Predigt zum Hochfest des Einzugs des Herrn in Jerusalem (Palmsonntag) (05.04.2026) (Phil. 4:4-9; Joh. 12:1-18)
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Liebe Brüder und Schwestern,
der Palmsonntag, wie er volkstümlich genannt wird, unterscheidet sich rein formal-äußerlich von den übrigen Hochfesten dadurch, dass er kein Vor- und kein Nachfest hat. Spirituell unterscheidet er sich von den übrigen Hochfesten durch eine seltsame Ambivalenz der Gefühlsregungen, denn einerseits empfinden wir echte festtägliche Freude an diesem Tag – jeder fühlt nach dem Ende der Fastenzeit, dass der absolute Höhepunkt des Kirchenjahres und für jeden orthodoxen Christen das alles überragende Ereignis in seinem Leben nur noch wenige Tage entfernt ist. Und dieser Tag fühlt sich bei sonnigem Wetter fast schon wie Ostern an. Doch andererseits bleibt im Hinterkopf der Gedanke daran, dass bevor der Jubel über die Auferstehung Christi weltweit ausbricht, noch die Tage der Passion unseres Herrn vor uns liegen. Und beides – Passion und Freude – sind untrennbar miteinander verbunden. Der heutige Festtag vereint beide miteinander. Wir sehen uns selbst quasi inmitten der enthusiastischen Menge stehen und halten mit den historischen Zeitgenossen des Herrn Palmenzweige (oder Weidenkätzchen) als Zeichen des Triumphs über den Tod in den Händen – und wissen zugleich, dass der Sieg des Lebens nur über das Kreuz Christi führt. Und wir vertiefen unsere Gedanken an das Opfer Christi, das Ausdruck der unaussprechlichen, unfassbaren, unbegreiflichen und unendlichen Liebe Gottes zu uns Unwürdigen ist. Deshalb lasst uns wenigsten freudig und dankbar sein und und unsere Freude anderen Menschen zukommen lassen, damit uns der friede Gottes gewiss sein möge. Wir lesen heute: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren. Schließlich, Brüder: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht! Was ihr gelernt und angenommen, was ihr gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein“ (Phil. 4:4-9).
Wie denn sonst?!.. Die Freude über das Nahen des Herrn kann doch nur Frieden in unsere Herzen bringen und uns zu einem tugendhaften Leben stimulieren. Mit dem Frieden Gottes in der Seele werden Tugenden zur natürlichsten Sache der Welt, so dass der Mensch ohne Anstrengung und Mühe den Willen des Herrn erfüllt, „denn die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir Seine Gebote halten. Seine Gebote sind nicht schwer“ (1 Joh. 5:3).
Sofern wir uns auf das Wesentliche – die Liebe zu unserem Herrn und die Liebe zu unserem Nächsten – konzentriert haben, war die zurückliegende Große Fastenzeit nicht schwer für uns. Man freut sich jedes Jahr von neuem darauf. Diese großartige und gesegnete Zeit wird aber noch gekrönt durch das, was jetzt bevorsteht – die Große Woche, eingeleitet durch den Einzug des Herrn in Jerusalem. Auch dieses Ereignis kündet von der Wahrhaftigkeit Dessen, Der in die heilige Stadt einzieht. Der vorletzte Prophet des Alten Bundes, Sacharja, verkündete rund fünfhundert und fünfzig Jahre vorher: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; Er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. (…) Er verkündet für die Völker den Frieden; Seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Euphrat bis an die Enden der Erde“ (Sach. 9:9,10b; Mt. 21:5; vgl. Zef. 3:14f).
Dieser Tag dient für uns nicht bloß als Erinnerung an ein historisches, lange zurückliegendes Ereignis. Durch die Palmenzweige bzw. Weidenkätzchen in unseren Händen und noch vielmehr durch unsere aus dem Herzen kommenden Freude bezeugen wir, dass unser Herr Jesus Christus wahrhaftig der erwartete Messias ist, indem wir rufen: „Gesegnet sei Er, Der kommt im Namen des Herrn“ (Mt. 21:9; 23:39; Mk. 11:9; Lk. 13:25; vgl. Ps. 117:26).
Viele, die Christus voller Begeisterung in Jerusalem willkommen hießen, sollten Ihn wenige Tage danach verraten, verspotten und ans Kreuz schlagen lassen. Deshalb gibt uns Gott das Beispiel der unschuldigen Kinder, die mit reinem Herzen den Sohn Davids begrüßten, wodurch sich eine weitere Prophezeiung erfüllt: „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast Du Dir Lob bereitet“ (Ps. 8:3; vgl. Mt. 21:16). Wie viele Beweise über die Wahrhaftigkeit des Messias benötigten die in den Schriften kundigen Juden von damals noch, und wie viele Beweise benötigen wir heute dank Google, Chatgpt & Co. über alle notwendigen Informationsquellen verfügenden Positivisten denn noch?!
Alljährlich wiederholt sich weltweit das, was sich vor zweitausend Jahren vor den Toren und in den Straßen Jerusalems ereignet hat. Genauer gesagt, wir treten heute an die Stelle der Menschen in Jerusalem und befinden uns in der gleichen Ausgangslage wie sie. Wir können den zu unserer Errettung erschienenen Christus in unseren Herzen freudig als Messias begrüßen, wir können Ihm mit Gleichgültigkeit begegnen (dabei aber sagen, dass wir „Gott im Herzen“ haben) oder Ihn auch gänzlich ablehnen. Diese drei Optionen stehen uns bis zu unserem Lebensende offen. Unbemerkt vorbeigehen kann Christus, Den auch kurz zuvor die Blinden von Jericho wahrnahmen (s. Mt. 20:29-34; vgl. Mk. 10:46-52; Lk. 18:35-42), an keinem Menschen. Doch „nicht jeder, der zu Mir sagt: ´Herr! Herr!` wird in das Königtum der Himmel kommen, sondern nur, wer den Willen Meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt. 7:21), spricht der Herr. Amen.