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Predigt zum Gedenktag der hll. Kaiserlichen Leidensdulder anlässlich des 100. Jahrestages ihres Martyriums in Jekaterinburg (Röm. 8:28-39; Joh. 15:17-16:2) (17.07.2018)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

auf den Tag genau heute jährt sich zum hundertsten Mal die Ermordung der russischen Zarenfamilie und ihrer treuen Gefährten im Ipatjew-Haus zu Jekaterinburg. Kaum eine Heiligsprechung hat jemals derartig polarisiert wie diese - und das gleich zwei Mal. Ich kann mich noch genau erinnern, als ich 1980 von einem befreundeten gemäßigt-regelmäßigen Kirchgänger indirekt die Nachricht vernahm: "Hast du, gehört? Die wollen doch tatsächlich den Zaren heiligsprechen!" Mit "die" war das Bischofskonzil der Russischen Auslandskirche mit Sitz in New York gemeint; "indirekt", weil nicht ich der Adressat der Nachricht war, sondern mein älterer Bruder. Ist auch egal. Bezeichnend war, im Nachhinein betrachtet, dass ja die vielen tausend bekannten und die vielleicht Millionen zählende Schar der unbekannten Neuen  Bekenner und Märtyrer in den Kanon der Heiligen aufgenommen werden sollten - unter ihnen auch Zar Nikolai II, die Zarin Alexandra Feodorowna, Zarewitsch Aleksij und die Zarentöchter Olga, Tatjana, Maria und Anstassija. Über die riesige Schar der Bischöfe, Priester, Mönche und Nonnen sowie der unzähligen Laien wurde damals kaum gesprochen - es ging nur darum, dass der Zar heiliggesprochen wird. Dabei gab es damals in der russischen Diaspora solche, die wirklich zuvörderst den Zaren und seine Familie verherrlichen und alle anderen "unter ferner liefen" einordnen wollten (Fraktion des Erzbischofs Antonij /Sinkiewich, +1995/ von Los Angeles und Südkalifornien); durchgesetzt hatten sich aber die, welche die Zarenfamilie auf einer Stufe mit allen übrigen Bekennern und Märtyrern kanonisieren wollten (Fraktion des Erzbischofs Antonij /Bartoshevich, +1993/ von Genf und Westeuropa).

Dasselbe Theater ging um die Jahrtausendwende noch einmal von vorne los, als die neuen Bekenner und Märtyrer Russlands - und mit ihnen die Zarenfamilie - von der Gesamtheit der Russischen und damit vom Pleroma der ökumenischen Kirche als Heilige anerkannt wurden. Mit "Theater" meine ich nicht den völlig legitimen und notwendigen innerkirchlichen Disput um die Heiligmäßigkeit einer oder mehrerer bedeutender Personen des kirchlichen Lebens, auch nicht die nachvollziehbare Emotionalität, mit der solche Diskussionen auch im Schoß der Kirche geführt werden, sondern die politische Brisanz, welche in diese kircheninterne Auseinandersetzung hineingetragen wurde. Die einen wollten Nikolai II als Zaren heiliggesprochen sehen, die anderen wollten dies unter allen Umständen verhindern, gerade weil es sich um den Zaren handelte. Es war ein Politikum, das in die rein spirituelle und kirchliche Sphäre bewusst oder unbewusst implantiert wurde. Die Monarchisten wollten damit quasi "das Zarentum heiligsprechen", ihre Opponenten wollten verhindern, dass ein "schlechter Zar" auch noch zum geistlichen Vorbild für die Gläubigen herhält. Und das Spektrum der Opponenten reichte von denen, die Nikolai II wegen dessen angeblicher Charakterschwäche die Schuld für den Untergang des Zarenreiches gaben, bis zu denen, die in ihm, umgekehrt, "den blutigen Nikolai" sahen. Es war offensichtlich, dass er es politisch nicht allen recht machen konnte. Aber gerade darum - um den politischen Aspekt - ging es bei der Heiligsprechung der ungezählten Neuen Bekenner und Märtyrer mitsamt des Zaren und seiner Familie doch gar nicht! Es ging darum, ob sie alle als Menschen (!) heilig gelebt und gestorben waren, sowie gewiss auch darum, ob sie die ihnen von Gott anvertraute Aufgabe mit Ehrfurcht und Hingabe erfüllt haben. Professor A.I. Ossipow von der Geistlichen Akademie Moskau äußerte sich vor dem Jubiläumskonzil im Jahre 2000 öffentlich skeptisch hinsichtlich der Heiligkeit des Zaren, doch nach dessen Kanonisierung ordnete er sich der katholischen Stimme der Kirche unter. Ihm war es von Vornherein nur um die Wahrheitsfindung gegangen - ein Ziel, dem er letztlich seine persönliche Denkweise demütig unterordnete. Dies war ein positives Beispiel für einen rein kirchlich geführten Disput ohne übermäßige Schärfe, der letztlich im Geiste der Liebe mit einem Konsens endete. Aus einem rein politischen Blickwinkel betrachtet hätte man ja auch die Mission Jesu Christi als "gescheitert" erklären und alle möglichen Schuldzuweisungen erteilen können. All das geschieht, wenn über Gottes Ratschlüsse nicht in geistlichen, sondern in weltlichen Kategorien gedacht wird (vgl. Lk. 24:21; Joh. 6:15; 10:24; Apg. 1:6-7). Doch gerade davon befreite uns Christus durch die Herabsendung des Heiligen Geistes! Also sollten wir doch jetzt allmählich reif genug sein, solche und andere Sachfragen im Geiste Gottes zu erörtern (vgl. Apg. 15:28).

Soviel als "Vorwort". Wir haben nun genug über Politik gesprochen, obwohl mein Ziel war, den politischen Aspekt möglichst herauszuhalten... Nun denn, ich sehe in den Heiligen, deren ehrendes Gedächtnis wir heute feiern, ein Beispiel für den wahren christlichen Familienzusammenhalt - und zwar nicht nur dann, als sie im prunkvollen Palast lebten und von ihren Untertanen ehrerbietig umjubelt wurden, sondern auch und vor allem dann, als sie vom eigenen Volk verraten und von vielen Nahestehenden schändlichst im Stich gelassen worden waren. Hier zeigte sich ihre Demut, ihr wahres christliches Menschenbild. Wie der Herr Selbst, wie Seine Allreine Mutter erduldeten sie das ihnen zugeteilte Leid in vollster Ergebenheit und ohne die geringste Anklage in Richtung ihrer Verräter und ihrer Henker. Die älteste Tochter Olga schrieb sogar ein Gedicht, in dem sie darum betete, Gott möge ihnen allen die Kraft verleihen, dem Tod in die Augen zu sehen; doch vor allem betete sie in ihrer Vorausahnung für die Henkersknechte und verzieh ihnen und ihren Hintermännern im Voraus das, was sie ihr und den Ihren antun sollten. Auch für dieses Beispiel der christlichen Liebe und Sanfmut treffen die Worte zu: "Schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!" (Hebr. 13:7). Das aber lässt sich in gleicher Weise auch über die Millionen der anderen prominenten und weniger prominenten, bekannten und unbekannten Neuen Bekenner und Märtyrer Russlands sagen. Über sie alle ist gesagt worden: "Wir wissen, dass Gott bei denen, die Ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach Seinem ewigen Plan berufen sind" (Röm. 8:28). Ist das nicht herrlich - von Gott nach Seinem ewigen Plan berufen worden zu sein?! Aber sind das, bei näherer Betrachtung, nicht wir alle?!.. "Denn alle, die Er im voraus erkannt hat, hat Er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt Seines Sohnes teilzuhaben, damit Dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei. Die aber, die Er vorausbestimmt hat, hat Er auch berufen, und die Er berufen hat, hat Er auch gerecht gemacht; die Er aber gerecht gemacht hat, die hat Er auch verherrlicht" (8:29-30). - Eine Herrlichkeit, die auch wir erlangen wollen, oder etwa nicht?! Gibt es diesbezüglich  Bedenken? - Gut, dann also weiter im Text: "Was ergibt sich nun, wenn wir das alles bedenken? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat Seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern Ihn für uns alle hingegeben - wie sollte Er uns mit Ihm nicht alles schenken?" (8:31-32).

Wenn wir alles Leid und Unrecht in unserem Leben, wenn wir die tragischen welthistorischen Ereignisse aus irdischer Sicht betrachten, könnten wir wohl verzweifeln, aber aus geistlicher Perspektive bilden sie doch die Grundlage für unsere Herrlichkeit mit Christus. Und die Heiligen sind der lebendige (s. Mt. 22:32; Mk. 12:27; Lk. 20:38) Beweis dafür.

Historische Figuren dürfen getrost nach sachlichen und objektiven Kriterien vom geschichtlichen Aspekt her beurteilt werden - bitteschön! Kein Problem damit. Aber vor Gott zählen andere Kriterien. Denn die, welche von Gott verherrlicht sind, unterliegen nicht mehr irdischer Gerichtsbarkeit: "Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, Der gerecht macht. Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, Der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? In der Schrift steht: ´Um Deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat`. Doch all das überwinden wir durch Den, Der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (8:33-39).

Daraus ergibt sich wohl, dass es in diesem Leben nicht darauf ankommt, von den Menschen geliebt, geachtet und anerkannt zu sein, denn das alles sind vergängliche, nicht heilsrelevante Kriterien. "Gott ist es, Der gerecht macht", nicht Menschen! Unser Bestreben sollte folglich darauf ausgerichtet sein, Gottes Regeln zu erkennen, sie zu beachten und dementsprechend zu handeln. Amen.

Jahr:
208
Orignalsprache:
Deutsch