Predigt zum 11. Herrentag nach Pfingsten (1 Kor. 9:2-12; Mt. 18:23-35) (16.08.2026)
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Liebe Brüder und Schwestern,
der unbarmherzige Gläubiger, von dem das heute vorgetragene Gleichnis des Herrn handelt, steht für alle gläubigen Menschen, die meinen, das Seelenheil sei für uns „gute Menschen“ ein Kinderspiel, quasi zum Nulltarif zu erlangen. Sie lassen völlig außer Acht, dass es einen Widersacher gibt, der sie zeit ihres irdischen Lebens sich lange in Sicherheit wähnen lässt, so dass sie am Tag der Abrechnung (s. Mt. 18:24) mit einem riesigen Schuldenberg vor dem Richter stehen. Sie mögen dann vor Ihm auf die Knie fallen und um Aufschub bitten, können dann u.U. sogar vom unendlich barmherzigen Gott die Vergebung aller Sünden vorweisen (weil sie z.B. gebeichtet haben), aber dann offenbart sich die glasklare Realität ihres Seelenzustands. Ihre übergroße Schuld vor Gott wird ihnen aus dem Grunde dann doch nicht vergeben, weil sie sich selbst nicht zur Vergebung der geringfügigen Verschuldungen ihrer Mitmenschen gegenüber ihnen selbst geneigt zeigten. Diese trügerische Gewissheit vom Erwählt sein beruht auf einem falschen bzw. einseitigen Verständnis von Gottes Gnade. Sicher, Gott liebt die Menschen alle, aber Er lässt ihnen gegenüber auch elterliche Strenge walten. Er „tut es zu unserem Besten, damit wir Anteil an Seiner Heiligkeit gewinnen“ (Hebr. 12:10) und erwartet von Seinen Kindern, dass sie sich anstrengen und nichts in der Welt ihrem Gott vorziehen, da „Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist“ und dass wer „ein Freund der Welt sein will“, zum „Feind Gottes“ (Jak. 4:4) wird. Das letztlich entscheidende Kriterium der Gottesliebe ist hierbei das Verhältnis zu seinem Mitmenschen, „denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, Den er nicht sieht. Und dieses Gebot haben wir von Ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben“ (1 Joh. 4:20-21).
Diejenigen, welche sich auf der sicheren Seite wähnen, gleichen den Böcken zur Linken des Herrn (s. Mt. 25:33,41-46). Am Ende ihres Lebens, am jüngsten Tag, erwartet sie das totale Fiasko. Sie haben zwar nichts Böses getan, erkannten aber auch nicht Christus in ihren bedürftigen und notleidenden Mitmenschen (s. Mt. 25:40,45). Sie erhalten die endgültige Quittung für ihre Selbstgerechtigkeit (s. Röm. 10:3). Dem heiligen Bischof Ignatij (Brjantschaninov, +1867) zufolge muss der Mensch sich selbst lieben, allerdings nicht im eitlen, egoistischen Sinne, sondern im geistlichen. Wenn er nämlich das Augenmerk auf das ewige Leben legt (s. Mt. 6:33; Lk. 12:31), wird er die Mitmenschen, einschließlich seiner Feinde, lieben. „Denn die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes“ (Röm. 13:10).
Wir können demzufolge eigentlich schon heute einen Lackmus-Test über unsere Zugehörigkeit zu Christus machen, und das vor dem Hintergrund der globalpolitischen Situation. Klar, als getaufte orthodoxe Christen gehören wir praktisch zu Christus (s. Gal. 3:27). Aber funktioniert dieser Automatismus bedingungslos, ohne Ausnahme? Bedenken wir, dass die Heilige Schrift nur im Gesamtzusammenhang verstanden und niemals eigenmächtig interpretiert werden darf (s. 2 Petr. 1:20). Demzufolge muss die Zugehörigkeit zu Christus in der Taufe, die heutzutage vornehmlich im Säuglingsalter vollzogen wird, durch ein Leben im Geist Christi bekräftigt werden (s. Röm. 8:9). Und tatsächlich, anhand der heutigen politischen Situation können wir feststellen, dass sich in unseren Gemeinden beinahe unbemerkt ein Wunder vollzieht. Wie das? Solange wir nämlich Christus über alles stellen und solange wir wirklich um Seinetwillen zum Gottesdienst erscheinen, lieben wir uns gegenseitig als Brüder und Schwestern in Christus. Ohne diesen Erstbezug auf Christus aber wären wir bis auf das Blut verfeindet! Ich kann mir niemanden vorstellen, dem das nicht einleuchtet. Wie viele Freundschaften und sogar Familienbande sind in den letzten vier Jahren (oder schon früher, seit 2014) auseinandergebrochen?! Nur da, wo Christus unter uns ist, trotzen wir dem weltpolitischen Entwicklungstrend. Der Glaube der einfachen orthodoxen Menschen hat ihre Vaterländer schon so oft in der höchsten Not gerettet, und so wird es auch hier sein. Es ist also nicht unerheblich, ob wir unserem Glauben auch zu Zeiten der größten Drangsal treu bleiben oder aus Bequemlichkeit sagen, dass es ja nur einen Gott gibt, den man auch in allen anderen Religionen und Konfessionen finden kann. Dazu nun folgende Begebenheit aus dem Leben des gottseligen Hieronymos von Ägina (+1966), der bis zum Bevölkerungsaustausch in den frühen 1920-er Jahren in der heutigen Türkei lebte. Dieser erhielt eines Tages Besuch von einem Türken. Dieser bat ihn, in das Haus eines ortsbekannten türkischen Richters zu kommen. Der Richter empfing den damaligen Mönchsdiakon gastfreundlich. Dann kam er zur Sache: „Sehen sie, Vater, ich bin Richter. Ich bemühe mich vor Gott, immer Gerechtigkeit walten zu lassen. Ich beschütze die Witwen und Waisen, ich verteidige das Recht der Armen gegen Reiche, schaue nie auf das Gesicht des Menschen, urteile nach Recht und Gerechtigkeit. Werde ich dafür ins Paradies kommen?“ Der Heilige stellte ihm eine Gegenfrage: „Haben Sie Kinder?“ - „Ja, natürlich.“ - „Haben sie Dienstboten in ihrem Haus?“ - „Ja, auch das.“ - „Gut“, sprach der Heilige und fragte: „Wer von ihnen leistet ihnen besseren Gehorsam – die Kinder oder die Bediensteten?“ - „Die Bediensteten sind stets loyal. Die Kinder hingegen sind öfters ungehorsam.“ - „Aha! Und wer wird nach ihrem Tod das Vermögen erben?“ - „Die Kinder, selbstverständlich.“ - „Sehen sie“, sagte der Heilige, „so wird es auch bei ihnen sein. Sie werden zwar für ihre Rechtschaffenheit geehrt, aber das Himmlische Königtum erben werden sie ohne getauft zu sein nicht…“ Einige Zeit später ließ sich der Richter taufen. Amen.