Predigt zum Vergebungssonntag (Mt 6, 14-21), 22.02.2026 Beliebt
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Liebe Brüder und Schwestern,
der heutige Sonntag ist der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies gewidmet.
Es gibt die geflügelte Redewendung „bei Adam und Eva anfangen“. Sie bedeutet, dass man zur Erklärung eines Sachverhaltes sehr weit ausholt, bevor man auf den Punkt, auf den Kern der Sache kommt. Und hier kommt die zweite Bezeichnung des heutigen Sonntags ins Spiel „Sonntag des Vergebens“.
Was haben diese beiden Bezeichnungen miteinander zu tun?
Im Evangelium von heute finden wir eigentlich keinen direkten Bezug zu Adam und Eva. Der heute gelesene Abschnitt besteht aus drei Teilen, die drei verschiedenen Themen gewidmet sind:
Das erste handelt von der Vergebung, das zweite vom Fasten und das dritte davon, wo der wahre Schatz des Menschen liegen sollte und was er ist.
Es geht also zuallererst um Vergebung. Warum und was ist das eigentlich?
Schauen wir in die einschlägigen Online-Enzyklopädien, dann lesen wir folgendes:
„Vergebung ist die Überwindung negativer Gefühle und Einstellungen gegenüber einer Person, von der man verletzt wurde.“
Damit ist schon mal klar, dass es sich hier um die Wechselwirkung zwischen mindestes zwei Personen handelt: der Person, der vergeben wird und derjenigen, die ersterer vergibt.
Es stellt sich sofort die Frage: Ja, warum sollten wir denn so etwas überhaupt tun? Geht es nicht ohne diesen schwierigen Prozess, der eine Überwindung auf beiden Seiten erfordert?
An dieser Stelle ist die göttliche Offenbarung, die wir mit dem heutigen Evangelium erhalten, eineindeutig:
„Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebet, so wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen aber nicht vergebet, so wird euer Vater auch eure Verfehlungen nicht vergeben.“
Das ist genau der Punkt. Wir selbst begehen Verfehlungen – anderen gegenüber, Gott gegenüber. Nur wer selbst in völlige Verblendung und Stolz verfallen ist, wird dieses ernsthaft bestreiten. Solchen Menschen ist schwerlich zu helfen.
Wenn wir aber unser eigenes Tun betrachten, dann werden wir feststellen, dass wir nur durch Vergebung anderer und vor allem durch Gottes Vergebung überhaupt die kleinste Chance haben werden, in das göttliche Königtum einzutreten. Die nun kommende Fastenzeit bietet eine hervorragende Gelegenheit dazu, diese Betrachtung durchzuführen.
Dass wir außerhalb dieses göttlichen Königtums sind, lässt sich auf die eingangs angerissene Situation, der Vertreibung von Adam und Eva – also damit der Menschheit – aus dem Paradies zurückführen.
Hier handelte es sich nämlich darum, dass der Prozess des Vergebens nicht in Gang kam. Als Adam und Eva vom Teufel in Gestalt der Schlange versucht worden sind und dieser Versuchung nicht widerstanden, bat Adam nicht um Vergebung. Er suchte nach Ausflüchten, was letztendlich dazu führte, dass Gott ihnen gar nicht vergeben konnte und demzufolge Adam und Eva ihren privilegierten Status im Paradies verloren.
Beide hatten die Freiheit, so oder anders zu handeln. Diese Freiheit bekamen sie von Gott. Die Liebe Gottes zu den Menschen bedingte die Gewährung dieser Freiheit, ansonsten wäre ja der Mensch quasi ein Gefangener im Paradies gewesen.
Der Mensch wählte einen anderen Weg. Häufig wird dieser Schritt auch als Ursünde bezeichnet. An der Folge dieser Ursünde hatte dann die ganze Menschheit zu tragen. Wir haben auch den freien Willen. Auf den Punkt gebracht, können wir uns immer für oder gegen Gott entscheiden. Es ist unsere Wahl.
Wenn wir uns für Gott entscheiden, dann stellt sich sofort die Frage: Ja, wir kommen wir denn dann wieder zu Ihm, ist das überhaupt möglich?
Ja, es ist möglich. Wir sprechen ja von Christus als „den neuen Adam“. Seine Hingabe, sein Kreuzestod und seine Auferstehung waren ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, der uns wieder die Chance gibt, zu Gott zurückzukommen.
Dies bedingt, dass uns Gott unsere Verfehlungen vergibt.
Und, nur mit einem reinen Herz und einem reinen Gewissen werden wir in das himmlische Königtum eintreten können. Nur mit diesen wird es uns möglich sein, vor Gott zu treten und in seinem Licht nicht zu verbrennen. Diesen Zustand von Herz und Gewissen können wir aber nur dann erlangen, wenn wir mit unserer Umwelt Frieden geschlossen haben.
Und jetzt kommen wir wieder auf das heutige Evangelium zurück. Um diesen zu erreichen, ist die gegenseitige Vergebung unabdingbar.
Wie vorhin angemerkt, sind dazu immer mindestens zwei Handelnde dabei: die Person, der vergeben wird und die, welche ersterer vergibt.
Wir finden uns in beiden Rollen wieder. Wir selbst haben anderen wissentlich oder unwissentlich Unrecht getan. Manchmal in Taten, manchmal in Worten, manchmal in Gedanken. Wir selbst sind durch andere in die Situation gekommen, dass wir verletzt worden sind und negative Gefühle und Einstellungen denjenigen gegenüber hegen.
Heute ist die gute Gelegenheit dazu, dieses auszuräumen, denn wir feiern heute im Anschluss an die Liturgie die Vesper der Vergebung in der sich die Gläubigen, die daran teilnehmen, sich gegenseitig vergeben.
Natürlich ist das ein formaler Rahmen, der dazu Anlass gibt und der von allen genutzt werden sollte, indem man an diesem Gottesdienst und den Vergebungsritus, dabei dem jeder jeden individuell um Vergebung bittet, teilnimmt.
In diesem Sinne wünsche ich allen eine gesegnete Große Fastenzeit und bitte ich euch um Vergebung, mit den Worten, wie sie in der heutigen Vergebungsvesper gesprochen werden:
„Segnet mich, heilige Väter, Brüder und Schwestern, und verzeiht mir sündigem, was ich an diesem Tag und an allen Tagen meines Lebens gesündigt habe, in Wort, Werk, Gedanken und mit allen meinen Sinnen.“
Amen.