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Predigt zum Heiligen und Hohen Mittwoch (Joh. 12:17-50; Mt. 26:6-16) (04.04.2018)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

wir gedenken heute des Verrats durch Judas, welcher zu den Hohenpriestern ging und von ihnen dreißig Silberlinge nahm, um von nun an auf eine günstige Gelegenheit zu lauern, um ihnen seinen Herrn und Meister auszuliefern (s. Mt. 26:14-15). Zudem wird uns das Beispiel einer namentlich unbekannten Frau vor Augen geführt, die das Haupt des Herrn, als Er in Bethanien zu Tische lag, salbte und so in der ganzen Welt bekannt wurde (s. Mt. 26:13).

Aber lassen wir doch lieber erneut die kirchlichen Hymnen für sich sprechen. Eines vorweg: bei den Aposticha (Stichiren) kommt es offenbar zu einer Vermischung zweier ähnlicher aber zeitlich und örtlich doch verschiedener Ereignisse: der Salbung durch die Buhlerin im Hause Simons des Pharisäers (s. Lk. 7:36-50) und der heute in der Evangeliumslesung vorgetragenen Salbung im Hause Simons des Aussätzigen (vgl. dazu auch Mk. 14:3-9). Vom vierten Evangelisten wird die Salbung zudem klar und deutlich Maria, der Schwester des Lazarus, in dessen Hause zugeschrieben (s. Joh. 12:1-11). Das soll uns aber nicht weiter stören. Sogar in den Evangelien kommt es öfters zu kleineren, sich gegenseitig widersprechenden Schilderungen, was auf die eingeschränkte menschliche Wahrnehmungsfähigkeit bzw. auf fehlerhafte Überlieferungen von Augenzeugenberichten hindeutet. Das ist aber vollkommen normal. Es ist so wie z.B. im Falle einer Straftat um die Mittagszeit auf dem Alex: dutzende von Zeugen werden im Wesentlichen den gleichen Ablauf der Ereignisse zu Protokoll geben, sich aber im Detail untereinander widersprechen. Menschlich eben. Außerdem wissen Krimiliebhaber auch, dass Ermittler immer dann Verdacht schöpfen, wenn die Zeugenaussagen auffällig genau übereinstimmen; erst dann schöpfen sie Verdacht, dass das alles vorher oder nachher untereinander abgesprochen gewesen sein könnte. Kleinere Unstimmigkeiten sind also eher ein Indiz dafür, dass die Zeugen im Ganzen die Wahrheit sagen, diese aber aus dem Blickwinkel ihrer persönlichen (und daher unvollkommenen) Auffassungsgabe wiedergeben. Und in den in poetischer Sprache verfassten liturgischen Hymnen geht es ja primär nicht um die minutiöse Wiedergabe von Handlungsabläufen, sondern um den tiefen geistlichen Gehalt der zu übermittelnden Botschaft. Und was das für rührende Verse sind!

 

Aposticha in der Hesperinos / Liturgie der Vorgeweihten Gaben*):

 

"Dich, den Sohn der Jungfrau, hat die Buhlerin als Gott erkannt, und unter Tränen flehend, weil sie Beweinenswertes verübt hat, sprach sie: Löse auf meine Schuld, wie ich die Haare aufgelöst habe; liebe die Liebende, die mit Recht eine Ungeliebte ist. Und in der Nähe der Zöllner will ich Dich rühmen, Dich, den Wohltäter und Menschenliebenden".

 

"Das kostbare Myrrhenöl mischte die Buhlerin mit den Tränen und goss es aus über Deine allreinen Füße und küsste sie. Der Du jene sogleich gerechtfertigt hast, schenke auch uns die Vergebung, der Du für uns gelitten hast, und erlöse uns".

 

"Als die Sünderin das Öl brachte, da wurde Judas mit den Frevlern einig. Jene freute sich, das kostbare Myrrhenöl leeren zu können, dieser aber beeilte sich, den Unschätzbaren zu verkaufen. Jene hat den Herrn erkannt, dieser trennte sich von dem Gebieter; jene wurde frei, Judas wurde der Knecht des Feindes. Furchtbar ist die Gleichgültigkeit, großartig ist die Reue. Erlöser, der Du für uns gelitten hast, schenke mir die Reue, und erlöse uns".

 

"O, die Unseligkeit des Judas! Er sah die Buhlerin, weil sie die Füße küsste, und in Arglist sann er auf den Kuss des Verrates. Jene löste die Flechten auf, dieser war durch die Bosheit gebunden, indem er statt des Myrrhenöls die übelriechende Bosheit trug. Der Neid versteht nicht das Nützliche vorzuziehen. O, die Unseligkeit des Judas; vor dieser bewahre Gott unsere Seelen".

 

"Die Sünderin eilte zum Myrrhenöl, diese kostbare Narde zu kaufen, um den Wohltäter zu salben, und rief zum Verkäufer der Narde: Gib mir die Myrrhe, damit ich auch Den salbe, Der mich von allen meinen Sünden reinigte".

 

"Die in Sünde Gefallene fand Dich als den Hafen der Rettung: Siehe, unter Tränen vergießt sie die Narde, indem sie Dir zurief: Siehe, der Du die Reue der Sünder erwartest! Gebieter aber, errette mich vor dem Sturm der Sünde ob Deines großen Erbarmens".

 

"Heute kommt Christus in das Haus des Pharisäers, und eine Frau, eine Sünderin, trat herzu und warf sich zu Seinen Füßen und rief: Siehe mich an, die in Sünde Gefallene, die ob ihrer Taten Verzweifelnde, die von Deiner Güte nicht Verabscheute; gib mir, Herr, die Vergebung meiner Sünden und erlöse mich".

 

"Die Buhlerin breitete Dir, dem Gebieter, ihre Haare aus; Judas breitete seine Hände den Frevlern aus: jene, um die Vergebung zu empfangen, dieser, um Silberlinge zu empfangen. Deshalb rufen wir Dir zu, dem Verkauften und unserem Befreier: Herr, Ehre sei Dir".

 

"Es trat zu Dir die Frau im üblen Geruche der Sünde. Mit Tränen benetzte sie, o Erlöser, Deine Füße, ihre Leidenschaft bekennend. Wie soll ich zu Dir aufblicken, Gebieter? Doch Du selbst bist gekommen, die Buhlerin zu erlösen. Wecke mich, die Tote auf, wie Du Lazarus, der bereits vier Tage tot war, wieder erweckt hast. Nimm mich, die Verlorene, auf und erlöse mich".

 

"Die ob ihres Lebens Verzweifelnde, ob ihres Strebens Erkorene, trug das Salböl, kam zu Dir und rief: Verwirf mich nicht, die Buhlerin, Du, der Du aus einer Jungfrau geboren bist; verachte nicht meine Tränen, Du Freude der Engel; doch nimm mich Reuige auf, die Du in ihren Sünden nicht von Dir gestoßen hast, Herr, ob Deines großen Erbarmens".

 

"Herr, das in viele Sünden gefallene Weib hat Deine Gottheit erfahren und nimmt den Dienst der Myronölträgerin auf sich. Und wehklagend bringt sie Dir das Salböl vor Deiner Grablegung. Wehe mir, spricht sie, denn für mich ist die Nacht der Stachel der Zügellosigkeit, dunkel und ohne Licht des Mondes ist die Nacht der Eifer in der Sünde. Nimm meine Quellen der Tränen an, Du, der das Wasser des Meeres in Wolken emporzieht. Neige Dich meinem Seufzen des Herzens zu, der Du die Himmel niederneigtest durch Deine unaussprechliche Entäußerung; damit ich Deine allreinen Füße küssen darf, deren Tritt Eva in den abendlichen Stunden im Paradiese hörte, und aus Furcht sich verbarg; damit ich  Deine allreinen Füße wieder mit meines Hauptes Haaren trocknen kann. Meiner Sünden Menge und die Tiefe Deiner Urteilssprüche, wer wird sie erforschen? Seelenretter, mein Erlöser, dass Du mich, deine Magd, nicht verachtest! Denn ohne Maß ist Dein Erbarmen".

 

Noch ein Wort zu der von uns nun besungenen Frau - ob es Maria, die Schwester des Lazarus war, ob es eine Buhlerin oder sonst eine andere Frau war - der Herr prophezeite: "Amen, Ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat" (Mt. 26:13; vgl. Mk. 14:9). Diese Prophezeiung ist - siehe den heutigen Tag - eingetroffen. Auch die Vorhersage der Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalems (s. Mt. 24:1-2; Mk. 13:1-2; Lk. 21:5-6) ist nach wenigen Jahren eingetroffen, und zwar zu einer Zeit, als die ersten drei Evangelien bereits im Umlauf waren. Da konnte nun wirklich keiner nachträglich manipuliert haben! Die Ankündigung bezüglich des fruchtlosen Feigenbaums wurde kurzfristig bzw. umgehend erfüllt (s. Mt. 21:18-22; Mk. 11:12-14,20-21). Und ganz sicher werden sich auch sämtliche, die Endzeit anbetreff gemachten Prophezeiungen des Herrn, erfüllen (s. Mt. 24:3-42; Mk. 13:3:31; Lk. 21:7-33). Auch Sein Leiden hatte der Herr vorher angekündigt, denn Er ist "der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh. 14:6). Amen.

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*) "Der Gottesdienst am Heiligen und Hohen Mittwoch". Zusammengestellt und übersetzt von H.H. Erzpriester Dimitrij Ignatiev. Kloster des Hl. Hiob von Pocaev, München 1993.

Jahr:
2018
Orignalsprache:
Deutsch