Predigt zum Herrentag vom Weltgericht / Fleischverzicht (1 Kor. 8:8-9:2; Lk. Mt 25:31-46) (15.02.2026)
Details Eintrag
Liebe Brüder und Schwestern,
wir gedenken heute des Tages, an dem uns der Herr richten wird. Alle Menschen werden dann vor dem Weltenrichter stehen, und dann wird das eintreffen, was der Herr seinerzeit angekündigt hatte: „Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht bekannt wird und an den Tag kommt“ (Lk. 8:18; vgl. 12:2-3). Niemand wird dem Gericht entrinnen können. Es gilt also für alle Gläubigen, sich darauf vorzubereiten, indem man die Gebote des Herrn befolgt und nicht seine eigene Gerechtigkeit errichtet (s. Röm. 10:3). Die Gebote des Herrn können in einem Doppelgebot zusammengefasst werden: das erste betrifft die absolute und unbedingte Liebe zu Gott (Dtn. 6:5), das zweite die relative Liebe zum Mitmenschen (Lev. 19:18). Diese zwei Gebote haben für sich eine unterschiedliche Gewichtung, sowohl qualitativer als auch quantitativer Natur. Aber in der uns heute vorliegenden Parabel vom Weltgericht setzt der Herr ein Gleichheitszeichen zwischen Sich und jedem Menschen auf der Welt. Somit wird das, sagen wir mal, sekundäre Gebot der Nächstenliebe dem primären Gebot von der Gottesliebe gleichgesetzt. Mehr noch, als Beweis für unsere Liebe zu Gott dient die tatkräftig erbrachte Liebe zum Mitmenschen, wie es auch die Nachfolger Christi predigten und vormachten (vgl. Röm. 13:9). Damit sprengt Christus den Rahmen jeglichen humanen Vorstellungsvermögens – und belegt damit, dass Seine Botschaft, Sein Evangelium nicht menschlichen, sondern göttlichen Ursprungs ist (s. Gal. 1:11). Der Apostel Paulus setzt diesen Gedankengang fort, indem er sagt: „Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt“ (Röm. 13:8) und: „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes“ (13:10).
Das alles lässt aber keinesfalls den Schluss zu, dass Menschenliebe ohne Gottesliebe auch christlich sein kann. So eine Liebe ist in Wirklichkeit gar keine Liebe, weil sie dem ewigen Heil des Menschen nicht förderlich ist und weil der Gottesbezug fehlt, also die Besinnung auf die Quelle der Liebe (s. 1 Joh. 4:16). Der heilige Bischof Ignatij (Brianchaninnov, +1867) trifft, basierend auf den heiligen Vätern, eine klare Unterscheidung zwischen geistlicher und leiblicher Liebe. Nur die erste von beiden ist dem Seelenheil zuträglich, die andere ist zwar „natürlich“, aber an und für sich nicht heilsam für die Seele. Selbstverständlich öffneten in der Vergangenheit Klöster bei Hungersnöten ihre Getreidekammern für Notleidende, aber den Zweck ihres Daseins sahen sie zuerst in der Errettung der Seelen der Menschen. Und nur darauf kann jegliche karitative Tätigkeit aufbauen. Dennoch stellt der Herr nicht von ungefähr das sekundäre Gebot auf eine Stufe mit dem primären Gebot. Das Gebot der Gottesliebe ist ja das „oberste“ und „wichtigste“ Gebot (s. Mt. 22:38), dem das zweite Gebot von der Menschenliebe gleichgestellt (s. 22:39) wird. Wir leben ja (noch) in dieser Welt, und unsere Umwelt besteht aus Menschen, die unserer Hilfe und Zuwendung bedürfen, also nicht aus Engeln, wie es in der kommenden Welt sein wird (s. Mt. 22:30). Nach der Auferstehung wird irdische Liebe, wird jegliche leibliche oder emotionale Bande überhaupt keine Bedeutung haben. Dort werden alle eins in Christus sein (s. Gal. 3:28). Aber in dieser Welt müssen wir uns den hiesigen Gegebenheiten anpassen. Jeder Mensch trägt in sich das Ebenbild Christi, – die Gläubigen sowieso (s. Gal. 3:26). Im Mysterium der Ehe, in der Familie gibt es eine Ordnung, die „der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“ (Eph. 5:21) entspricht. Wenn eine Mutter ihre Kinder von klein auf aufzieht, erweist sie ihre Gottesliebe dadurch, dass sie diese ihrem Nachwuchs weitergibt (s. 1 Tim. 2:15). Und dementsprechend heißt es auch: „Ahmt Gott nach als Seine geliebten Kinder, und liebt einander, weil auch Christus uns geliebt und Sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt“ (Eph. 5:1-2). Das aber ist gewiss nicht immer einfach. Und so lesen wir weiter: „Ihr seid von Gott geliebt, seid Seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht“ (Kol. 3:14). So einfach ist das: Wir ahmen Gott dadurch nach, indem wir wie Christus alle Menschen lieben. Dann werden wir auch von Gott geliebt und haben – selbstverständlich allein der Gnade nach – gute Aussichten, beim Gericht Gottes bestehen zu können. „Vor allem haltet fest an der Liebe zueinander, denn die Liebe deckt viele Sünden zu“ (1 Petr. 4:8; vgl. Lk. 7:47), ermahnt uns der andere Apostelfürst.
Wie schön das doch ist, und wie weise der Herr doch den Weg unseres Heils eingerichtet hat! Wir alle haben ja jemandem in unserem sozialen, familiären, beruflichen etc. Umfeld, ohne den das Leben für uns angenehmer erscheinen würde. Gott, der Herr, Der einst Selbst von allen verschmäht wurde und immer noch abgelehnt wird, gibt uns die Möglichkeit, Ihn in diesen Menschen zu erkennen, also in Person dieser für uns schwierigen Menschen Ihm unsere Liebe zu erweisen. Welcher König würde das sonst tun – seine Knechte auf eine Stufe mit sich selbst stellen und die Untertanen danach beurteilen, wie sie mit seinen allergeringsten Sklaven verfahren sind?! Unser Herr tut dies aber – aus Liebe zu uns und zu allen Menschen. So können wir unseren Herrn, Den wir nicht sehen, lieben, indem wir unserem Bruder oder unserer Schwester, die wir sehen, unsere Liebe erweisen (s. 1 Joh. 4:20). „Darin ist unter uns die Liebe vollendet, dass wir am Tage des Gerichts Zuversicht haben“ (1 Joh. 4:17). Amen.