Predigt zum Hochfest des Tempelgangs der Allerheiligsten Gottesgebärerin (Hebr. 9:1-7; Lk. 10:38-42; 11:27-28) (04.12.2025)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

die Umstände der Einführung der künftigen Gottesmutter in den Tempel zu Jerusalem sind uns aus dem apokryphischen „Protoevangelium des Jakobus“ überliefert worden – ein Buch, das aus gutem Grund nicht in den Kanon der neutestamentlichen Bücher der Heiligen Schrift aufgenommen worden war, aber dennoch unbestritten auch authentische Ereignisse wiedergab, welche die Heilige Kirche in ihrem Gedächtnis bewahrt hatte. Die Kirche ist ja Herrin über Schrift und Überlieferung, souverän in ihrem Umgang damit.

Der Überlieferung zufolge lebten die Eltern der Theotokos heiligmäßig. Sie bildeten das vorletzte Glied in der Kette der Heiligkeit, aus der der Erlöser hervorging. Diese Namen der Vorfahren des Herrn sind uns aber, anders als die Ahnenreihe des gesetzlichen Vaters unseres Herrn, Joseph (s. Mt. 1:1-25; Lk. 3:23-38), nicht bekannt. Bekannt ist, dass die Mutter Annas Maria hieß und sie auf einigen Ikonen in Jerusalem sozusagen nach dem Matrjoschka-Prinzip generationenübergreifend abgebildet sind: auf Marias Schoß sitzt Anna, auf deren Schoß die Gottesgebärerin und auf deren Schoß wiederum das Christkind.

Da die heiligen und gerechten Joachim und Anna bis ins hohe Alter kinderlos blieben, waren sie von großer Trübsal ergriffen. Sie gelobten dem Herrn, dass, wenn Er ihnen ein Kind schenkt, sie es Ihm weihen würden, wie dies tausend Jahre zuvor schon eine andere heilige Anna, die Mutter Samuels, tat, nachdem sie es „vom Herrn erbeten“ hatte (s. 1 Kön. / 1 Sam. 1:1-20). Gott sah dies natürlich voraus. Es war Ihm genehm, dieses Opfer der Eltern anzunehmen, denn so wie der Mensch sein einziges Kind Gott zu geben bereit war, so würde auch Gott Seinen einzig gezeugten Sohn nicht verschonen, um Ihn für die Errettung des Menschen hinzugeben (s. Joh. 3:16; Röm. 8:32; vgl. Gen. 22; Hebr. 11:17). Somit wurde die Opferbereitschaft der Gottesahnen Joachim und Anna zum prototypischen „Auslöser“ für die unendliche Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Menschengeschlecht. Deshalb hängt das Fest des Tempelgangs mit dem Fest der Geburt der Gottesgebärerin zusammen, feiern wir doch heute die Erfüllung des Gelübdes der irdischen Großeltern unseres Herrn vor Gott.

Als das Mädchen Maria drei Jahre alt war, gaben Sie ihre Eltern in den Tempel, wo Sie in der Liebe zu Gott aufwachsen sollte. Beim Eingang in den Tempelbereich stand sie vor einer großen Treppe mit fünfzehn Stufen, auf denen die Leviten üblicherweise den Stufengesang oder die Aufstiegslieder (s. 18. Kathisma = Ps. 119-133) vollzogen, einen Psalm auf jeder Stufe. Diese prophetischen Psalmen aus der Feder des Königs David „erinnerten“ die frommen Juden später an die Rückkehr ihres Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft. Wir lesen das 18. Kathisma (die Stufengesänge) komplett in  der Großen Fastenzeit während der Liturgie der vorgeweihten Gaben. Wie der 136. Psalm in der Vorbereitung zur Großen Fastenzeit die tränenreiche Sehnsucht der ins Exil verschleppten Juden nach der verlorenen Heimat ausdrückt, so findet in den Stufengesängen die Hoffnung auf die baldige Rückkehr in die Heimat und die Wiedererrichtung des Tempels ihren Widerhall. U.a. heißt es da, quasi als ob sich diese Hoffnung bereits in Gewissheit gewandelt hat: „Ich war voll Freude über die, welche zu mir sprachen: ´Wir gehen hinein in das Haus des Herrn`. Unsere Füße standen in deinen Höfen, Jerusalem“ (Ps. 122:1-2) und „So segnet den Herrn, alle ihr Knechte des Herrn, die ihr steht im Tempel des Herrn, in den Höfen des Hauses unseres Gottes“  (Ps. 131:1). Die endgültige Erfüllung dieser Hoffnung feiern wir dann in jedem Orthros während des Polyeleions mit dem Gesang des 134. Psalms „Lobt den Namen des Herrn, lobt ihr Knechte den Herrn, die ihr steht im Tempel des Herrn, in den Höfen des Hauses unseres Herrn“ (Ps. 134:1-2). All diese liturgisch eingebetteten Psalmen spiegeln allegorisch den spirituellen Aufstieg der Menschen zu Gott in das himmlische Jerusalem wider (vgl. Offb. 21).

Bemerkenswert ist, dass es weder im Paradies noch in der zukünftigen Stadt Gottes einen Tempel gab bzw. geben wird, denn der Herr und Schöpfer der Welt und das Lamm – Jesus Christus – werden der Tempel dieser Stadt sein (s. Offb. 21:22). Einen Tempel benötigen aber wir in unserem gefallenen Zustand. Als König Salomon den ersten Tempel, den er erbaute, einweihen ließ, sprach er, vom Geiste Gottes erfüllt, davon, dass dieser Tempel zur Wohnstatt des Allerhöchsten Gottes und zum Ort der Befolgung der Gebote Gottes  wird (s. 3 / 1 Kön. 8; 2 Chr. 6). Aber die Herrlichkeit des zweiten Tempels (erbaut nach der babylonischen Gefangenschaft) wird größer sein als die des ersten (s. Hag. 2:9). In diesen Tempel wird Gott, der Herr, im Fleische einziehen – als achttägiges und vierzigtägiges Kind, als zwölfjähriger Knabe und als Messias nach Seiner Erscheinung der Welt. Und Vorbote dieser Herrlichkeit war der Einzug der dreijährigen Maria in das Allerheiligste, wodurch Gott durch den Hohepriester Zacharias offenbarte, dass Sie der lebendige Tempel Gottes sein wird.

Bei den Russen gibt es eine fromme Volksweisheit: «Храм не в брёвнах, а в рёбрах», was übersetzt soviel bedeutet wie: „Es kommt nicht auf den Tempel aus Brettern an, sondern auf den aus Rippen“. Wir sind der Tempel Gottes (s. 1 Kor. 3:16-17). Welch eine unvorstellbare Gnade, aber auch welch unermessliche Verantwortung das ist! Und die Vorausbildung dieses göttlichen Wohlwollens sowie die Vorverkündigung der Errettung des Menschengeschlechts durch die Heiligkeit Gottes, die uns zuteil wurde, erkennen wir heute in der Allerreinsten Gottesgebärerin Maria, die als Kind gewürdigt wurde, in das irdische Heiligtum Gottes einzuziehen und so auch uns den Weg vorgezeichnet hat, wie wir in Christus zum Tempel der göttlichen Herrlichkeit werden können. Amen.

 

Jahr:
2025
Orignalsprache:
Deutsch