Predigt zum 23. Herrentag nach Pfingsten (Eph. 2:4-10; Lk. 8:41-56) (16.11.2025)
Liebe Brüder und Schwestern,
heute werden wir mit den folgenden Worten des Apostels Paulus aus seinem Sendschreiben an die Gemeinde in Ephesos konfrontiert: „Gott aber, Der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in Seiner großen Liebe, mit der Er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit Ihm einen Platz im Himmel gegeben. Dadurch, dass Er in Christus Jesus gütig an uns handelte, wollte Er den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum Seiner Gnade zeigen. Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt –, nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat“ (Eph. 2:4-10).
Der Text bietet Antworten auf manche das Seelenheil betreffende Frage an, wirft aber zugleich zusätzliche Fragen auf. Versuchen wir also nun, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.
Da Gott voll Erbarmen ist, hat Er uns aus der Todesfalle der Sünde befreit. Über diesen Zusammenhang müssen wir uns alle bewusst sein: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm. 6:23). Wir haben nun dank der Liebe Gottes die Möglichkeit, auf Erden so zu leben, dass der Tod über uns nicht auf ewig herrschen wird. Dazu müssen wir die Sünde vermeiden. Da dies aber aufgrund unserer menschlichen Schwäche (= der gefallenen Natur) nicht möglich ist (s. 1 Joh. 1:8-10), kann uns nur die Gnade Gottes retten, und die erlangen wir, wenn wir mit Christus sterben und mit Ihm wieder auferweckt werden (s. Röm. 6:1-14). Das durch die Einswerdung mit Christus gewonnene Leben wird aber im Himmel zusammen mit Ihm stattfinden. Deshalb sollen wir das kommende Leben über alles in der Welt anstreben (s. Phil. 3:20; Hebr. 13:14). So gütig ist Gott, dass Er uns den überfließenden Reichtum Seiner Gnade zeigte, sodass wir ohne eigenes Zutun gerettet wurden. Gott hat es gewirkt, indem Er Mensch wurde und den Schuldschein, der gegen uns sprach, zerriss und ans Kreuz heftete (s. Kol. 2:14).
Das waren die „Antworten“, welche man auf Grundlage des Neuen Testaments aus den zitierten Worten entnehmen kann. Kommen wir jetzt zu den „Fragen“, die immer noch bestehen bleiben bzw. sich neu ergeben. Denn, wenn wir aus Gnade errettet sind, und nicht aus eigener Kraft, weil Gott es geschenkt hat und hierfür unsere gütige Mithilfe nicht in Anspruch zu nehmen geruhte, könnte man doch meinen, dass wir „automatisch“ das Heil erlangen, oder?! Wir haben keine Werke vollbracht, wahrlich nichts getan, womit wir uns rühmen könnten, nicht wahr? - Stimmt, wir sind aus Gnade gerettet, aber durch den Glauben. Gott rettet uns, jedoch nicht ohne uns! Und der Glaube, welcher als Grundvoraussetzung zur Wirksamkeit der uns rettenden Gnade fungiert, muss durch uns, Gottes Geschöpfe, die wir in Christus Jesus geschaffen wurden (bzw. neu geschaffen - s. Röm. 6:4), in unserem Leben durch gute Werke untermauert werden. Diese Werke sind natürlich die Gebote des Herrn, die Gott im Voraus für uns bereitet hat.
Daraus können wir nun diese Schlussfolgerungen ziehen:
- Gott will uns allen das ewige Leben schenken. Das ist ja unsere natürliche Bestimmung, dazu hat uns Gott erschaffen und ins Leben gerufen. Dies wird ohne Unterschiede alle betreffen, ungeachtet dessen, ob sich einer viel bemüht hat oder ob einer nicht ganz so viel investiert hat. Gott ist gnädig allen Menschen gegenüber, so dass der, welcher zur elften Stunde erschienen war, den gleichen Lohn (und zwar in Form des ewigen Lebens) erhält wie der, welcher von der ersten Stunde an hart gearbeitet hat (s. Mt. 20:1-16).
Doch gibt es einen Spruch der heiligen Väter, der uns alle nachdenklich machen muss. Die Wonne im himmlischen Königtum wird unvorstellbar groß sein, wenn wir das Antlitz Christi schauen werden. Und doch gibt es eine, die einzig mögliche Betrübnis im Paradies, nämlich die, wenn sich der neue Paradiesbürger selbst fragen wird: „Warum habe ich nur auf Erden nicht mehr dafür getan, dass ich hier noch größere Wonne habe?!“ Ja, „der Glanz der Sonne ist anders als der Glanz des Mondes, anders als der Glanz der Sterne, denn auch die Gestirne unterscheiden sich durch ihren Glanz“ (1 Kor. 15:41).
Deshalb eine Bitte an alle, die mir jetzt zuhören: Wenn etwas Unvorhergesehenes mit uns passiert – Leid, Not, Krankheit, Verlust, Ungerechtigkeit etc. – wollen wir niemals verzweifeln oder Gottes Liebe in Frage stellen. Bei zwei Heiligen des letzten Jahrhunderts las ich mal ein und denselben Gedanken (sinngemäß): „Wollen wir nicht auf unsere ´Rechte` in dieser Welt pochen; verzichten wir lieber auf alle diese ´Rechte` in diesem Leben, dann werden wir all das hundert- und tausendfach im künftigen Leben bekommen“. Und tatsächlich meinen wir manchmal, wir hätten in diesem Leben etwas Besseres verdient – aber so denken wir nur, weil wir unsere Sündhaftigkeit nicht erkennen und völlig außer Acht lassen, dass wir Gottes (unendliche) Schuldner sind und überhaupt keine Milde oder gar irgendeine Belohnung verdienen (vgl. Mt. 6:12; 18:23-35; Lk. 17:10). Daran müssen wir in der uns noch verbleibenden Zeit in dieser Welt verstärkt arbeiten. Ein Starez der Optina-Einsiedelei sagte einmal (sinngemäß): „Wenn die Menschen vorher wüssten, wie hart das Mönchsleben ist, würde wohl keiner jemals ins Kloster eintreten. Aber wenn die Menschen wüssten, was für eine Belohnung auf sie wartet, gäbe es wahrscheinlich keine freien Plätze mehr in den Klöstern“. Amen.