Predigt zum 15. Herrentag nach Pfingsten / Hochfest der Geburt der Allerheiligsten Theotokos / vor Kreuzerhöhung (Gal. 6:11-18; 2 Kor. 4:6-15; Phil. 2:5-11; Joh. 3:13-17; Mt. 22:35-46; Lk. 10:38-42; 11:27-28) (21.09.2025)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

das noch junge Kirchenjahr beschert uns gleich das Hochfest der Geburt der Mutter unseres Herrn, dazu den liturgischen Vorausblick auf das nächste große Ereignis im Kirchenjahr – das Hochfest der Kreuzerhöhung, und schließlich wird uns an diesem Herrentag die übliche Lesung aus dem Evangelium angeboten. Darin wird berichtet, wie der Herr ständig von Seinen Widersachern angegangen wird, und zwar zu einem Zeitpunkt, als der Konflikt noch nicht offen zutage getreten war, so dass die Feinde Christi noch gute Miene zum bösen Spiel machen. „Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte Ihn auf die Probe stellen und fragte Ihn: ´Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?` Er antwortete ihm: ´Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten`“ (Mt. 22:35-40).

Heute wollen wir uns aber nicht mit den Pharisäern und Schriftgelehrten zur Zeit unseres Herrn aufhalten. Heute wollen wir uns stattdessen mit den Christen unserer Epoche auseinandersetzen. Begreifen unsere Gläubigen denn, was es heißt, Gott, den Herrn, mit allem was man hat und über alles zu lieben?!.. Oder beschränkt man sich auf das „Wesentliche“ – nicht töten und nicht stehlen?

Als Priester hat man oft das Problem, dass kurz vor Beginn der Liturgie eine Menge Leute aus Traditionsverbundenheit („weil es sich so gehört“) zur Beichte kommen, ohne wirklich etwas zu bereuen. In dieser wegen Zeitknappheit ohnehin schwierigen Situation kommt es aber immer wieder vor, dass jemand das erste Mal im Leben zur Beichte erscheint und „nicht weiß, was er/sie tun soll“. Die betreffende Person will also über Sinn und Zweck der Beichte aufgeklärt werden. Wie lange braucht man auch nur für eine Kurzanleitung – 5, 10, 15 Minuten? Den regelmäßigen Sonntagsbeichtenden und allen Erstbeichtenden kann die Besinnung auf das wichtigste Gebot und auf das ebenso wichtige zweite Gebot hilfreich sein: Liebe ich meinen Herrn mit ganzem Herzen? Steht Er für mich wirklich jederzeit und in allen Dingen an erster Stelle? Hängt meine Seele an Seinen Geboten, sehnt sie sich nach der lebendigen und gnadenvollen Gemeinschaft mit Ihm? Sind meine Gedanken unentwegt beim Herrn, so dass ich alles Irdische, sogar scheinbar unerlässliche Dinge, als störend für meine Gemeinschaft mit Ihm empfinde? Mit anderen Worten: Liebe ich meinen Herrn und Gott aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit all meinen Gedanken?.. Wer kann das ehrlich von sich behaupten?! Es ist ein Ideal, von dem auch der frommste Christ weit, weit entfernt ist. Er mag aufrichtig bemüht sein und nicht nachlassen wollen in seinem Kampf. Letztlich bleibt ihm aber nur das Eingeständnis seiner totalen Unzulänglichkeit in geistlichen Dingen, was in ihm Reue und Demut hervorruft, was er in einer regelmäßigen (aber nicht unbedingt all-sonntäglichen!) Beichte oder in geistlichen Gesprächen mit einem Priester artikuliert. So eine(r) hat zumindest die erste Stufe der neutestamentlichen Gebote erklommen – die geistliche Armut, die schon einer Zutrittsberichtigung für das Königtum Gottes gleichkommt  (s. Mt. 5:3; vgl. Lk. 6:20). Es gibt also keinen Grund zur Verzweiflung. Aber das aufrichtige Bemühen ist die Voraussetzung für die Gnade Gottes. Im Grunde entbiete ich meinem Herrn tagtäglich eine totale geistliche Bankrotterklärung, die aber trotzdem wohl aufgenommen wird, wenn ich a) zwar ständig falle, aber immer wieder aufstehe, und b) niemals vor dem Widersacher kapituliere. So eine Beichte, meine ich, kann dem Herrn angenehm sein. Ich habe ja alle Hilfsmittel zum Seelenheil in der Kirche. Die Mysterien der Kirche sind das größte Geschenk an uns alle. Unter diesem Aspekt ist aber nichts widerlicher als das Gerede vom „Glauben im Herzen“. 

Wenn Tarzan aus dem Dschungel käme und plötzlich im Glauben unterwiesen würde, nach einer Lebensbeichte dann getauft und myrongesalbt und schließlich die Heilige Kommunion empfangen würde – wäre das zur Rettung seiner Seele führen? - Ja, aber nicht automatisch (wenn ich davon ausgehe, dass Tarzans Intellekt sich von dem der Affen unterscheidet). Niemand kann allein durch äußerliche Werke gerecht werden (s. Röm. 3:20; Gal. 2:16). Der Glaube ist entscheidend. Wenn Tarzan sich in der Beichte demütig zu seiner Unwürdigkeit bekennt (s. Jak. 5:16), wenn er voller Glauben in der Taufe den alten Menschen abgelegt (s. Röm. 6:6) und voller Glauben durch die Myronsalbung zum Tempel des lebendigen Gottes geworden ist (s. 1 Kor. 3:16; 2 Kor. 6:16) und danach mit Gottesfurcht und im Glauben an die Auferstehung (s. Joh. 6:54) den Leib und das Blut Christi empfangen hat, dann wird auch dieser Dschungelmensch „die erhoffte Gerechtigkeit kraft des Geistes und aufgrund des Glaubens“ (Gal. 5:5) erlangen. Nicht weil er oder irgendeiner von uns es verdient hätten – ich bleibe auch im Moment des Empfangs der Heiligen Gaben derselbe potentielle Sünder – sondern weil uns Christus Seine Heiligkeit, sprich, Sich Selbst, schenkt! „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass Er Seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh. 3:16). An Gott glauben, Gott lieben und Gottes Gebote befolgen – das sind Synonyme! Und so einen Glauben, so eine Hoffnung und so eine Liebe hatte die Allerheiligste Jungfrau Maria, welche niemals auch nur im Entferntesten an den Worten Gottes zweifelte (s. Lk. 1:38,45; 2:19,51). Amen.     

Jahr:
2025
Orignalsprache:
Deutsch