Predigt zum 6. Herrentag nach Pfingsten (Röm. 12:6-14; Mt. 9:1-8) (13.07.2025)
Liebe Brüder und Schwestern,
der Herr kommt wieder einmal in „Seine“ Stadt Kafarnaum, also in die Stadt, in der Er während jener dreieinhalb Jahre Seiner irdischen Mission Sein Domizil bezogen hatte. Er und Sein Gefolge kehrten immer wieder in diese Stadt zurück und zogen danach wieder von da in die Lande weiter. Von meinen Pilgerfahrten ins Heilige Land weiß ich, dass es nur drei „heilige Städte“ für uns Christen gibt – Bethlehem, Nazareth und Jerusalem. Warum zählt Kafarnaum nicht dazu, hat der Herr doch immerhin hier während Seines öffentlichen Wirkens Seinen festen Wohnsitz gehabt?! Hier vollbrachte Er auch so viele Wunder wie in kaum einer anderen Stadt (s. Mt. 11:23-24). Doch „heilig“ kann diese einst florierende Handelsstadt heute nicht sein, weil es sie schlicht und ergreifend nicht mehr gibt. Die Ruinen können von Pilgern und Touristen heute besichtigt werden, so u.a. die Fundamente der Synagoge oder des Hauses Petri, in dem der Herr dessen Schwiegermutter geheilt hatte. Aber an Gebäuden stehen dort heute nur moderne Dokumentationszentren, jedoch keine antiken Bauten und schon gar keine bewohnten Häuser. Es ist dort, außer dem täglichen Treiben der Pilger und Touristen, kein Leben vorhanden. Nachts herrscht dort Friedhofsruhe.
So erging es auch den benachbarten galiläischen Städten Chorazin und Bethsaida, über die der Herr für deren Unglauben das vorzeitige Gericht angekündigt hatte. Aber worüber reden wir hier – über das Strafgericht Gottes? Ja, auch das wird in der Heiligen Schrift an manchen Stellen in aller Deutlichkeit erwähnt. Gott beeilt Sich in Seiner Langmut nicht, die Menschen sofort zu bestrafen, da Er auf ihre Umkehr hofft. Selbst die Androhung der Vollstreckung des göttlichen Urteils geschieht ja ebenfalls aus Liebe zu den Menschen, wenngleich mir mit Ausnahme der Einwohner Ninivehs zur Zeit des Propheten Jonas kein Fall bekannt ist, dass sich die Menschen hierdurch wieder auf den Pfad der Gebote Gottes bekehren ließen. Und heute schon gar nicht. Wie zu Zeiten des Herrn große Sünder wie Herodes einen Glauben hatten (s. Mt. 14:2; Mk. 6:16), der sie freilich nicht davon abhielt, den Willen des Widersachers zu tun, so ist es auch in unserer heutigen Gesellschaft, in der sich zahlreiche Menschen trotz exponentiell zunehmender Kirchenaustritte immer noch als „gläubig“ bezeichnen. Was aber ist so ein „Glaube“ wert, wenn er mit Hass und Verachtung auf mahnende Worte derer reagiert, die zum Einhalten der Gebote Gottes unter den Gläubigen auffordern?! Einzig und allein die Rettung der Menschen ist das Ziel solcher Mahner, doch von aufrichtigen und kirchentreuen Christen hört man dann manchmal den Vorwurf, „allzu viel Negatives“ von sich zu geben. Aus ihrer Sicht sollte man stattdessen versuchen, die Verirrten durch positive Ermunterung in den Schoß der Kirche Christi zurückzuholen. Mir ist solch eine wohlmeinende und offen vorgebrachte Kritik viel lieber als unterdrückter Gram oder im Verborgenen geäußerte Vorwürfe und Verunglimpfungen. Ich nehme solche konstruktiven Ratschläge auch ernst. Und deshalb wollen wir heute versuchen, einen positiven Ansatz in unserer Verkündigung der Frohen Botschaft zu suchen. Dazu wollen wir gleich beide aufeinander folgenden Lesungen des fünften und des sechsten Herrentags nach Pfingsten zusammen betrachten, zumal sie ja nach der Darstellung des Evangelisten Matthäus chronologisch direkt nacheinander stattfindende Ereignisse wiedergeben (Matthäus ist der Evangelist, welcher bei seiner Darstellung im Allgemeinen die zeitliche Abfolge der geschilderten Ereignisse am genauesten einhält).
Der Herr zeigt im Lande der Gedarener, dass Er „den Glauben an den Menschen“ nicht verloren hat. Er wirkt ein großes Wunder, befreit die Menschen vor einer großen Bedrohung, und als Er von den undankbaren Bewohnern dieser Gegend trotzdem zum Ausgang geleitet wird, verflucht und verurteilt Er diese Menschen nicht. Vielmehr wissen wir aus den beiden anderen Evangelien, dass Er einen der zuvor Besessenen als Verkündiger der Wohltaten Gottes in der Stadt Gerasa und der ganzen Dekapolis zurücklässt (s. Mk. 5:18-20; Lk. 8:38-39). Hätte Christus so gehandelt, wenn er nach Seiner faktischen Ausweisung den Glauben an die Umkehr dieser Menschen verloren hätte?!..
Und jetzt werden wir Zeugen dessen, wie Christus sofort danach in die während Seiner irdischen Mission von Ihm als Wohnsitz ausgesuchte Stadt Kafarnaum zurückkehrt und dort bei Seiner Verkündigung einen Gelähmten heilt. Der Herr vollbringt ja unzählige Wunder, hilft tausenden leidgeplagter Menschen, aber das wirklich Bemerkenswerte an der Heilung des auf einer Trage darniederliegenden Mannes ist der Umstand, dass der Herr diesem aufgrund des Glaubens seiner Gefährten (die ihn zu Jesus trotz widriger Umstände getragen hatten) die Sünden erlässt. DAS ist die freudige Seite des Ereignisses. Der Herr wird hier abgewiesen, dort der Gotteslästerung bezichtigt, und doch lässt Er den Menschen die Hoffnung auf das Heil! Woran erkennen wir das? In der Tatsache, dass Christus auf den Glauben der vier Männer, welche ihren Freund trotz vieler Hindernisse auf der Bahre zu Ihm gebrachte hatten, gnädig herabblickte (s. Mt. 9:2a). Uns ist nicht bekannt, dass der Kranke selbst zu Christus gebracht werden wollte. Vielleicht hatte er sich dagegen gewehrt oder war völlig gleichgültig in Bezug auf den Herrn, aber Fakt ist, dass der Herr die Treue der vier Träger wohlwollend annahm. Er vergibt dem Kranken dessen Sünden (s. 9:2b) und erlöst ihn von dessen körperlichem Leid (s. 9:6-7). Und das, liebe Brüder und Schwestern, ist Trost und Ansporn für uns alle, die wir den Herrn für unsere ungläubigen oder kaltherzigen Angehörigen anflehen. Wir erkennen heute, dass solche Gebete nie umsonst und dem Herrn stets genehm sind. Amen.