Predigt zum 15. Sonntag nach Pfingsten über das wichtigste Gebot (Mt 22, 35-46), 13.09.2026

Liebe Brüder und Schwestern,

seid ihr schon mal in der Situation gewesen, dass sich um euch herum andere Menschen um Kleinigkeiten streiten, sich da Stunden mit größtem Eifer damit beschäftigen können, aber die ganzen Auseinandersetzungen eigentlich ein größeres Ziel, einen größeren Zusammenhang aus dem Blick verloren haben?

Das gab es in der Vergangenheit, so wie es die heutige Lesung auch zeigt, und gibt es auch heute.

Wir streiten uns um alles Mögliche. Ein paar Beispiele aus der jüngeren Zeit: Sollen wir gendern? Sollen wir uns impfen lassen? Sollen wir uns elektronischen Identitätsnachweisen verschließen? Und vieles andere mehr. Darin können wir uns vertiefen, können uns hineinsteigern und können viel Zeit aufwenden, uns damit auseinanderzusetzen. Doch was hat das mit unserer heutigen Lesung aus dem Evangelium zu tun?

Jesus wird von den Pharisäern nach dem größten Gesetz, dem wichtigsten Gebot befragt. Warum interessierte sie das? Weil sie in ihrem umfänglichen Gesetzeswerk aus 613 Vorschriften die Übersicht verloren hatten. Formal war jedes dieser Gesetze für sie gleich und alle mussten penibel beachtet werden. Damit ging aber das Ziel verloren, man hatte in seiner Kleinlichkeit den Blick auf das wesentliche verloren – man sah, wie es so schön heißt, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr!

Jesus rückt die zentralen Gebote wieder in den Blick:

„«Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstande». Dieses ist das erste und große Gebot. Das zweite aber, ihm ähnliche, ist dies: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.»“

Auch uns sollte dies, wenn wir in einer Situation wie oben beschrieben sind, wieder ins Blickfeld geraten. Wir sollten zuerst den Blick darauf richten, was das Allerwichtigste ist. Wenn wir das verstanden haben, dann ergeben sich auch viele Kleinigkeiten von selbst, die uns den Blick versperren.

Gott fordert von uns im ersten Gebot eine vollumfängliche Liebe:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstande.“

Was dieses bedeutet, erklärt uns der Theologe Nikephoros Theodokis:

„Unser Herz strebt nach Gott, unsere Seele reflektiert, und unser Verstand ist auf das Himmlische ausgerichtet. Wenn mein Herz einzig und allein nach Gott verlangt, wenn kein Gedankenunheil in meine Seele eindringt, das den göttlichen Lehren über Gott widerspricht, und mein Verstand keine Überlegungen akzeptiert, die nicht in Glauben und Gehorsam gegenüber Gott gründen: dann liebe ich Gott mit meinem ganzen Herzen, meiner ganzen Seele und all meinen Gedanken, dann ist meine Liebe vor Gott vollkommen.“

Man kann ein guter Mensch sein, indem man das zweite Gebot, den Menschen zu lieben, beachtet. Dieses ist wichtig und leitet sich auch daraus ab, dass Gott den Menschen seinem Bildnis entsprechend geschaffen hat. Es ergänzt damit das erste Gebot, Gott zu lieben.

Doch das erste Gebot wird gern in unserer heutigen Zeit vergessen. Häufig ist man der Meinung, dass es reichen würde, zu den Nächsten gut zu sein und lässt Gott dabei außer Acht. Ja, es ist richtig, das „liebe deinen Nächsten“ ist die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt auch Gott lieben können und das erste Gebot erfüllen. Wenn wir die Nächstenliebe nicht haben, dann wäre unsere sogenannte Gottesliebe heuchlerisch und überheblich „denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, Den er nicht sieht“ (1. Joh. 4,20), wie es im ersten Johannes-Brief heißt.

Sind wir mit unseren Mitmenschen nicht im Reinen, dann werden uns diese menschlichen Konflikte innerlich beschäftigen, unsere Gedanken werden sich darum kreisen. Das wiederum verhindert dann, dass wir diese auf Gott ausrichten können.

Also gehören beide Gebote zusammen, auf diese beiden ist alles andere aufgebaut, so, wie auch Christus den Pharisäern als Schlussfolgerung mitgab:

„An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“

Der heilige Cyrill von Alexandria schrieb diesbezüglich:

„Das erste Gebot bezieht sich auf alle Aspekte der Gottesverehrung. Die Liebe zu Gott mit ganzem Herzen bildet das Fundament allen Guten, während das zweite Gebot die faire Behandlung der Mitmenschen fordert. Das erste Gebot zeigt somit den Weg zum zweiten, und das zweite Gebot ist in der Praxis des ersten verwurzelt. Wer in der Lage ist, Gott zu lieben, wird auch seinen Nächsten lieben, so wie er sich selbst liebt.“

Im sogenannten Hohelied der Liebe, welches im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther enthalten ist, heißt es dazu passend:

„Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“

Das Wissen allein über alle Dinge und alle Erkenntnis sind also wenig nutzbringend, wenn wir das Wichtigste, die Liebe zu Gott und zu unseren Nächsten nicht haben.

Amen.

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch