Predigt zum Gedenktag der Enthauptung Johannes des Täufers (Apg. 13:25-32; Mk. 6:14-30) (11.09.2026)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

wir gedenken am heutigen Tage eines Ereignisses, das sinnbildlich für das Unrecht in dieser Welt steht. Johannes, der letzte und größte unter den Propheten, der Gerechte unter den Gerechten, der niemandem etwas zuleide getan hat, wird zunächst in den Kerker geworfen und dann ohne Anklage, Verfahren und Urteil enthauptet. All das geschah, weil er als Gesandter Gottes den Herrscher von Galiläa dazu ermahnte, in moralischen Belangen mit gutem Beispiel voranzugehen. Das kostete ihm die Freiheit und letztlich das Leben. Herodes Antipas ließ ihn an seinem Geburtstag aufgrund eines im trunkenen Zustand unbedacht gegebenen Versprechens hinrichten. 

Wenn wir uns nun der Person des Herodes zuwenden, dann können wir vielerlei Dinge feststellen, die für das Verstehen der Abläufe in der Welt notwendig sind.

Erstens, dass Herodes der von Gott eingesetzte Herrscher war. Ihm war das Wohl des Volkes von Galiläa anvertraut, wofür er vor Gott Verantwortung trug und vor Gottes Gericht Rechnung ablegen musste. Johannes der Täufer und unser Herr Selbst haben diese weltliche Machtbefugnisse anerkannt, haben sich weder selbst gegen die Herrschenden aufgelehnt oder zum Widerstand gegen diese aufgerufen. Aber auch der Herr Jesus Christus hat kein Blatt vor den Mund genommen, um Herodes für dessen Unrecht und Hinterlist öffentlich zu tadeln (s. Lk. 13:32). Somit haben auch wir das Recht, die uns Regierenden objektiv und verantwortungsvoll zu kritisieren, ihnen aber nicht die Loyalität zu verweigern. 

Zweitens, dass Mächtige dieser Welt nicht automatisch schlechtere Menschen sind als ihre Untertanen. Ihre große Verantwortung führt aber unweigerlich zu großen Versuchungen, ihre Machtfülle für eigene Zwecke oder zugunsten der Interessen anderer zu missbrauchen. Auch wir Normalbürger werden unserer viel geringeren Verantwortung ein ums andere Mal nicht gerecht, nur sind die Folgen unserer Verfehlungen bei weitem nicht so umfangreich und ungleich weniger offensichtlich. Deshalb sollten wir Normalbürger, die wir gerne mal über die uns Regierenden schimpfen, nie vergessen, dass auch uns mit dem gleichen Maß gemessen wird, mit dem wir selbst messen (s. Mt. 7:2).

Drittens, dass Gott jedem Menschen, auch und vor allen den Mächtigen dieser Welt, durchaus den Weg der Gerechtigkeit aufzeigt. Der Pharao in Ägypten wurde durch zehn Plagen gemaßregelt, der König von Babylon wurde mehrmals durch die Macht Gottes eines Besseren belehrt, die Könige von Judäa und Israel hatten Propheten als Mahner zur Umkehr usw. Bis in unsere Zeit mangelt es nicht an Zeichen Gottes, welche die Menschen zumindest zum Nachdenken anregen sollten. Kaum einer wird sagen könne, er habe nichts von Gott gewusst. Zu eindrucksvoll ist die Präsenz der Kirche auch in unserer modernen Welt.

Viertens, dass Herodes durchaus gute Ansätze hatte. Die Tatsache, dass er den der Welt gerade erst erschienen Messias zunächst für Dessen auferstandenen Täufer hielt, ist ein Beleg dafür, dass er an die Möglichkeit der Auferstehung glaubte. Und obwohl er Johannes feindlich gesinnt war, hörte er ihm gerne zu, als dieser im Kerker saß. Aber letztlich gewann das Böse in ihm die Oberhand, wie es sich auch beim entwürdigenden Verhör unseres Herrn kurz vor Dessen Kreuzigung gezeigt hat. Gut und Böse sind in jedem Menschen vorhanden – das Gute in bösen Menschen und das Böse in guten Menschen. Gott lässt die Menschen nicht ohne gute Gedanken allein, aber auch der Widersacher bombardiert uns ständig mit seinen Phantasien und Trugbildern. Der Mensch hat die Freiheit, sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. Selbst unser Herr Jesus Christus musste diese Prüfungen über Sich ergehen lassen, bevor Er Seinen Dienst zu unserer Errettung antrat (s. Hebr. 2:18). 

Und das hätte, fünftens, Herodes auch machen können, als er vor dem Dilemma stand, entweder den schuldlosen Täufer zu opfern oder wortbrüchig gegenüber seiner illegitimen Stieftochter zu werden. Den Wortbruch hätte man ihm wohl nach einiger Zeit nicht mehr nachgetragen, mit Ausnahme der Herodias, natürlich. Der verbrecherische und frevelhafte Machtmissbrauch haftete jedoch danach an ihm, auch wenn er sein nagendes Gewissen zum Schweigen bringen wollte. Hier kann man ihm auch nicht zugute halten, dass er aus „Anstandsgründen“ bzw. als „Ehrenmann“ an seinem Wort festhielt. Bei klarem Verstand und mit reinem Herzen hätte er sagen müssen, dass die Entscheidung über Leben und Tod eines unschuldigen Menschen nicht in seiner Macht liegt und auch nicht durch das im Suff gemachte Versprechen bezüglich der Hälfte seines Königreiches zu rechtfertigen gewesen wäre. In jeder Situation müssen wir „Gott mehr gehorchen als den Menschen“  (Apg. 5:29). 

Wenn wir nun also unsere Politiker, meinetwegen auch zurecht, kritisieren, müssen wir uns aber auf alle Fälle darüber im Klaren sein, dass Gott uns nach eben diesen Maßstäben prüfen wird, die wir selbst angelegt haben. Deshalb sollte unsere Reaktion auf die Taten unserer führenden Elite nicht Hass, Verachtung oder Verfluchung sein, sondern Mitgefühl, Bedauern und das aufrichtige Gebet für sie zu Gott, dass Er ihnen den richtigen Weg weisen möge. Bei den Russen gibt es eine Redensart, die besagt, dass jedes Volk die Herrschenden hat, die es verdient. Darin dürfte wohl mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthalten sein. Also wollen wir niemanden an den Pranger stellen und stets durch Liebe, die ja selbst unseren Feinden gilt, das Böse durch das Gute zu besiegen bemüht sein (s. Röm. 12:21). Das wäre unser Beitrag zur Genesung dieser todkranken Welt, zu deren Rettung Gott den „Vorläufer der Umkehr“ als mahnenden Vorboten Christi entsandt hatte. Amen.

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch