Predigt zum Herrentag des Zöllners und des Pharisäers (2 Tim. 3:10-15; Lk. 18:10-14) (01.02.2026)
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Liebe Brüder und Schwestern,
welche Lehren können wir aus dem kurzen Gleichnis vom Zöllner und vom Pharisäer ziehen? Mehrere. Und zwar solche, die das Positive ins Negative, und solche, die das Negative ins Positive umwandeln. Beispielhaft für Ersteres ist der Pharisäer, für das Letztere der Zöllner.
Das Beispiel des Pharisäers lehrt uns:
- Gott ist nichts an äußerer Frömmigkeit gelegen.
- Äußere Rechtschaffenheit ist völlig nutzlos, wenn sie nicht von Herzen kommt.
- Ohne Demut vor Gott ist ein noch so tugendhaftes Leben ein Gräuel in Gottes Augen.
- Wer seiner eigenen Verfehlungen nicht gewahr ist, wird zwangsläufig seine Mitmenschen herabwürdigen und dadurch nicht einmal im Ansatz Gottes Gebote erfüllen können.
- Das Richten seines Nächsten beraubt auch den größten Asketen und Wohltäter jeglicher Aussicht auf Gottes Milde, und zwar dann, wenn er dereinst selbst von Gott gerichtet wird.
Demgegenüber lehrt uns das Beispiel des Zöllners:
- Gott rechnet Sündern ihre guten Absichten und ihre hehre Gesinnung an.
- Trotz fehlender Werke wird Gott ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz nicht verachten.
- Bei aller Schwachheit im Kampf gegen die Sünde darf der in Leidenschaften Verstrickte durch aufrichtige Reue und durch demütiges Eingeständnis seiner Unwürdigkeit immer auf Gottes Barmherzigkeit hoffen.
- Durch die Einsicht seiner Verfehlungen und das Bekenntnis seiner selbst als Sünder wird der Mensch davor bewahrt werden, andere geringzuschätzen.
- Wer sich nicht über andere überhebt, darf auf einen milden Richter am Ende seines Lebens hoffen.
Wir wissen: Gottes Barmherzigkeit ist unendlich. Wer aber selbst nicht barmherzig ist, verhindert das Inkrafttreten des geistlichen Gesetzes, das auf der Gnade Gottes basiert. Und dieses Gesetz kommt in der „Goldenen Regel“ zum Ausdruck, die in der einen oder anderen Form in jeder Religion und in jedem Ethiksystem als Maßstab für ein humanes Miteinander gilt. Auf geistlicher Ebene kann es also folgendermaßen formuliert werden: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet auch ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden“ (Mt. 7:1-2; vgl. Mk. 4:24). Es steht also tatsächlich in meiner Macht, zu bestimmen, welche Maßstäbe Gott in Bezug auf meine unendliche Verfehlungen anlegt. Wenn ich meinen Bruder also nicht richte, bedeutet das, dass auch ich von Gott nicht gerichtet werde. Wie hoffnungslos dämlich muss man sein, um diese Chance für sich verstreichen zu lassen!..
Mein Anspruch kann also nicht sein, völlig makellos zu leben, denn das bedeutet, dass ich mich auf meine eigenen Kräfte verlasse. Welch ein Hohn wäre das aber vor Gott! Wenn ich mich dagegen darauf besinne, meine eigenen Verfehlungen zu erkennen, werde ich mich zwangsläufig als großen Sünder vor dem Herrn betrachten und daraus erkennen, dass ich ohne Seine Gnade verloren bin. Und darin besteht der Unterschied zwischen einem emotionalen und einem spirituellen Menschen. Emotionale Menschen sind auf den äußeren Schein bedacht, wollen sich selbst und anderen durch das Vollbringen von „Werken des Fleisches“ (s. Röm. 8:11-17) gefallen. Der geistlich Gesinnte hingegen will nur Gott gefallen, und sei es auf Kosten des Verlustes seines guten Leumundes (vgl. Gal. 1:10). Dadurch aber offenbart er, im Gegensatz zum fleischlich gesinnten Menschen, dass er wirklich einen Glauben hat. Denn wenn er entsprechend seiner Überzeugung lebt und dafür beizeiten Nachteile im Diesseits in Kauf nimmt, dann hat er den Beweis dafür erbracht, dass er einen Glauben hat (s. Jak. 2:17-18). So taten es die Heiligen, welche dadurch zu Vorbildern zur Nachahmung für uns geworden sind. Wer aber nur nominell „gläubig“ ist, wird bei der ersten ernsthaften Prüfung im Fundament seines Glaubens erschüttert werden (vgl. Mt. 7:24-27; Lk. 6:47-49). Dadurch ist auch zu erklären, warum Scheinheilige zu Verrätern werden (s. Judas Ischariot) und reuigen Sündern die wohlwollende Gnade Gottes zuteil wird (s. den Räuber auf Golgatha zur Rechten des Herrn). Und da Gott die Herzen kennt (s. Lk. 16:15), weiß Er im Voraus, wer am Ende vor Gott gerecht dastehen wird und wer nicht. Über die Pharisäer, die im Angesicht des Volkes stets den Anschein von Frömmigkeit wahren wollten, sagt der Herr: „So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz“ (Mt. 23:28). Ein schlimmeres Urteil kann man sich gar nicht ausdenken! Lieber ein aufrichtiger Sünder als ein bigotter Moralist!
Das Urteil über andere Menschen steht uns ohnehin nicht zu. Abba Dorotheos von Gaza (+565) führt das Beispiel zweier verwaister Zwillingsschwestern an. Die eine wurde von einer frommen Frau adoptiert, die andere von einer lasterhaften. Man darf vermuten, dass sich der Lebenswandel beider Mädchen grundlegend unterscheiden wird, wozu es aber objektive Gründe gibt. Und nur Gott allein weiß, was gewesen wäre, wenn… Wir aber wissen es nicht. Also wollen wir in allen Dingen das Urteil dem gerechten Richter überlassen. Amen.