Liebe Brüder und Schwestern,
heute, am 16. Sonntag nach Pfingsten, lasen wir das Gleichnis von den anvertrauten Talenten.
Wenn wir das Evangelium etwas vor- und zurückblättern, dann erkennen wir, dass dieses Gleichnis von zwei anderen umgeben ist. Vorher finden wir das Gleichnis von den Jungfrauen und ihren Öllampen, danach das Gleichnis vom Jüngsten Gericht.
Wir sehen also eine Abfolge von Hinweisen darauf, dass – wie im ersten Gleichnis geschildert – dieses Gericht unterwartet über uns kommen wird.
Dass – wie im heutigen Gleichnis – wir von Gott ausreichend auf den Weg bekommen haben und von uns gefragt werden wird, wie wir dieses Geschenk genutzt haben.
Und dass – wie im dritten Gleichnis dargestellt – dieses Gericht gerecht uns richten wird.
Damit ist der Kontext der Lesung geklärt, es geht also um das „Wie“ – Wir sollen wir unser Leben gestalten?
Wenden wir uns also nun dem zweitem, dem heutigen, Gleichnis konkreter zu.
Die Frage, die sich eingangs stellt, ist: Was ist eigentlich ein Talent?
Im Sinne einer Währung entsprach dies einem Gold- oder auch Silberstück mit einer Masse von ca. 30 kg. Im deutschen Sprachgebrauch wird auch manchmal der Zentner verwendet, der 50 kg entspricht.
Das ist schon mal nicht wenig! Um es genauer zu betrachten: Ein Talent entsprach damals 6000 Denaren und ein Denar entsprach ungefähr einem Tageslohn. Also wäre ein Talent so ungefähr 6000 Tageslöhne.
Würden wir das auf die heutige Zeit umrechnen, dann wären das – setzte man den Mindestlohn an – grobgerechnet mehr als 600.000 € – also wirklich eine große Menge! Damit konnte und könnte man über viele Jahre seinen Lebensunterhalt bestreiten.
Und genau so ist das auch gemeint. Gott gibt uns eine große Menge an Vorrat mit, damit wir unser Leben leben können.
Auf uns übertragen: Gott hat uns eine Menge an Startkapital für unser Leben mitgegeben – unser Leben, unsere Fähigkeiten, eben auch unsere Talente. Damit ist aber auch die Erwartungshaltung klar. Wir haben die Talente nicht einfach so bekommen, sondern von uns wird erwartet, dass wir diese auch sinnvoll nutzen.
Wir lesen in dem Gleichnis von fünf, zwei und einem Talent, die den Knechten mitgegeben worden sind. Dabei ist es egal, wieviel wir mitbekommen haben. Jeder Mensch ist individuell. Jeder Mensch hat andere Talente von Gott qualitativ und quantitativ bekommen. Damit werden aber nicht an alle auch die gleichen Anforderungen gestellt werden. Die Messlatte liegt unterschiedlich hoch. Wer viel Gnade bekommen hat, von dem wird auch mehr erwartet werden.
Der Punkt ist nur, dass wir diese benutzen und Gutes, Gottgefälliges damit tun! Und das Entscheidende dabei ist, dass wir nicht wie der Diener in der Geschichte handeln, der sein Talent vergrub – also dieses nicht nutzte. Es war für ihn bequemer, ein Leben vor sich hin zu führen und nur selbstgefällig zu sein.
Er rechtfertigte sich dann vor Gott und gab quasi Ihm Selbst die Schuld, dass er so gehandelt hatte. Das erinnert uns ein wenig an das Alte Testament, als Adam versuchte, sich vor Gott für seine und Evas Übertretung zu rechtfertigen. Nein, es war eindeutig seine Entscheidung, so zu handeln und nein, es ist eindeutig unsere Entscheidung, ob wir die von Gott anvertrauten Talente nutzen oder nicht.
Die Antwort von Christus auf diese Rechtfertigung ist etwas unerwartet:
„Du böser und fauler Knecht. Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Du musstest also mein Silbergeld den Bankleuten gebracht haben, und ich hätte bei ‹meinem› Kommen das Meine mit Zinsen zurückerhalten.“
Wie ist diese Antwort zu verstehen?
Nun, mit dem ersten Satz über das Ernten und Säen reflektiert Er 1:1 die Aussage des faulen Knechts und stellt damit klar, dass wir uns selbst mit unserem Tun und Reden richten werden. Mit dem Maß, mit dem wir gemessen haben, mit dem werden auch wir gemessen.
Mit dem zweiten Satz, dem Bringen des Silbergeldes zu den Bankleuten lohnt es sich, darauf zu schauen, wie die Kirchenväter dieses deuten. Denn dieses ist ja doch etwas ungewöhnlich, sind doch Bankgeschäfte – und dazu noch mit Zinsen – im Alten Testament nicht erlaubt. Der heilige Johannes Chrysostomus schreibt in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium:
„Lasst uns gleichermaßen Geld spenden, Eifer zu helfen, uns um andere zu kümmern und alles zum Wohle unseres Nächsten beitragen. Denn die Talente in diesem Gleichnis sind die Fähigkeit und Kraft jedes Menschen, sei es durch Fürsorge für andere, durch Geldgeben, durch Lehre oder durch andere Mittel. Niemand soll sagen: ‚Ich habe nur ein Talent, und ich kann nichts tun.‘ Denn du kannst auch mit einem Talent Früchte tragen. Du bist nicht ärmer als die Witwe der Evangelien. Du bist nicht ungebildeter als Petrus und Johannes, die ‚ungebildete, gewöhnliche Menschen‘ waren (Apg 4,13); aber dennoch, weil sie Eifer zeigten und alles zum Gemeinwohl taten, erreichten sie den Himmel. Denn nichts gefällt Gott so sehr und macht einen zu seinem Freund, dass es zum gemeinsamen Wohl lebt.“
Auch in dem Fall, wenn wir also nicht übermäßig mit Talenten gesegnet sein sollten, die wir gottgefällig einsetzten, dann können wir zumindest Barmherzigkeit zeigen, diese anderen Bedürftigen gegenüber erweisen und so auf den Weg der Errettung gelangen.
Amen.