Predigt zum Sonntag des Zöllners und des Pharisäers (Lk 18,10-14), 01.02.2026
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Liebe Brüder und Schwestern,
wenn wir in ein Café gehen und einen Pharisäer bestellen, dann bekommen wir einen Kaffee, der mit Cognac versetzt ist.
Dieses Getränk ist also äußerlich ein Kaffee, aber wenn wir genauer es genießen, dann stellen wir fest, dass der äußerliche Schein getäuscht hat und wir hier ein handfestes alkoholisches Getränk bekommen haben.
Die Bezeichnung dafür kommt nicht von ungefähr. Denn der Pharisäer, von dem wir in der heutigen Lesung hörten, war nach außen hin der perfekte Gläubige. Er hielt alle Fasten ein, betete regelmäßig zu den vorgeschriebenen Zeiten und gab den Zehnten für den Tempel. Dazu war er wie die anderen Pharisäer sehr gebildet und belesen, er kannte das Alte Testament vorzüglich.
Also äußerlich alles supi! Doch wie sah es in ihm aus? Und hier zeigt sich ein völlig anderes Bild, dass sich von dem äußerlichen perfekten Eindruck diametral unterscheidet. Er war voller Stolz erfüllt. Er war in seinem eigenen Empfinden genial, perfekt und natürlich viel besser, als alle anderen um ihn herum. Vor allem viel besser, als der Zöllner, den er neben sich im Tempel bemerkte.
Der heilige Gregor der Große schreibt dazu:
„Der Pharisäer betrachtete Mäßigung, Barmherzigkeit und die Ehre Gottes, doch er war blind gegenüber der Wache der Demut. Was nützt es, nahezu alle Zugänge zur Stadt vor feindlichen Angriffen zu schützen, wenn ein einziger offener Durchgang bleibt, der den Feinden Zutritt gewährt? Was bringt eine nahezu überall aufgestellte Wache, wenn durch die Nachlässigkeit an einem Ort die gesamte Stadt gegenüber den Angreifern offen ist? Der Pharisäer, der fastete, den Zehnten gab und Gott lobte, bemühte sich zwar, seine Stadt von allen Seiten zu schützen. Doch durch die Vernachlässigung des einen Zugangs aus Hochmut übersah er den Feind, der dort eindringen konnte, wo er seine Augen verschloss.“
Gott schaut tiefer, er nimmt im Gegensatz zu uns, die wir häufig uns von Äußerlichkeiten beeindrucken lassen, auch das wahr, was sich bei uns im Innersten tut, was unsere eigentlichen Beweggründe sind. Er schaut bis in das Tiefste unseres Herzens hinein. Welche Motive treiben uns, weshalb handeln wir in der bestimmten Art und Weise? Das ist letztendlich auch die Fragestellung, die wir einmal beantworten werden müssen, wenn wir vor Gott stehen.
Und es hilft alles nichts, nur, wenn wir uns selbst eine ehrliche Antwort geben, dann haben wir auch die Chance zu erkennen, ob mit uns alles in Ordnung ist, ob wir auf dem richtigen Weg sind.
Dieses Thema hatten wir ja auch schon letzte Woche, als wir uns mit einem anderen Menschen, dem Zöllner Zachäus beschäftigten. Standortbestimmung und Kurskorrektur waren da die zentralen Momente.
Diese Herangehensweise traf auch auf den Zöllner zu, der heute neben dem Pharisäer im Tempel stand. Er erkannte, dass er eigentlich in seinem Leben nicht gemäß Gottes Geboten gehandelt hatte. Wir erinnern uns: die Zöllner waren eine Berufsgruppe, die durch die ihnen verliehene Macht aus den Bewohnern des Landes Steuern eintrieben und dabei sich auch kräftig bereicherten. Aber das aus tiefstem Herzen kommende Gebet: „O Gott, sei mir Sünder gnädig.“ rechtfertigte ihn vor Gott. Denn dieses kam von tiefstem Herzen, er erkannte seine Unwürdigkeit, aber auch seine Machtlosigkeit, eine Veränderung in seinem Leben zu bewirken. Nur Gott konnte ihm helfen.
Diese beiden Beispiele völlig unterschiedlicher Herangehensweisen zeigen uns deutlich, was die Handlungsempfehlung für uns ist.
Erkennen wir, wo wir stehen. Was sind unsere Beweggründe für unsere Handlungen, für unsere Beziehungen anderen gegenüber.
Schon im Alten Testament entlarvte Gott die Stolzen, die Hochmütigen:
„Wehe denen, die sich selbst für weise halten.“ (Jesaja 5,21)
„Der Herr widersteht den Hochmütigen.“ (Sprüche 3,34)
„Jeder Hochmütige ist vor Gott unehrlich.“ (Sprüche 16,5)
Leider ist es so, dass ein Mensch, wenn er voller Stolz erfüllt ist, wenn er der Meinung ist, dass er – und nur er – alles richtig macht, nur sehr schwer und auch eher selten selbst aus dieser Falle herauskommt. Manchmal müssen dann erst schwierige Situationen, um nicht zu sagen gar Tragödien sich abspielen, damit er sozusagen einen Reset bekommt und die Erkenntnis analog zu der des Zöllners reift.
Es muss natürlich nicht so weit kommen, denn auch kann hier das Gebet zu Gott helfen, um nicht in diese Falle zu geraten – so zum Beispiel das Herzensgebet oder auch als Jesus-Gebet bezeichnet:
„Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner des Sünders.“
Alternativ oder zusätzlich kann man sich auch in einer freien Minute, zum Beispiel vor dem Abendgebet, hinzusetzen und in sich hineinzuhören, ob man am vergangenen Tag hochmütig oder pharisäerhaft unterwegs war. Oder die Reaktionen anderer auf unser eigenes Verhalten bewusst wahrzunehmen und zu analysieren, kann dazu beitragen, eine derartige Korrektur einzuleiten.
Der heilige Gregor Palamas fasst die heutige Lesung wie folgt zusammen:
„Wie lautet nun das Ergebnis dieses Falls? – „Dieser wir gerechtfertigt werden“, sagt der Herr, „mehr, als der, der sich selbst erhöht. Denn wer sich selbst erhebt, wird erniedrigt, und wer sich aber erniedrigt, wird erhöht werden.“ Der Teufel ist der personifizierte Stolz, dessen bösartiges Element alle menschlichen Tugenden überwältigt und zunichte macht. Im Gegensatz dazu repräsentiert die Demut vor Gott die Tugend der himmlischen Engel und besiegt jede menschliche Sündhaftigkeit, die ins Wanken gerät. Die Demut fungiert als der Wagen, der zu Gott emporhebt, gleich den Wolken, die die Macht haben, diejenigen zu Gott zu führen, die für immer bei Ihm bleiben werden.“
Hilf uns, o Herr, besonders jetzt, als Einstieg in die in Kürze beginnende Fastenzeit die Bedeutung unserer eigenen Taten nicht zu hoch einzuschätzen und nicht nur auf das Äußere, Offensichtliche zu achten, sondern auch das Verborgene, das Wesentliche zu erkennen. So wie es auch im Festlied des heutigen Sonntags (Triodion) vom Zöllner und Pharisäer heißt:
Lasset uns fliehen / die hochmütige Prahlerei des Pharisäers / und lernen das demütige Seufzen des Zöllners. / Zu unserem Erlöser lasst uns rufen: // Vergib uns, Allererbarmer.
Amen.