Predigt zum 11. Herrentag nach Pfingsten (1 Kor. 9:2-12; Mt. 18:23-35) (24.08.2025)
Details Eintrag
Liebe Brüder und Schwestern,
wieder einmal werden wir mit dem Beispiel des unbarmherzigen Gläubigers konfrontiert. Er, der von seinem Herrn soeben alle seine astronomisch hohen Schulden erlassen bekommen hat, will seinem Arbeitskollegen dessen geringe Schuld nicht erlassen. Das Resultat ist bekannt: als sein Herr von dieser Herzlosigkeit erfährt, lässt er diesen Knecht ins Gefängnis werfen, bis dieser seine – bis vor kurzem noch vergebene – Schuld begleicht...
Gottes Gedanken sind nicht wie die Gedanken der Menschen (s. Jes. 55:8). Nach menschlicher Denkweise wäre der Knecht, dem gerade seine ganze Schuld erlassen worden war, nicht verpflichtet gewesen, seinem Kumpel dessen läppische Schuld zu erlassen. Und wenn ihm einmal die Schuld erlassen worden ist, sollte dies im Rechtsverkehr ein für alle Mal seine Gültigkeit bewahrt haben müssen. Aber das Leben der kommenden Welt stellt eine vollkommen andere Realität dar als unser irdisches Dasein. Wenn der König seinem Knecht dessen Schuld erlässt, ist das eine Sache. Wenn dieser nun seinem Mitknecht dessen Schuld nicht erlassen will, hat das eine aus juristischer Sicht mit dem anderen nichts zu tun. Nicht so aber bei Gott, wie aus dem Fazit des heutigen Gleichnisses hervorgeht. Dort hat die uns gewährte Gnade Gottes sehr wohl mit unserem Verhältnis zu unseren Mitmenschen zu tun: „Ebenso wird Mein Himmlischer Vater jeden von euch behandeln, wenn ihr eurem Bruder nicht von Herzen vergebt“ (Mt. 18:35; vgl. Mt. 6:14-15). Im Grunde bestätigt der Herr hier das Prinzip des menschlichen Zusammenseins, das auf der „Goldenen Regel“ begründet ist (s. Mt. 7:12: Lk. 6:31). Wenn ich z.B. mit einem Partner ein Geschäft abschließe, werde ich natürlich meinen Vorteil suchen, aber ebenso wird es mir nicht gleichgültig sein, ob mein Partner dabei evtl. nicht zu kurz kommt. Aus juristischer Sicht könnte ich ihn, noch dazu völlig legal, total ausnehmen, bis er sich nur noch am nächsten Baum erhängen kann. Aus ethischer Sicht wäre das aber völlig unannehmbar für mich. Und hier kommt meiner moralischen Gesinnung die geistliche Dimension zugute: Wenn ich mich selbst als völlig nutzloser Diener des Herrn betrachte (s. Lk. 17:10), werde ich nicht im Entferntesten an irgendwelche „Rechte“, „Ansprüche“ oder gar „Verdienste“ meinerseits vor dem Herrn denken. Um Ihm aber irgendwie meine Dankbarkeit für Seine mir über alle Maßen erwiesene Gnade zu erweisen, werde ich vielmehr bemüht sein, meinem Nächsten Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Milde zu erweisen. Der heilige Paisios sagte einmal, dass wenn wir hier in diesem Leben auf alle uns vermeintlich zustehenden „Rechte“ verzichten, wir diese Rechte dann umso mehr im künftigen Leben in Anspruch nehmen können werden. Aber dafür bedarf es eines echten Glaubens, auf dem mein ganzes Leben aufgebaut wird. Ein Glaube hingegen, der nichts mit meinem Handeln zu tun hat, der keinerlei Auswirkungen auf meine Lebensweise hat, ist überhaupt kein Glaube, jedenfalls keiner, der diese Bezeichnung verdient.
Wenden wir uns wieder dem geschilderten Gleichnis zu. Es spiegelt die bereits erwähnte geistliche Dimension wieder. Der unfassbar große Schuldenerlass, den Gott Seinen Knechten gewährt, ist ein unvorstellbares Geschenk der Gnade (s. Eph. 2:8), also ohne jeglichen Verdienst unsererseits gegeben. Es obliegt nun uns, dieses Geschenk, das mit nichts in dieser Welt zu vergleichen ist, wertzuschätzen. Dementsprechend wäre es also naheliegend, dass wir unseren Mitmenschen ihre Verfehlungen verzeihen. Im Verhältnis zu der uns gewährten göttlichen Gnade wäre so ein Vorgehen nicht etwa edelmütig, sondern nur konsequent, selbstverständlich, ja, ein Beleg dafür, dass wir uns der Gnade Gottes dankbar und würdig erweisen wollen. Selbstverständlich, - sollte man meinen, - in der Realität aber weit gefehlt. Nicht nur, dass wir uns mit dem Vergeben der irdischen Schuld gegenüber unseren Mitsündern schwertun (s. Mt. 6:12), auch Gott gegenüber sind wir oftmals unaufrichtig. Konkret äußert sich das z.B. im Beichten. Es ist bei uns frommen regelmäßigen Kirchgängern Sitte, oft zur Beichte zu gehen, insbesondere vor dem Empfang der lebenspendenden Mysterien Christi. Was da aber allzu oft geschieht, ist beichten ohne wirkliche Reue und Umkehr (bzw. Umgeisten, wie es der orthodoxen Terminologie entspricht). Ich verstehe ja, dass jemand, der z.B. seinen Charakter nicht in den Griff bekommt oder einer schlechten Angewohnheit anhängt, irgendwann wieder „rückfällig“ wird bzw. für einen kurzen Moment die Selbstbeherrschung verliert. Das ist menschlich und auch verzeihlich. Wenn dieser Rückfall aber keine fünf Minuten nach dem Empfang der Heiligen Gaben passiert, dann ist das ein Indiz dafür, dass wir die Gnade umsonst empfangen haben (s. 1 Kor. 15:10; 2 Kor. 6:1) und dass Christus umsonst für uns gestorben ist (s. Gal. 2:21)!
Ich glaube, dass sich Eltern darüber freuen, wenn ihre Kinder die teuren Geburtstagsgeschenke zu schätzen wissen, sich an ihnen lange Zeit erfreuen, mit diesen sorgfältig und sachgemäß umgehen. Wenn diese äußeren Zeichen der elterlichen Liebe aber am nächsten Tag in die Ecke geworfen werden und in der nächsten Woche bereits im Müll landen, zeugt das davon, dass die Liebe der Eltern nicht angenommen und nicht erwidert worden ist. Diese Geschenke waren ja keinesfalls als „Belohnung“ für gutes Benehmen oder gute schulische Leistungen gedacht, sondern völlig unabhängig von solchen Faktoren als Ausdruck der Zuneigung angeschafft worden, oftmals auch trotz des schmalen Haushaltsbudgets der Familie. Wer möchte sich da nicht ins Zeug legen, um den Eltern dies mit der herzlichsten aufrichtigen Liebe zu vergelten?! „Seid also wie die Kinder!“, lehrt uns der Herr, dann werden sogar wir groß im Königtum Gottes sein (s. Mt. 18:2-4; vgl. Mk. 10:13-16; Lk. 18:15-17). Amen.