„Vor den Toren Deines heiligen Tempels stehe ich…“ * Und weiter?
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„Vor den Toren Deines heiligen Tempels stehe ich…“ * Und weiter?
Tatyana Fyodorova berichtet über Schwierigkeiten, die Menschen, die sich ins kirchliche Leben integrieren wollen, erwarten können - über Probleme des Empfangs von Neulingen in Gemeinden und gelegentliche Grobheit und Intoleranz von Kirchendienern.
— Mama, komm, gehen wir in die Kirche rein, - diese unerwartete Bitte meines sechsjährigen Sohnes riss mich aus meinen Gedanken.
In die Kirche rein? Warum denn? Wir spazierten in einem alten Park von Moskau, plauderten über alles Mögliche, planten unsere baldige Auslandsreise, und dann plötzlich so was…
- In die Kirche rein, aber warum denn? Vielleicht lieber doch nicht? – Ich schaute meine äußere Erscheinung skeptisch an. Na ja, die Länge meines Kleides war wohl passabel – bis zum Boden, dabei auch fast bis zum Nacken bedeckend, die Schultern aber offen - so ein Pech… Ach ja, der Kopf ja auch unbedeckt… Aber wirklich, meine äußerliche Erscheinung an diesem Sommerabend taugte zum Besuch eines Gotteshauses überhaupt nicht.
- Wir müssen aber, Mama. Wir müssen unbedingt, - mein Kind war unbeugsam. – Ich will Ikonen sehen, und überhaupt… Ich will darein, verstehst du?
Ich weiß nicht mehr, was mich damals stärker erstaunte: Die Plötzlichkeit dieser Bitte oder die Beharrlichkeit meines Sohnes. Damals sprachen wir bei uns zu Hause nie über den Glauben. Mein Ehemann war der Meinung, dass die Kinder das selber klären könnten, wenn sie groß genug sind. Ich selbst kam in die Kirche wortwörtlic h nur für fünf Minuten zu Besuch, eine Kerze aufzustellen und schnell zurück. So hatte ich keine geringste Ahnung, wo unser kleiner Mitja solche Wörter wie „Kirche“ oder „Ikonen“ erfahren konnte.
Ich versuchte noch eine Weile lang dem Kind durch den Verweis auf mein unvorschriftsmäßiges Äußeres abzuraten, verstand aber, dass mein Sohn unbeugsam war. Plötzlich wurde ich vom Gedanken starr: „Werden diejenigen, die jetzt im Gotteshaus sind, doch nicht verstehen, dass man ein Kind, wenn es so gerne in die Kirche möchte, keinesfalls abstoßen darf?“.
Wir kletterten die hohe steile Treppe hinauf, dabei hatte ich große Angst, dass mein jüngstes, noch ziemlich plumpes Bübchen, abstürzt. In der Halle sprachen zwei alte Frauen leise miteinander.
- Meine lieben Frauen, - ich wusste nie, dass ich so bitten konnte, - könnten Sie uns bitte, bitte helfen. Mein Kind wollte so sehr die Kirche besuchen. Ich weiß, dass ich falsch angezogen bin, aber all das geschah so unterwartet, ich habe nicht gedacht, dass wir heute zu Ihnen kommen. Vielleicht haben Sie Kopftücher, könnten Sie mit bitte eins geben, damit ich meine Schulter und meinen Kopf bedecken könnte…
Die Gesichtsausdrücke der Türhüterinnen waren äußerst vielsagend, doch schaffte ich noch, meine in die Hast vorbereitete Rede fertig zu sprechen:
- … oder könnten Sie vielleicht selbst den Kindern Ikonen zeigen? Bitte! Ich könnte gerne solange auf der Straße warten, falls man hier nicht mal kurz stehen darf…
Das waren die letzten Worte, die ich noch zu sagen schaffte, und danach erklärte mir das donnerlaute Duo alles über mich selbst, meinen moralischen Zustand und wie ich mein Geld auf dem Strich verdiene. Wir glitten die Treppe wie kleine Erbsen herunter und ich, die ich vom Weinen kaum atmen konnte, hörte noch lange die hinterhergeschrienen Segenswünsche für die schamlose Dirne, die sich nicht entblödet hätte, mit ihrem unzüchtigen Äußeren im Gotteshaus zu erscheinen. Die zu Tode erschrockenen Kinder konnten nie verstehen, weswegen ihre Mama von diesen alten Damen so angegriffen worden war.
- Mama, ist das so, dass der liebe Gott schaut, was der Mensch, der zu IHM kommt, an hat? –Ich wusste nicht mal, wie ich diese Frage beantworten konnte…
Ein Jahr löste das andere ab, und das Land, in dem wir lebten, war schon anders. Immer häufiger fiel es mir auf, dass ich zur Kirche müsste. Im Telefonbuch fand ich die Adressen aller örtlichen Kirchen und klärte, wie man dorthin fährt… Aber jedes Mal, wenn ich versuchte, mir vorzustellen, wie ich zur Vorhalle steige und ins Gotteshaus komme, wurde es mir schlecht. Mich überlief die Panik – was wird, wenn ich mal wieder was falsch mache und wieder beschimpft und schief angeguckt werde? Ich dachte auch, dass, wenn ich schon so nichtsnutzig bin, dann habe ich im Gotteshaus nichts zu suchen – ich würde mit meiner Person das Heilige nur schänden. In diesen Kümmernissen schaffte ich es nicht, dem Bruder Jose Muñoz-Cortes zu begegnen, die myronspendende Iberische Gottesmutterikone aus Montreal zu sehen und es gibt noch vieles, was ich nicht schaffte…
Zum Glück ergab es sich so, dass es mir fünf Jahre später doch gelang, ins Gotteshaus zu kommen… Ich kam und blieb… Obwohl ich nicht weiß, wie lange ich noch unter Komplexen gelitten hätte, wenn mich nicht gutherzige Menschen wortwörtlich an der Hand hinein ins Gotteshaus führten, mich wie ein Kleinkind betreuten und mir halfen, richtig zu verstehen, was all das bedeutet, und was es überhaupt ist – ein christliche Leben zu führen…
Noch ein paar Jahre später sprach ich mit einer netten jungen Frau, der Mama von sehr lieben, sehr ruhigen und leisen Kindern. Ich fand es erstaunlich, warum ihre Kinder während des Gottesdienstes immer in den hintersten Reihen stehen, obwohl es vorn, an der Solea, völlig leer ist.
- Weißt du, wir versuchten, uns dort hinzustellen, - antwortete meine Gesprächspartnerin, die sich dabei offenbar sehr schüchtern fühlte. – Doch hat man uns gebeten, von dort weg zu gehen. Selten, aber immerhin kommt es vor, dass die Kinder etwas aneinander flüstern. Das störe die Frauen, die dort normalweise stehen.
Ich verbiss mir die Antwort, doch war ich äußerst verblüfft, denn eben diese Damen haben die Hälfte der vorigen Liturgie damit verbracht, alle möglichen Familienangelegenheiten durchaus laut zu diskutieren, und vor dem Hintergrund ihres Gesprächs wäre das leise kindliche Geflüster einfach nicht hörbar gewesen…
Wie sehr ich erfreute mich aber dann auf einer Gemeindeversammlung, als der Pfarrer alle altgedienten Gemeindemitglieder aufforderte, überhaupt keine Kritik zu üben – weder wegen des Äußeren, noch wegen der Gespräche – überhaupt keine Kritik halt. Der Herr hat die Neulinge mit so viel Mühe ins Gotteshaus gebracht. Wer sind wir, um sie zu vergraulen, um die Eltern dabei zu hindern, ihren Kindern die Liebe zum Gotteshaus einzupflanzen, um die unvorschriftsmäßig bekleideten Neueingezogenen zu verbreiben? Wird es nötig, werden die es die Priester selbst sagen und erklären, um die Neulinge dadurch keinesfalls zu kränken oder abzuschrecken. „… Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen…“(Jes 42,3 & Mt 12,20)
Vielleicht war es da das erste Mal, als ich merkte, dass es sogar in der besten Gemeinde gewisse Gruppen und Grüppchen gibt, die auf den ersten Blick aber nicht auffallen. Obwohl wir alle in Christo eins sind und die Kommunion aus dem einem Kelch empfangen (vergl. 1Kor.10,16), gibt es doch eine feine Teilung in „der Unsere“/„der Fremde“, und „dem Unseren“ wird zumindest ein bisschen, aber immerhin mehr erlaubt. „Der Unsere“ würde weder wegen eines Gespräches zur unrechten Zeit noch wegen eines unpassenden Rocks noch wegen des Kindes, das außer Rand und Band geraten ist, kritisiert. „Der Fremde“ ist aber immer im Visier, er wird unwillkürlich geprüft, ob er hineinpasst oder doch eben nicht. Manche Gruppen sind flexibler, manche verschlossener. In manchen Gemeinden wird der Neuling schneller akzeptiert und willkommen geheißen, in manchen wird er aber mehrere Jahre lang die Gemeinde besuchen, ohne die Namen derjenigen zu kennen, die bei jedem Gottesdienste mit ihm Seite an Seite zusammenbeten.
Dabei ist bei weitem nicht jeder so tapfer und selbstsicher, um als Erster zu versuchen, eine Bekanntschaft anzuknüpfen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die im gewissen Sinne seine neue Familie wurden. Wer wird aber Neulinge unterstützen, wenn wir es nicht tun? Wir erinnern uns ja daran, wie wir uns selbst verloren fühlten, wenn wir nicht wussten, wo man sich hinstellen oder durchgehen darf, wie man einen Bitt- oder Gedenkgottesdienst bestellt, und was man am Allerseelen-Samstag tun muss. Mögen wir als wenigstens ein bisschen denjenigen helfen, die es jetzt schwer haben. Mögen wir darauf bedacht sein, dass unsere Gemeinden keine Zukunft ohne Kinder haben. Falls wir den Kindern jetzt nicht helfen, den Gottesdienst zu lieben, den Glauben mit dem ganzen Herzen wahrzunehmen und wahre Christen zu werden, würden nach zehn-fünfzehn Jahren in unseren Gemeinden wieder nur alte Frauen mit weißen Kopftüchern bleiben. Wem würden wir dann dafür Schuld geben? Wieder mal der Sowjetischen Regierung, die längst in die Brüche gegangen ist?
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wer es schwerer hat – Eltern mit aktiven hurtigen Kleinkindern, verlegene Neulingen, die sich fleißig Mühe geben, alle möglichen Regeln bestens einzuhalten, aber wegen ihrer Unerfahrenheit häufig in ein Fettnäpfchen treten, oder diejenigen, die überhaupt zum ersten Mal im Leben die Kirchenschwelle übertreten haben und die eigenen Schüchternheit und Ungeschicktheit mit der gekünstelten Großtuerei kaschieren... Eins weiß ich aber genau – ob sie im Gotteshaus bleiben oder nicht, das hängt sehr von uns ab.
Ja, wir haben es auch schwer, wir wollen in der Stille und Ehrfurcht beten, ohne von der zur unrechten Zeit geöffneten Tür abgelenkt zu werden, ohne vom Lippenstiftabdruck auf dem Glasschutz einer Ikone zurückzuprallen, ohne zu zucken, weil jemand während des Cherubikons durch das Gotteshaus durchgeht… Es gibt noch vieles, was wir wollen, nicht wahr? Stellen wir uns aber eine interessante Frage, ob die Menschenmasse, die dem Heiland in den Tagen seines irdischen Lebens hinterhergelaufen war, sich immer angemessen und gesittet verhalten hatte? Sicherlich nicht, da hatten auch Kinder geweint, und jemand zur unrechten Zeit geflüstert… Und Manche hatten sogar etwas hinterhergeschrien. Der Herr hatte aber niemanden von ihnen vertrieben, auch seinen Aposteln hatte ER nicht erlaubt, jemanden zu vertreiben (u.a. Mt 19,14). Wieso halten wir es für uns aber möglich, jemanden deswegen zu verstoßen, da er unseren Vorstellungen davon, wie es sich gehört, nicht entspricht? Was suchen wir, wenn wir auf „falsches“ Äußere der Anderen, kindliches Geflüster, einen nebenstehenden Nachbar, der sich zur unrechten Zeit umblickte krankhaft reagieren - suchen wir nach Gott oder nach unserem eigenen Komfort? Ist das vorstellbar, dass der Herr sich geweigert hätte, das Haus von auf IHN wirklich wartenden Menschen zu besuchen, falls da eine nicht ganz „gemäß Vorschrift“ angezogene Frau wäre? (vergl. Lk 19,1ff)
Mögen wir uns doch an diejenigen erinnern, die uns in unseren Neophytenzeit beistanden, wer uns unterstützten und unsere Schwächen und Fehler duldeten… Denn es wird gar nicht so viel von uns verlangt – einfach mal zu schweigen, wenn etwas nicht so ist, wie es sein müsste, und für den uns nervenden Menschen in unserem Herzen zu beten. Und ihm kurz auch noch kurz zuzulächeln… Und der Herr wird schon alles richtig machen. ER selbst.
* „Vor den Toren Deines heiligen Tempels stehe ich…“ ist der Beginn des 11. Gebetes vom hl. Johannes Chrysostomos aus der Gebetsregel vor dem Empfang der Heiligen Gaben.
Quelle: https://www.pravmir.ru/pred-dvermi-xrama-tvoego-predstoyu-a-dalshe/
Fyodorova, Tatyana