Liebe Brüder und Schwestern,
am vierten Herrentag der Großen Fastenzeit ehren wir das Gedächtnis des gottseligen Johannes vom Sinai. In der Liturgie hörten wir davon, wie unser Herr einen mondsüchtigen Jungen von dem ihn plagenden Dämon heilt (s. Mk. 9:25-26,28; vgl. 9:17-18). Abschließend sagt der Herr über die Dämonen, dass „diese Art nur durch Fasten und Gebet ausgetrieben werden“ kann (Mk. 9:29).
Die Begebenheit am Fuße des Berges Thabor hat mehr mit der Aktualität zu tun als wir uns das vor wenigen Jahren noch vorstellen konnten. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als ich mich fragte, was das eigentlich sei, diese Besessenheit durch unreine Geister, von der wir so viel im Neuen Testament lesen. Zu Zeiten unseres Herrn schien das eine alltägliche Erscheinung gewesen zu sein. Und heute sind die Dämonen, die natürlich niemals schlafen, mit größter Vehemenz am Werk. Und bildhaft für unsere Zeit ist der besessene Junge aus der heutigen Erzählung, denn er steht für unsere Kinder, welche jetzt offen den dämonischen Attacken ausgesetzt sind. Wenn wir noch vor gut einem Jahrzehnt sicher sein konnten, dass die Schulen zwar ihrem Lehrauftrag gerecht werden und unserem Nachwuchs das notwendige Wissen für dessen berufliche und sozioökonomische Zukunft vermitteln, jedoch in weltanschaulichen Dingen die von der Verfassung vorgeschriebene Neutralität wahren, werden die Kinder heute schon in den Kitas auf die perfideste Weise indoktriniert, so dass Enkel die Wissenslücken ihrer Großeltern in Sachen Diversität, Selbstbestimmung und politische Korrektheit schließen. Wenn früher wenigstens noch die reife Bevölkerung als Zielgruppe der Gedankenmanipulation galt, werden heute bereits in der frühkindlichen Erziehungsphase alle Register gezogen, um der Gedanken und der Herzen der Bevölkerung Herr zu werden. Und in einer globalisierten Welt betrifft das nicht nur die westliche Hemisphäre.
Neulich las ich ein Interview mit einem russischen Bischof in einer Kirchenzeitschrift. Er sprach das Problem an, das wir, bei beeindruckenden statistischen Zuwachsraten im kirchlichen Bereich im Verlauf der letzten vierzig Jahre, mit der Jugend hätten. Der Grundtenor der jungen Menschen lässt sich auf diese kurze Formel komprimieren: „Klar gibt es Gott, aber dazu brauchen wir eure langweilige Kirche nicht“. Und, wenn wir ehrlich sind, drückt diese Aussage die Geisteshaltung von rund 95% unserer statistisch erfassten Gläubigen aus. Für sie ist es in der Kirche in der Tat langweilig, weshalb es für sie vollkommen ausreicht, ein mal im Jahr vor der Kirche die Osterspeisen segnen zu lassen. Dazu braucht man ja die Kirche nicht einmal von innen gesehen zu haben, aber es reicht aus, um sich selbst als orthodox zu bezeichnen.
Es ist eine objektive Tatsache, dass es beileibe nicht nur jungen Menschen in einem Tanzlokal, in einem Stadion oder in einem Kino mehr gefällt als beim Gottesdienst in der Kirche. Dennoch wäre die Kirche schlecht beraten, ihre Gottesdienste den Bedürfnissen der Massen anzupassen und auf Konzertmodus (Disko, Rap, Techno etc.) umzuschalten. Solche kurzsichtigen Maßnahmen werden, wenn überhaupt, nur kurzfristig den Mitgliederschwund aufhalten können, wofür die abendländischen Kirchengemeinden ein anschauliches Beispiel darstellen. Und wenn in den orthodoxen Kirchengemeinden bei bewusst überzogener pessimistischer Betrachtung nur alte Frauen im Gottesdienst wären (das war vor fünfzig Jahren vielleicht hier und da so), ja, selbst dann hätten wir ja im Grunde alles richtig gemacht… Unser Ziel ist es aber zweifellos, selbst zu erleben, wie unsere erwachsenen Kinder ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott führen. Um das zu gewährleisten, müssen wir selbst so leben, selbst die Erfahrung machen, wie wunderbar und wie sinnvoll es ist, ein geistliches Leben zu führen. Der heilige Seraphim sagt: „Ziel des geistlichen Lebens ist die Erlangung des Heiligen Geistes“. Ist das was für Langweiler?! Ich glaube nicht. Klar, in Disco-Keller kann man die halbe Nacht herum hüpfen und ausflippen, während beim orthodoxen Gottesdienst unweigerlich die Füße schmerzen werden. Auch ist es nicht schwer, für zwei Stunden im Kino die geballte Aufmerksamkeit der Handlung des Films zuzuwenden, während es in der Kirche zumindest anfänglich sehr schwer ist, den Gebeten wenigstens für fünf Minuten aufmerksam zu folgen. Aber diese kontinuierliche Mühe wird belohnt. Wer zu Hause regelmäßig und aufmerksam betet (besser kürzer aber öfter), die Fastenzeiten und die gesamte Kirchenregeln entsprechend seinen individuellen Lebensumständen einhält, wer inneren und äußeren Versuchungen mit Freude und mit Zuversicht auf Gottes Beistand widersteht, der hat bereits den Anfang für das Besteigen der Himmelsleiter gemacht, wie sie der heilige Johannes Klimakos durch sein Leben und seine Lehre verkörpert, weshalb ihm heute nicht von ungefähr der Abschnitt Mt. 5:1-12 gewidmet wird. Wer dabei demütig wird, weil er seine Sünden im Vergleich zu vorher wie unter einem Vergrößerungsglas sieht und Gott unentwegt um Gnade anfleht, weshalb er zwangsläufig in der Liebe zu Gott und den Menschen wächst, der hat nach Maßgabe seiner geistlichen Fähigkeiten die Worte des Herrn beherzigt, wonach diese Art nur durch Fasten und Gebet ausgetrieben werden kann (s.o.).
Die Abrechnung wird aber am Schluss kommen, am Tage des Gerichts. Wer sich auf die Ankunft des Herrn durch Fasten und Gebet vorbereitet hat, d.h. in der Liebe zu unserem Herrn und zum Nächsten wächst, für den wird die Begegnung mit dem Herrn der Himmel sein! Wer sich hingegen weltlichen Dingen hingegeben hat und „keine Zeit“ für den Herrn gefunden hat, für den wird die unausweichliche Begegnung mit Christus „verzehrendes Feuer“ sein (Hebr. 12:29). Wir alle haben noch die Möglichkeit zur Alternative. Amen.