Predigt zum 7. Herrentag nach Pfingsten (1 Kor. 1:10-18; Mt. 14:14-22) (27.07.2025)
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Liebe Brüder und Schwestern,
wieder und wieder lesen wir von Wundern des Herrn. Ein Wunder ist per definitionem ein Ereignis oder ein Geschehen, bei dem die uns bekannten Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt bzw. überwunden werden. In dieser Hinsicht haben wir heute von einem Wunder gehört, dass ganz eindeutig zu dieser Kategorie gehört. Eine aus mehreren tausend Menschen bestehende Menge wird an einem wüsten Ort aus fünf Broten und zwei Fischen gespeist, wobei alle gesättigt werden und von den nicht verbrauchten Resten zwölf Körbe voll gesammelt werden. Bei diesem Wunder wird sogar die Mathematik auf den Kopf gestellt. Christus, Der Sich nie für eigene Zwecke Seiner göttlichen Macht bedient hat (mit Ausnahme von zwei Fällen, als Seine Zeit noch nicht gekommen war, und Er Sich der Gefangennahme auf wunderbarer Weise entzog – s. Lk. 4:29-30; Joh. 8:59), lässt Seine Wohltaten über die Menschen ausgießen, um wenige Tage später betrübt feststellen zu müssen: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Ihr sucht Mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid“ (Joh. 6:26). Deshalb sagt Er ihnen auch: „Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. Die wird euch der Menschensohn geben, denn auf Ihm ist das Siegel Gottes des Vaters“ (6:27). In Verbindung mit dieser Aufforderung ergibt das Zeichen, das Christus geschehen ließ, Sinn. Wenn die Zuwendung Christi an die Menschen in einer irdischen Notlage zu der Erkenntnis führt, dass Gott an etwas unvergleichlich Höherem gelegen ist, und wenn daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden, dann erst erweisen sich die Menschen Gott gegenüber dankbar. Weshalb sonst hat Christus die Menge dann mit fünf Broten und zwei Fischen gespeist? Keine Frage, Er wusste, dass sich die Menschen fast ausschließlich in irdischen Nöten an Ihn wenden. So war es immer, so ist es heute, und so wird es immer sein. Doch durch das Wunder der Brotvermehrung wollte Christus zeigen, dass Ihm die irdischen Sorgen der Menschen nicht gleichgültig sind. Hatte Er nicht als erstes Wunder überhaupt zuvor in Kana Wasser zu Wein verwandelt und die betreffenden Menschen aus einer misslichen Lage herausgeführt (s. Joh. 2:1-11)?! Brot und Wein reicht uns der himmlische Hohepriester (vgl. Gen. 14:18), damit wir durch diese irdischen Abbilder zur Gemeinschaft mit Gott im Himmel gelangen. Um nichts anderes geht es dem Herrn. Aber wie viele Menschen enthalten sich der Teilnahme am Mysterium des Leibes und des Blutes Christi – sei es aus Desinteresse, sei es aus „Zeitgründen“, sei es aus Bevorzugung der irdischen Lebensweise, die eine Teilnahme an der Eucharistie unmöglich macht?! In was für einer absurden Welt leben wir, in der Priester die Menschen überreden müssen, sich doch bitte etwas mehr um ihr Seelenheil zu kümmern!? All das zeugt davon, dass diese Menschen an Gottes Gnade nicht wirklich glauben (s. Hab. 2:4; 1 Kor. 2:5), dass sie viel mehr auf irdisches Wohlergehen hoffen (s. Ps. 39:5; 77:7; 145:5) und Christus Gott letztlich nicht lieben (s. Sir. 1:14; 7:31; 1 Kor. 16:22).
Und dennoch tritt Christus in Vorleistung, Er erweist – wie gesehen – den Menschen Seine Fürsorge auch in irdischen Dingen. Aber bemerkenswert ist, dass das Wunder, von dem wir heute gelesen haben, durch den menschlichen Faktor hervorgerufen wurde. Es waren nämlich Seine Jünger, die an Ihn herantraten und sich sorgenvoll über die vielen Menschen in der Öde kurz vor Einbruch der Dunkelheit äußerten (s. Mt. 14:15). Dies war der Auslöser für die wundersame Speisung der Menschen, unter denen wohl auch sehr viele Frauen, Kinder, Alte und Kranke waren. Der Herr tut dies ohne Vorbedingung, weil Er ihren Drang nach der himmlischen Gerechtigkeit honoriert. Sie hatten ja den ganzen Tag ohne Nahrung ausgeharrt und Ihm an einem entlegenen Ort zugehört. Und doch sehen wir, dass sich Gottes Wohltaten, wenn sie zu oft und zu zahlreich geschehen, auch ins Gegenteil wenden. Die Leute „gewöhnen“ sich schnell an Gottes Fürsorglichkeit, nehmen diese dann als gegeben hin, als etwas, das ihnen auch in Zukunft stets zusteht. Wir alle schätzen Segnungen Gottes erst dann, wenn wir sie nicht erhalten oder nicht mehr haben. Ein Kind aus behüteten Familienverhältnissen kann das Leid eines Waisenkindes nicht nachvollziehen, gesunde Menschen machen sich wenig Gedanken darüber, wie sehr sich Kranke nach Gesundheit sehnen, Begüterte versetzen sich nur sehr selten in die Lage von Bedürftigen etc. Erst wenn die auf der Sonnenseite des Lebens Stehenden selbst in Not oder Elend geraten, können sie das Verlorene richtig schätzen.
Wir alle haben allen Grund, dankbar für alles zu sein. Doch selbst wenn wir ein schweres Los zu tragen haben, können wir trotzdem die glücklichsten Menschen sein – sofern wir den Glauben an den Erlöser aller Menschen Jesus Christus haben, denn „Gott wird abwaschen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz“ (Offb. 21:4; vgl. 17:7; Jes. 25:8; 35:10). Das irdische Leben ist uns überhaupt dazu gegeben, damit wird bereitwillig das „sanfte Joch“ Christi (s. Mt. 11:30) auf uns nehmen, so dass uns der Trost des Herrn gewiss sein wird: „Des Abends wohnt Weinen bei uns, doch in der Frühe Frohlocken“ (Ps. 29:6).
An den Herrn zu glauben bedeutet, dass wir uns die Denkweise der zukünftigen Welt zu eigen machen. Nehmen wir uns deshalb folgende Worte aus der heutigen Lesung zu Herzen: „Die Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott. Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft“ (1 Kor. 1:18). das heißt nun, dass jeder Einzelne die Wahl hat, durch die Torheit Gottes errettet zu werden, oder durch die Weisheit dieser Welt verloren zu gehen. Amen.