Liebe Brüder und Schwestern,
wir feiern heute Geburtstag. Das Hochfest Pfingsten wird als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Was steckt dahinter?
Nach den Geschehnissen, die wir in den vergangenen Wochen ins Gedächtnis riefen, der Kreuzigung und dem Leiden Christi, seines Todes, seiner Auferstehung, seiner Erscheinung den Aposteln, schließlich seiner Himmelfahrt, entstand quasi erst einmal eine Leere. Über diese sprachen wir letzte Woche.
Doch nun sollte ein weiterer Schritt in Gottes Heilsplan geschehen. Christus versprach, dass auf die Apostel der Heilige Geist herabgesandt werde, was dann auch zu Pentekoste, zu Pfingsten geschah.
Das war im Übrigen bei dem jüdischen Volk ein großer Feiertag. In der Zeit des Alten Bundes wurde der Pfingsttag seit dem Propheten Mose sieben Wochen nach dem jüdischen Pesachfest gefeiert. Er wurde zur Erinnerung an die auf dem Berg Sinai durch Gott an Mose erfolgte Übergabe der Zehn Gebote eingeführt. Und diese fand fünfzig Tage nach dem Auszug des Volkes Gottes aus Ägypten statt. Deshalb wurde das Fest auch Pentekoste – Pfingsten genannt.
Doch was hat das nun mit dem Geburtstag der Kirche zu tun?
Nach dem, was wir durch die Bibel überliefert bekommen haben, begann mit diesem Ereignis der Herabkunft des Heiligen Geistes die Verkündigung des Evangeliums durch die Apostel. Das Evangelium lag zwar zu dieser Zeit noch nicht in Schriftform vor, aber durch das Erlebte und eben das Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Apostel wurden diese dazu befähigt, den Sinn des Evangeliums zu verkünden.
Dabei half natürlich auch der Umstand, dass mit den herabkommenden Feuerzungen die Apostel in die Lage versetzt wurden, andere Sprachen zu verstehen und auch selbst zu sprechen. Dies war ja eine Voraussetzung dafür, dass nun das Evangelium in allen Sprachen allen Menschen verkündet werden konnte.
Diesen Missionsauftrag hat die Kirche auch noch heute. Sprachgrenzen stellen heute für die Verkündigung keine Barriere mehr dar. Und wenn ich das auf unser deutschsprachiges Umfeld beziehe, so hat sich in den letzten zwanzig Jahren eine Menge getan.
Ich erinnere mich noch daran, wie einer der wenigen deutschen Orthodoxen mich damals mit Kopien von mit Schreibmaschine erstellten Texten oder von Buchseiten längst vergriffener deutschsprachiger orthodoxer Buchtitel und Noten versorgte.
Heute ist es – entsprechendes Interesse vorausgesetzt – ein leichtes, Informationen jeglicher Art in unserer eigenen Sprache über den orthodoxen Glauben zu finden, es gibt orthodoxe Verlage und im Internet jede Menge an Informationen dazu, die orthodoxe Orthpedia.de ist ein Beispiel dafür. Sogar Vereine, in denen sich die deutschsprachigen Orthodoxen, wie den DOM, Deutschsprachige Orthodoxie in Mitteleuropa – Gesellschaft zu Ehren heiligen des Erzengels Michael, e.V. sind mittlerweile aktiv, um deutschsprachigen Gläubigen eine Austauschplattform zu bieten.
Doch sollten wir uns nicht allein auf unsere eigene Sprache fokussieren, sondern nutzen, dass wir hier als verschiedenste Nationen gemeinsam den Gottesdienst friedlich feiern. Wir sollten uns austauschen von vor allem aus den Erfahrungen und der Lebensweise derjenigen schöpfen, die in ihren Völkern seit zum Teil mehr als tausend Jahre diesen orthodoxen Glauben gelebt und bewahrt haben.
Ich denke auch, dass der Weg, den wir hier in unserer Gemeinde beschreiten, der richtige ist. Wir feiern den Gottesdienst mehrsprachig. Jeder, der hier ist, kann diesen verstehen – zumindest, wenn die Gebete und Gesänge gerade in seiner Heimatsprache vorgetragen werden. Das schafft Einheit, so, wie sie Christus seinen Aposteln aufgetragen hat. Wir grenzen uns nicht voneinander ab.
Danke dafür an unseren Priester, an die Lektoren, den Chor und die Dolmetscher für die Predigten, welche diese Zweisprachigkeit unterstützen und ermöglichen.
Und das zeigt Wirkung. In unserer Katechesegruppe, die wir zweimal im Monat abhalten, kommen immer mehr junge Leute aus dem deutschsprachigen Umfeld.
Warum ist das so? Die heutige Zeit wird oft mit der Abkürzung VUCA bezeichnet. V-U-C-A steht als Akronym für volatility, uncertainty, complexity, ambiguity, also Volatilität, Ungewissheit, Komplexität, Mehrdeutigkeit.
Damit werden die Herausforderungen in der von äußerst schnellem und leider auch unvorhersehbarem Wandel beeinflussten Welt bezeichnet. Die Menschen, vor allem die jüngere Generation, sind wieder auf der Suche nach Stabilität, nach Guidance, nach dem Sinn des Lebens.
In einer kürzlich durchgeführten Umfrage wurde festgestellt, dass in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen der Anteil religiöser Aktivitäten doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Befragten lag. Auch beim Wissen über die Bedeutung des Festes Pfingsten schnitten sie besser ab als mittlere Altersgruppen.
Und dann stoßen diese Suchenden auf den orthodoxen Glauben und stellen fest:
Ja, da ist das Feuer des Heiligen Geistes noch am Leben.
Ja, hier gibt es noch Klarheit und keine Wankelmütigkeit in den Antworten auf die Fragen des Lebens.
Und ja, hier fühlen sie, dass das Leben einen Sinn hat – nämlich den Weg zu Gott zu gehen, mit ihm Eines zu werden.
Das bedeutet aber für uns, für unser heutiges Geburtstagskind, die Kirche:
Wir müssen diesen orthodoxen Glauben bewahren. Und zwar unverfälscht. Wie gelingt uns das? Indem wir uns mit der biblischen Überlieferung beschäftigen und nicht nur aus Tradition zu Gottesdiensten oder sakramentalen Handlungen, wie Taufe und kirchlicher Eheschließung kommen, sondern mit Herz und Verstand. Indem wir regelmäßig an der Eucharistie teilhaben.
Es bedeutet aber auch, dass wir unsere mit der Herabsendung des Heiligen Geistes begonnene Missionsaufgabe ausführen. In unserer eigenen Sprache, welche sie auch immer sei, vom orthodoxen Glauben zeugen und Menschen mit anderen Sprachen die Möglichkeit geben, den orthodoxen Glauben kennenzulernen und zu leben.
Amen.