Rahr, Michael, ErzpriesterRSS

Predigt zum 28. Herrentag nach Pfingsten

(Kol. 1:12-18;  Lk. 13:10-17)

(09.12.2018)

Liebe Brüder und Schwestern,

woran denken wir beim Lesen von der Heilung der Frau, die seit achtzehn Jahren unter einer Verkrümmung des Rückens litt? Mir fällt spontan einiges ein: dass die achtzehn Jahre Leiden in Gottes Vorsehung einen Sinn hatten, sonst hätte Er es nicht zugelassen... oder, dass den Widersachern des Herrn immer wieder etwas Neues einfällt, um auf Ihm herumzuhacken:  mal, dass Er einfach so Sünden vergibt - was ja nur Gott vorbehalten ist - mal, dass Er mit Sündern das Mahl hält, mal, dass Seine Jünger mit ungewaschenen Händen Brot essen, und heute wieder einmal, dass Er den Sabbat nicht einhält (s. Lk. 13:14).

Dazu muss wohl angemerkt werden, dass unser Herr Jesus Christus, Der ja stets von Menschenmassen umringt im Fokus der Öffentlichkeit stand, keinem Konflikt aus dem Weg ging, - auch hier nicht. Wäre Er ein Diplomat gewesen, hätte Er zu der bemitleidenswerten Frau sagen können: „Morgen werde Ich Dich ganz gewiss heilen, jetzt aber passt es gerade nicht, weil diese Paragraphenreiter Mir sonst daraus einen Strick drehen werden“. Warum aber sucht Er förmlich die Konfrontation und heilt ausgerechnet am Sabbat?.. Müssen wir nun aus Seinem Beispiel den Schluss ziehen, dass wir bei der Verkündigung des Wortes an Außenstehende ständig mit dem Kopf durch die Wand gehen müssen?!..

Mir scheint, dass wir wohl differenzieren sollten. Die Holzhammer-Methode ist ganz bestimmt nicht das probate Mittel, wenn die Adressaten unserer Botschaft unverschuldet bzw. aus Unwissenheit nicht nach Gottes Willen handeln. So belehrt der Herr das einfache Volk in sehr einfachen und verständlichen Worten, wobei Er oftmals die für einfache Leute zugängliche Bildersprache verwendet. Diese Methode war insofern von Erfolg gekrönt, als dass die Leute den Sinn der Frohen Botschaft wenigstens inhaltlich verstanden (später aber dann doch vor Pilatus die Verurteilung des Unschuldigen forderten). Die gebildete Oberschicht, zu der im Kleinformat auch unser heutiger Synagogenvorsteher gehörte, blieb dagegen von vornherein unbelehrbar und musste erst wachgerüttelt werden. Daher das aus ihrer Sicht provokante Verhalten des Herrn besonders an Sabbaten, durch das die Repräsentanten der damaligen High Society ihre Deutungshoheit als Gesetzeslehrer und somit ihre priviligierte Stellung in Gefahr sahen. Ihre Haltung erinnerte an Dostojewskijs Großinquisitor und Konsorten, die dem zur Erde gekommenen Christus unmissverständlich erklären, dass sie Seine Anwesenheit als störend empfinden... Und heute? - Die Botschaft Christi wird durch eine pseudo-christliche Ideologie ersetzt, die von der Welt ist und auch so artikuliert wird (s. 1 Joh. 4:5). Dabei  gibt es neben etlichen sozialen, politischen, wissenschaftlichen, moralischen, ästhetischen und logischen „Wahrheiten“, die allesamt immer relativ und subjektiv sind (warum ist z.B. 2+2x3=8 und nicht 12?), nur die eine absolute und vollkommene Wahrheit – Jesus Christus (s. Joh. 14:6). Somit sind wir heute dazu aufgerufen, behutsam zwischen relativer und absoluter Wahrheit zu unterscheiden. Das Gebot von der Sabbatruhe ist ohne Zweifel göttlichen Ursprungs, doch ist sein Absolutheitsanspruch begrenzt (s. Lk. 13:15). Es kommt bei allen unerlässlichen Regeln und Vorschriften (s. 1 Kor. 14:40) immer darauf an, Gottes Willen zu erkennen, anstatt unbedarft die Gesetzesnorm erfüllen zu wollen. Und Gottes Willen ist die Befreiung des Menschen aus den Fesseln des Satans (s. Lk. 13:16)! So muss die Kirche in der Moderne ihre Vorgehensweise an die veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen, ohne dabei aber ihr Ziel aus den Augen zu verlieren. Zu Zeiten, als der christliche Glaube noch Staatsdoktrin war und die kirchliche Morallehre das Fundament der Gesellschaft bildete wurden Selbstmörder nicht auf Friedhöfen bestattet, stelllten außereheliche Beziehungen einen Rechtsbruch dar, wurde Abtreibung mit dem Tode oder dem Gefängnis bestraft, galten Geschiedene als öffentlich gebrandmarkt, konnten sich homosexuelle Paare nur im Untergrund treffen. Genauer gesagt, wirkten diese moralischen Normen auch dann noch einige Zeit nach, als sich Staat und Gesellschaft schon längst säkularisiert hatten (in meiner Kindheit galt z.B. Selbstmord im juristischen Sinne noch als Mord und war gesetzlich „verboten“; der Kuppeleiparagraph wurde in der Bundesrepublik erst 1972 offiziell abgeschafft). Es dürfte klar sein, dass in der post-christlichen Gesellschaft das Unrechtsempfinden in Bezug auf die genannten Dinge weniger ausgeprägt ist. Sünde bleibt aber Sünde. Und so kann die Kirche heute auf vielerlei Weise reagieren: sie kann die gesellschaftlichen Veränderungen strikt ignorieren und weiterhin im Rahmen des Kirchenrechts drakonisch auf menschliche Schwäche reagieren, sie kann aber auch vor der Macht des Bösen kapitulieren und die Sünde schlichtweg zur Normalität erklären. Beide Vorgehensweisen sind aber nicht zielführend und werden der kirchlichen Verantwortung für das Seelenheil der Menschen nicht gerecht. Patienten können ja sowohl durch medikamentöse Überdosierung, als auch durch unterlassene Hilfeleistung zu Schaden kommen. Beide Modelle lassen  gleichermaßen die wichtigste Arznei bei der Genesung des Menschen von der Sünde vermissen: die Barmherzigkeit (s. Mt. 9:13; Hos. 6:6), bildlich offenbart in der Heilung der Frau am Sabbat. Wir lesen heute zudem: „Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich Seines geliebten Sohnes. Durch Ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden“ (Kol. 1:12-14). Wie dankbar wir für das Privileg der Vollmitgliedschaft in der „Krankenversicherung“ Christi doch sein müssen! „Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche“ (1:18a). Amen.

Liebe Brüder und Schwestern, das Beispiel der kanaanäischen Frau, die unseren Herrn so lange bedrängte, bis Er ihr ihre flehentliche Bitte erfüllte (vgl. Lk. 18: 1-8), ermahnt uns zur Ausdauer im Gebet und in der Hoffnung. Je länger das Flehen ...

Liebe Brüder und Schwestern,   in der Evangeliumslesung vom 17. Herrentag begegnet der Herr mit Seinen Jüngern im Gebiet von Tyros und Sidon einer kanaanäischen Frau, deren Tochter von einem Dämon geplagt wir - eine kurze Episode, die auf ganz wund ...

Liebe Brüder und Schwestern,    die Apostel-Lesung für den heutigen Tag handelt von der Barmherzigkeit und ist auf ihre Art eine Weiterführung des Schlusswortes der Evangeliums-Lesung der letzten Woche: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“ (Lk. ...

Liebe Brüder und Schwestern,    der heutige Abschnitt aus dem Galaterbrief drückt auf sehr prägnante und kontrastierende Weise die neutestamentliche Rechtfertigungslehre als Gegensatz zu den Werken des Gesetzes aus. Ihm liegt die Argumentation ...

Liebe Brüder und Schwestern,   wir erlebten in der heutigen Evangeliumslesung mit, wie unser Herr Jesus Christus Simon Petrus zum Apostelamt beruft. Von dem wunderbaren Fischfang überwältigt, fällt Petrus dem Herrn, Der Petrus schon zuvor aufgeford ...

Liebe Brüder und Schwestern, im eher systematisch denn chronologisch gegliederten Lukas-Evangelium umfasst die stark verkürzte Version der Bergpredigt (vgl. Mt. Kap. 5-7) gerade ein halbes Kapitel. Schwerpunkte der bei Lukas als "Feldrede" bezeichnete ...

Liebe Brüder und Schwestern,    der heute in der Kirche vorgetragene Abschnitt aus dem zweiten Korintherbrief ist einer der bemerkenswertesten Texte des Neuen Testaments. Der im Widerstreit mit seinen zahlreichen selbstherrlichen Opponenten li ...

Liebe Brüder und Schwestern, schon ist die zweite Woche der Fasten vorüber, und ich wünsche Ihnen allen, dass Sie die Freude dieser mit nichts vergleichbaren geheiligten Zeit auskosten. Da ich von Amts wegen während der "Reinen Woche" (der ersten der ...

Liebe Brüder und Schwestern,   die für den zweiten Fastensonntag vorgesehene Apostellesung stellt mittels zweimaliger Anleihe aus den Psalmen ein Plädoyer für die Stärkung unseres Glaubens an Jesus Christus, den wahren Gott, dar. In der heute ebenf ...

Liebe Brüder und Schwestern,    heute wollen wir uns gemeinsam mit dem Zweifel im Glauben auseinandersetzen, da dieser zum oftmals angedichteten Wesensmerkmal des Apostels Thomas geworden ist (in manchen Wertesystemen, vor allem in totalitären Sekten un ...

Liebe Brüder und Schwestern,   nun liegt die freudige Lichte Woche, die ein ununterbrochenes liturgisches Besingen der Auferstehung Christi war, hinter uns. Es beginnt bei wieder geschlossenen Altartüren erneut der kirchliche Alltag. Zu dieser "All ...

Liebe Brüder und Schwestern,   heute feiert die Russische Kirche das Gedächtnis ihrer Heiligen, während unsere deutschsprachige Gemeinde das Gedächtnis aller Heiligen des Deutschen Landes begeht. Wie schon zuvor anlässlich des Festtages aller Heili ...

Liebe Brüder und Schwestern,    die heutige Lesung aus dem Evangelium zeigt uns in wenigen Worten die ganze Bandbreite des von Gott geforderten moralischen Anforderungsprofils an die Menschen. Es beginnt mit der sog. goldenen Regel: „Was ihr v ...

Liebe Brüder und Schwestern,   die Sonntagslesung aus dem Evangelium nach Lukas scheint zunächst oberflächlich lediglich die goldene Regel auszudrücken, die da besagt: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen" (Lk. 6:31). Eine Regel ...

„Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, ihre sieben Säulen behauen“ (Spr. 9: 1).   Liebe Brüder und Schwestern,    mehrmals im Jahr gedenken wir der Väter der sieben Ökumenischen Konzile, entweder einzeln nach Konzilen oder aller gemeinsam. ...

Liebe Brüder und Schwestern, im abschließenden Absatz seines Briefes an die Galater schreibt der Apostel Paulus: "Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Denn ...

Liebe Brüder und Schwestern, wieder einmal beschäftigt uns der reiche Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und tagtäglich einem opulenten Lebensstil nachging, während der kranke Bettler namens Lazarus vor seiner Haustür Hunger li ...

Liebe Brüder und Schwestern,    das Gleichnis vom Sämann hat mit den anderen Gleichnissen eines gemeinsam: es widerlegt all die, welche glauben, das Seelenheil sei ohne viel Stress und ohne die richtige seelische Voraussetzung quasi im Passiv- ...

Liebe Brüder und Schwestern,    das Thema unserer heutigen Homilie wird die Gnade Gottes sein. „Gott aber, Der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in Seiner großen Liebe, mit der Er uns geliebt hat, zusammen m ...

„Wenn der Reichtum auch wächst, so verliert doch nicht euer Herz an ihn“ (Ps. 61: 11)   Liebe Brüder und Schwestern,   am ersten Sonntag der Weihnachtsfastenzeit bietet uns die Kirche das Gleichnis vom reichen Mann an, der soviel materiell ...

Liebe Brüder und Schwestern,   obwohl es sich bei Erzählungen wie der von der Dämonenaustreibung im Lande der Gerasener nicht um ein Gleichnis, sondern um die Schilderung eines realen Ereignisses handelt, haben solche Berichte fast immer auch einen ...

Liebe Brüder und Schwestern,    im heute vorgelesenen Abschnitt aus dem Brief an die Epheser behandelt der hl. Apostel Paulus das Verhältnis der Juden und Heiden zueinander im Kontext ihrer Vereinigung mit Christus in der Kirche: „Er (Jesus Ch ...

Liebe Brüder und Schwestern,                            am heutigen Sonntag erzählt uns der Evangelist Lukas, wie der Herr am Sabbat eine Synagoge besucht und dort eine Frau heilt, die ...

Liebe Brüder und Schwestern,   erneut wird uns heute die Erzählung vom Zweifach-Wunder des Herrn  angeboten. Auf dem Weg in das Haus des Synagogenvorstehers, wo Er dessen todkranke Tochter heilen will, wird unser Herr inmitten der Ihn bedränge ...

Liebe Brüder und Schwestern,   die an den Herrn in der heutigen Lesung gerichtete Frage eines der „führenden Männer“: „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Lk. 18: 18) bringt uns gleichsam in medias res zur Auseinande ...

Liebe Brüder und Schwestern, beide für den heutigen Sonntag ausgewiesenen Perikopen sind identisch mit den Lesungen, die sonst immer bei einem Dankgebet (Moleben) vorgetragen werden. Den beiden Textstellen zufolge kann man Gott auf vielerlei Art danke ...

"Hab acht, mein Volk, auf mein Gesetz, neigt euer Ohr zu den Worten meines Mundes. Öffnen will ich meinen Mund in Gleichnissen, sprechen über die Rätsel des Anfangs." (Ps. 77:1-2) Liebe Brüder und Schwestern, erneut sehen wir uns heute einem Gleic ...

Liebe Brüder und Schwestern,    ein vermeintlich marginaler Aspekt aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter regt bei genauerem Hinsehen zu tiefgründigerem Nachdenken an. Die Frage der Nächstenliebe soll hier anhand nur eines, dafür aber au ...

  (Eph. 5: 8-19; Lk. 17: 12-19)   Liebe Brüder und Schwestern,   in der für den heutigen Sonntag vorgeschriebenen Apostellesung schreibt der hl. Paulus an die Kirche von Ephesos: „Prüft, was dem Herrn gefällt, und habt nichts gemein m ...

Liebe Brüder und Schwestern, auch heute spricht der Herr in einem Gleichnis zu uns: ein reicher Mann hatte eine gute Ernte und, wie wir heute sagen würden, zugleich ein Luxusproblem: Wohin mit all den angehäuften Gütern?.. So expandiert er, der weit me ...