Wie können wir den missionarischen Imperativ erfüllen?

Wie können wir den missionarischen Imperativ erfüllen?

 

Die evangelischen Worte des Heilandes „gehet hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung“ bleiben auch heute noch aktuell. Die Kirche hat die explizite Aufgabe, unter allen denkbaren Zeitumständen zu missionieren. Im Folgenden finden sich Überlegungen, inwiefern dieser missionarische Imperativ heute zu verwirklichen ist, von Erzpriester Maxim Kozlov, Professor der Moskauer Geistlichen Akademie.

In soziologischen Erhebungen werden Menschen heutzutage oft gefragt: „Sind Sie orthodox?“ Oder: „Halten Sie die Kirche für die am höchsten angesehene Institution?“ Oder: „Zu welcher religiösen Tradition bekennen Sie sich?“ Alle diese Umfragen, einschließlich sehr seriösen, zeigen, dass 65 bis 75 % der Menschen sich als orthodox oder dieser Tradition zugehörig bezeichnen. Wenn wir die kaukasischen Regionen, in denen der Islam viele Anhänger hat, beiseitelassen, wird dieser Anteil noch höher.

Doch wissen wir und unsere Leser ganz gut: wenn wir ein bisschen weiter suchen würden, kämen sehr interessante Zahlen heraus. Werden diese angenommenen 70 % befragt, ob sie an die Unsterblichkeit der Seele glauben, würde sich ergeben, dass dies höchstens die Hälfte tut. Werden aber tiefergehende Fragen gestellt wie „Beten Sie regelmäßig?“, „Gehen Sie in die Kirche?“, und vor allem „Haben Sie in ihrem Leben regelmäßig gebeichtet und die Kommunion empfangen?“, werden ganz andere Zahlen herauskommen.

Wie viele solche Menschen – nennen wir sie „kirchliche Orthodoxe“ oder „eingekirchlichte Menschen“, oder auch, wie man sie auf Englisch nennt, churchgoer, also Kirchgänger bzw. practicing Christians, also praktizierende Christen – gibt es bei uns? Menschen, die gewissermaßen bewusst in die Kirche gehen, gibt es bei uns, diversen Schätzungen nach, wahrscheinlich zwischen 3% (pessimistisch) und 11% (optimistisch). Aber keinesfalls mehr, denke ich. Wenn wir auf die Straße gehen, werden nicht sieben von zehn Menschen, denen wir begegnen, kirchliche Menschen sein, die wir am Sonntag ins Gotteshaus zur Göttlichen Liturgie strömen sehen. Wir stellen uns ungefähr vor, welcher Anteil der Bevölkerung am Sonntag bzw. zu den Hochfesten kommen wird. Sicherlich werden viele Gotteshäuser dann zum Bersten voll sein; aber wie viele, im Verhältnis zur allgemeinen Zahl der Stadtbewohner, werden es sein, die am Gottesdienst eines der Hochfeste teilnehmen? Davon wollen wir lieber nicht reden, denn da kämen ziemlich traurige Zahlen heraus.

Da öffnet sich eine Schere - zwischen den Menschen, die bloß mit der Tradition sympathisieren und sich ihr zugehörig fühlen, und den Menschen, die wirklich am kirchlichen Leben teilnehmen.

Allerdings haben wir einen Grund zur Zuversicht: die soziale Grundlage unserer Kirche hat sich innerhalb der letzten 25-30 Jahre ziemlich stark verändert. Während in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren die Mehrheit der Anhänger der Russischen Orthodoxen Kirche Einwohner von Dörfern und kleiner Kreisstädte, vorwiegend ältere Frauen mit eher geringer Ausbildung waren, hat sich die Lage verändert. Heute gilt: je größer die Stadt und je höher das Ausbildungsniveau seiner Einwohner, desto intensiver das kirchliche Leben und desto höher der Anteil der Menschen, die ins Kirchenleben integriert (sozusagen „eingekirchlicht“) sind. Nun ist die Situation in Kleinstädten und Dörfern dagegen besonders schwierig. In einem Dorf kann man manchmal nur ein paar Großmütter finden, die in die Kirche gehen. Aber in einer städtischen Ansiedlung, die genauso viele Einwohner hat, wird der Anteil sowohl der jungen als auch der ausgebildeten Menschen größer sein.  

Das ist unsere Chance, denn dadurch geht eine gewisse Erneuerung der Zusammensetzung unserer Herde vor sich. Das ist aber auch eine große Verantwortung. Wenn diese Schere sich wieder schließen sollte (auch wenn wir kaum auf die optimistische Zahl von 60-70 % der Eingekirchlichten im modernen Russland kommen werden, so wünschenswert sie auch sein mag, sollte sich wenigstens die Zahl an kirchlichen Menschen von 10-12 % um das zwei- bis dreifache erhöhen), dann wird die Orthodoxie eine wirklich bedeutsame Kraft in dem Lande werden, das weiterhin Russland heißen und unser Mutterland bleiben wird. Das wiederum hängt weitgehend davon ab, wie wir diesen missionarischen Imperativ erfüllen. Werden wir den Menschen, die mit der Orthodoxie sympathisieren, aber noch nicht wirklich ins Gotteshaus gehen, etwas anbieten können, oder werden sie auch weiter auf der Ebene der äußeren Neigung bleiben, die in Wirklichkeit allmählich verglühen wird, wenn ihnen nichts angeboten wird.

Daher wird auch versucht, neue Formen der Kommunikation mit der Gesellschaft zu finden. Wir sehen, wie Seine Heiligkeit der Patriarch in seinem Wunsch, mit ganz unterschiedlichem Publikum, auch jungem und gemischtem, ins Gespräch zu kommen, die er dafür in Gotteshäusern und Klöstern und auf profanen Plattformen versammelte. Das ist für unsere Kirche etwas Neues.

Bei uns gibt es auch andere hervorragende Prediger, die mit einem großen Publikum umgehen können. Aber diese Gabe ist nicht allen gegeben. Seien wir ehrlich: es wäre auch gut, nicht alle auf ein  großes Publikum  loszulassen. Wenn wir manchmal im Fernsehen sehen oder am Radio hören, wie so mancher Priester sich an Tausende Menschen wendet, können wir uns nur eines wünschen: dass er gar nicht öffentlich spreche, sondern fromm und bescheiden seinen Gottesdienst zelebriere.

Wir müssen akzeptieren, dass nicht alle für öffentliche Tribünen geeignet sind. Doch gibt es etwas anderes, was jedem Priester zugänglich ist: Jeder Priester kann versuchen (und ist dazu verpflichtet), mit einer überzeugenden, erleuchtenden Predigt ein vorläufiges Ergebnis, die vorbereitende Gnade zu vermitteln, die das Herz der Menschen berühren und sich in der Gemeinde verwirklichen kann.

Es gibt noch eine zweite und nicht weniger wichtige Aufgabe des missionarischen Imperativs, bei der uns noch viel mehr abverlangt wird. Das ist die Aufgabe, anstelle von Pfarreien, in die die Menschen in Wirklichkeit kaum hinein-, sondern an denen sie meist nur vorbeikommen (auch wenn sie dort Mittel für Renovierung, Restauration, den Lebensunterhalt der Priesterfamilie und andere für die Seele nützliche Initiativen hinterlassen) wirkliche Gemeinden zu errichten, in denen die Menschen miteinander verbunden sind und wo (und das ist das Wichtigste) es das schlimme Prinzip (erinnern wir uns an die sowjetische Zeit), wo der Mensch dem Menschen ein Klotz ist, nicht mehr gibt. Nicht Wolf, nicht Freund, Genosse oder Bruder, sondern Klotz. Wenn Klötze geflößt werden, schwimmen sie herum, schlagen aneinander, schwimmen voneinander weg und kollidieren, mal wird Einer den Anderen versenken,  aber im Allgemeinen sind sie füreinander Klötze. Sie koexistieren nur, weil sie in derselben Strömung treiben.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Gemeinden ist es, dass die Menschen, die sich dort versammeln, sich nicht gegenseitig als Klötze wahrnehmen, die nur durch die Räumlichkeit und die Tatsache, dass sie beim Gottesdienst nebeneinander stehen, verbunden sind. Sie sind gezwungen, sich nach dem Gottesdienst aneinander vorbei zum Kreuz zu drängeln – einige mit Feingefühl, andere mit dem Wunsch, möglichst bald nach vorne zu eilen, um schnell fertig zu werden und die Gemeinschaft dieser Menschen nicht weiter ertragen zu müssen. Das wäre also eine Aufgabe für jeden Priester – und sie wäre lösbar, denn dazu ist nicht viel erforderlich: Aufmerksamkeit und Aufgeschlossenheit gegenüber den Menschen, die mit dem Priester kommunizieren wollen.

Sicherlich ist es keine Sünde, zu wiederholen, was jeder Priester es aus dem Kurs „Pastoraltheologie“ am Seminar weiß: dass das Materielle nicht Priorität beim Priesterdienst haben darf. Es kann sein, dass ein Kleriker alle möglichen Schwächen hat, und die Menschen sie ihm tatsächlich verzeihen. Die Menschen werden dem Priester verzeihen, wenn er z.B. manchmal Alkohol trinkt. Es ist nicht richtig, nicht gut und sogar widerlich, wenn ein Priester betrunken ist; aber das Volk wird es mit Liebe bedecken   , wenn er nach dem feierlichen Gottesdienst das Fasten allzu sehr bricht. Die Menschen werden auch noch einige andere Schwächen verzeihen – zum Beispiel, wenn der Priester, wie so viele Russen, das schnelle Fahren liebt[1]. Sie werden sogar mit liebevoller Nachsicht sagen: „Unser lieber Priester ist ja so schnell und fleißig zur Vesper gerast“ – und es mit Liebe bedecken. Zwei Dinge sind aber unzulässig: Gleichgültigkeit (er hat den Gottesdienst abgeleistet, seine Tasche genommen und gesagt: „Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Gottesdienst“) und Habgier, die unmöglich zu verbergen ist, weil sie die Seele erobert. Der Mensch denkt, dass sie unbemerkt bleibe; aber die Menschen um ihn herum sehen, dass er den vermögenden Menschen, von denen er etwas zu bekommen erhofft, viel mehr Zeit und viel mehr Aufmerksamkeit widmet als denjenigen, von denen es nichts zu bekommen gibt außer der Anwesenheit im Gotteshaus und einer kleinen Kollekte. Das sind wahrscheinlich zwei Dinge, welche die Menschen an einem Priester am stärksten abstoßen, und vor denen wir uns schützen sollten. Denn heutzutage nehmen die Prioritäten des Materiellen und der Habgier ohnehin überhand.

Der Priester soll auch aus dem Kirchengebäude herausgehen, um die Menschen anzusprechen. Heute gibt es viele Wege, um das zu verwirklichen. Manche fahren mit Rockern auf Motorradfahrten[2], nach dem Motto: „Durch die Rallye kämpfen wir gegen Sektierertum und Pseudospiritualität.“ Wir könnten darüber lachen; aber es gibt wirklich sogenannte Subkulturen, an die wir uns wenden können. Gott sei Dank gibt es bei uns heute Priester, die mit Vertretern dieser Subkulturen reden. Das wichtigste ist aber, diese Vorgehensweise nicht zu verabsolutisieren, also nicht zu glauben, dass sie auch bei der Kommunikation mit Menschen, die nicht irgendwelchen Subkulturen angehören, die richtige wäre. Es gibt ja auch konventionelle Menschen, die weder Gothics noch Rocker noch Rapper noch Punks sind, und die auch irgendwie zu berücksichtigen sind und mit denen vielleicht in einer normalen Sprache zu reden ist. 

Was sollen wir also tun? Ich erlaube mir, keine kolossalen Verallgemeinerungen zu machen, sondern eine Geschichte zu erzählen. Wahrscheinlich wissen alle, dass Priester überall hin gerufen werden. Und tatsächlich sollen wir überall hin gehen, außer zu der Sünde. Wenn also jemand gebeten wird, einen Sexshop zu weihen, darf er dies nicht tun. Tatsächlich hat ein Priester in Moskau einst einen Sexshop geweiht und wurde suspendiert. Und wenn er auf dem Diözesanrat gefragt wurde: „Vater, du hast ja gesehen, was da steht“, antwortete er: „Und ich habe ihn eben deswegen geweiht, weil ich das gesehen habe, und dabei habe ich gebetet: ‚Mögen alle Dämonentaten durch die Aspersion mit diesem Wasser zunichtewerden.‘“ Inzwischen ist aber sein Status als ständiger Kleriker selber zunichte; deshalb ist es doch besser, derartige Verführungen zu meiden. Sonst aber, wenn der Priester gerufen wird, soll er kommen. Das ist eines der wichtigsten Prinzipien: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab.“[3] Wenn eine äußere Initiative nicht von unserem Willen ausgeht, sollte sie akzeptiert werden, wenn ihrerseits keine offensichtliche Sünde damit verbunden ist.

Das Leben bietet uns Möglichkeiten, und wir sollen sie wahrnehmen, nicht verschlafen. Dann werden die Menschen auf uns reagieren.

[1] Vgl. das bekannte Gogol-Zitat „Und welcher Russe liebt das schnelle Fahren nicht?“ (Nikolai Gogol: Die toten Seelen, 11. Kapitel) https://www.zeno.org/Literatur/M/Gogol,+Nikolaj+Vasilevi%C4%8D/Roman/Die+toten+Seelen+oder+Tschitschikows+Abenteuer/Erster+Teil/Elftes+Kapitel. (A.d.Ü.)

[2] Z.B. der bedeutende Theologe Prof. Erzdiakon Andrei Kuraev. (A.d.Ü.)

[3] Jak.1:17. (Anm.d.Ü.)

Kozlov, Maxim, Erzpriester

Orignalsprache:
Russisch
Herausgegeben:
Wissenschftlich-Theologisches Portal Bogoslov.ru