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Predigt zum 1. Herrentag nach Pfingsten / Gedächtnis aller Heiligen (Hebr. 11:33 – 12:2; Mt. 10:32-33, 37-38; 19:27-30) (03.06.2018)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

an das Geburtsfest der Kirche schließt sich folgerichtig das Fest aller Heiligen an. Im Alten Bund war Pfingsten dem Gedenken an die Übergabe der erneuerten Gesetztestafeln an Mose gewidmet. Das Gesetz diente den Menschen als Wegweiser auf dem Weg zu Gott, auf dem sie das Heil im künftigen Reich des Messias erlangen sollten. Es war, gewissermaßen, ein alttestamentlicher Vorschuss der Gnade, die sich ja erst durch die Herabsendung des Heiligen Geistes und die Gründung des Königtums Christi auf Erden in ihrer ganzen Wirkung entfalten sollte. Gleichwohl war schon das Alte Israel Gottes "besonderes Eigentum", das dem Allerhöchsten als "ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk" (Ex. 19:5,6) gehörte (vgl. 1 Petr. 2:9). Das Neue Israel, dessen Gründung wir vor einer Woche feierten, ist die Verwirklichung der Berufung, Gott in Freiheit zu dienen (s. Gal. 5:1,13). Die Orientierung, die wir zu einem Gott gefälligen und für uns heilbringenden Leben benötigen, gibt uns die Gnade des der Kirche innewohnenden Heiligen Geistes. Die Kirche selbst ist der Leib Christi "und wird von Ihm erfüllt, Der das All ganz und gar beherrscht" (Eph. 1:23). Freiheit ist das höchste Geschenk Gottes an den Menschen, sie schließt Unterdrückung und Zwang in jeder erdenklichen Form aus. Doch gleichzeitig entbindet sie uns nicht von Pflichten, die mit jeder freiwillig auf sich genommenen Verantwortung einhergehen. Alles andere wäre Narrenfreiheit und käme der Berufung des Menschen zur Gottesähnlichkeit nicht gerecht. Christus hätte uns zudem mit dem Knüppel vor Sich hintreiben können, doch stattdessen ging Er uns voran, wurde "der Erstgeborene von vielen Brüdern" (Röm. 8:29), damit wir Ihm nachfolgen (s. Mk. 8:34).

War das Ideal der Gottesähnlichkeit im Alten Testament noch abstrakt, wurde es in der Person des Mensch gewordenen Gottes konkret: "Ahmt Gott nach als Seine geliebten Kinder, und liebt einander, weil auch Christus uns geliebt und Sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt" (Eph. 5:1). Die Heiligen, derer Gedächtnis wir heute feierlich begehen, haben Christus nachgeahmt, indem sie sich "als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt", hingegeben hatten. Und wir sollen darin ihnen nacheifern - fehlbaren Menschen wie du und ich, in denen aber Christus Gestalt angenommen hat.

Pflichten hat man auch in der weltlichen Gesellschaft - konkrete Pflichten, keine schwammig formulierten Obliegenheiten. Ich kann in einem funktionierenden Staatsgebilde nicht ohne Gegenleistung Bildung bekommen, medizinische Versorgung und soziale Absicherung erhalten, mich auf gut ausgebauten Verkehrswegen fortbewegen und bei Notfällen eine dreistellige Nummer wählen. Dafür muss ich Steuern zahlen, Gesetze einhalten und die Repräsentanten des Staates achten. Sonst würde es bedeuten, dass ich entweder böswillig schmarotze oder ein mentales Problem als sog. Reichsbürger habe.

Was in Bezug auf Staat und Gesellschaft jedem geradeaus Denkenden einleuchtet, scheint sich jedoch im Verhältnis zu Gott und Kirche ins Gegenteil gewandt zu haben. Für 95% der "Gläubigen" scheint es "normal" zu sein, überhaupt nicht am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen, die Sonn- und Feiertage zu entweihen, die Fastenzeiten zu missachten und die kirchlichen Vorgaben für das persönliche Leben vollkommen zu ignorieren. Und wenn dann mal Not am Mann ist, gehen sie zu Wunderheilern und zu Altweibern, denen sie natürlich mehr vertrauen, als Priestern und Mönchen. In jeder anderen Vereinigung wäre es absurd, sich als Mitglied zu bezeichnen, ohne sich im Geringsten an die Satzung zu halten. Ein Abiturient, der nicht studiert, ist kein Student, auch wenn er es vom formalen Standpunkt ist. Früher oder später wird er dann doch vorschriftsmäßig von der Uni exmatrikuliert werden. Wozu dann dieses Pseudo-Christentum? Vor hundert Jahren wurde die konfessionelle Zugehörigkeit praktisch vorgegeben, denn als es noch keine Standesämter gab, tauften selbst überzeugte Atheisten ihre Kinder, damit diese später heiraten und am gesellschaftlichen Leben teilhaben konnten. Heute jedoch gibt es diesen gesellschaftlichen Zwang gottlob nicht mehr in traditionell christlichen Ländern.

Als "Krieger Christi" sollen wir gegen das Böse in uns selbst kämpfen. Als Christ bin ich bemüht, anständig zu leben, und doch werde ich nicht der mich beherrschenden Sünde Herr: "Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde. Ich stoße also auf das Gesetz, dass in mir das Böse vorhanden ist, obwohl ich das Gute tun will. Denn in meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft im Streit liegt und mich gefangenhält im Gesetz der Sünde, von dem meine Glieder beherrscht werden" (Röm. 7:19-23). Wer dieses Dilemma in sich nicht erkennt, ist im geistlichen Sinne völlig blind. Hilfe kommt nur von Gott, denn "der Herr macht die Blinden weise" (Ps. 145:8). Bloß zufrieden damit sein, "ein guter Mensch zu sein", ist Anspruch der säkularisierten Gesellschaft; dazu bedarf es wahrlich des Befreiers von der Macht der Sünde nicht. Wer sich jedoch auf Christus fokussiert und nur Ihm gefallen will, der kann unter Umständen eine Weile lang äußerlich noch "der Alte" geblieben, z.B. angeborene oder angeeignete charakterliche Schwächen haben, aber dennoch in der Liebe Christi fortgeschritten sein. Freilich strebt auch er weiter die nächste Stufe der Gottähnlichkeit an - ein Ziel, das endgültig nie erreicht werden kann, ein Weg, der niemals endet. Aber anders als alle sonsstigen, von Gott nicht gesegneten Wege, endet dieser Weg der Heiligen dafür niemals in der Sackgasse. Amen.

Jahr:
2018
Orignalsprache:
Deutsch