Predigt zum 13. Herrentag nach Pfingsten (1 Kor. 16:13-24; Mt. 21:33-42) (30.08.2026)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

das Gleichnis von den bösen Winzern im Neuen Testament ist gewissermaßen die Widerspiegelung des Liedes vom Weinberg im Alten Testament:

„Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten. Mein Freund hatte einen Weinberg, auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hieb eine Kelter darin aus. Dann hoffte Er, dass der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren. Nun sprecht das Urteil, Jerusalems Bürger und ihr Männer von Juda, im Streit zwischen Mir und dem Weinberg! Was konnte Ich noch für Meinen Weinberg tun, das Ich nicht für ihn tat? Warum hoffte Ich denn auf süße Trauben? Warum brachte er nur saure Trauben? Jetzt aber will Ich euch kundtun, was ich mit Meinem Weinberg mache: Ich entferne seine schützende Hecke; so wird er zur Weide. Seine Mauer reiße Ich ein; dann wird er zertrampelt. Zum Ödland will Ich ihn machen. Man soll seine Reben nicht schneiden und soll ihn nicht hacken: Dornen und Disteln werden dort wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden. Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel und die Männer von Juda sind die Reben, die Er zu Seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe da: Der Rechtlose schreit“ (Jes. 5:1-7). Es ist die Geschichte des Volkes Israel in komprimierter allegorischer Form als „Weinberg“ (vgl. Jes. 3:14b, Jer. 2:21; 12:10a), die Erzählung davon, wie Gott Sein Volk auf einer „fruchtbaren Höhe“ ansiedelte, damit Ihm dieses Früchte bringt. Gott tat alles für Sein Volk, um es zu retten, aber das Volk ließ sich nicht zur Umkehr bewegen: „Sie wurden widerspenstig und empörten sich gegen Dich und warfen Dein Gesetz hinter ihren Rücken; und sie ermordeten Deine Propheten, die gegen sie zeugten, um sie zu Dir zurückzuführen und sie verübten große Schmähungen“ (Neh. 9:26). Vieles davon erinnert uns auch an das Gleichnis vom Hochzeitsmahl (s. Mt. 22:1-14). Nach den Worten des heiligen Johannes Chrysostomos (+407) sah Gott voraus, dass die bösen Menschen Seine Liebe verschmähen würden, aber Seine Liebe überwand dieses Vorabwissen. Gott würde auch dann nach Wegen des Heils suchen, nachdem Er die Winzer böse bestraft und den Weinberg anderen Arbeitern übergeben hatte. Das kann man auch aus dem Buch der Psalmen erkennen: „Herr, Gott der Mächte, wende Dich uns wieder zu, und lass Dein Antlitz leuchten, und wir werden gerettet. Einen Weinstock hast Du aus Ägypten versetzt, verjagtest die Heiden und pflanztest ihn ein. Du bahntest einen Weg vor ihm und pflanztest seine Wurzeln ein, und er erfüllte das Land. Bedeckt hat die Berge sein Schatten und sein Gezweig die Zedern Gottes. Er streckte seine Reben bis zum Meer und bis zum Strom seine Sprossen. Warum rissest Du seine Mauern ein, und alle lesen ihn ab, die des Weges kommen? Verwüstet hat ihn das Schwein aus dem Wald, und das einsame Wild weidete ihn ab. Gott der Mächte, wende Dich doch um, blick herab vom Himmel und sieh, und suche heim diesen Weinstock, und stelle ihn wieder her, den Deine Rechte gepflanzt, und sie ruhe auf dem Menschensohn, Dem Du Kraft gabst. (…) Es lege sich Deine Hand auf den Mann Deiner Rechten und auf dem Menschensohn, Dem Du Kraft gabst vor Dir. Und wir wollen nicht von Dir abfallen, Du wirst uns wieder Leben geben, und wir werden Deinen Namen anrufen. Herr, Gott der Mächte, wende Dich uns wieder zu, und lass Dein Antlitz leuchten, und wir werden gerettet“ (Ps. 79:8-16;17-20).  

Gott will den Menschen retten, und koste es was es wolle! Auch bei Adam und Eva, denen Gott für die Treue zu Ihm ewige Wonne versprach, wusste Er, dass sie sich von der Schlange verführen lassen werden. Und nun ist es das Volk Israel, für das Gott einen „Plan B“ ausarbeiten soll. Der lag aber schon lange vorher in der Schublade. Doch zu welchem Preis würde Gott Sein Volk retten können (s. 1 Kor. 7:23)?!!.. Auf Kosten Seines Sohnes, als Den Sich unser Herr Jesus Christus im Gleichnis von den bösen Winzern unmissverständlich zu erkennen gibt (s. Mt. 21:37-39)! Er ist auch der „Menschensohn“, von Dem im angeführten Psalm die Rede ist. Die Menschen haben sich gegen die Absprache mit Gott verfehlt; „Das ist euer Problem“, könnte Gott sagen, doch Er sagt stattdessen dies: „Euer Problem mache Ich zu Meinem Problem“. Und weiter sagt Er quasi: „Ihr habt gesündigt, aber Ich werde für euch die Strafe auf Mich nehmen; ihr habt den Tod verdient, aber Ich werde an eurer Statt am Kreuz die ganze Fülle der Gottverlassenheit kosten“ (s. Mt. 27:46; Mk. 15:34; vgl. Ps. 21:1). Und da Gott wusste, dass sich Sein Volk von Ihm abwenden würde, ermöglichte Er durch diesen Abfall die Berufung der Heiden, während Er geduldig auf die Rückkehr des nun eifersüchtig gewordenen Israels wartet (s. Röm. 11:11-12). All das ist Gottes Ratschluss zum Heil aller Menschen.

Der Herr bezieht Sich in der Nachbetrachtung des Gleichnisses auf Psalm 117 (s. Mt. 21:42-43). Er ist der Stein, den die Bauleute verwarfen, der zum Eckstein geworden ist, der vom Herrn kam und wunderbar in unseren Augen ist (Ps. 117:22-23) – Verse, die wir im Orthros singen. Hier erklingen auch die Worte: „Gesegnet sei, Der da kommt im Namen des Herr!“ (Ps. 117:26). Christus kommt im Namen des Herrn, Er ist der Stein, „und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen, auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen“ (Mt. 21:44). Gott kann nämlich nicht anders als aus Liebe zu uns zu kommen. Aber „wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht! Marána tha – Unser Herr, komm!“ (1 Kor. 16:22). Amen. 

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch