Predigt zum 12. Herrentag nach Pfingsten (1 Kor. 15:1-11; Mt. 19:16-26) (31.08.2025)
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Liebe Brüder und Schwestern,
in der heutigen Erzählung aus dem Evangelium kommt es gleich zu Beginn zur Sache: „Was soll ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Mt. 19:16) - fragt einer der führenden Männer, wahrscheinlich ein Gesetzeslehrer, unserem Herrn Jesus Christus. Wir können davon ausgehen, dass dieser Mann aufrichtig am Seelenheil interessiert war, zumal er sich ja, nach eigenem Bekunden, an die Gebote hielt. Aus dieser Frage entwickelt sich darauf ein bemerkenswerter Dialog mit dem Herrn, den wir jetzt gemeinsam analysieren wollen. Auf diesem Weg wollen wir mit Gottes Hilfe von einem Niveau zum anderen auf dem Weg der Erkenntnis zur Erlangung des ewigen Lebens schreiten.
Wenn der Herr Seinen Fragesteller darauf hinweist, dass nur Gott allein gut ist, ist das eine eindeutige Aussage in Bezug auf den Zustand des Menschen nach dem Sündenfall. Der Mensch kann selbst beim besten Willen nicht gut sein (s. Ps. 52:1-4; Röm. 7:18-24), auch nicht Jesus aus Nazareth, wenn Er nur ein Lehrer (Meister, Rabbi etc.), als der Er angesehen wird, wäre. Folglich lautet die erste Lektion: Unser Weg zu Gott ist nicht anders möglich als über Jesus Christus, den Sohn Gottes (s. Joh. 14:6). Grundlage ist also der Glaube an Jesus Christus (s. Apg. 16:31). Ohne Ihn geht überhaupt nichts (s. Joh. 15:5).
Der Glaube bedarf aber konkreter äußerer Ausdrucksformen, ohne die er völlig fruchtlos ist (s. Jak. 2:17-18). Deshalb verweist der Herr auf die grundlegendsten Gebote, ohne die man nicht das Heil erlangen kann. Wie der Fragesteller auf dezente Weise selbst zu erkennen gibt, sind das augenscheinlich kinderleichte Gebote, sprich, Anforderungen, die buchstäblich jedes Kind erfüllen kann (s. 19:20). Und doch ist es wohl nicht nur für unsere heutige Zeit wichtig festzuhalten, dass man nicht Christ sein kann, wenn man, beispielsweise, Kindstötungen betreibt oder unterstützt, wenn man seinem Ehepartner nicht treu ist, wenn man sich fremden Besitz aneignet, die Unwahrheit sagt oder seine Eltern nicht ehrt. Alle Überlegungen über das Seelenheil, die nicht auf diesem Fundament stehen, sind vergebliche Liebesmüh´. Und das an anderer Stelle des Evangeliums (s. Lk. 10:25-37) ausführlich behandelte Gebot der Nächstenliebe steht hier gesondert, weil es, anders als die vorgenannten, nicht dem Dekalog (Ex. 20:1-17; Dtn. 5:6-21) entstammt. Es ist aber eines der Gebote aus dem Gesetz, die der Herr über alle anderen stellt und auf denen das ganze Gesetz und die Propheten aufgebaut sind. Interessant ist, dass der Herr im heutigen Dialog nur die zweite Hälfte des Doppelgebots erwähnt, nämlich das alttestamentliche Gebot von der Liebe zum Nächsten (Lev. 19:18b), den ersten Teil (Dtn. 5:6) aber unerwähnt lässt. Warum wohl? Weil der Herr auf dieser Etappe Seines Dialogs hervorheben will, dass die Liebe zum Menschen das Fundament des Glaubens darstellt. Wenn selbsternannte Humanisten heute glauben, alle Inder, Chinesen und Afrikaner gleichzeitig lieben zu können (was Gott ja gar nicht erwartet, weil es schlichtweg unmöglich ist, aber in der vereinfachten Sichtweise dieser Romantiker „kinderleicht“ ist, solange die Objekte der Liebe weit entfernt sind), sagt das Evangelium etwas anderes: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“. Deinen Nächsten, nicht alle Menschen! Der Mensch, welcher gerade vor dir ist, ist dein Nächster. Ihn sollst du lieben wie dich selbst – und das durch Taten bezeugen. Also lautet die Folgerung aus dieser Lektion: das Einhalten der Gebote soll durch konkrete Werke der Liebe gegenüber Menschen deine Liebe zu Gott belegen. Den Nächsten sollen wir demnach lieben wie uns selbst. Und sich selbst liebt bekanntlich jeder (vgl. Eph. 5:29).
Erst danach führt uns der Herr auf die oberste Stufe auf dem Weg zur Erlangung des ewigen Lebens. „Was dir noch fehlt, nachdem du deine Hausaufgaben gemacht hast?!“ - „Beweise Mir jetzt, dass du das Himmlische ohne Einschränkung anstrebst, dass nichts in diesem Leben dich von der Liebe zur himmlischen Herrlichkeit abhalten kann! Trenne dich also von all deinen Besitztümern und werde einer Meiner Jünger! Das ist der beste und sicherste Weg, um das wahre Leben zu erben“. Der Herr will ihm (und auch uns) sagen: „Selbst wenn du es schaffst, deinen Nächsten wirklich so zu lieben wie dich selbst (was in der Realität aber schwer genug ist), ist der Anspruch bei der Liebe zu Gott ein ungleich höherer, denn Gott sollst du mit dem ganzen Herzen, mit der ganzen Seele und mit all deiner Kraft lieben! Alle übrigen guten Werke – und seien sie noch so zahlreich und lobenswert – verblassen vor der Liebe zum Herrn, Deinem Gott. Und du, mein Freund, hast jetzt die Gelegenheit, dies schlagartig unter Beweis zu stellen. Verkaufe deine gesamte Habe und folge Mir nach!“... Und plötzlich merken wir, dass es doch nicht so einfach ist, in das Königtum der Himmel zu gelangen (vgl. Mt. 7:13-14; Lk. 13:24).
Letztlich scheitert der aus elitären Kreisen stammende Mann an der Unvollkommenheit seines Glaubens. Wäre sein Glaube auch nur von der Größe eines Senfkorns (s. Mt. 17:20) gewesen, hätte er im Nu den irdischen Reichtum gegen das künftige Leben im Paradies eingetauscht. Und wir alle legen diesen Mangel an Vertrauen in unseren Herrn Jesus Christus an den Tag, wenn wir uns über unser diesseitiges Schicksal beklagen, Prüfungen des Glaubens fürchten und übermäßiges Interesse an irdischen Dingen zeigen.
Kommen wir nun zu unserer abschließenden Schlussfolgerung: das Königtum Gottes ist nur zugänglich, wenn man Gott über alles liebt. Ist das aber möglich – einfach durch guten Willen? Ohne den Glauben an das Unsichtbare (s. 2 Kor. 4:18; 5:7) können wir Gott, Den wir nicht sehen (s. 1 Joh. 4:20), nicht lieben. Darauf beruht unser Glaube (s. Hebr. 11:1). Und nur in der Kirche können wir diesen Anspruch dank der Gaben des Heiligen Geistes verwirklichen. Amen.