Predigt zum 16. Herrentag nach Pfingsten / nach Kreuzerhöhung (Gal. 2:16-20; 2 Kor. 6:1-10; Mk. 8:34-9:1; Mt. 25:14-30) (28.09.2025)
Details Eintrag
Liebe Brüder und Schwestern,
wir alle kennen das Gleichnis vom anvertrauten Geld, das uns in den Evangelien unter zwei Versionen überliefert worden ist: von den „Talenten“ bei Matthäus (25:14-30) und von den „Minen“ bei Lukas (19:11-27). Es ist ja völlig nachvollziehbar, dass der Herr während Seiner dreieinhalbjährigen Verkündigung des Königtums Gottes ein und dasselbe Gleichnis zu verschiedenen Gelegenheiten und an verschiedenen Orten wiederholt bzw. in geringfügiger Abwandlung dargelegt haben muss. Entscheidend ist der allegorische Sinngehalt des betreffenden und aller übrigen Gleichnisse. Aus dem Gleichnis vom anvertrauten Geld, jedenfalls, ergibt sich, dass sich diejenigen im Irrtum befinden, die meinen, der Glaube allein sei ausreichend für das Seelenheil. Gott hat uns alle dafür eingesetzt, für Sein Königtum auf Erden zu streiten. Hierfür hat jeder verschiedene Gaben (s. Röm. 12:6-8; 1 Kor. 12:1-11) erhalten, die er verantwortungsvoll und vor allem gewinnbringend und zu Gottes Ehre einsetzen soll. Wenn er somit für den Herrn einen Ertrag eingefahren hat, soll es gewiss dann auch sein Schaden nicht sein (s. Mt. 25:20-21; 22-23). Es gilt der Grundsatz: „Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer reichlich sät, wird reichlich ernten“ (2 Kor. 9:6). Und deswegen sagt der heilige Johannes Chrysostomos, dass wenn jemand die Gabe des Wortes empfangen hat, um dadurch Menschen Gott näherzubringen, diese Gabe aber nicht diesem Ziel entsprechend verwendet, dann hat er seine Gabe umsonst empfangen, was eben bedeutet, dass er „sein Talent vergraben“ hat. Er mag es anderweitig eingesetzt haben, aber nicht nach Gottes Willen. Den Lohn wird aber nur der erhalten, welcher seine Gaben zielgerichtet eingesetzt hat (s. Joh. 1:16), „denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“ (Mt. 25:29).
Das alles ist logisch und verständlich. Nicht auf Anhieb verständlich ist jedoch die sinnbildliche Reaktion des Knechtes, welcher sein Talent in der Erde begraben hatte (s. 25:18), der quasi zu seiner Rechtfertigung sagt: „Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder“ (25:24b-25). Zunächst kann man diesem Knecht einen Vorwurf daraus ableiten, dass Furcht (ohne Liebe) gegenüber Gott letztlich Verleumdung ist: „Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet“ (1 Joh. 4:18; vgl. Offb. 21:8). Wir erkennen hierin die Verzagtheit so vieler Christen, die doch so viel beten und fasten, regelmäßig in der Kirche sind und auch nie die Treue zu ihren Ehepartnern gebrochen haben, und trotzdem nicht das bekommen, was sie sich für das irdische Leben wünschen (s. Mt. 6:31-32), welche darauf zurückzuführen ist, dass sie Gott zwar „respektieren“, aber nicht mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, aus ganzer Kraft und mit dem ganzen Verstand lieben (s. Lk. 10:27), d.h. Gott als ihren Handelspartner betrachten: „Ich gebe Dir dieses (ein anständiges Leben, äußerliche Frömmigkeit), und Du gibst mir dafür jenes“ (Glück, Gesundheit, Wohlstand, Frieden). Gott Selbst ist nicht das Ziel ihrer Sehnsucht. Für sie gibt es ganz andere Objekte der Begierde. Die unendliche Glückseligkeit der Auserwählten (s. Mt. 25:10,34,46b; Offb. 3:21; 22:3-5), die vollkommene Gesundheit der Seele (s. Mk. 8:36), die nie versiegenden himmlischen Schätze (s. Mt. 6:19-21), der Friede, welcher jeden Verstand übersteigt (s. Phil. 4:7) – das alles interessiert sie nur am Rande. Warum aber das, wenn sie doch gläubig sind?! - Gläubig, aber eben nur ein wenig. Es ist ein Glaube, welcher der Nullnummer des faulen Knechts aus dem Gleichnis von den Talenten gleichkommt. Es ist eine Denkweise, die Gottes unendliche Barmherzigkeit in der Vorsehung nicht erkennen will (Theodizee). So eine Geisteshaltung offenbart also die menschliche, auf eigenem Verschulden beruhende Unzulänglichkeit im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe.
Bleibt aber noch die Frage, warum der Herr den Vorwurf des untätigen Dieners auch noch zu bestätigen scheint: „Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe“ (Mt. 25:26). Wir wissen doch, dass der Herr sehr wohl erntet, wo Er gesät hat (s. Mt. 13:1-9; Mk. 4:1-9; Lk. 8:4-8) und auch nur sammelt, wo Er ausgestreut hat (s. Lk. 11:23). Warum also lässt der Herr das auf Sich sitzen?!.. Nun, der Herr widerspricht Seinem faulen Knecht aus dem Grunde nicht, da Er ihn durch dessen eigene Worte richten wird (s. Mt. 12:37). Er will ihm gleichsam sagen: „Selbst wenn Ich so unersättlich wäre, hättest du dich umso mehr um die Vermehrung Meines Kapitals befleißigen müssen. Auch wenn du dies nicht aus Liebe zu Mir getan hättest, dann doch wenigstens aus Furcht vor Mir“. Das „Geld“ hätte er den „Händlern“ übergeben sollen, damit diese es in Umlauf bringen, also denjenigen, welche das Wort Gottes bereitwillig aufnehmen und es weiter verkündigen. d.h. die anvertraute Gabe ihrerseits wieder „vermehren“. Und um zu widerlegen, dass Er über alle Maßen gierig ist, behält der Herr das Ihm zurückerstattete Talent nicht ein, sondern lässt es dem geben, der die zehn Talente erworben hat (s. Mt. 25:28). Und dadurch kommt die vollkommene spirituelle Realität zum Vorschein. Diejenigen, welche Gott lieben und sich für Ihn einsetzen, erkennen und erfahren in Ihm die unendliche und unaussprechliche Barmherzigkeit; diejenigen jedoch, welche aus eigener Schuld leer ausgehen, werden den Herrn hierfür auch noch beschimpfen und sich selbst rechtfertigen. Wir kennen dies ja bereits zur Genüge. Amen.