Liebe Brüder und Schwestern,
wir lasen heute von der wunderbaren Speisung der Fünftausend + x in einer abgelegenen Gegend nahe des Ufers des Sees Genezareth durch unseren Herrn Jesus Christus. Manche rationalistisch veranlagte Menschen tun sich schwer mit diesem Wunder. Aber Wunder sind gerade Ereignisse oder Handlungen, die sich nicht den Gesetzen der Wissenschaft und der Logik unterordnen. So auch hier: fünf Brote und zwei Fische werden an mehr als fünftausend Menschen verteilt – und am Ende bleiben zwölf Körbe voll an Resten übrig! Große Not geht in Überfluss über. Aber war es nicht schon im Alten Bund so, als der Prophet Elias von der mittellosen Witwe in Sarepta gastfreundlich aufgenommen wurde (s. 3 Kön. / 1 Kön. 17:8-16) und als der Prophet Elischa eine arme Witwe davor bewahrte, ihre beiden Söhne als Sklaven an ihren Gläubiger verkaufen zu müssen (s. 4 Kön. / 2 Kön. 4:1-7)?!.. Für Gott, Der die Gesetze der Natur eingesetzt hat, ist das alles kein Problem. Gott hat ja alles für uns gegeben (s. Röm. 8:32), Er will uns auch die Möglichkeit einräumen, Ihm gegenüber alles herzugeben, nichts zurückzuhalten oder zu verbergen wie Hananias und Saphira es getan hatten (s. Apg. 5:1-11). Und natürlich wissen wir, dass die biblischen Erzählungen einen mystischen Gehalt haben, auf den es letztlich in Wirklichkeit ankommt. Aber bevor wir uns dem allegorischen Sinn zuwenden, kommen wir zunächst zu einer „entmythologisierten“ Version des Wunders von der Speisung der Fünftausend. Wir alle kennen diese Situation: Es wird viel benötigt für eine große und wichtige Sache, aber wir alle haben nichts. Dieses „Nichts“ erweist sich aber als großer Reichtum, wenn jeder das gibt, was er hat, was er geben kann, vielleicht sogar mehr als das (s. Mk. 12:41-44; Lk. 21:1-4). Da gibt zunächst einer fünf Brote und zwei Fische – alles was er hat; dann kommt der Nächste und hat vielleicht noch ein paar getrocknete Feigen im Säckchen, ein Dritter eine Handvoll Oliven und ein Stück Schafskäse usw. Alle legen zusammen, was sie haben, und plötzlich reicht es für alle! Gott besorgt dann ganz unauffällig den Rest. Wichtig ist, dass der Mensch alles gibt – Geld, Zeit, Arbeitskraft – dann wird Gott alles Übrige erledigen. Nur so konnten früher und heute Kirchen in ärmlichen Gegenden entstehen, ganz ohne die Hilfe von Sponsoren und gut betuchten Spendern. Und Not leiden musste keiner dabei.
Wie aus dem gesamten Zusammenhang des Evangeliums (vor allem bei Johannes) deutlich wird, dient das Wunder der Speisung der Menschenmenge als Vorzeichen für die Eucharistie (s. Joh. 6:32). Darauf deuten die Begleitumstände der Brotvermehrung hin: der Blick Christi gen Himmel, der Lobpreis, das Brechen des Brotes und das Verteilen desselben durch die Jünger (s. Mt. 14:19). „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (14:16b) – lautet der Auftrag an die Aposteln. Sie und ihre Nachfolger sind nun aufgefordert, das Himmlische Brot – unseren Herrn Jesus Christus (s. Joh. 6:35) – zu allen Menschen zu bringen. Auch das erste Zeichen unseres Herrn schlechthin, die Verwandlung von Wasser in Wein zu Kanaa in Galiläa (s. Joh. 2:1-12), war eine Andeutung der Kommunion des Menschen mit Gott. Und wenn wir die Verbindung zur heute behandelten Brotvermehrung herstellen, erkennen wir die Parallele zur Eucharistie: der Wein war ausgegangen (s. Joh. 2:3), dann trat der Herr in Erscheinung. Durch Seine Gnade war alles plötzlich in bester Qualität und in ausreichendem Maße vorhanden, denn „Er gibt noch größere Gnade“ (Jak. 4:6). In der Liturgie spricht der Hauptzelebrant beim Zerbrechen des Lammes folgende Worte: „Gebrochen und zerteilt wird das Lamm Gottes, das gebrochen und nicht zerteilt, das allezeit gegessen und niemals aufgezehrt wird, doch die daran Teilnehmenden heiligt“. Auch das Manna während der vierzigjährigen Wanderung des Volkes Israel in der Wüste war eine prophetische Vorausschau auf das Himmlische Brot, das auch wir über allen anderen Dingen begehren sollen (s. Joh. 6:26-27). Es geht nicht um materielle Belange, sondern um das Leben, das nur mit Gott ein solches ist, weshalb Gott den Menschen erkennen ließ, „dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht“ (Dtn. 8:3; vgl. Mt. 4:4; Lk. 4:4).
Für den Menschen ist es natürlich, dass er Verlangen nach geistlicher Nahrung verspürt. Wir sahen dies besonders in der Zeit vor und nach dem Fall des Kommunismus in der Sowjetunion, als die Menschen das Evangelium und Gebetstexte von Hand abschrieben. Jetzt ist dieser Hunger weitgehend gestillt und von den massenhaft Getauften hat kaum einer je einmal im Evangelium geblättert. Und wir müssen uns dessen bewusst sein, dass der Widersacher vielerlei pseudo-spirituelle Ersatznahrung in Form von Extrasensorik, Kabbalismus, Spiritismus usw. anbieten wird. Wir sehen das Verlangen aber auch anhand der unglückseligen jungen Männer, die ihre behütetes familiäres und soziales Umfeld aufgeben und sich radikalislamischen Gruppierungen in Nordafrika oder Vorderasien anschließen. Hier ist es die Suche nach schnellen und leichten spirituellen Erlebnissen, da ist es die Suche nach einem möglichst schnellen und direkten Weg ins Paradies. Deshalb stehen die Diener Gottes in der Verantwortung, den Menschen den wahren Weg zu Gott und zu Seiner Gemeinschaft aufzuzeigen. Der Herr stattet sie mit keinerlei materiellen Mitteln aus (s. Mt. 10:9-10; Mk. 6:8-9; Lk. 9:3; 10:4; Apg. 3:6; 20:33-34), sondern schickt sie wie „wie Schafe mitten unter die Wölfe“ (Mt. 10:16; Lk. 9:3). Und der himmlische Ertrag ihrer Aussendung wird sich darin äußern, dass der Heilige Geist durch sie vor Statthaltern und Königen reden wird (s. Mt: 10:19-20; Mk. 13:9-12). Amen.