Predigt zum Hochfest der Weltweiten Erhöhung des Kostbaren und Lebenspendenden Kreuzes des Herrn (1 Kor. 1:18-24; Joh. 19:6-11,13-20,25-28,30-35) (27.09.2025)
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Liebe Brüder und Schwestern,
obwohl der historische Anlass zur Feier der Weltweiten Erhöhung des Kostbaren und lebenspendenden Kreuzes des Herrn nicht biblischen Ursprung ist, kann man aus theologischer Sicht sehr wohl die Feier unserer Erlösung durch den Kreuztod Christi auf Grundlagen der Heiligen Schrift zurückführen, und zwar sowohl des Alten als auch des Neuen Bundes. Man kann sogar davon sprechen, dass sich in Gestalt des Kreuzes der biblische Kreis schließt, so wie unser Herr Jesus Christus „das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ der Heilgeschichte ist (s. Offb. 22:13; vgl. 1:8,17; 2:8; 21:6). Nur durch Ihn wird das verlorengegangene Leben im Paradies für den Menschen wieder zugänglich: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will Ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist“ (Offb. 2:7). Dieser „Baum des Lebens“ steht also am Anfang und am Ende der Menschheitsgeschichte (vgl. Gen. 2:9). Dank des Kreuzopfers unseres Herrn können wir „vom Baum des Lebens essen“, d.h. durch den Empfang der Heiligen Gaben – des Leibes und des Blutes Christi – am ewigen Leben in Gott teilnehmen. „Christi Leib empfanget und kostet die Quelle der Unsterblichkeit“ singen wir in der Liturgie während der Heiligen Kommunion.
Das Zeichen des Kreuzes als Sinnbild unserer Erlösung zieht sich wie ein roter Faden durch den Alten Bund. Ein besonderer Hinweis auf die Errettung auch der heidnischen Völker ist die Segnung der beiden von einer ägyptischen Frau geborenen Söhne Josephs (eines Prototyps Christi) durch den Stammvater Jakob alias Israel. Joseph stellte seinen älteren Sohn Manasse zur Rechten Jakobs und den jüngeren Ephraim zu dessen linker Seite, doch Jakob (Israel) legte seine Arme über Kreuz und segnete mit der rechten Hand den Jüngeren und mit der linken den Älteren (s. Gen. 48:14). Damit sagte er prophetisch voraus, dass aus dem Jüngeren „eine Menge von Völkern“ (48:19) hervorgehen werde, und dass diese (Heidenvölker) den Vorzug vor ihren älteren Brüdern (Israel) erhalten würden. Vor der Überquerung des Schilfmeeres machte Moses ein senkrechtes Zeichen mit seinem Stab, nach der Überquerung ein waagrechtes – was für die Zerstörung der Streitmacht des Pharao und für die Rettung von Gottes Volk und dessen Einzug ins gelobte Land ursächlich war (s. Ex. 14:5-14). Die war ein weiteres Urbild für den Sieg Christi über den Widersacher und die Befreiung des Neuen Israel von der Knechtschaft des Todes. Ein weiteres prophetisches Zeichen des Triumphs Christi vermittels des Kreuzes über die Macht des Todes war die eherne Schlange, die Moses in der Wüste an einen Pfahl befestigt aufstellen ließ, damit die von giftigen Schlangen gebissenen Kinder Israels beim Anblick desselben am Leben blieben (s. Num. 21:6-9; vgl. Joh. 3:13-15). Und schließlich offenbarte sich das Zeichen des Kreuzes prophetisch als Sieg bringend über die Macht des Bösen bei der Schlacht bei Refidim, denn solange Moses die Arme waagrecht zu den Seiten ausbreitete, gewann Israel unter Josua die Oberhand über Amalek und dessen Heer (s. Ex. 17:8-16).
Die beiden in der christlichen Ära erfolgten Erhöhungen des Kostbaren und Lebenspendenden Kreuzes unseres Herrn anno 326 und 628 feiern wir am heutigen Festtag als symbolische Ereignisse, welche den Sieg Christi und die Festigung des Friedens von oben in der Welt bekräftigten (vgl. Joh. 16:33). Der Sieg des Christentums und sein Aufstieg zur Weltreligion ist ja nicht mit Leichtigkeit errungen worden. Der wunderbaren Auffindung des Kostbaren Kreuzes unseres Herrn durch die heilige Helena gingen 300 Jahre grausamster Verfolgungen durch die römischen Kaiser voraus, während die Rückkehr des Lebenspendenden Kreuzes aus persischer Gefangenschaft nach Jerusalem unter Kaiser Heraklios erst nach fürchterlichen Verwüstungen der heiligen Stätten und nach einem überaus verlustreichen Feldzug gegen die Perser erfolgt war. Seit dieser Zeit beten wir orthodoxe Christen in Troparion und Kondakion zu den drei Festen, an denen das Heilige Kreuz feierlich aus dem Altarraum herausgetragen wird (Kreuzerhöhung, Kreuzverehrung, Heraustragen des Kreuzes) für die orthodoxen Herrscher (heutzutage, da es keine orthodoxen Monarchen mehr gibt bzw. noch nicht wieder gibt, heißt es da nur allgemein „Gewähre Siege bzw. festige die orthodoxen Christen“). Wir sollen nicht denken, dass wir in der Kirche bloß wehmütig in Erinnerungen an glorreiche Zeiten schwelgen. Die Situation der Kirche ist durchaus vergleichbar mit dem Anfang des 4. und des 7. Jahrhunderts. Wir alle sehen die Bedrohung, welcher das Christentum weltweit ausgesetzt ist, woran wohl die Christen selbst die größte Schuld tragen. Aber das Königtum Gottes lebt nicht von äußerer Stärke und von pompösen Glanz. „Mit dem Königtum Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht: zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da“ (Mk. 4:26-29). Vom Menschen selbst erwartet Gott nur, dass er seinen Teil erfüllt – und damit sind alle Christen gemeint. Alles andere wird Gott machen – und der Mensch weiß nicht wie. Denn die absolute Macht in dieser Welt gehört nicht den Putins, Xis, Modis oder Trumps, auch nicht dem Satan – sie sind letztlich nur Werkzeuge in den Händen Dessen, Dem „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ gegeben ist (Mt. 28:18). Und Er ist bei uns – in der Kirche – „alle Tage bis an das Ende der Welt“ (Mt. 28:20). Amen.