Liebe Brüder und Schwestern,
aus Anlass der Feier Aller Heiligen, welche im Russischen Lande aufgestrahlt sind, möchten Sie mir heute bitte gestatten, die beiden dafür vorgesehenen liturgischen Lesungen als zwei sinngemäß nacheinander folgende Schritte zu betrachten. Beginnen wir mit Teil I, der Perikope aus dem Apostelbuch:
„Herrlichkeit, Ehre und Friede werden jedem zuteil, der das Gute tut, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen; denn Gott richtet ohne Ansehen der Person.
Alle, die sündigten, ohne das Gesetz zu haben, werden auch ohne das Gesetz zugrunde gehen und alle, die unter dem Gesetz sündigten, werden durch das Gesetz gerichtet werden. Nicht die sind vor Gott gerecht, die das Gesetz hören, sondern Er wird die für gerecht erklären, die das Gesetz tun. Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich – an jenem Tag, an dem Gott, wie ich es in meinem Evangelium verkündige, das, was im Menschen verborgen ist, durch Jesus Christus richten wird“ (Röm. 2:10-16).
Und nun zu Teil II, der Perikope aus dem Evangelium:
„Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah Er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte Er zu ihnen: ´Kommt her, folgt Mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen`. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten Ihm. Als Er weiterging, sah Er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus. Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Königtum und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden“ (Mt. 4:18-23).
Alle heute christlichen Völker waren einmal heidnisch und mussten erst durch den wahren Glauben an Jesus Christus erleuchtet werden. Wie mir scheint, schaute Gott auf diejenigen Völker hernieder, welche, obwohl sie das Gesetz nicht hatten, von Natur aus das taten, was das Gesetz fordert. Hierdurch zeigten sie, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Gesetz geschrieben war und ihr Gewissen Zeugnis davon ablegte. So bereiteten sie sich auf den Tag vor, an dem Gott durch Jesus Christus das Verborgene im Menschen richten wird. Denn Gott richtet ohne Ansehen der Person und vor Ihm sind nicht die gerecht, die das Gesetz hören, sondern die, welche das Gesetz tun. Hüten wir uns also vor vorschnellen Urteilen in Hinblick auf unsere vermeintlich bereits feststehende Errettung („Wir sind ja rechtgläubige Christen!“) und auf die angeblich schon längst von oben beschlossene Verdammnis aller Andersgläubigen („Die können machen, was sie wollen – es nützt ihnen eh´ nichts!“). Mein Gedankengang ist der: Man muss sich seine Rechtgläubigkeit „verdienen“, d.h. sich der Zugehörigkeit zum ersehnten Heil in der Kirche (s. Apg. 2:47b) als würdig erweisen – sowohl als Einzelner als auch als Nation. Wer noch nicht getauft ist und noch nicht zum von Gott erwählten Volk gehört, ist berufen, die notwendigen Schritte auf den Weg dorthin einzuleiten. Wer dagegen schon durch Geburt zu den Kindern Gottes gehört (s. Röm. 8:16-17), darf sich dessen allein nicht rühmen, sondern muss Früchte eines reinen und gottgefälligen Lebenswandels hervorbringen (s. Lk. 3:8-9). So oder so bedarf das Auserwählt sein einer Rechtfertigung – entweder im Voraus oder im Nachhinein.
Das oben Dargelegte scheint mir die Vorbedingung für die Christianisierung eines Volkes zu sein. Wenn sich eine Nation in den Augen Gottes als würdig erweist, wird Er eines Tages ihre besten Vertreter zu Menschenfischern berufen, die dann für alle Zeiten als auserwählte Werkzeuge gelten werden, die den Namen Gottes „vor Völker, Könige und die Söhne Israels tragen“ werden (Apg. 9:15). Diese „auserwählten Werkzeuge“ sucht Gott nach Seinen Kriterien aus; Er lässt darüber nicht demokratisch abstimmen. Es liegt folglich an uns, in den sich jetzt und zu allen Zeiten abspielenden Szenarien der Weltgeschichte die Vorsehung Gottes zu erkennen, damit wir nicht den Menschen vor der Sintflut gleichen, die mitten auf dem Lande neben der lebensrettenden Arche (Sinnbild für die Kirche) standen und nur Hohn und Spott für Noah empfanden.
Gottes Liebe bleibt aber, egal ob sich einer für oder gegen Ihn entscheidet. Nur wird jeder auf seine Weise diese Liebe empfinden. So wie Wachs durch Sonnenwärme weich und Lehm durch dieselbe Sonnenwärme hart wird, so unterschiedlich reagieren die Menschen auf die ihnen herabgesandte Gnade Gottes. Aber auch hier sehen wir einen Hoffnungsschimmer: „Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, Er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde Er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht. So ist er auch zu den Geistern gegangen. Die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt. Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noahs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet. Dem entspricht die Taufe, die euch jetzt rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi“ (1 Petr. 3:18-21). Gottes Gnade kennt keine Grenzen. Aber nutzen wir dies für uns aus! Amen.