Predigt zum 22. Herrentag nach Pfingsten (Gal. 6:11-18; Lk. 8:26-39) (09.11.2025)
Details Eintrag
Liebe Brüder und Schwestern,
die Erzählung von der Heilung des Besessenen von Gerasa, die wir heute gemäß der Version des heiligen Lukas hörten, hat aufgrund der dort festgehaltenen Tatsachen und Umstände viel Aussagekraft. Wollen wir nun gemeinsam versuchen, diese nicht auf Anhieb verständlichen Tatbestände bzw. die sich aus ihnen ergebenden Rätsel aufzulösen.
Der Herr kommt in das Land der Gadarener. Ihm läuft einen ganze Legion von Dämonen, die im Körper bzw. in der Seele eines Besessenen haust, entgegen. Warum tun sie das? Sie müssten doch beim Anblick des Herrn Hals über Kopf fliehen, da die Anwesenheit des Herrn für sie zweifellos furchterregend ist. Sie aber kommen Ihm entgegen. Der Grund hierfür liegt wohl in der Tatsache, dass sie schon eingesehen haben, dass der Herr, Den sie als ihren Gebieter anerkennen, gekommen ist, um mit ihnen kurzen Prozess zu machen. Aus ist es mit ihrer dämonischen Orgie auf Kosten dieses von ihnen geplagten Menschen und zu Lasten der Bewohner der Gegend von Gerasa! Und wie kontextuell aus dem Evangelium hervorgeht, sind es ja in Wirklichkeit die Dämonen – nicht der Besessene, der in ihrer Gewalt ist und zu keinerlei eigener Willensäußerung mehr fähig ist – die dem Herrn entgegenlaufen, sich Ihm untertänigst zu Füßen werfen und schreien: „Was habe ich mit Dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich bitte Dich: quäle mich nicht!“ (Lk. 8:28). Weiter heißt es: „Jesus hatte nämlich dem unreinen Geist befohlen, den Mann zu verlassen“ (8:29) und: „Jesus fragte ihn: ´Wie heißt du?` Er antwortete: ´Legion`. Denn er war von vielen Dämonen besessen. Und die Dämonen baten Jesus, sie nicht zur Hölle zu schicken“ (8:30-31).
Wir stellen fest: die Dämonen erkennen Jesus Christus als Sohn des höchsten Gottes an. Sie sind Geistwesen, denen die Realität der jenseitigen Welt vertraut ist. Ihre Unterwürfigkeit beruht auf der Einsicht ihrer Misere, da nun ihr Ende zu nahen droht und sie in die Hölle geschickt werden könnten. Deshalb bitten die Dämonen unseren (und ihren) Herrn, ihnen noch einen Aufschub für ihre unausweichliche und endgültige Verdammnis zu gewähren*). Das bedeutet faktisch nichts anderes als dass die Dämonen zu Gott beten! Ja, Sie haben richtig gehört, denn wenn einem das Wasser bis zur Halskrause steht, wird jeder plötzlich zum Gläubigen. Die Russen der Sowjetära und danach sprechen aus Erfahrung, wenn sie sagen: „In den Schützengräben gibt es keine Atheisten“. Wie man weiß, gehen auch jetzt Atheisten an die Front und kommen als Gläubige zurück. Und unser Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt bekannte einmal, dass er in der Nacht, als die Befreiungsaktion der Geiseln aus der „Landshut“ in Mogadischu begann (1977), das „einzige Mal“ in seinem Leben gebetet hat. War es gerade dem Gebet eines Agnostikers zu verdanken, dass alle Geiseln und alle Spezialkräfte der GSG-9 den Einsatz überlebten?!.. Aber wie die Dämonen am Ufer des Sees Genezareth den nächsten Schritt, nämlich Reue und Umkehr, vermissen ließen, so sah der westdeutsche Regierungschef danach wohl keine Veranlassung mehr, sich mit Gott zu befassen. So ist es bei vielen.
Im heute geschilderten Fall erhört der Herr ebenfalls das Flehen derer, die Ihm nicht wohlgesonnen sind. Dämonen haben nichts anderes im Sinn als Böses zu tun. Von (ihrer gefallenen) Natur aus sind sie zu nichts anderem in der Lage. Und wenn sie schon diesen unglückseligen Mann nicht mehr quälen dürfen, möchten sie ihr Unwesen wenigstens in der vernunftlosen Schöpfung treiben. Der Herr erlaubt es ihnen. Aber die schuldunfähigen Tiere werden sofort erlöst, so dass die Dämonen mit leeren Händen dastehen und ihr Schicksal nun doch besiegelt ist. Das alles geschieht entsprechend Gottes Heilplan, damit die Bewohner von Gerasa zur Besinnung kommen und zu einem frommen Lebenswandel zurückfinden. Doch stattdessen empfinden sie große Furcht ob des Geschehenen, und statt sich über die Genesung des Besessenen zu freuen, hadern sie mit dem erlittenen schweren materiellen Verlust. Sie bitten den Herrn, Sich aus ihrem Gebiet zu entfernen. Statt „Ende gut – alles gut!“ nun doch kein Happy End?! Nicht ganz. Der Herr hat ihnen Seine rettende und versöhnende Hand ausgestreckt, die sie zwar ausgeschlagen haben, – was sinnbildlich ist für unsere ehemals christliche Gesellschaft –, doch schreibt der Herr die Menschen keinesfalls ab. Denn wie der geheilte Besessene in seiner Stadt samt Umgebung, verkünden orthodoxe Christen heute in jedem Land, in jedem vergessenen Winkel der Erde (selbst in Nordkorea und in der Antarktis!) den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes. Und je mehr Menschen es sind, die sich aktiv am kirchlichen Leben beteiligen, desto deutlicher und vernehmbarer wird diese Stimme – allen Widrigkeiten zum Trotz. So wie die Schweinehalter von Gerasa sich durch die Anwesenheit Christi in ihrem gesetzlosen Treiben gestört fühlten, so ist die Anwesenheit der verbliebenen treuen Nachfolger Christi heute ein Dorn im Auge des LGBTQ-durchsetzten Establishments. Und Gott wartet geduldig auf die Umkehr aller Menschen, wobei wir Orthodoxe mit gutem Beispiel vorangehen sollten. Amen.
_____________________________________________________________________________________________________________________________________________________
*) Erinnern wir uns an den Roman „Unterweisungen an einen Unterteufels“ von C.S. Lewis, wo der Unterteufel Wormwood nach dem leiblichen Tod seines „Schutzbefohlenen“, den er als Gegenspieler des Schutzengels ins Verderben führen sollte, selbst in die Hölle fahren muss. Die Zielperson des Unterteufels hatte während des Zweiten Weltkrieges infolge der nächtlichen Bombardierungen wieder den Weg zur Kirche und zu Gott gefunden, so dass dessen Seele, nachdem er in einer Bombennacht ums Leben kam, für den Satan verloren war. Der Unterteufel hatte somit sein Ziel verfehlt und musste nach dem Ableben seines potenziellen Opfers als Versager zurück zur Hölle, was ihm vom erfahrenen Oberteufel Screwtape genussvoll final verkündet wurde.