Predigt zum Herrentag vom verlorenen Sohn (1 Kor. 6:12-20; Lk. 15:11-32) (08.02.2026)
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Liebe Brüder und Schwestern,
wir lasen heute, wie liebevoll der Vater sich dem jüngeren aber auch dem älteren Sohn gegenüber erweist. Das Gleichnis des Herrn handelt ja von zwei Söhnen, auch wenn der jüngere von beiden zunächst allein im Mittelpunkt steht. Beide aber verkörpern alltägliche und hinlänglich bekannte Verhaltensweisen.
Der Jüngere wird zur gegebenen Zeit den ihm zustehenden Anteil erben, will aber schon vor der Zeit seine Ansprüche geltend machen. Gott will, aber dass sich der Mensch durch Treue und Gehorsam sein Erbteil im Paradies verdient. Nebenbei gesagt, kann der Mensch schon im diesseitigen Leben einen Vorschuss dieser paradiesischen Wonne bekommen, wenn er reinen Herzens nach den Geboten Gottes lebt. Wir wissen das von den Heiligen, kennen das aber auch aus eigener, wenn auch bescheidener Erfahrung. Aber auch bei uns sind es nicht bloß leere Worte, wenn wir in der Kirche sprechen: „Herr, ich liebe die Pracht Deines Hauses und den Ort, wo Deine Herrlichkeit wohnt“ (Ps. 25:8). Aber warum verlässt der jüngere Sohn das Haus seines Vaters und zieht in ein fernes, fremdes Land?! Weil er seinen Kopf durchsetzen will. Er will jetzt machen, was er will, sein eigenes Geld haben, selbst über alles entscheiden können, niemanden als Weisungsbefugten über sich haben, kurz – sein eigener Herr sein. Das will auch der Vater für ihn (s. Gal. 5:13), aber erst zum dafür bestimmten Zeitpunkt. Vorher muss er sich sein Vermögen erst verdienen. Aber zwingen will ihn der Vater nicht dazu. Die Verlockungen dieser Welt sind jedoch so perfide, dass sich die jungen Menschen zuerst die Unterscheidungsgabe zwischen Wohl und Übel aneignen müssen. Das werden sie auch, wenn sie zuvor ihren Eltern disziplinarischen Gehorsam leisten. Wenn sie das aber nicht tun, sind sie die bedauernswertesten Kreaturen dieser Welt. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf. Der Widersacher präsentiert sich ja immer von der „guten“ Seite, verspricht Freiheit, Unabhängigkeit, Wohlstand, kurz, das Paradies auf Erden. Doch dann, wenn der Freiheitsliebende der Gnade Gottes verlustig gegangen ist, gerät er in einen Abwärtsstrudel. Statt Freiheit erntet er die Versklavung durch körperliche und seelische Leidenschaften, seine Gier nach ausschweifendem Leben kann niemals befriedigt werden, bis er all seine seelischen, körperlichen und materiellen Ressourcen verschleudert hat. Vom angesehenen Erben im Hause seines Vaters wird er notgedrungen zum Schweinehirten in der Fremde. Diejenigen, die ihm einstmals das Blaue vom Himmel versprochen hatten, erweisen sich nun als das, was sie wirklich sind – grässliche, unerbittliche Dämonen, denen er nun ausgeliefert ist.
Aber es ist nie zu spät, solange wir leben, in das Haus des Vaters zurückzukehren. Als stolzer Jüngling mit stattlichen Vermögenswerten verließ er seine Heimat, jetzt muss er mit leeren Händen, in Lumpen und barfüßig (s. Lk. 15:22) den ganzen Weg zurückgehen. Aber der Vater wartet sehnlichst auf seine Rückkehr, sieht ihn von Weitem, läuft ihm entgegen, umarmt und küsst ihn. Aber um aus dem Sumpf des Verderbens herauszukommen, bedarf es einer Entschlussfähigkeit, welche die gesamten seelischen und körperlichen Kraftreserven beanspruchen, denn er darf sich nicht mehr vom Weg des Heils abbringen lassen. Sonst wird er sein wie wir, die wir nach eigenem Gutdünken leben, dem Laster frönen, ab und zu pro forma beichten, aber keine wirkliche Anstrengungen unternehmen, um in allem Gottes Willen zu befolgen. Wir bezeichnen uns selbst als Gläubige, aber sind wir das wirklich?! Wenn wir nämlich fest und unverrückbar glauben, dass im Hause unseres Vaters alle Tagelöhner mehr als genug Brot zu essen haben, und wenn wir wirklich einsehen, dass wir in der Fremde nicht bloß Hunger leiden, sondern umkommen werden, warum leben wir dann so, dass die Mitgliedschaft in der Kirche bloß eine Formalie für uns ist, so, als ob die Heilige Kommunion nicht die Wegzehrung für das ewige Leben wäre und die ungetrübte Gemeinschaft mit unserem Himmlischen Vater uns nicht Geborgenheit brächte?! Diesen Glauben und diese Entschlussfähigkeit müssen wir aber aufbringen, um aus dem Schlamassel dieses gottlosen Lebens herauszukommen. Aber welch ein Glück es doch ist, wenn wir dadurch wirklich unser Leben ändern und es nach dem Willen des Herrn ausrichten, wenn unser Vater uns mit ausgebreiteten Armen bei Sich zu Hause als Seine geliebten Kinder aufnimmt und für uns als Sinnbild für den uns Leben bringenden Opfertod Christi das Mastkalb schlachtet, damit wir fröhlich und glücklich sein können (s. Lk. 15:23-24)!
Doch der Herr warnt auch vor einer anderen, vielleicht noch größeren Gefahr – der Selbstgerechtigkeit. Wie oft erleben wir, dass sich manche auf ihre äußere Rechtschaffenheit berufen (s. 15:29a) und erwarten, dass Gott ihre vermeintliche Gesetzestreue gebührend honoriert (s. 15:29b). Wenn aber reuige Sünder im Hause des Herrn freudige Aufnahme finden, was dort für unbeschreibliche Festtagsstimmung sorgt (s. Lk. 15:7), wollen diese Menschen trotz des Zuredens des Vaters nicht mehr in das gemeinsame Haus hineingehen (s. Lk. 15:28). Ihre Bigotterie entzweit sie mit ihren Mitbrüdern (s. 15:30) und sie machen Gott schwere Vorwürfe. Damit entlarven sie sich selbst als untreu gegenüber dem Vater, dem sie nicht aus Liebe zu Ihm gedient haben, sondern um ihrer selbst willen. Und doch sehen wir, dass der Vater sich auch diesem Sohn liebevoll erweist: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was Mein ist, ist auch dein“ (15:31). Und wenn wir den zweiten Teil des Doppelgebots (s. Mt. 22:39; Mk. 12:31; Lk. 10:27) auch erfüllen, können wir doch gar nicht umhin, ein Fest zu feiern und uns darüber freuen, wenn unsere Brüder und Schwestern ebenfalls Aufnahme im Hause unseres gemeinsamen Vaters finden. Amen.