Predigt zum Lobpreis der Allerheiligsten Theotokos (Hebr. 9:1-7; Lk. 10:38-42; 11:27-28) 28.03.2026
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Liebe Brüder und Schwestern,
am Ende der fünften Fastenwoche entbieten wir der Gottesmutter unseren Dank für die uns erwiesenen Wohltaten. Wir alle wissen von unzähligen Wundertaten der Gottesgebärerin aus der Historie unserer christlichen Völker und aus dem Leben einzelner Menschen. Und doch sei die Frage erlaubt: Was nützt es mir heute, dass die Mutter Gottes z.B. im zehnten Jahrhundert die Stadt Konstantinopel vor dem Angriff der Barbaren oder im siebzehnten Jahrhundert die Lavra in Pochaev vor der Belagerung durch die Türken auf wundersame Weise gerettet hat? Oder was habe ich heute davon, dass ein blindes Mädchen irgendwo in einem Dorf in Rumänien im sechzehnten Jahrhundert von der Allerreinsten Jungfrau Maria das Augenlicht geschenkt bekommen hat und ein gelähmter serbischer Bauernknecht im neunzehnten Jahrhundert seine Krücken in die Ecke stellen konnte? Es war damals schön für die Betreffenden, aber das ist doch längst vorbei und hat keine Auswirkungen auf unser heutiges Dasein, oder?
Nun, natürlich gibt es historische Ereignisse, derer wir stellvertretend für die Wohltaten des Herrn, Seiner Allerreinsten Mutter und der Heiligen gedenken. So auch heute, am Tag des Lobpreises der Allerheiligsten gegen Ende der Großen Fastenzeit. So ehren wir die Schutzpatronin aller Christen und besonders der Hauptstadt des christlichen Reiches Konstantinopel in dankbarer Erinnerung anlässlich Ihrer gnadenreichen Hilfe während des großen Erdbebens 557 unter Kaiser Justinian I. Kaum einer weiß heute jedoch, dass das während des heutigen Akathistos-Hymnus wiederholt gesungene Kondakion des Verkündigungsfestes „Dir, der für uns kämpfenden Heerführerin“ („Ti Ypermaho Stratigi“ / „Взбранной Воеводе“), entstanden nach der wundersamen Befreiung Konstantinopels 682 von der Belagerung durch die Perser und Awaren, die Nationalhymne des Römischen Reiches war bzw. ist. Es ist übrigens der einzige Akathistos (= Hymnus, bei dem nicht gesessen wird), der im Typikon (Kirchenregel) vorgeschrieben ist. Alle anderen Akathistoi sind dieser prototypischen Vorlage nachempfunden und können fakultativ jederzeit in der Kirche durch den Priester oder privat zu Hause gesungen oder gelesen werden. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht zufällig, dass das moderne Griechenland seinen Nationalfeiertag am 25. März, dem Hochfest der Verkündigung zur Allerheiligsten Gottesgebärerin, begeht (Revolution 1821, Sieg über die Türken und Gründung des griechischen Nationalstaates). Und das letzte Stück Land des christlichen Römischen Reiches, das nie untergegangen ist und seither den römischen Doppeladler in der Flagge bewahrt hat, ist ohnehin als „Garten der Mutter Gottes“ hier auf Erden bekannt.
Und doch geht es hier nicht allein um historische Remineszenzen. Im Vordergrund steht bei uns immerfort der geistliche Aspekt. Der ist aber nur denen zugänglich, die auch ein geistliches Leben führen oder zumindest anstreben. Wenn wir die Gottesmutter über die Cherubim und Seraphim ehren, dann müssen wir auch mit unserem geistlichen Auge erkennen, dass Ihr Beistand und Ihre Fürsprache für uns der größte Schatz in unserem Leben ist – und das bei weitem nicht bloß in irdischen Angelegenheiten. Letztere werden zwar immer angeführt, um den Glauben der einfachen Leute zu stärken, doch unvergleichlich wichtiger ist der Schutz unserer Seelen durch die Panagia Theotokos. Und darauf sollten all unsere Gebete, unsere ganze Hoffnung und unser ganzes Glaubensleben ausgerichtet sein.
Wir alle kennen und lieben die ungezählten Ikonen der Gottesmutter mit dem Christuskind. Unsere Gegner werfen uns vor, dass wir „die Maria über Jesus stellen“. Aber jede Madonna mit Christkind ist doch eine Abbildung der Menschwerdung Gottes, der Fleischwerdung der zweiten Hypostase der Allerheiligsten Trinität im Leibe der Gottesgebärerin. Also ist jede Mutter-Kind Ikone der Theotokos immer auch eine Christus-Ikone.
Erzpriester Georgy Florovsky (+ 1979) sagt, dass es keine innigere Beziehung gibt, als diejenige zwischen Mutter und Kind. Dieses „Kind“ sind auch wir als Glieder am mystischen Leib Christi (Röm. 12:5; 1 Kor. 10:17; 12:12f; Eph. 4:3-5). Uns hat der Herr nämlich, am Kreuz hängend, der Obhut Seiner Allerreinsten Mutter in Person Seines geliebten Jüngers übergeben (s. Joh. 19:25-27).
Wir haben den größten Teil der Fastenzeit hinter uns. Ist es da zu viel verlangt, dass wir uns für Ihre Fürsprache bedanken sollen? Vor uns liegt noch die Woche der Leiden unseres Herrn. Und wer, wenn nicht Seine Mutter, kann die Leiden, welcher der Herr für uns erduldet hat, nachvollziehen (s. Lk. 2:34-35)?!
Wir nähern uns also der Passion Christi. Unser ganzes Leben ist der Nachfolge Christi gewidmet (s. Mk. 8:34-9:1). Manche denken aber, dass sich diese Nachfolge auf ein paar formale Übungseinheiten beschränkt, die man zu erfüllen hat und danach automatisch in den Himmel gehievt wird. Wer die heiligen Väter liest und den Unterweisungen seines geistlichen Vaters Folge leistet, der weiß, dass die Nachfolge Christi nicht bloß in der Befolgung strikter Rituale besteht, sondern in einem Leben nach dem Geist (s. Röm. 8:1-17; Gal. 5:13-26), das sich in zwei kurzen Sätzen zusammenfassen lässt: „Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Begierden und Leidenschaften gekreuzigt. Wenn wir nach dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen“ (Gal. 5:24-25). Der Geist (= die Geistkraft, griech. nous) muss über den Leib herrschen. Das ist das Wesen, der Zweck und das Ziel der Fastenzeit und des christlichen Lebens schlechthin. Und dafür haben wir die für uns kämpfende Heerführerin als Mutter und Schutzhelferin. Amen.