Predigt zum 37. Herrentag nach Pfingsten (1. Tim. 4: 9-15; Lk. 19: 1-10) (14.02.2016)
Details Eintrag
Liebe Brüder und Schwestern,
jedes Jahr sendet die Geschichte von der Bekehrung des Oberzöllners Zachäus erste zarte Signale der näher kommenden Großen Fastenzeit aus. Auch wenn die Fakten schnell erzählt und hinlänglich bekannt sind, finden sich hier und anderswo in der Heiligen Schrift immer wieder neue Aspekte, welche die vertrauten Gegebenheiten immer wieder in einem neuen Licht erscheinen lassen.
Da ist zunächst Zachäus selbst. Er wird bekehrt, obwohl er kein Heide und kein Ungläubiger, sondern „ein Sohn Abrahams“ (Lk. 19: 9) ist. Man kann demzufolge formal rechtgläubig sein, und doch „verloren“ (19: 10) sein. Das wissen wir. Also richten wir unser Augenmerk auf die „Statisten“ der heutigen Erzählung. Die Leute von Jericho empfanden wohl wenig Sympathie für den reichen Oberzöllner ihrer Stadt (s. 19: 7). Doch diese Haltung stellt sich bei näherer Betrachtung als schizophren und bigott heraus: erstens, weil die Erhebung von Steuern und Zöllen auch nach göttlichem Recht richtig und notwendig ist (s. Röm. 13: 6-7; vgl. Mt. 22: 21), und zweitens, weil wohl bloß purer Neid auf die lukrative Stellung des Zachäus die wahre Ursache für die Unmutsbekundungen der Volksmenge war. Neid muss man sich ja bekanntlich erst verdienen, Mitleid gibt es dagegen umsonst.
Gott ist der „Retter aller Menschen, besonders der Gläubigen“ (1. Tim. 4: 10), hörten wir heute. Und „dieses Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzt“ (4: 9), denn Zachäus hatte wohl von Anfang an das Potenzial zu einem rechtschaffenen Menschen. Da er aber als Steuereintreiber im Auftrag der verhassten Besatzungsmacht ohnehin bei seinen eigenen Landsleuten „unten durch“ war – ein Umstand, der automatisch einen Keil zwischen seinesgleichen und dem Volksempfinden trieb – war die Schwelle zur branchenüblichen Selbstbereicherung für ihn wohl eher niedrig. Oder waren das alles nur Ressentiments, bösartig vorgefasste Meinungen, die jeglicher faktischen Grundlage entbehrten? - Wir wissen es nicht. Auch nicht, was gewesen wäre, hätte Zachäus stattdessen in den Augen seiner Landsleute einen Ruf zu verlieren gehabt. Gott weiß es. Die Menge glaubt es zu wissen. Jedenfalls erhält Zachäus die Gelegenheit, sein wahres Inneres offenzulegen. Die Leute urteilen nach Äußerlichkeiten, Gott aber schaut auf die Herzen der Menschen (s. 1. Thess. 2: 4; Offb. 2: 23). Durch Jesus Christus „sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden“ (Lk. 2: 35) – manchmal sogar in einer Deutlichkeit, die alle anderen beschämt erscheinen lässt. So sollte es auch am Ende des irdischen Lebens unseres Herrn sein: der Apostel wurde zum Verräter und der Räuber ging als erster in das Paradies hinein. Menschliches Denkvermögen erweist sich hier, wie so oft, als untauglich zur Aufdeckung des Verborgenen.
Die Geschichte von Zachäus einen Monat vor der Fastenzeit zeigt in aller Deutlichkeit, worauf es Gott ankommt: UMKEHR! Zachäus ist zwar nicht vollkommen – seine Kapazitäten schlummern noch im Verborgenen – aber er ist fähig zu lieben. Seine Hinwendung zu Christus kommt von Herzen, ist aufrichtig und uneigennützig. Seine bisherige (mutmaßliche) Handlungsweise war sozioökonomischen Faktoren geschuldet, doch befreit von dieser Last durch Christus, erlangt er sein wahres Ich: „Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück“ (Lk. 19: 8). Nun hindern ihn keine äußeren Umstände mehr daran, der zu sein, der er sein will, der er im Herzen auch schon immer war. Ohne es zu wissen, erfüllt Zachäus die beiden wichtigsten Gebote, an denen „das ganze Gesetz samt den Propheten“ hängt (Mt. 22: 40). Und er tut dies nicht bloß aus Pflichtgefühl, sondern von Herzen. Er ist seine Fesseln los.
Auch wir wollen diese Freiheit von der Sklaverei der Sünde. Gott sieht immer das Verborgene im Menschen, doch nicht immer „aktiviert“ Er es in diesem Leben. In der Mehrheit der Fälle tritt die Wahrheit erst im Jenseits zutage. Der Herrgott lässt, wenn überhaupt, dann nur vom Heiligen Geist inspirierte Menschen erkennen, dass vermeintlich gute Menschen vor Gott große Sünder sind, wohingegen scheinbare Sünder oder Ungläubige eine Grundlage zur Annahme des Glaubens haben (s. Mt. 13: 8; Mk. 4: 8; Lk. 8: 8). Letztere werden gewisslich ihre inneren Schätze hervorbringen – ob in diesem Leben oder im künftigen, das liegt in Gottes Hand.
Es ist bekannt, dass während der Glaubensverfolgungen in Russland zahlreiche Christen zur Zeit der Drangsal den Glauben verloren (s. Mt. 13: 21; Mk. 4: 17; Lk. 8: 13), während etliche zuvor Ungläubige erst im Angesicht des Todes Gott für sich entdeckten. Wir können noch sehr lange über die Ursachen nachgrübeln, doch jetzt halten wir fest: Gott geht es darum, dass wir in unseren Herzen einen fruchtbaren Boden für Christus bereiten. Denn wenn wir während des Fastens keine Frucht bringen wollen (s. Mt. 13: 23; Mk. 4: 20; Lk. 8: 15), brauchen wir gar nicht erst damit anzufangen. Lasst uns also bemüht sein, vor Gott rein zu sein, und nicht bloß vor den Menschen gut dazustehen. Die heutige Erzählung zielt im Wesentlichen darauf ab, dass wir uns alle angesprochen fühlen, „denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk. 19: 10). Wir alle bedürfen der demütigen Selbsterkenntnis, als große Sünder bar der göttlichen Gnade verloren zu sein. Das Vorbild des Zachäus soll uns zur eindringlichen Gottessuche anstacheln – auch wenn das soziale oder familiäre Umfeld sich darüber „not amused“ erweist. Gott aber erwidert unser Verlangen, schenkt uns reichlich Seine Gnade, wird auch bei uns gerne „zu Gast sein“ (Lk. 19: 5). Nur müssen wir uns davor hüten, durch Verurteilung unseres Nächsten alle Früchte der Umkehr gleich wieder zu verlieren. Amen.