Predigt zum 21. Herrentag nach Pfingsten (Eph. 5:8-19; Lk. 13:10-17) (07.12.2025)
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Liebe Brüder und Schwestern,
der Herr kam in diese Welt, um uns von unseren Leiden zu erlösen. Gemeint sind natürlich in erster Linie die Leiden der Seele, welche sich nach dem Sündenfall und bis zur Gründung der Kirche Christi unter der Gewaltherrschaft des Teufels befand. Manch einer damals und heute mag dieses Leid der Seele nicht wahrgenommen haben, denn solange es ihm im körperlich gut geht, wird er keinen Zusammenhang zur Seele erkennen. Bei seelischem Schmerz, z.B. bei Verlust eines lieben Menschen, ist er dann aber umso mehr ratlos („Wofür ?!“).
Unser Herr Jesus Christus stellt den Zusammenhang zwischen dem Leid der Seele und dem körperlichen Leid auf frappante Weise her, indem Er die seit achtzehn Jahren krankende Frau in der Synagoge unzweideutig als Opfer des Satans benennt. Wir wissen nicht, ob die Frau für eventuelle Sünden bestraft wurde oder ob Gott ihr dieses Schicksal zur Prüfung ihres Glaubens auferlegt hat. Wir wissen nur, dass Gott es, wie bei Hiob (s. Hiob 2:10), zugelassen hat.
Im vorliegenden Fall erahnen wir vielleicht die Absicht Gottes, uns diesen Zusammenhang anhand der Frau mit dem gekrümmten Rücken plastisch darzustellen. Wir sehen, dass Gottes Liebe immer den Menschen zugänglich ist. Wenn wir uns in den allegorischen Sinn der Begebenheit in der galiläischen Synagoge vergegenwärtigen, hat Gott Mitleid mit den seelischen Gebrechen der Menschen – den Sünden und deren Folgen für die Seele. Gott will helfen und uns heilen, aber dazu müssen wir selbst erkennen, dass wir krank sind – und uns an Gott hilfesuchend wenden. Dabei wird es aber unweigerlich zu Widerständen seitens der Repräsentanten dieser Welt kommen, hier personifiziert durch den Synagogenvorsteher. Er ist zwar, formal betrachtet, ein Vertreter des „Klerus“, in Wahrheit aber nur ein Verfechter des Zeitgeistes, der sich zu der betreffenden Epoche in der peniblen Einhaltung der Gesetzesvorschriften ausdrückte. Der Mann steht für die fleischliche Gesinnung der Menschen zu allen Zeiten (s. Röm. 8:7). Die Gebote Gottes sind aber keinem Mainstream untergeordnet, denn sie haben ewige, ausschließlich geistlich wahrnehmbare Tragweite. So bringt Christus Seine Kontrahenten mit dem Argument zum Schweigen, dass doch jeder von ihnen am Sabbat seinen Ochsen oder Esel zur Tränke führt (also seinem Vieh gegenüber die notwendige Liebe gewährt, die über dem Gesetz steht), während sie sich darüber echauffieren, dass Christus diese Tochter Abrahams von ihrem dämonischen Leiden erlöst (s. Lk. 13:15-16). Ja, die Befürworter einer buchstabengetreuen Auslegung des Gesetzes entgegnen: „Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat“ (Lk. 13:14). Der Frau hätte es sicher nicht viel ausgemacht, noch bis morgen zu warten, bis sie nach achtzehn langen Jahren wieder genesen sein wird. Aber genauso gut könnte man doch seinem Hausvieh sagen: „Morgen gibt’s wieder was zu saufen. Heute herrscht Ruhe.“
Das Neue Testament, das Christus verkündet und verkörpert, ist die Vollendung des Alten Bundes, den Christus nicht abgeschafft, sondern erfüllt hat (s. Mt. 5:17). Deshalb heißt es: „Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer. Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: ´Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht morden, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren!`, und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: ´Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst`. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes (Röm. 13:8-10; vgl. Gal. 5:14).
Die beiden Episteln, in denen der Apostel Paulus am meisten über die Vergänglichkeit des Gesetzes (bzw. seiner praxisbezogenen, buchstabengetreuen Auslegung) spricht, beinhalten zugleich auch die eindrucksvollsten Aufrufe zu einem Leben nach dem Geist (s. Röm. 8:1-17 und Gal. 5:1-26). Dafür wird Christus angefeindet. Und Seine Nachfolger ebenfalls (s. Joh. 15:20; vgl. 2 Tim. 3:12). Es wäre ja geradezu bedenklich, wenn die Botschaft Christi überall in der Welt nur mit Freuden aufgenommen würde. Da, wo es uns möglich ist, sollen wir ja mit allen Menschen in Frieden leben (s. Röm. 12:18), aber „um des Friedens willen“ dürfen wir auf gar keinen Fall vom Weg der Wahrheit, der zum Leben führt und der Christus Selbst ist, abkommen (s. Joh. 14:6). Christus ist da eindeutig: „Denkt nicht, Ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt. 10:34-35; vgl. Lk. 12:51). Auch bei dieser Rede Christi würde eine wortwörtliche Auslegung durch manch einen Eiferer des Buchstabens des Gesetzes zu verheerenden Folgen führen. Das „Schwert“ (bei Matthäus) bzw. die „Spaltung“ (bei Lukas) sind unumgänglich, weil das Evangelium von den Menschen entweder angenommen oder abgelehnt werden wird. Wir reden hier nicht über ein Buch, das man lesen oder auch ignorieren kann, sondern um das Leben in Christus, welches das Evangelium uns verkündet. Auch hier kann es die Nachahmung im buchstäblichen Sinne geben, was mit einer Verkehrung des geistlichen Gehalts der Frohen Botschaft gleichzustellen ist. „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (s. Joh. 8:7) ist ein oft bemühtes Zitat, das belegen soll, dass Gott die Sünde durchaus toleriert. Dass die Vergebung Gottes aber immer die wahre Umkehr der Sünder voraussetzt (s. Joh. 8:11), soll hierdurch wohl bewusst unter den Teppich gekehrt werden. Die Liebe Gottes äußert sich in der uns gewährten Gnade der Sündenbefreiung. Und die sollte es uns wert sein, dass wir nach der Befreiung von der Sündenlast durch Christus in den Mysterien der Kirche (Taufe, Beichte, Eucharistie) uns wieder zum Himmel aufrichten und Gott dafür preisen (s. Lk. 13:13). Amen.