Predigt zum 13. Herrentag nach Pfingsten (1 Kor. 16:13-24; Mt. 21:33-42) (07.09.2025)
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Liebe Brüder und Schwestern,
das Gleichnis von den bösen Winzern handelt bildhaft vom alten Israel, seiner geistlichen Obrigkeit mitsamt der Volksmassen, denen Gott Sein Erbe anvertraut hatte, damit sie Ihm zu gegebener Zeit Früchte abliefern (vgl. Jes. 5:1-7). Doch sie misshandelten und töteten die Gesandten Gottes – Propheten und Gerechte –, bis Gott Seinen einzigen Sohn zu Ihnen sandte. Es ist aufgrund der sinngemäßen Wiedergabe des Gleichnisses nicht von der Hand zu weisen, dass die Winzer den Alleinerben des Weinbergs erkannten, ihn also nicht irrtümlich umbrachten, weil sie ihn für einen Betrüger gehalten hatten (s. Mt. 21:38). Die Ablehnung des von Gott gesandten Messias und Seine Hinrichtung waren kein tragischer Irrtum, sondern die bewusste Auflehnung gegen den göttlichen Willen, was den Abfall des alten Israel von der Gnade Gottes nach sich zog. In der Folge sah sich der Besitzer des Weinbergs veranlasst, den Weinberg an andere Winzer zu verpachten, die ihm Früchte liefern, wenn es Zeit dafür ist (s. 21:42).
Diese „anderen Winzer“ sind die ehemaligen Heidenvölker, also die Christen. Nun stehen wir also in der Verantwortung, Gott Früchte abzuliefern (vgl. Mt. 3:8,10; 7:16-19,33; 13:23,26; Mk. 4:7-8,19-20; 12:2; Lk. 3:8,9; 8:8-15; 13:6-10; 20:10; Joh. 4:36; 15:1-17). Doch 99% der Christen scheint das nicht zu interessieren. Für diejenigen, welche „Gott im Herzen haben“ gibt es keine Verpflichtung gegenüber ihrem Gott. Sie bezeichnen sich als Christen, haben aber keinerlei Beziehung zu unserem Herrn Jesus Christus, was allein schon, der heutigen Lesung aus dem Korintherbrief entsprechend, den Fluch Gottes nach sich zieht (s. 1 Kor. 16:22). Wozu benötigen wir solche passiven Christen? Damit sie ein Mal im Jahr ihre Osterspeisen segnen kommen? Was würden diese passiven Christen sagen, wenn um sie herum lauter passive Polizisten, Arbeiter, Erzieher und Lehrer, Fluglotsen, Verkäufer, Handwerker, Bedienstete der Verkehrsbetriebe usw. wären? Zum Glück ist das in der Realität anders, und auch die Kirche „funktioniert“ dank des aktiven Mitwirkens einer Minderheit von getauften Mitgliedern. Apropos getauft. Ja, wenn ein Baby getauft ist, dann ist dieses Kind, das noch keinerlei Selbstverantwortung hat, ohne Einschränkung ein orthodoxer Christ, vor allem dann, wenn es nach der Taufe mehr als das obligatorische eine Mal (zur Entgegennahme des Taufzeugnisses) die Heiligen Gaben empfängt. Wenn das Kind aber mit fünfzehn Jahren noch immer geistlich auf demselben Niveau verbleibt, d.h. Gott keine Früchte gebracht hat, dann hat dieses Kind aufgehört, Christ zu sein. Bei solchen fruchtlosen Christen frage ich mich, weshalb sie dann, wenn es so weit ist, ein christliches Begräbnis für sich beanspruchen. Wozu?! Aus Tradition? Der Herr jedenfalls hat Sich dezidiert dazu geäußert (s. Mt. 8: 22; Lk. 9:60).
Tradition ist gut und richtig, aber ohne geistlichen Inhalt ist sie völlig wertlos. Neulich reihen sich ein Mann und eine Frau, die ich vorher in der Kirche nicht gesehen habe, unter die Kommunizierenden ein. Auf meine Frage, ob sie sich auf den Empfang der Heiligen Gaben vorbereitet hätten, sagen sie, sie hätten heute „nicht gefrühstückt“. Na wunderbar! Alle Voraussetzungen sind damit zur Teilnahme am Mahl des Herrn erfüllt. Und wenn sie dann doch meinen Rat befolgen und irgendwann zur Beichte erscheinen, scheinen sie gar nicht darüber nachgedacht zu haben, was das eigentlich ist. Sie müssen daran erinnert werden, dass eventuelle Kindstötungen, Ehebruch, Unzucht etc. eigentlich gebeichtet werden müssten, bevor man sich dem Leib und dem Blut Christi nähert. Und so zeigt sich, dass Tradition (bzw. ein kümmerlicher Rest davon) allein ein Muster ohne Wert ist. Manche kommen auch regelmäßig zur Kirche, beachten strengstens die äußeren Bestimmungen der Kirche (vor allem was die Kleidung angeht), und doch fragt man sich manchmal, was sie in die Kirche treibt. Einziges Motiv für uns kann nur die Liebe zu unserem Herrn sein (s. Dtn. 6:5; Mt. 5:43; Mk. 12:30; Lk. 10:27; 1 Kor. 16:22), und die kann in uns nur wirksam sein, wenn wir uns selbst als Sünder begreifen. Bei all meiner Sündhaftigkeit kann ich dann sagen, dass mich einzig und allein die Liebe zu unserem Herrn den Weg in die Kirche finden lässt. Wenn ich nämlich erkenne, was für ein großer Sünder ich bin (und das bin ich wirklich!), und dass der Herr mich trotzdem liebt – denn Er duldet meine Anwesenheit, hat Erbarmen mit Seinem unwürdigen Knecht (s. Lk. 17:10) – dann kann ich doch gar nicht anders als meinen Herrn dafür ebenfalls zu lieben. Dann habe ich schlicht und ergreifend keinen Blick für die Fehler und Schwächen meiner Mitmenschen, vor allem der anderen Gottesdienstbesucher. Für sanfte Bemerkungen und dezente Zurechtweisungen gibt es ja die Geistlichkeit bzw. die von ihnen damit beauftragten Personen im Kirchendienst; ich aber richte meine Aufmerksamkeit auf mein eigenes Innenleben, denn ich will nicht sein wie die bösen Winzer, denen der Herr Seinen Weinberg anvertraute, damit sie Ihm zur gegebenen Zeit Früchte bringen. Wenn ich durch mein Verhalten andere Menschen davon abbringe, wieder zur Kirche zu kommen, bin ich nicht besser als diese Räuber und Mörder, weil ich ebenso wie die vom Herrn in diesem Gleichnis angesprochenen Schriftgelehrten und Pharisäer agiere, welche selbst nicht in das Königtum der Himmel hineingehen und dazu noch anderen den Weg dorthin verwehren (s. Mt. 23:13). Und so heißt es in der heutigen Lesung: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“ (1 Kor. 16:14), und weiter: „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht!“ (16:22). Wir brauchen keine Ideologie, um die Leute von der Wahrheit Christi zu überzeugen. Wir müssen selbst aber den Herrn lieben und die uns von Ihm entgegenbrachte Liebe mit anderen Menschen teilen wollen – dann erfüllen auch wir das Gesetz Christi (s. Gal. 6:2). Amen.