Predigt zum Herrentag vor Theophanie / 31. Herrentag nach Pfingsten / Gedenktag der 70 Aposteln (2 Tim. 4:5-8; Röm. 8:8-14; Mk. 1:1-8; Lk. 10:1-15) (17.01.2023)
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Liebe Brüder und Schwestern,
heute wenden wir uns den siebzig (genau genommen sind es zweiundsiebzig) Aposteln zu, deren Gedenktag dieses Jahr auf einen Herrentag fällt. Neben den zwölf Aposteln, die ständig mit dem Herrn waren und den engsten Kreis Seiner Jünger ausmachten, erwählte der Herr noch zweiundsiebzig weitere Jünger, die Er immer zu zweit in die Städte und Ortschaften vorausschickte, die Er zu besuchen gedachte (s. Lk. 10:1). Dies diente zum einen der Sicherheit der Verkündiger des Himmelreichs, zum anderen gewährleistete diese Tandem-Lösung auch die Authentizität ihres Zeugnisses durch das Gesetz Gottes (s. Dtn. 19:15; vgl. Mt. 18:16). Während die zwölf Jünger bereits zu Beginn der irdischen Mission unseres Herrn ausgesucht wurden (s. Mt. 10:1-4; Mk. 3:13-19; Lk. 6:12-16), erwählte Christus Seine zweiundsiebzig Jünger erst ungefähr ein Jahr vor Seinem Leiden. Unter ihnen waren der Herrenbruder Jakobus und die beiden Evangelisten Markus und Lukas. Allerdings verließen viele von ihnen ihren Meister wieder (s. Joh. 6:60-66). Nach Gründung der Kirche wurde ihre Zahl durch weitere neu hinzugewonnene Jünger ergänzt, zu denen der spätere Erzdiakon und Protomärtyrer Stephanos mit den übrigen fünf Diakonen Philippos, Prochoros, Nikanoros, Timonas und Parmenas gehörten (s. Apg. 6:1-7). Der siebte Diakon der ersten Stunde, Nikolaos, wurde später abtrünnig und ist als einer der ersten Sektengründer der Kirchengeschichte bekannt geworden (s. Offb. 2:6,15). Ebenso gehören die Schüler des Apostels Paulus und Empfänger seiner Pastoralbriefe Timotheus, Titus, Philemon und dessen (zeitweilig) entflohener Sklave Onesimos zur Schar der Zweiundsiebzig, dazu weitere in den Paulinischen Briefen erwähnte Jünger der ersten Apostelgeneration (s. u.a. Röm. 16) sowie die aus der Apostelgeschichte bekannten Weggefährten des Paulus Barnabas und Silas, aber auch Dionysios, der Areopagit (s. Apg. 17:34) und Simeon, genannt Niger (s. Apg. 13:1). Mit den letzten beiden sind es genau zweiundsiebzig Apostel, die aber in ihrer Mehrzahl nur symbolisch die zweiundsiebzig von unserem Herr ausgewählten Aposteln hagiographisch abbilden. Alle diese siebzig (zweiundsiebzig) Aposteln wurden von den zwölf Aposteln oder vom „dreizehnten“ Apostel ordiniert (s. Apg. 14:23; 2 Tim. 1:6). Demzufolge befindet sich der Apostel Paulus, dem eine Sonderrolle bei der Evangelisierung der Heiden zukam, weder unter den zwölf noch unter den zweiundsiebzig Aposteln. Judas Ischariot wurde nach der Himmelfahrt durch Matthias ersetzt (s. Apg. 1:15-26). Unter den Jüngern Christi waren vier Evangelisten: Matthäus und Johannes gehörten zum Kreis der Zwölf, die damals noch sehr jungen Markus und Lukas zum Kreis der Zweiundsiebzig. Markus war ein Schüler des Petrus, während Lukas ein Weggefährte des Paulus war. Beide Evangelisten wurden durch ihre jeweiligen Lehrer selbst zu Aposteln geweiht. Auch die Bischöfe, Priester und Diakone unserer Kirche stehen bis heute in der ununterbrochenen Nachfolge dieser Gnade, welche die heiligen Aposteln von unserem Herrn Jesus Christus empfingen (s. Joh. 20:21-22), weshalb wir heute von der apostolischen Sukzession sprechen. Die Siebzig waren mit denselben Funktionen und Gnadengaben ausgestattet wie die Zwölf. Im urchristlichen Werk Didache („Lehre der zwölf Aposteln“) wird zwischen Aposteln und Bischöfen unterschieden. Bischöfe haben demnach die gleichen kirchlichen Geistesgaben wie die Aposteln (s. Apg. 20:28), sind aber an eine konkrete Ortsgemeinde gebunden, während die Aposteln nicht länger als einen Tag in einer Stadt bleiben sollten und von dort mit dem Ziel der Verkündigung wieder weiterziehen sollten.
Die Zahlen zwölf und siebzig sind nicht zufällig gewählt. Sie entsprechen den bekannten Vorbildern aus dem Alten Testament (s. Ex. 15:27; 24:1; Num. 11:16; Ez. 8:11). In der Apokalypse des Johannes werden die zwölf Aposteln sowie die zwölf Stämme Israels im Zusammenhang mit der Offenbarung vom himmlischen Jerusalem zudem mystisch hervorgehoben: die Namen der zwölf Stämme und Söhne Israels zieren die Stadttore, während die zwölf Grundsteine der Stadtmauer die Namen der zwölf Aposteln enthalten (s. Offb. 21:12-14). Wie aber verhält es sich mit der Zahl siebzig? Die Juden aus der Zeit des Alten Bundes sahen sich von siebzig heidnischen Völkern umgeben (s. Ri. 1:7). Demnach war die Wahl der siebzig Aposteln durch unseren Herrn eine symbolische Andeutung für die Bekehrung aller heidnischen Völker zum Glauben an Jesus Christus, während die Aussendung der zwölf Aposteln symbolisch die Berufung der zwölf Stämme Israels (s. Mt. 10:5-6) bezeichnete.
Schließlich ist aus der Bibelkunde bekannt, dass zweiundsiebzig Gelehrte (je sechs aus den zwölf Stämmen Israels) für die erste Übersetzung der Heiligen Schrift (bekannt als Septuaginta oder Übersetzung der LXX) ins Griechische unter Ptolemaios Philadelphos II um 250 v. Chr., der sämtliche literarische Werke der kultivierten Völker der damals bekannten Welt für die Bibliothek in Alexandria sammelte, verantwortlich zeichneten. Da die hebräischen Originalschriften bei der Zerstörung des Tempels sowie Jerusalems und des ganzen Jüdischen Staates durch die Römer 70 n. Chr. unwiederbringlich verloren gingen, ist diese von der alttestamentlichen Kirche damals kanonisierte griechische Fassung die einzige erhalten gebliebene „beglaubigte Abschrift“ der Bücher des Alten Testaments.
Zu guter Letzt haben wir als ergreifendes liturgisches Zeugnis der apostolischen Epoche die Liturgie des heiligen Apostels Jakobus, des „Bruders des Herrn“, die auch in einigen Gemeinden unserer Diözese zelebriert wird. Amen.