Predigt zum 29. Herrentag nach Pfingsten / der Vorväter (Kol. 3:4-11; Lk. 14:16-24) (28.12.2025)
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Liebe Brüder und Schwestern,
nun biegen wir endlich in die Zielgerade der vorweihnachtlichen Fastenzeit. Am vorletzten Sonntag vor der Geburt Christi, dem Herrentag der Vorväter, gedenken wir sämtlicher Heiliger des Alten Testaments. Dementsprechend wird in Erinnerung an die Zeit vor dem Erscheinen Gottes im Fleisch das Gleichnis vom Festmahl aus dem Lukasevangelium vorgetragen. Es handelt von einem Mann (= Gott), der ein großes Festmahl veranstaltet, zu dem er viele einlädt. Als das Fest beginnen soll (= die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen), schickt er seinen Diener (= die Propheten), um die Gäste (= die rechtgläubigen Juden des Alten Bundes) zu Tisch zu bitten. Doch einer nach dem anderen, obwohl sie doch lange Zeit zuvor von dem Festmahl wussten, lässt sich entschuldigen, so dass der Festsaal (= die von Christus gegründete Kirche) leer bleibt. Darauf befiehlt der Mann voller Zorn seinem Diener, zunächst Arme und Krüppel, Blinde und Lahme von den Straßen und Gassen der Stadt (= Samariter und andere jüdische Mischethnien) herbeizurufen, und, als dieser Auftrag erfüllt ist, auch die Leute von den Landstraßen und von außerhalb der Stadt (= die Heiden) zur Teilnahme am Gastmahl zu nötigen, damit sein Haus (= die Kirche) voll wird. Und schließlich sagt der großzügige Gastgeber: „Keiner von denen, die eingeladen waren, wird an meinem Mahl teilnehmen“ (Lk. 14:24). Gezwungen wird keiner.
In erster Linie bezieht sich das Gleichnis auf die Juden, an die ursprünglich die Einladung zu Gottes Festmahl ergangen war. Aber wir können den Faden auch weiterspinnen und auf die christliche Epoche anwenden. Aus diesem Blickwinkel sind die Eingeladenen Christen, die nach eigenem Bekunden an Gott glauben, aber nie dem Festmahl beiwohnen, also nicht am eucharistischen Leben der Kirche teilnehmen. Es sind ganz gewiss keine schlechten Menschen – im Gegenteil: sie arbeiten intensiv und steigern das Bruttosozialprodukt (“Acker gekauft“), sind Kulturschaffende und im Bildungssektor tätig („fünf Paar Ochsen gekauft“ - Symbol für die fünf Sinne) oder kümmern sich um soziale Aspekte und karitative Belange („geheiratet“). Sie alle gehen guten, richtigen und überaus nützlichen Beschäftigungen nach, und ich wage zu behaupten, dass solche Menschen in vielerlei Hinsicht bessere Menschen sind als wir regelmäßige Kirchgänger. Dennoch rufen sie den berechtigten Zorn des Herrn hervor (s. 14:21). Was ist der Grund dafür? Wenn man sie fragen würde, bekäme man höchstwahrscheinlich die einhellige Antwort: „Wir sind doch gute, anständige Menschen. Was will Gott denn noch von uns?!“ ...
Der Apostel Paulus kontert diese Antwort folgendermaßen: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts“ (1 Kor. 13:1-3). Sehen Sie, selbst wenn diese Menschen die großartigsten Dinge vollbrächten, sich aber am obersten Gebot Gottes verfehlten, der einzigen kategorischen Richtnorm des Neuen Testamentes, dann hätten sie vor Gott nichts erreicht (s. Mt. 22:34-40; Mk. 12:28-31; Lk. 10:25-28). Es ist wie in der Schule: Themaverfehlung. Da kann mein Aufsatz meinetwegen auch für den Literaturnobelpreis taugen, wenn er aber nicht den Anforderung des Lehrplans bzw. des Lehrers entspricht, wird es nur heißen: „Sechs. Setzen!“
Nominelle Christen, das wiederhole ich gerne, müssen keine schlechten Menschen sein. Sehr oft sind sie aufrichtige und liebenswerte Zeitgenossen. Aber bewusst oder unterbewusst ignorieren sie das Liebeswerben des Herrn. Im Grunde geben sie dem Herrn zu verstehen: „Wir haben Gott im Herzen. Anweisungen und Ratschläge, wie wir zu leben haben, brauchen wir nicht. Das Evangelium interessiert uns nicht und mit der Familie Gottes, der Kirche, haben wir (außer evtl. 1-2 mal im Jahr) nichts am Hut. Lasst uns bitte in Ruhe damit!“
Es ist ihre freie Entscheidung. Gott zwingt sie nicht, in die Kirche zu kommen. Er lädt uns jedoch alle ein. Das ist ein riesiger Unterschied. Denn was für einen Affront es doch aus Sicht eines Orientalen vor zwei Jahrtausenden dargestellt hätte, die Einladung einer hochgestellten Persönlichkeit brüsk auszuschlagen, darüber müssten sich doch alle bewusst sein...
Sollte Gott die Menschen dann vielleicht zu ihrem Glück zwingen?! Klar, alle würden dann gerettet werden. Aber das wäre nicht fair gegenüber denen, die Gott wirklich von ganzen Herzen lieben und die Gemeinschaft mit Ihm ungezwungen anstreben. Ich möchte nicht aus Zwang das tun wollen, was ich ohnehin liebend gerne tun würde, zum Beispiel, der mir von Gott anvertrauten Gemeinde zu dienen. Es muss mich doch niemand zwingen, für Sie alle (soweit ich das trotz meiner Schwäche vermag) ein Diener vor dem Herrn zu sein. Denn würde ich das aus Zwang oder Berechnung tun, dann hätte ich die Liebe nicht. Und dann wäre mein Dienst an Ihnen nichts als dröhnendes Erz und eine lärmende Pauke. So ist das mit der Freiheit und der Verantwortung. Es gab Zeiten, da war man quasi gezwungen, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Nur Gott wusste, wer damals aufrichtig glaubte (s. Jer, 17:10; Lk. 16:15). Und ganz anders war es zu Zeiten der Verfolgung für den Glauben: da war es offensichtlich, wer reinen Herzens an Gott glaubte. Heute aber sind wir nur unserem Gewissen rechenschaftspflichtig. Tun wir also das Richtige! Amen.