Predigt zum 6. Herrentag nach Pfingsten / Hll. Apostel Petrus und Paulus (Röm. 12:6-14; 2 Kor. 11:21-12:9; Mt. 9:1-8; Mt. 16:13-19) (12.07.2026)
Details Eintrag
Liebe Brüder und Schwestern,
es ist eine komplexe, vielschichtige Welt, in der Christus Seine Zeichen wirkt und Sein Wort verkündigt. Gerade eben baten Ihn die Bewohner von Gadara, ihr Gebiet doch möglichst schnell zu verlassen, nachdem Er zwei gemeingefährliche Besessene geheilt hatte; hier, in Seiner Stadt (s. Mt. 9:1) warteten die Menschen sehnlichst auf Seine Rückkehr. Aber auch ihre Erwartungshaltung zeugt nicht unbedingt von Reinheit des Herzens und Gottergebenheit. Für sie waren Wunderheilungen fast schon zur Alltäglichkeit geworden – bei Seinem letzten Aufenthalt hatte der Herr neben vielen Kranken und Besessenen u.a. den Diener des römischen Hauptmanns und die Schwiegermutter des Petrus geheilt (s. Mt. 8:5-13; 14-15; 16-17) – nun, nach Seiner erneuten Rückkehr, heilt Er den auf einer Tragbahre liegenden Gelähmten. Gott wirkt Zeichen und Wunder (s. Joh. 4:48; Apg. 2:22,43; 4:16,30; 15:12; Röm. 15:19; 2 Kor. 12:2; Hebr. 2:4 u.v.m.) in dieser Welt – auch heutzutage. Doch erstaunlich ist immer wieder die Reaktion der Menschen auf Gottes offensichtliches Wirken. In Gadara erhält Gott einen Platzverweis, in Kafarnaum drängen sich die Leute um Ihn, um Ihn zu sehen und Ihn zu hören. Bestimmt kann man hier nicht alle über einen Kamm scheren – es gibt sicher die von Sensationsgier getriebenen üblichen Schaulustigen, die zwischen Skepsis und vorsichtigem Glauben lavierenden Unentschlossenen, natürlich auch die einfachen Menschen mit reinem Herzen, aber auch die, welche stets ein Haar in der Suppe finden. Zu jeder Zeit ist das so. Als ich vor knapp vierzig Jahren in den USA studierte, verbreitete sich die Nachricht, dass in einer orthodoxen Kirche in Chicago Tränen aus den Augen der Muttergottes-Ikone in der dortigen Ikonostase flossen. Es ist bei solchen Botschaften wohl immer ratsam, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und erst abzuwarten. Überhaupt brauchen wir keine übernatürlichen Geschehnisse, um die Wahrheit des Glaubens zu beweisen. Die Reinheit des Herzens bedarf dieser Dinge nicht, während das unreine Herz sich von noch so eindeutigen Fakten nicht überzeugen lassen wird. Für uns Gläubige scheint es richtig zu sein, solche Erscheinungen zu Anfang weder ungeprüft anzunehmen noch vehement abzulehnen. Für meinen Glauben brauche ich solche Dinge nicht, jedoch, wenn es Gott gefällt, ein Zeichen zu Wirken, dann soll es so sein. Ich denke, das ist die richtige Einstellung. In Bezug auf die wundertätige Erscheinung in der albanischen orthodoxen Kirche in Chicago jedoch befleißigten sich die Medien damals, dieses Phänomen mit natürlichen Prozessen zu erklären. Manchmal, so der Tenor, strömt Harz (!) aus Holz, aber die Gläubigen sehnen sich danach, darin ein Wunder Gottes zu erkennen. Punkt. Auch wenn ich kein Botaniker bin, sagt mir der gesunde Menschenverstand, dass Harz aus lebendem Holz strömt, evtl. aus gerade erst gefällten Bäumen oder abgeschnittenen Ästen; ferner, dass diese natürliche Ausströmung ausgerechnet aus den beiden Augen der Gottesmutter fließt, scheint doch eher auf ein Zeichen des Himmels zu deuten. Und schließlich übersteigt die Menge der aus einer wundertätigen Ikonen ausströmenden wohlriechenden Myrrhe das Volumen der Ikone. So wissen wir, dass aus der 1982 auf dem Athos erschienenen Gottesmutter-Ikone von Iveron so viel Myron ausgeströmt ist, dass man damit mehrere Kanister hätte füllen können.
Und jetzt geschieht ein Wunder vor aller Leuten in Kafarnaum, das nicht abgestritten werden kann. Na und? Die Feinde Gottes reagieren halt so, dass das Wirken Gottes, welches sie selbst gar nicht bestreiten mögen, in der öffentlichen Wahrnehmung unterdrückt wird (s. Joh: 11:47-48; Apg. 4:16-17). Mal stoßen sich die Feinde Christi daran, dass Er am Sabbat heilt, und wenn mal gerade kein Sabbat ist, wird Christus (in deren Gedanken) der Gotteslästerung bezichtigt (s. Mt. 9:3). Ja, sie glauben wirklich, dass es so ist. Ihre Herzen waren so verstockt, dass derartig „böse Gedanken“ in ihren Herzen aufkamen (9:4).
Was also lehrt uns die Begebenheit in Kafarnaum? Dass es bei vielen Menschen im Hinblick auf den Glauben keine Frage des Könnens, sondern des Wollens ist. Sich von Glaubenswahrheiten überzeugen zu lassen bedeutet doch letztlich, dass man sein gesamtes Gedankenkonstrukt und seine ganze Lebensführung entsprechend dieser höchsten Wahrheit ausrichten muss. Und das wollen viele nicht. Dann greifen sofort Schutzmechanismen, die all das Offensichtliche in Frage stellen, relativieren oder diffamieren. So wie bei den äußerlich frommen und gebildeten Schriftgelehrten. Christus als wahren, von Gott gesandten Wundertäter anzuerkennen (nur darum ging es zu diesem Zeitpunkt), hätte bedeutet, dass sie im Vergleich zu Ihm Luschen sind. Das einzugestehen und das so zu ertragen bedarf schon einiger Demut und Selbstkritik. Totale Fehlanzeige! Die einfachen galiläischen Fischer hatten diese „Einfalt des Herzens“ (Apg. 2:46; Eph. 6:5), weshalb sie der Herr zur Verkündigung Seiner Botschaft berufen hatte. Deshalb brauchen wir uns nicht zu wundern, dass viele unserer Heiligen ihnen darin sehr ähnlich waren – Paulos der Einfache (4 Jhd.), Seraphim von Sarov (+1833), Siluan vom Athos (+1938), Porphyrios von Kapsokaliva (+1991) oder Paisios vom Heiligen Berg (+1994) – um nur einige wenige zu nennen. Sie alle bekräftigen die Worte der Heiligen Schrift: „Seht doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen“ (1 Kor. 1:26-27). Die anderen aber waren nicht einmal fähig, sich um des Himmelreichs willen vor Gott zu demütigen (s. Mt. 5:2)! Und das sagt schon alles. Amen.