Predigt zum Herrentag des Gedenkens an die Vertreibung Adams (Vergebungssonntag) (Röm. 13:11-14; Mt 6:14-21) (22.02.2026)
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Liebe Brüder und Schwestern,
der Sündenfall des Menschen im Garten Eden war sozusagen die erste ökologische Katastrophe der Menschheitsgeschichte – mit weitreichenden Folgen für alle nachfolgenden Generationen (s. Gen. 3:17-19) und zudem für die gesamte Schöpfung (s. Röm. 8:20,22). Dennoch beraubte Gott den Menschen sowie die gesamte Schöpfung nicht der Hoffnung auf Erlösung (s. Röm. 8:18-30). Allerdings gibt es keinen Schuldenerlass per Dekret. Auch wenn Christus „den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben“ hat (Kol. 2:14a), so hat Er „ihn dadurch getilgt, dass Er ihn ans Kreuz geheftet hat“ (2:14b), d.h. „Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem Er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht in der Schrift: ´Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt`“ (Gal. 3:13; vgl. Dtn. 21:23). Der Sohn Gottes wurde demzufolge zum Segen für die Verfluchten, indem Er Selbst den Fluch auf Sich genommen hat (s. Gal. 2:14a)! Das ist unvorstellbar, unbegreiflich, unergründlich, unfassbar – und doch ist es die allerhöchste göttliche Wahrheit. Es gibt keine Worte, um ausdrücken zu können, wie glücklich wir uns schätzen dürfen. Eigentlich gibt es angesichts des Empfanges des Geistes in unseren Herzen (s. Gal. 3:14b; vgl. Röm. 8:15) keine Notwendigkeit, irgendwelche zusätzlichen Motivationsschübe für die nun beginnende Große Fastenzeit zu ersinnen. Wir sollen und wollen ein Leben nach dem Geist Leben, was einzig und allein auch ein Leben nach dem Glauben ist, denn: „Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben: wenn ihr aber durch den Geist die (sündigen) Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben“ (Röm. 8:13; vgl. Gal. 5:24-25; 6:8). Das sollte wohl Motivation genug sein. Wir müssen nur glauben, dass diese Worte der Schrift zutreffend sind. Wer aber bewusst die Heilige Schrift sowie die Lehre der Kirche ignoriert, kann sich nicht als gläubig und schon gar nicht als Christ bezeichnen. Wir alle haben im Mysterium der Myronsalbung den Geist erhalten, damit die Sünde unseren sterblichen Leib nicht mehr beherrscht und wir seinen Begierden nicht gehorchen (s. Röm. 6:12). „Stellt eure Glieder nicht der Sünde zur Verfügung als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch Gott zur Verfügung als Menschen, die vom Tod zum Leben gekommen sind, und stellt eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit in den Dienst Gottes“ (6:13).
Was aber bedeutet das oben Gesagte für uns alle? Es sind doch nur die wenigsten von uns in der Lage, Gott ihre Glieder „als Waffen der Gerechtigkeit zur Verfügung zu stellen“. Die meisten von uns Weltkindern führen kein Leben nach dem Geist, auch nicht die unter uns, welche regelmäßig zum Gottesdienst erscheinen und an den Heiligen Mysterien teilnehmen. Sind wir jetzt alle hoffnungslos verloren?!.. Vom Wesen der Sache aus betrachtet, d.h. vom Standpunkt der Gerechtigkeit, sind wir verloren, weil niemand durch äußere Taten vor Gott gerecht wird (s. Gal. 2:16; 3:11a). Beten, Fasten, Wachen sowie Werke der Barmherzigkeit sind gut, können uns aber nicht per se gerecht machen vor Gott, denn nur „der aus Glauben Gerechte wird leben“ (Gal. 3:11b). Der Glaube ohne Werke ist deshalb völlig nutzlos (s. Jak. 2:17). Wir alle gleichen dem Schalksknecht, der seinem Herrn eine unvorstellbar hohe Geldsumme schuldete (s. Mt. 18:23-35). Und anstatt sich zu verringern, wächst dieser Schuldenberg jede Sekunde weiter an. Eine ausweglose Situation für uns alle, ein Grund zur Verzweiflung für jedermann? - Wäre da nicht die Barmherzigkeit unseres Herrn, Der da spricht: „Habe Ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch Gottes, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt?“ (Ez. 18:23; vgl. 33:11).
Wenn aber für getaufte orthodoxe Christen die Fastenzeit vorübergeht, ohne dass sie ihre Sünden in der Beichte bereut haben und ohne dass sie die heiligen und lebensspendenden Mysterien Christi empfangen haben (vom Einhalten der Fastenregeln reden wir hier gar nicht), ist dies ein Indiz dafür, dass der lebendige Glaube fehlt – das Bewusstsein, vor Gott in großer Schuld zu stehen und Seiner unendlich verzeihenden Milde zu bedürfen. Für solche Leute hätte Christus auch nicht in die Welt kommen und nicht am Kreuz sterben müssen, denn das alles brauchten ja die Sünder, zu denen sie sich selbst offenkundig nicht zählen (s. 1 Tim. 1:15).
Deshalb steht im Vordergrund für jeden für uns: Ich bin ein verdammter Sünder! Meine einzige Hoffnung ist die alles verzeihende Güte meines Herrn Jesus Christus, des Richters der Welt. Und Er will uns allen eine Chance geben, indem Er spricht: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer Himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Himmlischer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mt. 6:14-15). Wenn also jemand unter uns seinen Mitmenschen nicht vergeben will, dann können hierfür eigentlich nur zwei Gründe vorliegen: 1) er glaubt nicht oder 2) er glaubt zwar, ist aber vollkommen von Sinnen. Dies bedeutet letztlich: wenn jemand als, nach eigenem Bekunden, gläubiger Mensch nicht verzeihen kann, tritt automatisch „Paragraph 1“ in Kraft.
Der Herr ruft uns alle dazu auf, voller Freude in diese Fastenzeit zu gehen, denn wenn wir uns auf unsere eigenen Sünden besinnen, wird uns die freudige Gemeinschaft mit dem Himmlischen Vater gewiss sein. „Opfer ist Gott ein zerschlagener Geist, denn ein zerschlagenes und demütiges Herz wird Gott nicht verachten“ (Ps. 50:19) und „wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt. 6:21). Dann lasst uns nun alle zusammen auf Schatzsuche gehen! Amen.