst du denn nicht hin? Alle fahren auf eine Pilgerfahrt, und du nicht? Und solch einen Druck gibt es sehr häufig.; er wird geäußert oder nicht geäußert, besteht aber als permanenter Hintergrund der Beziehungen des Priesters zu den Menschen.
Wenn der Priester sich nicht selbst bemüht, diesen Druck auf die eine oder andere Weise zu mildern, mal durch einen Scherz, mal durch eine nüchterne Anweisung, und sich nicht manchmal selbstironisch und zurückhaltend benehmen kann (da er versteht, dass er weder Johannes von Kronstadt noch ein Optina-Pustyn-Starez noch Vater Alexios Metschow ist, sondern einfach einer der vielen Kleriker der Russischen Orthodoxen Kirche), entwickelt sich um ihn vielleicht noch kein Kult, aber vielleicht ein „Kültlein. „Und wie er zelebriert! Dieser andere, der …, der zelebriert gar nicht so. Dort verspüre ich beim Gottesdienst gar nichts, dort gehe ich hin und stehe bloß herum. Bei ihm aber komme ich in so einen Gebetszustand!“ Und weiter: wie er die Beichte abnehme – „alle seine Worte, die er mir bei der Beichte gesagt hat, haben sich verwirklicht. Alles in meinem Leben hat er vorhergesagt und hergezaubert.“
Wenn der Priester beginnt, so etwas für sich auszunutzen, findet in seinem Bewusstsein eine Verschiebung statt: aus einem Gärtner, der hegt und pflegt, manchmal umzäunt und manchmal beschneidet, wird er zu einem Bildhauer, der meißelt. Ein Bildhauer ist er aber nicht; der Bildhauer ist der Herr (wenn wir es hochtrabend ausdrücken wollen).
Das Leben ist häufig wesentlich gröber, und daher entpuppt es sich in groben Lebenssituationen als Herumkommandieren. Dieses Herumkommandieren findet statt, wenn die im kirchlichen Leben notwendige Disziplin mit etwas verbunden wird, womit sie nicht verbunden werden darf – nämlich mit dem Gehorsam eines geistlichen Kindes gegenüber seinem geistlichen Vater; wenn selbst das Wort „Gehorsam“ inadäquat verwendet und wahrgenommen wird. „Sie haben die Gehorsamspflicht, Kartoffeln zu schälen“ – das ist eine Pflicht, eine Arbeit, ein Küchendienst, und hier wird irgendwann „Gehorsam“ gesagt. „Sie haben gehorsam am Chorrampen zu singen“ – eigentlich ist auch dies eine Arbeit und gar keine Gehorsamspflicht; der Mensch bekommt dafür Geld, und wenn er sich schlecht verhalten hat, wird er bestraft; und wenn er sich nicht vorbereitet hat, wird er gekündigt. Aber man sagt: nein, das ist Gehorsamspflicht. Und so geht es weiter: das ist Gehorsamspflicht, das ist Gehorsamspflicht, das ist Gehorsamspflicht. Es ist aber entweder eine Arbeit oder eine Pflicht, oder aber einfach eine Notwendigkeit, um Ordnung zu halten. Was aber den Gehorsam betrifft, so ist er freiwillig – innerhalb der Schranken, die von zwei Menschen festgelegt sind: die Abgabe des eigenen Willens eines Schülers an seinen Lehrer, von einem, der Vertrauen hat, an einen, dem er vertraut. Das ist das Einzige, was „Gehorsam“ im eigentlichen Sinne des Wortes genannt werden kann.
Häufig wird alles durcheinandergeworfen, und dann ist es schwer wieder zu trennen; ob es eine „Gehorsamspflicht“ so etwas ist wie „Es für dich gefährlich, dein Gebetsleben so und so zu organisieren“, oder ob es eine „Gehorsamspflicht“ ist, morgens zum Bahnhof zu gehen und dort ein Päckchen abzuholen. Die Extreme solches „Gehorsams“ sind so etwas wie: „Nikolaus ist für dich nicht der Richtige. Natürlich musst du es selbst entscheiden, aber ich sage dir: kommst du mit ihm zusammen, wirst du viele Tränen vergießen.“ Häufig ist es so, dass ein erwachsener Mensch, der nicht einmal ein Priester ist, seine Meisen sorgfältig im Zaum halten muss, damit sie keine Dummheiten machen. Doch muss man unbedingt vermeiden, dass einem so etwas herausrutscht wie „Mache es so, wie ich es dir sage; höre auf mich; wenn du es so und so machst, wird alles gut.“. Statt dessen muss man sich Mühe geben, dass der Mensch von selbst versteht, was er tun soll, und dass er allein durch seinen freien Willen entscheidet. Das ist das Schwierigste, da es vielen als die größte Gefahr erscheint, dem Menschen seinen freien Willen zu geben und sich zu bemühen, neben ihm zu stehen, ohne ihm diesen freien Willen zu nehmen. Gott hat dem Menschen aber diesen freien Willen gegeben, und wir sollten nicht versuchen, gerechter als Gott zu sein. Ebenso dürfen wir nicht meinen, ER habe ihn zwar gegeben, aber wir würden ihn lieber für uns nehmen und für andere alles entscheiden, wie es für sie heilsamer wäre; wie es für sie besser wäre, um sich zu retten. Das ist sehr schwer. Deshalb kommt es immer wieder zu solchen Phänomenen, nicht aus bösen Absichten oder weil der Kleriker sich Knechte bzw. Marionetten wünscht. Das kommt zwar manchmal auch vor, aber doch sehr selten.
Es gibt noch einen Aspekt, der als Kriterium für die Bewertung dessen, was das Knabengreistum ist, gelten kann: wenn von uns plötzlich verlangt und erwartet wird, dass wir den Priester lieben. Wenn es nicht um Disziplin oder die Leistung des Gehorsam geht, von der wir oben gesprochen haben, sondern um die Unterwerfung aus Liebe, aus Eintracht, da unsere Seelen und Herzen zusammen im Verein singen müssen. Das ist schon ein kleines Warnsignal, dass hier irgendetwas nicht stimmen kann, und wir sollten sofort ein paar Schritte zurücktreten.
Nun möchte ich noch folgendes anmerken: heute pflegt man mit dem Knabengreisentum als einem Schreckgespenst zu hantieren, indem man sagt, das alles und überall Knabengreisentum sei und es daher in der Kirche generell weder Gehorsam noch Disziplin geben solle. Man solle Bücher lesen und bloß darin seine Rettung suchen. Aber zeigt mir solche Menschen – außer den schlauesten Professoren mit und ohne Mitra – die sich so zu retten vermögen. Die gesamte Erfahrung des Kirchenlebens besteht darin, dass die Tradition eine „Übergabe“ von Mund zu Ohr ist, und die beste Überlieferung ist das, was von einem Lehrer und nicht durch Lektüre gelernt werden kann. Dennoch will man uns weismachen, dass die Zeiten der segensreichen Starzen vorbei seien (wahrscheinlich bereits seit Antonius, Makarius und Poimen dem Großen) und es seitdem nichts anderes mehr gebe als glatte Knabengreise, die jetzt in Scharen herumliefen, und auf die man nicht hören dürfe; man solle selber schlau sein und Bücher lesen – die Heilige Schrift und drei oder vier empfohlene Autoren, und das wäre es dann. Und wenn einer anfängt, über den Gehorsam zu sprechen, über das geistliche Leben, über die Erfahrung des Betens und davon, dass es notwendig ist, sich dazu durchzuschlagen, oder sogar über irgendeine mystische Erfahrung – dann sei das alles entweder Knabengreisentum oder Selbsttäuschung (Prelest). Damit wird alles zu einem fruchtlosen rationalen Schema ausgetrocknet, aus dem nie wieder etwas wachsen kann: weder Gebet noch wahres geistliches Leben. Deshalb ist es notwendig, vorsichtig zu sein.
Das Problem des Knabensgreistums hat auch eine Kehrseite: es ist nicht nur ein Problem der Priester. Auch die Gemeindemitglieder (und hauptsächlich die weiblichen) sind bereit, sich Starzen zu suchen und sie dann oft in Gemeindepriestern zu sehen, die nichts Derartiges an sich haben. So ein Beispiel gibt es im Leben von Arsenios dem Großen. Ihn bedrängte eine adlige Dame, die einen segensreichen Asketen und absoluten Gehorsam suchte. Wegen irgendwelcher kirchlichen Angelegenheiten besuchte er Konstantinopel und auch andere Städte. Und als sie ihn schon bis zum äußersten ermüdet hatte, soll er gesagt haben: „Bist du dir sicher, dass du Arsenios Gehorsam leisten möchtest?“. Und sie erwiderte voller Freude: „Na endlich! Ja, ja, das will ich, ich werde alles tun.“ „Nun gut. Wenn du in deinem ganzen weiteren Leben hörst, dass Arsenios in diese oder jene Stadt eingetreten ist, musst du sofort davongehen und zehn Stadien auf Distanz bleiben, und solange du nicht genau weißt, dass Arsenios die Stadt verlassen hat, darfst du dich dieser Stadt nicht näher als auf zehn Stadien nähern.“ Und das war die Antwort eines Heiligen… Wenn heute ein normaler Priester so etwas gesagt hätte, würde er sicherlich als Grobian und Knabengreis ausgeschimpft werden: „Der da meint wohl, etwas Besonderes zu sein; die Einen begrüßt er, die Anderen schickt er weg; natürlich, mich braucht er nicht. „
In manchen Situationen müssten wir viel zurückhaltender und delikater sein, und auch die Umstände der Zeit und der konkreten Menschen stärker berücksichtigen. Aber sicherlich muss ein Priester auf derartige Spekulationen, Anweisungen und schrittweise Instruktionen verzichten. Es gilt hier das Prinzip: bevor wir Wasser kochen, sollten wir Wasser eingießen und dann den Wasserkocher in die Steckdose stecken, sonst wird es niemals kochen. Es ist wahr, dass ein guter Priester sich von den minutiösen Instruktionen, da wo dies möglich ist, lösen wird; und wo es möglich ist, wird er sich bemühen, den Menschen durch Erziehung beizubringen, dass sie für ihre Taten selbst die Verantwortung tragen. Denn worum geht es bei dem Ganzen überhaupt? Um Flucht vor der Verantwortung. Um den Widerwillen, sich für etwas im kirchlichen und privaten Leben zu verantworten. Darum, alles nach dem Segen zu machen. Nicht weil der Gehorsam segensreich wäre, sondern weil es einfacher ist, so zu leben. Bloß nicht selber nachdenken - und das wäre es.
„Vielleicht werden jemandem diese Worte seltsam vorkommen. Aber es muss davon gesprochen werden. Normalerweise fällt es dem Menschen in seinem gefallenen Zustand schwer, seinen Willen vor dem Beichtvater, und generell vor irgendjemanden, zu verleugnen, sich zu demütigen und den wahren Gehorsam wenigstens im Geringsten zu leisten. Dafür ist die Tugendtat (Podwig) der Selbstzucht notwendig. Und häufig ertragen die Menschen nicht einmal die vernünftigste und herzhafteste geistliche Leitung, eben weil sie sich nicht demütigen wollen. Doch zugleich – so paradox dies scheinen mag - suchen viele Menschen eben das, was wir als „Instant-Erlösung“ bezeichnen könnten; sie suchen jemanden, der sagen könnte: „Ich weiß, wie es richtig ist“, und sie dann so führt, dass es nicht mehr notwendig wäre, selber an etwas zu denken, um von der permanenten Qual der Wahl zwischen dem Guten und dem Bösen, der Tugend und dem Laster befreit zu werden, indem sie diese Wahl, die sie treffen sollten, an jemand anderen übergeben. Ob dieser Andere aber weiß, wo der richtige Weg liegt, oder ob er nur ‚ein Blinder ist, der andere Blinde leitet, um mit ihnen zusammen in eine Grube zu fallen‘[40] – das erscheint ihnen unwichtig. Wichtiger sei das Andere – seine Kraft, sein Selbstvertrauen, seine Fähigkeit, sich andere unterzuordnen und entschlossen und bedenklos zu handeln.“[41]
Der verbreitetste Fehler geistlicher Kindern in Hinsicht auf ihren geistlichen Vater ist die Ersetzung des Gehorsams durch die Suche nach ständiger Kommunikation. In manchen Fällen wird der Gehorsam als Anlass für Treffen und Gespräche mit dem geistlichen Vater zweckentfremdet. Es ergibt sich entweder ein geistlicher Vampirismus oder der Wunsch, eigene verborgene Leidenschaften zu befriedigen. Hier wird die spirituelle Liebe zu einer „platonischen“ Liebe mit einer Beimengung von Schwärmerei und Romantik; das schlimme aber ist, dass solche Menschen einem Zeit und Kraft kosten, als ob sie beabsichtigten, alles für sich zu bekommen, was eigentlich allen gehören sollte. Wo die spirituelle Furcht vor dem Vertrauenslehrer schwindet, da schwindet auch die spirituelle Liebe zu ihm.
Zuletzt das Wichtigste: In unseren Augen ist die Hauptfigur in der Beziehung zwischen Novize und Starez eben nicht der Starez, sondern der Novize. Ein Hirte ist für die Herde da und nicht umgekehrt. Der Sinn der Beziehung zwischen dem Hirten und der Herde liegt darin, dass die Herde durch den Gehorsam gegenüber dem Hirten Christus ähnlich wird. Daher ist die Klassifikation der Hirten in „unwürdig Lebende“,“noch nicht Heilige“ und „Leidenschaftslose“ eher theoretisch. Der wirklichen Herde im wirklichen Leben ist es schwer, z.B. zu unterscheiden, wer würdig lebt und wer die Heiligkeit noch nicht entdeckt hat; wer in den heiligen Himmel der Leidenschaftslosigkeit kommen wird und wer, „gutmütig heuchelnd“, seine Christus-Ähnlichkeit unter erkünsteltem Unvermögen und Leidenschaften versteckt – das ist häufig nicht nur unmöglich, sondern auch gar nicht nötig.
Wie ein moderner Athos-Mönch schreibt: „Wer sein Unvermögen erkannt hat, der wird im Großen Mysterium des Gehorsams nicht die Leidenschaftslosigkeit des Hirten, sondern die Kurierung seiner kranken leidenschaftlichen Seele suchen. Wer aber seine Schwäche nicht erkennen will, dem wird es gelingen, ‚Leidenschaft‘ in der größten Leidenschaftslosigkeit, ‚Schwäche‘ in größter Stärke und ‘Unreinheit, Kleinlichkeit und Sünde‘ im reinsten, größten und heiligsten Menschen zu finden.“[42]
[1] S. Архимандрит Рафаил (Карелин). Послушание - основа спасения. http://karelin-r.ru/duhov/167/1.html
[2] Bischof Kallistos Ware. The Spiritual Father in Orthodox Christianity // Word out of Silence. A Symposium on World Spiritualities. Ed. J.-D. Robinson. Cross Currents XXIV, 2-3. 1974, c. 296.
[3] Феофан Затворник, святитель. Что потребно покаявшемуся и вступившему на добрый путь спасения. В сборнике Святитель Феофан Затворник. Внутренняя жизнь. Избранные поучения. М, 2001, с. 104-105.
[4] Феофан Затворник, святитель. У. соч., c. 105.
[5] Neyt F. A Form of Charismatic Authority // Eastern Churches Review VI, 1. 1974, с. 63) oder, wie Bischof Kallistos Ware sie nennt, „die verfassungsgebende und die prophetische“. (S. Kallistos Ware. The Spiritual Father in Orthodox Christianity, с. 297).
[6] S. Иеродиакон Николай (Сахаров).УЧЕНИЕ АРХИМАНДРИТА СОФРОНИЯ О СТАРЧЕСТВЕ: СТАРЧЕСТВО И ПОСЛУШАНИЕ В БОГОСЛОВИИ АРХИМАНДРИТА СОФРОНИЯ (САХАРОВА). Журнал института богословия и философии, N 10, СПб 2001, с. 85).
[7] Wassilij Exemplarskij (Василий Ильич Экземплярский, 1874-1933) war ein Professor der Kiewer Geistlichen Akademie. (Anm.d.Ü.)
[8] S. Беглов А.Л. Старчество в церковной традиции. Часть 3. Духовное руководство как элемент христианского аскетизма. http://www.bogoslov.ru/text/440005.html
[9] Софроний (Сахаров), иеромонах. Подвиг богопознания. Письма с Афона (к Д. Бальфуру). Эссекс-М., 2002, c. 88, 104, 109-110.
[10] Ebenda, c. 239.
[11] Беглов А.Л., ebenda-
[12] Иером. Доримедонт. К неверящим в то, что в наше время возможно доброе послушание пастырю. М., «Святая Гора», 2004. с. 30-31.
[13] Ebenda, S. 31.
[14] цит. по: Иером. Доримедонт. К неверящим в то, что в наше время возможно доброе послушание пастырю. М., «Святая Гора», 2004, с. 32-33.
[15] Смирнов С. Древне-русский духовник (M. 1913, с.26. прим. 5).
[16] В. Поляномерульский Житие и писания молдавского старца Паисия Величковского. M. 1847 г., с. 235; ср. там же, сс. 246-247, 262.
[17] Zitiert nach "Летопись Серафимо-Дивеевского монастыря", 1903, ч.1, с.371.
[18] Концевич И., Стяжание Духа Святого в путях Древней Руси (Paris, 1952), сс. 35-36.
[19] Свят. Игнатий Брянчанинов, "Приношение современному монашеству", Труды, М.. 1993, т. 5, сс. 71-75.
[20] Четвериков С., Из истории русского старчества, Путь 1 (1925), с. 99.
[21] Бердяев Н., About the New Christian Spirituality', Sobornost 25 (1934), с. 37.
[22] Zit. nach: D. Christensen, Not of This World. The Life and Teaching of Fr. Seraphim Rose. Pathfinder to the Heart of Ancient Christianity (Forestville, 1993), с. 633.
[23] Архимандрит Лазарь (Абашидзе), «Мучение любви (келейные записки)», изд. Саратовской Епархии, Саратов, 2005 г., с. 268—269.
[24] Носители духа святителя Игнатия (Духовные советы современным христианам). Калуга 2007, с. 1
[25] Ebenda, S. 1.
[26] Ebenda.
[27] Vgl. 1.Kor. 1:12, 3:4, 22 (Anm.d.Ü.)
[28] 1.Kor. 1:13 (Anm.d.Ü.)
[29] Архимандрит Рафаил (Карелин). О послушании монахов и мирян. http://karelin-r.ru/asketm/138/1.html
[30] Vgl. Joel. 2:32; Apg. 2:21; Röm. 10:13. (Anm.d.Ü.)
[31] Протоиерей Владимир Воробьев. Покаяние, Исповедь, Духовное руководство http://www.lib.eparhia-saratov.ru/books/03v/vladimir_vorobiev/confession1/8.html
[32] Ebenda.
[33] Vgl. Joh. 10:11 (Anm.d.Ü.)
[34] Vgl. Mt. 16:18 (Anm.d.Ü.)
[35] Свт. Димитрий Ростовский. (Цит. по кн.: Константин (Зайцев), архимандрит. Пастырское богословие. Изд. «Свет Православия», 2002. С 81.
[36] Vgl. Joh. 10:11 (Anm.d.Ü.)
[37] Прп. Лев Оптинский (Цит. по кн.: Преподобные Старцы Оптинские. Жития и наставления. Изд. второе. Свято-Введенская Оптина пустынь, 2002. С 52)
[38] Vgl. 1 Kor. 15:28. (Anm.d.Ü)
[39] http://testis-mutus.livejournal.com/83658.html
[40] Vgl. Mt. 15:14 (Anm.d.Ü.)
[41] Архимандрит Рафаил (Карелин). Умение умирать или искусство жить. Послесловие редакции. М., 2003, с. 429.
[42] Иером. Доримедонт. К неверящим в то, что в наше время возможно доброе послушание пастырю. М., «Святая Гора», 2004, с. 34-35.
Kozlov, Maxim, Erzpriester