Predigt zum 24. Herrentag nach Pfingsten (Eph. 2:14-22; Lk. 10:25-37) (23.11.2025)
Details Eintrag
Liebe Brüder und Schwestern,
die heutige Lesung aus dem Evangelium nach Lukas ist eine perfekte Anweisung für Neulinge beim Beichten bzw. für solche, die auch nach vielen Jahren „nicht recht wissen, was sie zu beichten hätten“. Der Herr bestätigt im Gespräch mit einem Gesetzeslehrer, dass das erste Gebot im Gesetz (vgl. Mt. 22:36-38) zum Leben führt. Bei Lukas heißt es im Wortlaut: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken“ (Lk. 10:17a). Wer also Probleme mit dem Beichten hat, kann sich dieses Gebot zu Gemüte führen und auf dessen Grundlage über sein Leben reflektieren:
- Wenn ich bis Hals über Kopf verliebt bin und aus beruflichen Gründen vorübergehend räumlich getrennt von meiner Allerliebsten bin, wird mich am Wochenende kein schlechtes Wetter, kein Schienenersatzverkehr, kein Warnstreik der Lokführergewerkschaft etc. abhalten können, meine Verlobte zu treffen. Wenn ich aber so gut wie nie „Zeit habe“, um sonntags zur Liturgie in die Kirche zu kommen oder zu Hause und im Alltag meinen Glauben zu praktizieren, dann gibt es hierfür nur eine Erklärung, nämlich die, dass ich den Herrn, meinen Gott, nicht mit ganzem Herzen liebe.
- Wenn mein Innenleben durch Zorn, Wut, Hass, Rachegelüste, Verachtung u.v.m. bestimmt wird, bedeutet dies, dass ich den Herrn, meinen Gott, entgegen anderslautender Behauptung meinerseits nicht mit ganzer Seele liebe.
- Wenn ich als gläubiger Mensch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis jeden erdenklichen Schwachsinn mitmache – auch solchen, der unvereinbar ist mit den moralischen Normen meines Glaubens – dann offenbart dies die Tatsache, dass ich den Herrn, meinen Gott, nicht mit all meiner Kraft liebe.
- Wenn mein Kopf ständig voll ist mit Aktienkursen, Sportresultaten, politischen Ereignissen oder persönlichen Angelegenheiten, kann das nur darauf zurückzuführen sein, dass ich den Herrn, meinen Gott, nicht mit allen meinen Gedanken liebe.
Wer ehrlich mit sich selbst ins Gericht geht, wird merken, dass er vor Gott in unendlich großer Schuld steht. Er darf gleichwohl in diesem Fall auf Gottes Liebe vertrauen, diese Sünden bereuen und ernsthaft Besserung geloben. Wenn er seine Sündhaftigkeit also erkannt und bereut und dazu nach den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen sie ankämpft, steht er bereits auf der ersten Stufe der Seligpreisungen (s. Mt. 5:3). Er muss also nicht verzweifeln, denn schon dadurch gehört ihm das himmlische Königtum. Zu den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gehören seine natürlichen Begabungen, die im biblischen Gesetz erwähnt sind (Herz, Seele, Kraft und Verstand), mit denen er allein sein Ziel zwar nicht erreichen kann, die er aber maximal einsetzen soll. Diese Mittel bilden die Grundlage und die Voraussetzung für die Wirksamkeit der geistlich-gnadenvollen Mittel, die ihm von der Kirche zur Verfügung gestellt werden: Beichte und Eucharistie. Diese synergistische Mischung bewirkt das Heil des Menschen, letztlich seine Vergöttlichung.
Viele sehen aber in der rein äußerlichen Befolgung von kirchlichen Richtlinien den Weg des Heils. Dabei passiert es aber sehr oft, dass solche, die gewissenhaft fasten, ihre Gebetsregeln befolgen, die Gottesdienste besuchen und auch sonst den ethischen Anforderungen des Glaubens entsprechen, über andere Menschen richten und dem Hochmut verfallen (vgl. Lk. 18:9-14), wodurch sie vor Gott keinerlei Rechtfertigung erwarten dürfen. Deshalb hat Gott es so gefallen, das zweite Gebot untrennbar mit dem ersten zu verbinden: „Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“ (Lk. 10:27b).
Natürlich gibt es eine unterschiedliche Wertigkeit für beide Gebote: das erste sagt, du sollst Gott maximal, d.h. über alles lieben (vgl. Mt. 10:37), während das zweite eher die natürliche Vorgehensweise impliziert: „Wie du mir, so ich dir“ (vgl. Mt. 7:12; Lk. 6:31). Aber ohne das zweite Gebot wäre das erste nicht möglich bzw. nicht authentisch. Den Mitmenschen sollen wir demnach so lieben, wie wir von anderen, uns evtl. fremden, unbekannten Menschen, welche aber in nächsten Augenblick unsere „Nächsten“ sein können (s. Lk. 10:29-37), behandelt werden wollen. Stichwort: tätige Liebe, ganz ohne Gefühlsduselei.
Es dürfte jedenfalls klar sein, dass Gott alle Fehler und Schwächen verzeiht, und dass die Kirche jederzeit Abstriche in äußeren Regeln und Praktiken zu machen bereit ist. Keine Kompromisse gibt es aber in der Liebe und in der Wahrheit in Bezug auf den Glauben (so haben Kirchenvertreter im Kommunismus unter enormem politischen Druck oftmals die Unwahrheit gesagt, aber niemals den Glauben verraten). Gott liebt und verzeiht. Das steht außer Frage. Aber was ist, wenn der Mensch Gott nicht liebt? Oder Ihn nur nach eigenen Vorstellungen akzeptiert und dementsprechend seinen Lebenswandel führt („Ich sehe das so“)?! Dann wird ihm die Liebe Gottes, Seine schiere Gegenwart, unerträglich sein. Wenn Gott Adam und Eva aus dem Paradies verweis, so tat Er es aus Liebe zu ihnen, denn durch den Sündenfall (und die fehlende Reue) hatten sie sich so sehr von Ihm entfremdet, dass ein Leben in der vormalig harmonischen Gemeinschaft nicht mehr möglich war. Dies konnte nur auf einem anderen Weg, bedingt durch den Heilplan Gottes, neu geschehen. Und so wird es auch am Tag des Gerichts mit denen passieren, die sich nicht bemüht haben, Gott mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, mit aller Kraft und allen Gedanken zu lieben und die ihre Nächsten – das Abbild Gottes, nicht wie sich selbst liebten, und stattdessen nationalistische, politische, rassistische, ideologische, sexistische, soziale o.ä. Gründe gelten ließen, um Gottes Gebote zu missachten. Amen.