Zurück zu den Vätern oder: Die neue Theologie des Michael Bajus
Das Leben und Wirken des Michael Bajus[1] (1513-1589), einem Apologeten der Rückkehr der katholischen Theologie von der Scholastik zur patristischen Tradition, dargestellt in einem Artikel von Dr. theol. Augustin Sokolowski
Ein Portrait von Michael Bajus
Es gehört natürlich unbedingt zu den Aufgaben eines Schreibers, die Richtigkeit einer Kopie Wort für Wort nachzuprüfen. Wo zwei oder mehr Schreiber in einer Kanzlei sind, helfen sie sich gegenseitig bei dieser Nachprüfung, indem der eine die Kopie vorliest und der andere das Original in der Hand hält. Diese Sache ist langweilig, ermüdend und einschläfernd.[2] Diese Worte beziehen sich gar nicht auf die Theologie, geben aber gut die Stimmung kurz nach der Etablierung des Protestantismus als separate christliche Konfession wieder.
Die Auseinandersetzung der theologischen Schulen, die zur Teilung des Leibes des westlichen Christentums geführt hatte, wird zunehmend zu einem Thema, für das sich nur noch die Theologen interessieren. Willensfreiheit und -unfreiheit, Gnade und Verdammung, Glaube und Tat - all diese theologischen Begriffe führten beide gegeneinander polemisierende Parteien ständig im Munde und auf ihren Papieren.
Der Unterschied besteht in der prinzipiellen Einstellung, die Ansichtsweise des Anderen nicht zu akzeptieren. So besteht die katholische Partei darauf, dass gute Taten erlösend seien, um das sakramentale Erbe der Kirche vor der Relativierung und Individualisierung des christlichen Lebens zu schützen. Die protestantische Partei behauptet dagegen, dass Erlösung nur durch den Glauben erreicht werden könne, da ein Christ sich von einem Nicht-Christen durch seine Überzeugtheit von der Richtigkeit seines Glaubens unterscheide und nicht durch die formale Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation.
Diese Diskussion über die Autorität und die Bezugnahme auf die Tradition reduzierte sich schnell zu einer Auseinandersetzung darüber, welche Strategie bei den Streitgesprächen zu wählen wäre und welche Quellen am besten herangezogen würden. Aber auch die Welt der extremen Stereotypie weist Ausnahmen auf. Das Wirken der Theologie ist ja nicht die eines Schreibers. Ein Beispiel solchen Wirkens, das einen Versuch darstellte, aus dem circulus vitiosus der fruchtlosen Diskussion über Begriffe und Autoritäten auszubrechen, ist die Theologie von Michael Bajus, einem Glaubenszeugen und Wissenschaftler und einem der prominentesten Vertreter der westlichen christlichen Gedanken der Neuen Zeit.
Die St.-Petrus-Kirche (Sint-Pieterskerk) in Löwen[3] (Flandern), in der Michael Bajus fast 20 Jahre lang als Dekan tätig war, wobei er jeden Tag die Liturgie zelebrierte (Photo: Autor)
DAS LEBEN UND DIE THEOLOGIE: DER WEG DES MICHAEL BAJUS
Die Biographie des Michael Bajus kann kurz und bündig beschrieben werden. Der flandrische Theologe ist in Aat[4] im Westen des heutigen Wallonie geboren. Seine niedere Abstammung behinderte den künftigen Wissenschaftler immer wieder bei seiner Ausbildung. Nachdem er sein Studium an diversen Kollegien der Universität Löwen 1541 beendet hatte, wurde er zum Priester geweiht und Rektor des Kollegs Standonk. Drei Jahre später wurde er Leiter des Lehrstuhls für Philosophie und blieb bis 1550 in dieser Position. Im selben Jahr wurde Bajus zum Doktor für Theologie und Rektor des Paus-Adrianus-VI.-Colleges. Bald übernahm Bajus eine Professur für die Heilige Schrift, die seit der Reformation zur einer der wichtigsten Lehrdisziplinen geworden war. Später sollte er diesen Lehrstuhl als dessen Inhaber selbstständig leiten. Zusammen mit Johann Hessels (+1566), einem anderen namhaften Theologen der Universität Löwen, unternahm Bajus eine Reform des Lehrbetriebs. Hauptsächlich ging es um den Versuch, das theologische Denken von der Bürde der übermäßigen Scholastik zu befreien und zum Studium der patristishen Autoritäten (vor allem des Erbes des Seligen Augustinus (354-430) zurückzukehren.
Dagegen bildete sich bald eine starke Opposition, die sich bemühte, die fortschreitende Lehrreform in langwierigen Diskussionen und kraft der bischöflichen Autorität aufzuhalten. Zwischen den Anhängern des Bajus und den in Flandern traditionell starken Franziskanern entbrannte ein Konflikt. Beide Seiten wurden durch Papst Pius IV. zur Versöhnung aufgerufen. 1561 wurde Bajus zum Vertreter der Universität - und später auch des spanischen Königs - auf dem Konzil von Trident gewählt. Diese Änderung des Status verdankt Bajus der Widerwilligkeit eines Teils der Universitätsprofessoren, ihn als ihren Vertreter zu akzeptieren - wegen der vermutlichen Nicht-Rechtgläubigkeit seiner Lehre. Im Jahr 1564 kehrte Bajus nach Löwen zurück, wo er eine Reihe von Traktaten veröffentlichte, die später in einer Sammlung seiner Werke erschienen (Opuscula Omnia, 1566).
1567 veröffentlichte Papst Pius V. eine Bulle, die einige Sätze der Bajusschen theologischen Lehre verurteilte (Ex Omnibus Afflictionibus, 1. Oktober 1567). Es muss angemerkt werden, dass diese auf Anregung des engsten Kreises seiner Universitätsopponenten durch die vorgeordneten kirchlichen Instanzen bereits zensiert worden war. Michael Bajus, Teilnehmer des kirchlichen Konzils, Professor und allseits respektierter Priester, wurde in dem Beschluss nicht erwähnt, was die Tatsache der Verurteilung selbst in Frage stellte. Verurteilt wurden 76 (bzw. 79) theologische Gesichtspunkte - entweder aus sich selbst heraus oder wegen des Risikos, unrechtgläubig ausgelegt zu werden (in sensu propositionum ut iacent), oder auch als Lehre von Michael Bajus' (in sensu auctoris). Im Nachhinein erlangte die letztere Sichtweise seit dem Jahr 1618 die Oberhand - vor allem dank der Bemühungen der Theologen des Jesuitenordens, die die Theologie des Bajus' als Bedrohung ihrer eigenen Autorität ansahen.[5] Bajus unterzeichnete seine eigene Verurteilung und schrieb eine Reihe von Apologien.
1570 wurde der Theologe zum Rektor der Universität Löwen ernannt. Von da an musste Bajus die gesamte darauf folgende Zeit seines kirchlichen Wirkens die ihm zugeschriebene Lehre ableugnen. Michael Bajus beendete seinen Lebensweg 1589 als Stadtkanzler, Dekan der Kathedrale und Konservator von Universitätsrechten. Sein Eigentum vermachte er an die Armen.
THEOLOGIE UND LEBEN: DIE LEHRE DES MICHAEL BAJUS
Die zur Einleitung dieses Artikels ausgewählten Worte über die Fruchtlosigkeit der polemischen Theologie der damaligen Epoche bedeuten keineswegs, dass das theologische Denken als solches fruchtlos gewesen sei. Tatsächlich kann das 16. Jahrhundert als das Jahrhundert der Neubelebung der Theologie im christlichen Westen charakterisiert werden. Genau in dieser Zeit wurde die so genannte „neue Scholastik" entwickelt - als grandioser Versuch, eine theologische Synthese der Lehren des Thomas von Aquin und der anbrechenden Neuzeit zu erstellen. Hier sind als Autoritäten zu nennen: Francisco de Vitoria, Melchior Cano, Bartolomé de Medina, Martin de Ledesma, Dominic Banes, Francisco Suárez, Robert Bellarmin und Thomas de Vio Cajetan.
Ebenso wenig fruchtlos war auch das theologische Denken der Reformation. Das 16. Jahrhundert ist die Zeit der Großen Reformatoren. Von einem der modernen Forscher stammt die Aussage: „Die Theologie Luthers zu studieren, bedeutet die Weiten eines Ozeans zu studieren". Dieser Gedanke wiederholt das, was bereits über das Erbe des Thomas' von Aquin gesagt wurde. Martin Luther (1483-1546) war der Reformator, der das in Frage stellte, was niemand zuvor anzuzweifeln gewagt hatte - nämlich die Überlieferung der Kirche. Luther, der sich nur auf die Heilige Schrift und wenige von ihm ausgewählte patristische Autoritäten stützte, versuchte, die wahre christliche Theologie wiederherzustellen, die von den späteren „Irrwegen" des römischen Christentums frei sein sollte. Jean Calvin (1509-1564) verlieh dem reformierten Christentum dann eine Struktur sowie eine strikte disziplinäre und doktrinale Organisation. Bald schwamm der kontinentale Protestantismus, der sich bereits in zwei Hauptzweige (lutheranisch und calvinistisch) aufgespaltet hatte, frei im Meer der theologischen Entwicklung weiter.
Beide Theologien - sowohl die protestantische als auch die katholische - untersuchen den Menschen. Genau so könnte die Thematik charakterisiert werden, um die das christlich-theologische und philosophische Denken dieser Epoche sich formulierte und entwickelte. Der Mensch und seine Erschaffung, der Mensch und seine Sünden (sowohl die persönlichen als auch die Erbsünde), der Mensch und seine Erlösung, Verurteilung und Rettung: diese und andere derartige Themen, die sich mit der Lehre über die Gnade direkt überschneiden und heutzutage als ausschließlich kirchliche Belange angesehen werden, spiegeln die anthropologische Suche der frühen Neuzeit wider.
DIE WAHRHEIT UND DIE METHODE
Der Beruf eines Theologen ist riskant. Besonders „gefährlich" ist es, die Theologie in den Epochen kirchlicher und politischer Krisen zu betreiben. Die Reformation, die wortwörtlich quasi einen Aufruf darstellte, die existierenden Praktiken zu überdenken, den Missbrauch zu beenden und einige Sätze der Glaubenslehre zu klären, prägte die Römische Kirche faktisch mit einer Einengung des Spektrums der möglichen theologischen Meinungen und machte diese Kirche von den sich bereits etablierten theologischen Methoden völlig abhängig. Um dies zu verdeutlichen, kann Martin Luther selbst als Beispiel genommen werden. Der Rahmen dieses Artikels reicht nicht aus, dieses Thema ausführlich zu behandeln. Wir wollen es dabei belassen, anzumerken, dass viele der theologischen Ansichten Luthers, die er als katholischer Mönch und Priester niederschrieb, durchaus in den Rahmen der lateinischen Rechtgläubigkeit passten. Aber während Luther sich zu einem Reformator entwickelte, begann seine ganze Theologie immer mehr auf den Protestantismus hinauszulaufen.
Die von Michael Bajus Mitte des 16. Jahrhunderts postulierte „Neue Theologie" bedeutete vor allem den Versuch, eine neue Methode theologischer Wissenschaft zu erarbeiten. Die katholische Theologie, die brutalster, geradezu obskurantistischer Kritik unterzogen wurde, trat für den Schutz des traditionellen kirchlichen Denkens ein. Neben der Polemik im eigentlichen Sinne des Wortes bemühten sich katholische Theologen darum, das durch die Reform zerstörte Gebäude der kirchlichen Theologie wiederzuerrichten. Mit besonderem Fleiß wurden die Punkte der theologischen Wissenschaft und der Methodologie erarbeitet, die durch die Reform so ohrenbetäubend kritisiert worden waren.
Martin Luther und seine Nachfolger lachten die Scholastik aus. Unter diesem Wort verstanden sie vor allem das theologisch-philosophische Erbe der so genannten Spätscholastik, einer deren wichtigsten Vertreter Gabriel Biel (1415-1495) war. Unter dessen starkem Einfluss stand auch der junge Luther. Der theologische Weg Luthers stellt in vielerlei Hinsicht eine andauernde Bemühung dar, sich vom Erbe dieses und anderer seiner Lehrmeister zu emanzipieren.
Wenn die katholische Theologie von Scholastik spricht, meint sie das klassische Erbe der so genannten Hochscholastik und vor allem das theologische Genie Thomas von Aquin. Luther kennt Thomas' Theologie nicht, obgleich er ihn heftig kritisiert, ihn dabei aber mit der ihn erschreckenden und verwirrenden Spätscholastik verwechselnd.
Michael Bajus schlug der katholischen Theologie vor, die Scholastik zu vernachlässigen und das wiederherzustellen und wiederzubeleben, worauf die Reform ständig hinwies - nämlich die Theologie, die auf der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern aufgebaut ist. Nach Bajus' Meinung war die der Scholastik innewohnende Anlehnung an die Philosophie des Aristotelismus für die damalige Theologie nicht nur nicht notwendig, sondern auch schädlich, da sie die gegenseitigen Missverständnisse der Parteien fördere. Die Schrift, die die einzige Autorität der Theologie und der Kirche sei, solle zu einem unmittelbaren, nicht einem mittelbaren Bezugspunkt im theologischen Koordinatensystem werden. Das patristische Denken, das als Grundlage des scholastischen Denkens diente, solle ganz neu studiert und ohne Bezugnahme auf die Scholastik interpretiert werden.
Diese geforderte Rückkehr zum Erbe der Väter warf die Frage nach der Autorität nicht nur der Heiligen Väter, sondern auch nach der Hierarchie unter diesen Vätern auf. Der Selige Augustinus, Lehrer des christlichen Westens, sei, so Michael Bajus, die wichtigste patristische Autorität der christlichen Theologie. Während jeder der Väter den wesentlichsten Teil seiner Werke einer bestimmten Thematik der christlichen Theologie gewidmet habe, habe Augustinus über alles geschrieben. Das Thema des Menschen, das für den Dialog und die Diskussion mit der Reformation so wichtig war, die Reflexion über die Schöpfung, den Sündenfall, die Erlösung und die Wiedergeburt des Menschen seien in den Werken des Augustinus mit größter und unnachahmlicher Klarheit und Überzeugungskraft dargestellt. Dem Studium und der Aneignung der Ideen des heiligen afrikanischen Hierarchen sollten sich sowohl die theologischen Schulen als auch die christlichen Theologen widmen.
Die Folgen einer derart entschlossenen Rückkehr zum Erbe der Väter werden aus einer Reihe von Beispielen klar. Indem sich Bajus auf das klassische Erbe des theologischen Denkens des christlichen Abendlandes berief, den Seligen Augustinus und Thomas von Aquin, verneinte er die Möglichkeit des Fehlens der Erbsünde bei der All-Heiligen Jungfrau. Diese Lehre wurde später durch die Römische Kirche im Dogma über die unbefleckte Empfängnis der Gottesgebärerin formuliert.
Bajus' theologischer Mut besteht in dem Versuch, die ihm gegenwärtige Theologie unter den Bedingungen der Konfrontation mit den theologischen Lehren und Hermeneutiken neu zu bestimmen. Nach Bajus besteht die Ursünde der protestantischen Theologie nicht in der Ablehnung der Überlieferung der Kirche im Gegensatz zur Schrift, sondern in der wählerischen Einstellung zu diesen zwei Dimensionen der christlichen Offenbarung, die sich gegenseitig ergänzen. Die Schrift könne und solle der Bezugspunkt der Theologie, das ständige Kriterium der Richtigkeit des Lebens und des Denkens der christlichen Kirche sein. Es ist notwendig, die sakramentale Dimension der Kirchlichkeit, die Dogmata und die Lehre, die Traditionen und die Praktiken, die in der Kirche gebräuchlich sind, durch direkte Nachweise der Schrift zu beweisen. Dies ist das Schlüsselprinzip der theologischen Methode dieses flandrischen Theologen.
HOMO SAPIENS VERSUS HOMO IMMORTALIS:
Die theologische Lehre des Michael Bajus
Auch wenn große Theologen viel schreiben, kann das von ihnen Geschriebene kurz und bündig zusammengefasst werden. Genau so las Michael Bajus das riesige Erbe des Seligen Augustinus, und genau so kann die Theologie von Bajus selbst aufgefasst werden.
Was ist die Gnade? Diese Frage war zuvor kaum so direkt und unmittelbar gestellt worden. Und doch wurde der wesentliche, wenn nicht der wichtigste Teil des theologischen Erbes des christlichen Abendlandes zur Stellung und Lösung dieser Frage. Im Grunde genommen ist die Frage nach der Gnade eben die Frage nach dem Menschen, die Frage danach, was der Mensch sei, was ihn daran hindere, ein guter Mensch zu sein, und was einen Menschen zum Menschen mache. Die Theologie des Michael Bajus ist eine Theologie über den Menschen und eine Theologie der Gnade.
Im Gegensatz zur Philosophie sowie zu den theologischen Schulen seiner Zeit beantwortet Bajus die Frage nach dem Menschen durch ein Wort über Gott. Der Mensch ist eine Schöpfung Gottes. Diese Schöpfung ist unsterblich. Seine Unsterblichkeit ist ihm in Gnade gegeben. Die dem Menschen gegebene Gnade bedeutet nicht, dass „es eine Zeit gab, als der neu erschaffene Mensch ohne Gnade war". Im Kontext des Denkens der Neuzeit würde so etwas die Erschaffung zweier Ebenen des menschlichen Seins bedeuten: des natürlichen Seins ohne Gnade und des übernatürlichen Seins in Gnade. Der letztere Seinsmodus des Menschen wäre quasi nicht notwendig, und folglich könnte das menschliche Sein und die Lehre über den Menschen völlig auf den Status des homo-sapiens, des vernünftigen Menschen der Naturwissenschaften, eingeschränkt werden. Die Gabe der Gnade ist dem Menschen im Akt der Schöpfung selbst gegeben. Im Urzustand, vor dem Sündenfall, verleihe Gott dem Menschen seine Gnade. Diese Behauptung des flandrischen Theologen, die dem für das westliche Christentum charakteristischem Axiom über die absolute Gnadengabe (gratia gratis data) widersprach, provozierte sofort einen heftigen Streit.
Der Sinn und die Bedeutung der guten Werke: Es muss wohl kaum besonders erwähnt werden, dass die „guten Werke" formaler Anlass für den Beginn der Kirchenreformation durch Martin Luther waren und in der Zeit Michael Bajus' das Hauptthema der theologischen Diskussion blieben. Wenn wir versuchen, diese historisch-theologische Diskussion vom Standpunkt der Gegenwart aus zu beurteilen, wird bald klar, dass die damaligen Theologen im Grunde genommen keine Wahl hatten. Die protestantische Hermeneutik der Rettung durch den Glauben allein ließ den guten Werken lediglich eine säkulare Bedeutung. Für die Rettung der Seele sollten sie keine Rolle mehr spielen. Die katholische Theologie war gezwungen, auf guten Werken und Verdiensten zu bestehen.
Michael Bajus versucht, seine Antwort auf die Frage über den Glauben und die guten Werke zu geben. Im Zustand vor dem Sündenfall ist der Mensch, mit Gnade erfüllt, zu guten Werken fähig. Diese guten Werke sind - als in Gnade vollbrachte Werke - heilsam und ein Verdienst des Menschen. Hier wird das durchaus verwirklicht, was in der westlichen christlichen Theologie als „Synergie" bezeichnet wird. Der gefallene Mensch dagegen trotzt der Gnade. Seine Werke sind böse. Nach Bajus ist es unmöglich, von der realen oder sogar auch der virtuellen Heilsamkeit der guten Werke des gefallenen Menschen außerhalb des Glaubens an Christus zu sprechen. Hier hat Bajus eine Meinungsverschiedenheit sowohl mit der „allgemein anerkannten" katholischen Theologie seiner Zeit als auch mit der Theologie des Protestantismus. Die katholische Theologie bestand auf einem relativen bzw. einem vorbereitenden Wert der Heilsamkeit der guten Werke eines Nicht-Christen. Im Gegenteil dazu setzte die protestantische Theologie alle menschlichen Werke mit dem Bösen gleich. So sind für Luther sogar die Tugenden der Gerechten ein Ausdruck versteckter Leidenschaften - vor allem des Stolzes. Der Mensch, der durch die Gnadengabe zum Glauben berufen ist, wird wiedergeboren und befähigt, Gutes zu tun. Gute Werke sind eine Frucht der Gnade. Sie sind heilsam.
FAZIT
Zu einem Häretiker macht nicht ein Fehler, sondern die Nachhaltigkeit im Irrweg, wird später Cornelius Jansenius (1585-1638) schreiben, dem seine theologischen Gegner die Wiederbelebung der vorher verurteilten Meinungen des Michael Bajus zuschrieben[6]. Die Biographie des Bajus berichtet glaubwürdig davon, mit welcher aufmerksamen Eilfertigkeit der gelehrte Theologe auf Versuche reagierte, die Rechtgläubigkeit seiner Lehre anzuzweifeln. Die Theologie des Michael Bajus scheint eines der hermeneutisch schwierigsten Themen des christlichen Denkens der Neuzeit zu sein. Die mehr als vierhundert Jahre, die seit dem Dahinscheiden von Bajus vergangen sind, ließen den großen Augustiner in Vergessenheit geraten, gaben jedoch keine Antwort über den wahren Sinn und Ort seiner Theologie im Rahmen der katholischen Tradition. „Er ist nicht zum richtigen Zeitpunkt geboren", dieser Satz, der zu jedem Theologen, dessen Weg sich als nicht einfach erwies, passt, trifft besonders auf ihn zu, der in der Epoche des aufkeimenden Rationalismus dazu aufrief, zur Autorität der Väter zurückzukehren. Die patristische Renaissance, die im christlichen Westen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entstand, und schon bald im Osten von sich reden machte, verdankt ihre Entstehung den Wegbereitern, die ihrer Zeit theologisch voraus waren. Einer von ihnen war Michael Bajus, Wissenschaftler und Glaubenszeuge, der darüber schrieb, dass der Mensch unsterblich ist.
Ort der vieljährigen Rektorschaft (1459-1522) von Michael Bajus (Photo: Autor)
KURZE LITERATURLISTE
[1] Auch als Michael Baius und Michel de Bay bekannt. (Anm.d.Ü.)
[2] Herman Melville: Bartleby der Schreiber.
[3] Flämisch: Leuven, wallonisch: Louvain. (Anm.d.Ü.)
[4] Flämisch: Aat, wallonisch: Ate. (Anm.d.Ü.)
[5] Lettieri, Il metodo 309.
[6] Jansenius, Augustinus, Liber Prooemialis, 67: Non enim haereticum error facit, sed erroris pertinacia. Zit. nach Sokolovski A., Matrix Omnium Conclusionum. Den „Augustinus" des Jansenius lesen. Fribourg 2008, 108.
Sokolovski, Augustin, Diakon