Predigt zum 14. Herrentag nach Pfingsten / Beginn des Indikts (1 Tim. 2:1-7; 2 Kor. 1:21-2:4; Lk. 4:16-22; Mt. 22:1-14) (14.09.2025)
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Liebe Brüder und Schwestern,
das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl. Der Herr ruft alle, aber die meisten kommen nicht. Sie haben alle so wichtige Sachen zu erledigen, dass sie sich freundlich dafür entschuldigen, dass sie der Feier fernbleiben. Interessant ist, dass der König, welcher das Hochzeitsmahl für seinen Sohn veranstaltet, seine Freunde nicht etwa um Hilfe in der Not bittet, sondern sie nur an seiner Freude teilhaben lassen will. Er braucht nichts von ihnen. Doch er sehnt sich nach der Gemeinschaft mit Ihnen, weil er sie liebt. Wie weh tut es doch, wenn man merkt, dass man seinen sog. Freunden in Wirklichkeit gleichgültig ist!..
Gleich kommen wir von der allegorischen Ebene auf die reale. Unsere Gegenwart zeichnet sich dadurch aus, dass wir bei uns volle Religionsfreiheit genießen, was vor nicht allzu langer Zeit im Osten unseres Kontinents (und unseres Landes) keine Selbstverständlichkeit war. Auch hier, im Gleichnis, zwingt der König seine Untertanen, die er als seine Freunde ansieht (s. Joh. 15:15), zu gar nichts. Ihm ist daran gelegen, dass sie aus freien Stücken, freudig in seine Gastgemächer erscheinen. Und er tut gut daran, denn er ist ein gütiger Herrscher, kein Tyrann.
Bei Dschingis Khan, Pharao Ramses II oder auch nur bei einem Regionalfürsten wie Herodes Antipas hätte es wohl niemand gewagt, dessen Einladung auszuschlagen. Aber wenn unser Herrgott ruft, am „Hochzeitsmahl Seines Sohnes“ teilzunehmen, finden die Leute immer was Besserer zu tun. Sie genießen ja die Freiheit, die Er ihnen gegeben hat. Früher hätten sie noch ihre berufliche oder gesellschaftliche Stellung riskiert, evtl. auch ihre Freiheit oder sogar ihr Leben, wenn sie sich zu Ihm bekannt hätten, sich als Seine „Freunde“ geoutet hätten. Heute aber können sie ganz offen goldene Kreuzchen um den Hals tragen, ihre Osterspeisen segnen lassen und sich vor allen Leuten als „orthodox“ bezeichnen. Sie haben ja Gott im Herzen – nur darauf kommt es an. Und, wenn man sie fragt (z.B. dann, wenn sie ihre Kinder taufen lassen wollen), besteht nicht der geringste Zweifel, dass der Glaube für sie an oberster Stelle steht. Viel wichtiger als irdische Dinge. Ganz bestimmt. Schön für sie!..
Das glaube ich ihnen gerne. Taten sagen bekanntlich mehr als Worte: Wenn das Wetter schlecht ist oder die Entfernung zum Supermarkt zu groß und die Verkehrsanbindung mangelhaft oder wenn einfach ihre Zeit zu knapp bemessen ist, weil sie ja immerzu derart beschäftigt sind, dann kaufen sie logischerweise für ihre Familien nichts zu essen und zu trinken, besorgen keine Hygieneartikel (Seife, Shampoo, Zahnpasta, Toilettenpapier), verzichten auf Haushaltsmittel (Waschpulver, Küchenreiniger), und wenn jemand zu Hause krank ist, sparen sie sich den Weg zum Arzt oder zur Apotheke, und ganz sicher kann man es ihnen nicht zumuten, ihre Kinder jeden Morgen zur Schule zu schicken oder selbst tagtäglich zur Arbeit zu fahren. Das ist schließlich unzumutbar für Menschen, die ja nicht einmal für das Zeit haben, was das Allerwichtigste und das einzig Notwendige (s. Lk. 10:42) ist. Logisch, dass man auch bei Nebensächlichkeiten zurückstecken muss. So sind nun mal die Lebensumstände.
Wir leben ja in einer freien Gesellschaft, was ja wohl auch Gott letztlich anerkannt hat. Vorbei die Zeiten, dass ich irgendjemanden etwas beweisen musste. Jetzt kann ich Gott einfach im Herzen tragen und mich den Dingen zuwenden, die mein Herz begehrt. Das Evangelium oder den Katechismus brauche ich ja nicht zu lesen, wenn Gott in meinem Herzen ist. Diese Dinge könnten ja zu einem Gewissenskonflikt führen, mir evtl. Hinweise darauf geben, dass mein Lebenswandel nicht ganz dem christlichen Modell entspricht. Da ist es für mich viel bequemer, nichts von diesen Dingen zu wissen, womit ich mein Gewissen ruhig stellen kann. Wie schön es doch ist, dass wir diese Freiheit haben! Ich muss nicht auf diese Priester hören, die mir was von Gottes Strafgericht erzählen wollen. Nein, ich brauche diese Gruselgeschichten nicht. Würde ich z.B. das Evangelium aufschlagen, könnte es mir passieren, dass ich auf die Stelle aus der heutigen Lesung stoße: „Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen“ (Mt. 22:7). Oder diese völlig unverständliche Stelle: „Als sie sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Er sagte zu ihm: ´Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen?` Darauf wusste der Mann nichts zu sagen. Da befahl der König seinen Dienern: ´Bindet ihm Hände und Füße, und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt`“ (22:11-14). „Mein Gott“ ist ein anderer als der hier.
Der heutige Herrentag fällt mit dem Beginn des Kirchenjahres zusammen (1. September nach dem Julianischen Kalender). Es ist der Beginn des Indikts, wodurch im Römischen Reich das Finanzjahr bezeichnet wurde. Mit dem Apostelgleichen Kaiser Konstantin wurde das kirchliche Leben mit dem staatlichen verschmolzen, allen voran der Kalender. Während des Finanzjahres wurden die Steuern geregelt, also wer wie viel an den Kaiser bezahlen soll. Darüber lesen wir übrigens gleich im Anschluss an das eben erst gehörte Gleichnis (s. Mt. 22:21). Auch aus dieser kurzen Begebenheit kann jeder vernunftbegabte und freie Mensch selbst den Schluss ziehen, was aus Sicht unseres Herrn prioritär und was sekundär ist: die Abgabe an den irdischen König (den Mammon) oder an den Himmlischen König. Ich habe mich mittlerweile dazu entschlossen, niemanden zu bevormunden. Diese Frage muss folglich jeder für sich als freier und verantwortungsvoller Mensch selbst beantworten. Amen.