Liebe Brüder und Schwestern,
beim „ersten Auferstehungsgedenktag nach der Auferstehung“ – Antipaskha – ist der Apostel Thomas im Fokus unserer Betrachtung. Im Mittelpunkt des Geschehens steht aber natürlich nicht er, sondern der auferstandene Herr Jesus. Am Abend des Auferstehungstages erscheint Er erstmals Seinen hinter verriegelten Türen versammelten Jüngern und gibt ihnen Seinen Frieden. Er zeigt ihnen Seine Wundmale und isst in ihrer Gegenwart, damit sie sicher sein können, dass sie keinen Geist sehen (vgl. Lk. 24:37-42). Nur Thomas war an diesem Abend nicht mit dabei. Er weigert sich danach, das Zeugnis der Zehn anzunehmen, dass sie den Herrn gesehen haben. Und das Erstaunliche ist, das die Kirche den sprichwörtlichen „ungläubigen Thomas“ theologisch, homiletisch und hymnographisch auch noch dafür lobt. Sein „guter Unglaube“ gründet nämlich nicht auf verhärtetem Herzen, wir es bei zahlreichen Menschen der Fall ist, die zwar „sehen, aber nicht erkennen“ (Jes. 6:9b; Mt. 13:14b; Mk. 3:12a; Joh. 12:40b), sondern schlicht und ergreifend auf der noch in ihm wirkenden Unfähigkeit, das im Herzen Erkannte mit dem Verstand zu akzeptieren. Eine Mutter, deren Sohn lange Zeit als verschollen galt, den sie innerlich schon vor langer Zeit beerdigt hat, und plötzlich erfährt: „Dein Sohn lebt!“ - wie wird sie reagieren?! Wohl so: „Erst wenn ich ihn in meine Arme geschlossen habe (oder wenigstens zunächst am Telefon mit ihm gesprochen habe), ihn mit Küssen überhäuft und mit Tränen der Freude benetzt habe, erst dann werde ich es glauben können“. Was spricht daraus? Doch bestimmt nicht die Verhärtung des Herzens oder die Weigerung, das Offensichtliche als Realität anzuerkennen. Aus solchen Worten spricht die LIEBE zu dem verloren Geglaubten, der jetzt plötzlich doch am Leben zu sein scheint. Alle logischen Argumente sprechen dafür, das Herz ist von solch einer hoffnungsfrohen Erwartung überfüllt, aber es fehlt noch der letzte 100%-ige Beweis. Es ist wohl die Angst, die Hoffnung könnte sich am Ende vielleicht doch noch als trügerisch erweisen. „Bloß nicht!“... Und schließlich war die Auferstehung von den Toten für das menschliche Begriffsvermögen noch so schwer zu fassen, dass selbst die übrigen Zehn die Hände und Füße des auferstandenen Herrn betasteten, es aber „vor Freude immer noch nicht glauben“ konnten (Lk. 24:41b).
Also erscheint der Herr nach acht Tagen erneut, diesmal vor Seinen 10+1 Jüngern. Thomas erhält den materiellen Beweis, den er verlangt hatte. Anders als bei den Feinden Christi war seine anfängliche Skepsis jedoch nicht gegen den Herrn gerichtet (s. Mt. 27:42b; vgl. Ps. 21:9) – diese hätten auch dann nicht geglaubt, wenn Christus vom Kreuz herabgestiegen wäre, so wie sie auch nicht an Seine Auferstehung glauben wollten (s. Mt. 28:11-15; vgl. Lk. 16:31). Thomas aber bekennt, nachdem er den Auferstandenen gesehen hat: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh. 20:28).
Worin besteht also die zentrale Botschaft des heutigen Tagen? Na hierin: „Weil du Mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh. 20:29). Aber von welchem Glauben ist hier die Rede? Von einem Glauben á la „wir glauben doch alle an einen Gott“ oder „jeder glaubt halt auf seine Weise“?!.. Ganz sicher nicht. Es ist nicht von einem rationalen, kühl berechnenden Überzeugtsein die Rede, wenn es u.a. heißt: „Der aus Glauben Gerechte wird leben“ (Röm. 1:17). Für das Seelenheil bedarf es also eines Glaubens, der gerecht macht (oder selig), nicht irgendeines x-beliebigen „Privatglaubens“.
Der Apostel Thomas offenbart in seinem „Unglauben“ die Liebe zu seinem Herrn und Gott, mit Dem und für Den er schon vorher, noch vor allen anderen, zu sterben bereit war (s. Joh. 11:16). Nicht nur, dass nach Gottes Vorsehung sein Unglaube ursächlich für unseren Glauben sein sollte, Thomas wird sogar zum Vorbild für uns alle. So wie er den Herrn liebte, so wie er den von den Toten Auferstandenen sehen, fühlen und betasten wollte, so sollen auch wir darauf brennen, dem Herrn an jedem Sonntag in der Kirche zu begegnen – am besten in Gestalt Seines allerreinsten Leibes und Seines kostbaren Blutes. Wir können den Herrn nicht nur sehen und Ihn betasten, sondern auch eins mit Ihm werden! Aber das ist nur durch den Glauben möglich. Und umgekehrt: Wer „keine Lust“ darauf hat, der hat keinen (wirklichen) Glauben. So einfach ist das!
Diejenigen, die den auferstandenen Christus nicht mit ihren leiblichen Augen gesehen haben, haben die Möglichkeit, Ihn mit den Augen ihres Geistes (griech. nous) wahrzunehmen. Mit dem Abschluss der Osterwoche und dem Schließen der Altartüren am gestrigen Samstag ist gewissermaßen wieder der Alltag eingekehrt, aber mit dem heutigen Antipaskha beginnt die liturgische und spirituelle Vergegenwärtigung der Osternacht in der allwöchentlichen kirchlichen Auferstehungsfeier. Das Oktoichos (slaw. Осмогласник) ist das Buch, in dem wir im achtwöchigen Zyklus in acht verschiedenen Tönen die Auferstehung Christi feiern, aber auch jeden Mittwoch des Verrats an Ihm und jeden Freitag Seiner Kreuzigung gedenken. Die Ereignisse der Karwoche und der Osternacht werden also im Acht-Wochen-Zyklus über das ganze Jahr ausgedehnt. Und sooft wir am Mahl des Herrn teilnehmen, verkünden wir „den Tod des Herrn, bis Er kommt“ (1 Kor. 11:26), was nichts anderes bedeutet, dass ihn der Herr dank der Teilnahme am Mysterium der Eucharistie am Letzten Tag auferwecken wird (s. Joh. 6:54). Auch der Große und Heilige Donnerstag wiederholt sich jedes mal das ganze Jahr über, denn „wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben“ (Joh. 6:51). Also glaube und bekenne ich mit dem Apostel: Christus ist in Wahrheit „mein Herr und mein Gott“. Amen.