Predigt zum Festtag der hll. Apostelkoryphäen Petrus und Paulus (2. Kor. 11: 21 - 12: 9; Mt. 16: 13-19) (12.07.2017)

"Ihr Apostelfürsten und Lehrer des Erdkreises, bittet den Herrscher des Alls, der Welt Frieden und unseren Seelen Sein großes Erbarmen zu schenken". (Troparion zum Fest) "Die starken und gotterfüllten Verkünder, die ersten der Apostel, hast Du, Herr, aufgenommen in die Wonne Deiner Güter und in Deine Ruhe. Denn ihre Leiden und ihren Tod hast Du mehr als jedes irdische Opfer angenommen, Der Du allein die Herzen kennst". (Kondakion zum Fest) Liebe Brüder und Schwestern, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte beschloss die Kirche, - höchstwahrscheinlich infolge eines Disputs darüber, wem unter den Aposteln der höchste Verehrungsgrad zusteht - das Gedächtnis der Apostelfürsten Petrus und Paulus gemeinsam an einem Tag zu feiern, um die Ebenbürtigkeit dieser beiden Giganten des Geistes zu unterstreichen. Bei tiefgehender Analyse können wir viele Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen den beiden bedeutendsten Verkündern des Glaubens feststellen. Für alle offensichtlich: Petrus war ein Apostel der ersten Stunde, Paulus - ein Spätberufener; Petrus war einfacher galiläischer Fischer, Paulus hingegen - weltmännisch und hochgebildet. Beide waren aber auch der Schwachheit unterlegene Menschen, beide hatten sich gegen ihren Meister versündigt: Petrus verleugnete den Herrn dreimal und Paulus (Saulus) war in jungen Jahren ein fanatischer Widersacher der Kirche Christi gewesen. Aber das alles sind eigentlich nur oberflächliche, wenn auch kennzeichnende biographische Randnotizen im Vergleich zu dem, was wirklich bemerkenswert ist - den göttlichen Offenbarungen, derer sie gewürdigt wurden. Beide haben nämlich die Herrlichkeit Gottes geschaut: Petrus sah mit den leiblichen Augen die "Macht und Größe" von Gottes Sohn (2. Petr. 1: 16; vgl. Mt. 17: 1-9; Mk. 9: 2-10; Lk. 9: 28-36), Paulus wurde "bis in den dritten Himmel entrückt (...) und hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen kann" (2. Kor. 12: 2-4). Und gerade diese Offenbarungen waren das Unterpfand für das immense Verkündigungswerk beider Apostelfürsten. Daran orientiert sich die Kirche in ihrem Missionswerk. Auch wir versuchen manchmal, voller Eifer, aber ohne Erkenntnis (s. Röm. 10: 2), unsere Mitmenschen zum Glauben zu bekehren, indem wir sie zur Befolgung äußerlicher Vorschriften nötigen (z.B. Beten, Fasten, Gottesdienstbesuch etc.) - mit nur mäßigem Erfolg. Da sich unser missionarischer Eifer nur aus der fragwürdigen externen Befolgung solcher Handlungen speist, sind die Erfolgsaussichten unserer Bemühungen von Anfang an limitiert. Wir vergessen dabei, dass das Reich der Himmel zuerst in uns Gestalt annehmen soll (s. Lk. 17: 21), bevor wir andere zur Wahrheit Christi bekehren können. Wäre das - wie bei den wahren Glaubensboten es immer der Fall gewesen ist - auch bei uns so, bräuchten wir niemandem asketische Anstrengungen aufzubürden, deren Sinnhaftigkeit wir selbst nicht so richtig begreifen. Wäre unsere Bestrebung nämlich eine geistliche, - wirklich auf die Erlangung des Himmelreiches schon zu irdischen Lebzeiten ausgerichtet, - würde zuerst in uns selbst und dann in unseren Mitmenschen ein Feuereifer entbrennen, der die Menschen ohne Drängen oder Zureden dazu verleiten würde, ganz von selbst das Himmelreich unter Aufbietung aller ihnen zur Verfügung stehenden seelischen, körperlichen und materiellen Mittel erlangen zu wollen (vgl. Mt. 11: 21; 13: 44-46). Entbehren unsere Bekehrungsversuchen aber dieser Komponente, sind wir nicht besser als Heuchler, die sich einzig und allein auf ihre formale Rechtschaffenheit verlassen (vgl. Lk. 18: 10-14). Also muss uns djederzeit bewusst sein, dass unsere Glaubensanstrengungen spiritueller Natur sein müssen, denn "Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben; das Vergängliche erbt nicht das Unvergängliche" (1. Kor. 15: 50; vgl. Mt. 16: 17; Gal. 6: 8). Wer durch äußere Werke allein gerechtfertigt zu werden glaubt, lässt sich in Wahrheit auf einen fruchtlosen Ablasshandel ein. In diesem selbstgerechten Lebensentwurf wird Christus zur Nebensache. Unser Ziel muss also vielmehr sein, Nachahmer der geistlichen Größe der Aposteln zu sein, damit Christus auch in uns Gestalt annehmen möge (s. Gal. 2: 20a). Und wer Christus so liebt wie Petrus und Paulus es taten (s. Joh. 21: 15-17; 1. Kor 16: 22), dem werden auch menschliche Unzulänglichkeiten vergeben werden, denn Gottes Gnade "erweist ihre Kraft in der Schwachheit" (2. Kor. 12: 9). Ohne diese Liebe sind wir alle, trotz unaufhörlicher Bemühungen, nur "dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke" (1. Kor. 13: 1). Der gravierendste äußere Unterschied zwischen den beiden größten Aposteln ist, bei näherer Betrachtung, eigentlich vielmehr Ausdruck der grundlegendsten inneren Gemeinsamkeit. Petrus war während des irdischen Missionswerkes Christi im physischen Sinne mit dem Herrn, Paulus trat erst nach der Himmelfahrt Christi als Nachfolger Christi im Geiste in Erscheinung. Dem einen wurde der Herr also im Leibe offenbart, dem anderen im Geiste. Keiner steht aber dem anderen in irgendetwas nach. Also bedeutet das, dass auch wir nach Herabsendung des Heiligen Geistes in die Welt Teilhaber Christi durch Seinen Leib (die Kirche) sein können - so, als ob wir physisch bei der Geburt, der Taufe, dem Kreuztod, der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi zugegen wären. Ist nicht auch deshalb Paulus auf den meisten Ikonen der Himmelfahrt Christi abgebildet, obwohl er da, historisch betrachtet, noch nicht zur Schar der Apostel gehörte?!.. Folglich kann nun auch jeder mit Christi Leib Verbundene von sich sagen: "Alles vermag ich durch Ihn, Der mir Kraft gibt" (Phil. 4: 13). Amen.
Jahr:
2017
Orignalsprache:
Deutsch

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