Predigt über die Demut (Gal 1,3–10; Lk 10,19–21) (29.11.2025)
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Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amin.
Lieber Vater, liebe Gläubigen,
im heutigen Evangelium hören wir, wie sich Christus freut und betet: „Preisend bekenne ich dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde; denn du hast dies vor Weisen und Einsichtigen verborgen und es Unmündigen geoffenbart.“ (Lk 10,21b). Mit den „Weisen und Einsichtigen“ sind diejenigen gemeint, die sich für weise und einsichtig halten. Aber auch jene, „die sich mit bloß menschlicher Weisheit und Vernunft zufriedengeben, und nicht nach der Weisheit und Vernunft Gottes streben“ (Hl. Justin von Celije, Kommentar zum Evangelium nach Matthäus, S. 363), die nach der irdischen Logik zwar Weise sind, aber vor Gott zunichte gemacht werden, wie geschrieben steht: „Ich werde die Weisheit der Weisen vernichten, und den Verstand der Verständigen werde ich verwerfen“ (1Kor 1,19).
Stattdessen hat Gott die wertvollen Geheimnisse des Glaubens den „Unmündigen geoffenbart“, das sind die Apostel, die keine klugen, gebildeten Schriftgelehrten oder Pharisäer waren, sondern einfache Menschen; Menschen ohne Bosheit, „die nicht vom Stolz der selbsternannten Weisen dieser Welt befallen sind“ (ebd.) und so die Geheimnisse des Himmelreiches bereitwillig annahmen. Genauso die Kinder. Der Herr spricht: „Amen, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr keineswegs in das Königtum der Himmel eingehen. […] Wer aber einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis geben wird, dem wäre es von Vorteil, dass ein Eselsmühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“ (Mt 18,3f.).
Wer ist demnach der Größte in den Himmeln? Ein Kind antwortet Christus! „Weil ein Kind“, in den Worten des Hl. Justin von Celije, „noch nicht durch die Liebe zur Sünde verdorben ist, uneingeschränktes Vertrauen zu den Eltern hat, ein reines Herz besitzt, […], weil es keinen Stolz hat, diese Mutter aller Sünden und Laster, weil an seinem ganzen Wesen noch der Atem des Gott-Logos zu spüren ist, der jedes menschliche Wesen heiligt, das er in diese Welt schickt“ (Hl. Justin, a.a.O., S. 465f.).
Die heiligen Väter verstehen unter dem Begriff Kind auch noch die Menschen, die demütig sind. Denn demütige Menschen beschreiten den Weg der Demut Christi durch die Askese und erlangen so, was die Kinder gemäß ihrer natürlichen Unboshaftigkeit besitzen. Während die Weisen versuchen, ihre eigene Wahrheit zu bekräftigen, unterwirft sich der Unmündige einfach der Wahrheit Gottes, woraufhin die Mysterien sich ihm auftun. Den anderen aber, die Toren die sagen, es gäbe keinen Gott, denen verbirgt Er es, da diejenigen den Weg des Heils ja sowieso nicht annehmen wollen und so zwingt der Herr sie auch nicht. Der Herr zwingt nicht, niemanden, niemals. Er kommt uns, wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn, entgegengelaufen und fällt uns in aller Liebe um die Arme, aber zwingen tut er uns nicht. Möge unsere Rettung darin bestehen, dass wir erkennen, wie gut es selbst die Knechte im Hause unseres Vaters doch haben.
Wir hören heute auch, das unsere Namen in den Himmeln geschrieben stehen, aber jede Sünde entfernt uns von diesem himmlischen Bürgerrecht. Was uns dem Himmel wieder annähert ist die Tugend. Dabei ist die erste aller Tugenden die Demut vor Christus: „sie ist wie ein erfahrener Kranich als Leitvogel; sie führt ihn geradewegs und geleitet die Schar aller Tugenden in den Himmel […]. Daher ist es notwendig, dass man seine Gedanken, seine Gefühle, seine Wünsche vor dem Herrn demütigt, denn nur so kann der Mensch sich zum Himmel erheben und in das Himmelreich gelangen. Ohne dies gibt es für uns keine Unsterblichkeit und Ewigkeit.“ (Hl. Justin, a.a.O., S. 465).
Die größte Demut hat uns Christus selbst gezeigt: „Er, wahrer Gott, wird zum erniedrigten Menschen, zum Menschen von Sünde und Tod, um den Menschen von Sünde und Tod zu befreien und ihm Unsterblichkeit und ewiges Leben zu geben.“ (Hl. Justin, S. 466). Indem wir auf Ihn, den Gottmenschen Christus blicken, können wir, wenn wir an das Evangelium glauben, den wahren freiwilligen Weg der tugendhaften Demutsliebe gehen, durch die Askese.
Die Demut ist auch die Fähigkeit, seine Gemütsregungen und sein Verhalten zu beherrschen, um einen reinen Geist zu bewahren – ohne jeden Groll oder Anfeindungen. Dafür bedarf es großer Arbeit an sich selbst, einen immerwährenden inneren Kampf mit sich selbst und seinen eigenen Schwächen und Versuchungen gewinnt nicht jeder, aber wir haben Grund zu Hoffnung. Solange wir atmen, haben wir die Hoffnung. Und wir müssen auch nicht traurig sein, dass wir keine Kranken geheilt oder Tote auferweckt haben, oder noch nicht auf „Schlangen und Skorpione“ treten konnten wie die Apostel (vgl. Lk 10,19), denn dazu sagt der Hl. Johannes Chrysostomos, dass die Sünde der mächtigste Dämon ist, den wir austreiben können: „Wenn du aber auch Wunder wirken willst, so mache dich frei von der Sünde und du hast das größte Wunder gewirkt.“ (Matthäus-Kommentar, XI, S. 470), denn die Sünde ist der mächtigste Dämon.
Und auch Paulus schätzt die Tugend viel höher als alle Wunderzeichen. Die Liebe ist für ihn das Größte! Sie ist der „höhere Weg“ (1Kor 12,31). Die Liebe ist viel mehr als Wunder wirken zu können. Möge der Herr und allmächtige Gott uns gewähren, das Wunder zu bewirken, unsere Versuchungen zu überwinden und im geistigen Kampf standhaft zu bleiben. Möge Er uns lehren, zu lieben – jeden Tag etwas mehr. Und dabei sollen wir nicht versuchen, den Menschen gefällig zu sein (vgl. Gal 1,10), wie wir in der heutigen Epistel gehört haben, sondern Gott sollen wir die Ehre erweisen und Sein Evangelium predigen und nicht ein politisch korrektes, an den Zeitgeist angepasstes, verwaschenes, verworrenes Evangelium, dass dann gemütlich und komfortabel ist, weil jeder seine eigene Meinung dazu haben kann.
Paulus selbst schreibt, dass es einige gibt, die das Evangelium und uns verwirren wollen: „Denn rede ich jetzt Menschen zuliebe oder Gott? Wenn ich noch Menschen gefiele, so wäre ich Christi Knecht nicht.“ (Gal 1,10). Mögen wir also Gott gefallen und es nicht jedem Recht machen wollen und bei den Menschen beliebt sein wollen. Lasset uns den Herrn suchen, wie der heilige Prophet Amos sprach: „So spricht der Herr: … Sucht mich, dann werdet ihr leben“ (Amos 5,3f.). Ihm unser Herz schenken, unsere Sehnsucht nach Ihm und seinem Reiche in uns wecken, unser ganzes Herz an ihn heften und Ihm unsere ganze Seele und Kraft weihen jeden Tag auf’s Neue, jeden Tag etwas mehr, mit der Hilfe Gottes. Aufdass wir einmal den verdienten Lohn empfangen und dass unsere Namen im Himmel aufgeschrieben sind (vgl. Lk 10,20).
Darüber können wir uns freuen, liebe Brüder und Schwestern, wenn wir das himmlische Bürgerrecht erhalten und im Buch des Lebens stehen, dass am Ende der Zeiten geöffnet wird, wie es im Buch Daniel geschrieben steht: „Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen: einige zum ewigen Leben, einige zu ewiger Schmach und Schande. Die Lehrer aber werden leuchten wie der Glanz des Himmels, und die, die viele zur Gerechtigkeit gewiesen haben, wie die Sterne immer und ewig“ (Dan 12,2f.). Herr, allmächtiger Gott, lösch uns nicht aus dem Buch des Lebens (vgl. Ps 68,29) und wende Dein Antlitz nicht ab von uns. Amin.
Ehre sei Dir, o Gott, für alles. Amin.