Predigt zum 14. Herrentag nach Pfingsten (2 Kor. 1:21-2:4; Mt. 22:1-14) (06.09.2026)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

bei genauerem Hinschauen werden wir am Beispiel des Gleichnisses vom Hochzeitsmahl erkennen: „Alle die Wege des Herrn sind Erbarmen und Wahrheit für die, die Seinen Bund und Seine Weisungen suchen“ (Ps. 24:10), sodass wir mit dem Propheten ausrufen können: „Herr, im Himmel ist Dein Erbarmen, und Deine Wahrheit reicht bis zu den Wolken“ (Ps. 35:6). Sind Erbarmen und Gerechtigkeit überhaupt miteinander vereinbar, wie gerade eben oder an anderen Stellen in der Heiligen Schrift öfters angedeutet wird (s. z.B. Ps. 83:12; 84:11-14; 100:1; Jes. 30:18)? Ist es nicht vielmehr so, dass ich in bestimmten Situationen nur gerecht oder barmherzig handeln kann?.. 

Im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl erkennen wir entweder das eine oder das andere. Der König – also Gott – will seinen Untertanen seine Ehre erweisen, indem er sie zum Hochzeitsmahl seines Sohnes einlädt – das ist ein Akt der Barmherzigkeit, nicht der Gerechtigkeit (sie haben ja keinen Rechtsanspruch darauf, in den Palast des Königs quasi als Familienmitglieder zu kommen und mit ihm tafeln zu dürfen). Diese Geste der überreichen und unverdienten Ehre wird jedoch verschmäht und mit Füßen getreten, weil die Menschen lieber ihre eigenen Angelegenheiten regeln wollen (s. Mt. 22:5); als sie die Gesandten des Königs misshandeln und töten, handelt der König nach Recht und Ordnung und die Missetäter bekommen, was sie verdienen (s. 22:6-7). Aber als Konsequenz aus diesem harten Durchgreifen zeigt der eben noch von Zorn getriebene König seine Milde, lässt die einfachen Leute von der Straße als Hochzeitsgäste in seinen Palast rufen (s. 22:9-10), wodurch diesen völlig unverhofft große Ehre zuteil wird. Drinnen, im Festsaal, entdeckt der König dann wiederum einen Gast, der die Kleiderordnung nicht respektiert, was einem Affront gleichkommt (s. 22:11). Der König redet den Mann zunächst als Freund an, gibt ihm Gelegenheit sich zu erklären, doch dieser vermag keine Rechtfertigung für sein Verhalten vorzubringen (s. 22:12), worauf der König den Mann, an Händen und Füßen gefesselt, entfernen und in die äußerste Finsternis werfen lässt (s. 22:13). Also handelt der König mal gnädig und barmherzig, mal streng und gerecht. Dieses Bild ergibt sich zumindest, wenn wir dem Gleichnis oberflächlich begegnen. Aus menschlicher (irdischer) Perspektive wird Milde immer positiv, während Härte immer negativ gesehen wird. Aber aus göttlicher Sicht ist das nicht so. Wenn Gott Strenge zeigt, handelt Er aus Liebe (s. Hebr. 12:4-13; vgl. Spr. 3:11-12; Ps. 72:14). Entscheidend ist, was am Ende herauskommt. Und die Lehren aus der biblischen Geschichte, der christlichen Historie oder aus unserem persönlichen Leben scheinen beinahe immer darauf hinzudeuten, dass wir Menschen dazu neigen, wie die geladenen Gäste des königlichen Hochzeitsmahls, Gott die kalte Schulter zu zeigen (s. Mt. 22:3-6), „denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt“ (22:14).

Aus meiner Kindheit und meiner Schulzeit, aber auch anhand der Geschichte der Pädagogik weiß ich, dass Strenge respektiert, Güte dagegen gnadenlos ausgenutzt wird. Strenge darf natürlich nicht mit Grausamkeit verwechselt werden. Aber wie uns die persönliche Erfahrung und die Geschichte lehrt, konnten nur strenge Lehrer ihre Klassen unter Kontrolle halten, sodass diese ihr Lernziel erreichten, haben fast nur autoritär regierende Herrscher ihren Völkern ein Leben in Recht und Ordnung – und letztlich Frieden und Wohlstand – gewährleisten können, vermögen schließlich nur die Eltern ihren Kindern etwas auf den Weg in die Eigenständigkeit zu geben, welche von diesen geachtet werden. Aber alle diese einstmals unstrittigen Werte sind heute ins Gegenteil verkehrt worden! Heute macht man sich mit solchen Ansichten und Grundsätzen strafbar. Und das entbehrt auch nicht einer gewissen Logik. Diese Lehre können wir ebenfalls aus dem heute gelesenen Gleichnis ziehen, das ja ein allegorisches Bildnis der Kirche Christi darstellt. Die Christen waren zunächst im Römischen Reich, später unter den Arabern, Tataren, Mongolen, Türken friedliebend und stets loyal gegenüber der Staatsmacht eingestellt, sie erfüllten gewissenhaft ihre Funktionen in der Gesellschaft, aber ständig kam ihnen der Hass der Obrigkeit bzw. der herrschenden Gesellschaftsschicht entgegen. Nicht anders war es unter kommunistischer Herrschaft, ebenso ist es heute in zahlreichen Ländern der Erde – auch in Europa. Sie werden gehasst, weil sie sich um ihr Seelenheil kümmern. Sie nehmen niemandem etwas weg, sie stören niemanden, stellen keinerlei Ansprüche an die herrschenden Eliten. Aber der Druck auf die Christen nimmt ständig zu, sich einfach zu integrieren, sich den moralischen und ideellen Normen solcher Gesellschaften anzupassen, in denen die Sünde zur Norm geworden ist. So ein „Christentum“ wird immer hoffähig sein. Aber die Geschichte der Kirche lehrt uns, dass da, wo die Bereitschaft vorhanden war, im Kampf gegen die Sünde bis aufs Blut Widerstand zu leisten (s. Hebr. 12:4), immer wieder eine neue Saat auf Gottes Ackerfeld (s. 1 Kor. 3:9) gestreut wurde, die zu neuer Blüte führte und schließlich reiche Frucht brachte. Deshalb müssen wir uns nicht wundern oder ängstigen, wenn längst vergangen geglaubte Anfeindungen, Unterdrückungen und Verfolgungen gegen die Kirche in Ländern aufkeimen, die Freiheit und Menschenrechte propagieren. Dass die Hagia Sophia oder das Katharinenkloster in muslimischen Ländern attackiert werden, wird ja fast schon als „normal“ angesehen, während die Höhlen-Lawra in Kiew, das Kloster Pyuchtitsa in Estland und viele andere orthodoxe Heiligtümer dem Zugriff „demokratischer“ Behörden ausgeliefert sind. Aber heißt es nicht: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Königtum zu geben“ (Lk. 12:32)?!. Amen.      

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch