Predigt zum 5. Herrentag nach Pfingsten (Röm. 10:1-10; Mt. 8:28-9:1) (05.07.2026)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

der Herr kommt in das Gebiet der Gadarener. Dort kommen Ihm zwei Besessene entgegen, die Ihn als ihren Herrn bekennen und untertänigst um Gnade winseln. Die Dämonen wissen, dass ihr Los am Ende furchtbar sein wird, aber solange das letzte Gericht noch nicht stattgefunden hat, können und wollen sie noch möglichst viel Unheil stiften. Der Herr erlaubt es ihnen, so dass sie in eine benachbarte Schweineherde ziehen und diese dann vom Ufer in den See stürzt. Darauf hin bitten Ihn die Bewohner dieser Gegend, Sich aus ihrem Gebiet zu entfernen. Und Christus verlässt die Menschen von Gadara auf ihren eigenen Wunsch hin. Hat der Herr Sich etwa verkalkuliert? Nach Seinem Kalkül, könnte man meinen, hätten die Leute Ihm vor Dankbarkeit für die Befreiung von der großen Gefahr, die von den Besessenen ausging, zu Füßen fallen, Ihn preisen müssen als den allmächtigen Herrn über die bösen Geister. „Mit Ihm statt ohne Ihn“ hätte doch deren einzig logische und dem gesunden Menschenverstand entsprechende Schlussfolgerung sein müssen. Doch der schnöde Profit ist das, was ihnen wichtiger ist als ein Leben nach Gottes Willen. Schweine zu halten war wohl ein einträgliches Geschäft, denn im Galiläa der Heiden (s. Jes. 8:23; Mt. 4:15) lebten schon lange vor der Geburt Christi nicht allein gesetzestreue Israeliten. Bereits vor der assyrischen Gefangenschaft und vor allem nach den Eroberungen durch Griechen und Römer lebten die Menschen dort in einer multikulturellen Gesellschaft, welche die Vermengung der eigenen Kultur mit heidnischen Gebräuchen nach sich zog. Selbst wenn die Menschen am östlichen Gestade des Sees Tiberias selbst kein Schweinefleisch konsumierten, brachte ihnen der Verkauf an die heidnischen Mitbürger der römischen Provinz Galiläa großen Gewinn ein. Möglich, dass sie die Tiere bei sich züchteten und an die Heiden lebend verkauften und somit dem Buchstaben des Gesetzes nach keinen Frevel begingen. Unbestritten ist aber, dass Schweine als unreine Tiere angesehen wurden (s. Lev. 11:7-8). Als die Gadarener von Christus sanft darauf hingewiesen werden, dass sie Gottes Gebot zuwiderhandeln, werden umgehend die Gedanken ihrer Herzen offenbar (s. Lk. 2:35a). Sie zeigen weder Einsicht noch Reue noch Umkehr. Es bewahrheiten sich an ihnen die Worte des Propheten: „Vielmehr gab Ich ihnen folgendes Gebot: Hört auf Meine Stimme, dann will Ich euer Gott sein und ihr sollt Mein Volk sein. Geht in allem den Weg, den Ich euch befehle, damit es euch gut geht. Sie aber hörten nicht und neigten Mir ihr Ohr nicht zu, sondern folgten den Eingebungen und Trieben ihres bösen Herzens. Sie zeigten Mir den Rücken und nicht das Gesicht“ (Jer. 7:23-24). Und weiter: „Sind sie doch alle, vom Kleinsten bis zum Größten, nur auf Gewinn aus; vom Propheten bis zum Priester betrügen sie alle“ (8:10b).

Können wir jetzt aus dem oben Geschilderten schließen, dass die Pläne Gottes in Bezug auf die Menschen nicht aufgegangen sind? Gott will doch, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim. 2:4)! Gesteht Gott hier Seine Niederlage ein?.. Natürlich ist eine derartig menschliche Denkweise in Dingen, die Gott betreffen, nicht zielführend, „denn wer begreift den Geist des Herrn? Wer kann Ihn belehren?“ (1 Kor. 2:16a-b). Wenn wir aber den Geist des Herrn haben (s. 2:16c), und zwar jeder in dem Maß, wie es ihm zugeteilt worden ist (s. Röm. 12:6: 1 Kor. 12:4), können wir aus dem uns zur Betrachtung vorliegenden Abschnitt einige Dinge schließen. 

Erstens, dass Christus in die Gegend von Gadara kam, war kein Zufall und kein Versehen. Solche Kategorien sind im Zusammenhang mit Gottes Plan zur Errettung der Menschen völlig abwegig. Es mag, wie bei zahllosen historischen und zeitgeschichtlichen Ereignissen, vordergründig erscheinen, dass etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Aber die in Christus Lebenden haben eine ganz andere, keinerlei konjunkturellen Schwankungen unterliegende Sichtweise auf die Dinge dieser Welt, weil sie „dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; Er hat angesichts der vor Ihm liegenden Freude das Kreuz auf Sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und Sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt“ (Hebr. 12:2). Fürwahr, „das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen“ (1 Kor. 1:25). Christus Selbst hat diese Torheit und Schwachheit gewählt, um die Weisen und die Starken zuschanden zu machen (s. 1 Kor. 1:27).

Zweitens, Gott ist langmütig. Wie weise Eltern, die ihre Kinder manchmal bewusst nicht sofort maßregeln, sondern darauf vertrauen, dass diese früher oder später selbst die richtigen Lehren aus ihrem unbotmäßigen Verhalten ziehen. Gott spricht also: „So wahr Ich lebe – Spruch Gottes, des Herrn – Ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf Seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt“ (Ez. 33:11). Wer sich also Sorgen über das ewige Schicksal Andersgläubiger macht, der soll wissen, dass eine derartige Fragestellung ein Indiz dafür ist, dass man meint, selbst schon gerettet zu sein. Wollen wir das lieber Gott überlassen und uns vornehmlich auf unser eigenes Seelenheil konzentrieren. So ähnlich dürfte es Petrus ergangen sein, der es sich nicht verkneifen konnte, das Schicksal des Johannes in Erfahrung bringen zu wollen (s. Joh. 21:21-22). Wollen wir das nicht doch lieber dem Herrn überlassen? Er liebt die Menschen unendlich mehr als wir es jemals tun können, ist unendlich weiser und mächtiger als wir. Wo also ist das Problem? In unserer Kleingläubigkeit, im mangelnden Gottvertrauen! Der einzige gangbare Weg in dieser Welt ist doch, die Sünder vor den Konsequenzen ihres Ungehorsams zu warnen, ihnen aber auch zu zeigen, dass im Himmel große Freude über jeden reuigen und zur Umkehr geneigten Sünder sein wird (s. Lk. 15:7,10). Amen.

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch